{"id":10180,"date":"2003-03-19T18:48:00","date_gmt":"2003-03-19T17:48:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/der-terrorismusvorbehalt-im-asylrecht-1\/"},"modified":"2021-08-30T15:43:19","modified_gmt":"2021-08-30T13:43:19","slug":"der-terrorismusvorbehalt-im-asylrecht-1","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2003\/publikation\/der-terrorismusvorbehalt-im-asylrecht-1\/","title":{"rendered":"Der \u00abTerrorismusvorbehalt\u00bb im Asylrecht"},"content":{"rendered":"<p>Renate Schultz, Hans-Eberhard Schultz<\/p>\n<p>Grundrechte-Report 2003, S. 124-128<\/p>\n<p>Das am 1. Januar 2002 in Kraft getretene Terrorismusbek&auml;mpfungsgesetz hat die M&ouml;glichkeit ausgedehnt, den Fl&uuml;chtlingsschutz nach &sect; 51 Ausl&auml;ndergesetz (AuslG) unter bestimmten Voraussetzungen zu verweigern. Auf dieser Grundlage hat das Bundesamt f&uuml;r die Anerkennung ausl&auml;ndischer Fl&uuml;chtlinge im vergangenen Jahr vermehrt Asylantr&auml;ge abgelehnt. Auch die Verwaltungsgerichte mussten sich wiederholt mit der neuen Rechtslage befassen.<\/p>\n<p>In Absatz 3 des &sect; 51 AuslG wurde der so genannte Terrorismusvorbehalt des Artikel 1 F der Genfer Fl&uuml;chtlingskonvention (GFK) nachgebildet. Nach &sect; 51 Absatz 3 Satz 2 findet der Abschiebungsschutz des &sect; 51 Absatz 1 keine Anwendung mehr, &laquo;wenn aus schwer wiegenden Gr&uuml;nden die Annahme gerechtfertigt ist, dass der Ausl&auml;nder ein Verbrechen gegen den Frieden, ein Kriegsverbrechen oder ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit (. . .) begangen hat oder dass er vor seiner Aufnahme als Fl&uuml;chtling ein schweres nichtpolitisches Verbrechen au&szlig;erhalb des Gebietes der Bundesrepublik Deutschland begangen hat oder sich hat Handlungen zuschulden kommen lassen, die den Zielen und Grunds&auml;tzen der Vereinten Nationen zuwiderlaufen.&raquo;<\/p>\n<p>Unter anderem der UNHCR (Hoher Fl&uuml;chtlingskommissar der Vereinten Nationen) hat kritisiert, dass hier dem deutschen Gesetzgeber gravierende Fehler bei dem Versuch unterlaufen sind, die GFK ins deutsche Recht umzusetzen. Denn die Ausschlussgr&uuml;nde des Artikels 1 F GFK seien &uuml;bernommen worden, ohne gleichzeitig die Fl&uuml;chtlingsdefinition nach Artikel 1 A-F der GFK zu &uuml;bernehmen. Ausschlussgr&uuml;nde d&uuml;rften aber nur im Gesamtzusammenhang der Fl&uuml;chtlingsdefinition gepr&uuml;ft und mit den Gr&uuml;nden, die f&uuml;r eine Fl&uuml;chtlingsanerkennung sprechen, abgewogen werden. Stattdessen hat der deutsche Gesetzgeber hier die M&ouml;glichkeit geschaffen, Fl&uuml;chtlinge vom Abschiebungsschutz auszunehmen. Dies ist eine unzul&auml;ssige Ausweitung der Anwendung des Artikels 1 F GFK und birgt wiederum die Gefahr in sich, das Refoulement-Verbot der GFK zu verletzen: Fl&uuml;chtlinge, die unter die Fl&uuml;chtlingsdefinition der GFK fallen, d&uuml;rfen nicht abgeschoben<br \/>werden.<\/p>\n<p>In der Praxis wirft die neue Rechtslage die brisante Frage auf: Welche Chancen haben fr&uuml;here Teilnehmer an bewaffneten Auseinandersetzungen in L&auml;ndern Asiens, Afrikas oder Lateinamerikas noch, in der Bundesrepublik Asyl oder wenigstens Abschiebungsschutz zu erhalten? In der Vergangenheit war in der Rechtsprechung anerkannt, dass derjenige, der den bewaffneten Kampf in der Heimat aufgegeben hat und vor der Verfolgung zum Beispiel durch das t&uuml;rkische Milit&auml;r Schutz sucht, einen Asylanspruch hat &#8211; es sei denn es w&uuml;rden in der Bundesrepublik weitere (terroristische) Straftaten begangen werden. Dementsprechend hatten Dutzende ehemaliger PKK-Guerillak&auml;mpfer, die nach Beendigung des bewaffneten Kampfes im Sommer 1999 Asyl beantragt hatten, relativ problemlos ihre Anerkennung als Asylberechtigter nach Artikel 16a GG und Abschiebungsschutz nach &sect; 51 AuslG erhalten, einige auch im so genannten Flughafenverfahren.<\/p>\n<p>Aufgrund des neuen Terrorismusvorbehalts sind nun die Chancen auf Anerkennung in derartigen Fallkonstellationen stark gesunken. Beispielsweise wurde im November 2002 der Antrag des 24-j&auml;hrigen ehemaligen PKK-Guerillas Mehmet C. im Flughafenverfahren mit Bezug auf den neuen Ausschlussgrund nach &sect; 51 Absatz 3 AuslG ohne weiteres abgelehnt. Der gestellte Asylantrag sei als &laquo;offensichtlich unbegr&uuml;ndet&raquo; abzulehnen, &laquo;weil nach landl&auml;ufiger Meinung und auch zur &Uuml;berzeugung des Bundesamtes feststeht, dass im Tatbestandsmerkmal der aktiven Teilnahme am bewaffneten Kampf f&uuml;r eine verbotene, illegale, terroristische Vereinigung Handlungen zu sehen sind, die den Zielen und Grunds&auml;tzen der Vereinten Nationen zuwiderlaufen.&raquo; Eine n&auml;here Begr&uuml;ndung f&uuml;r diese Gleichsetzung wurde nicht gegeben. Das daraufhin angerufene Verwaltungsgericht D&uuml;sseldorf hat einen Antrag auf vorl&auml;ufigen Rechtsschutz abgelehnt. Erst nachdem die Anw&auml;lte des betroffenen Mehmet C. massiv interveniert hatten, konnte die drohende Abschiebung in letzter Minute &#8211; zumindest vorl&auml;ufig &#8211; verhindert werden.<\/p>\n<p>Auch in der Gerichtsentscheidung wurde nicht einmal der Versuch unternommen, darzulegen, gegen welche &laquo;Grunds&auml;tze und Ziele der Vereinten Nationen&raquo; der Guerillakampf unter F&uuml;hrung der PKK in den kurdischen Siedlungsgebieten versto&szlig;en haben soll. Grunds&auml;tzlich ist die Frage, ob der Guerillakampf unter F&uuml;hrung der PKK gegen die Grunds&auml;tze und Ziele der Vereinten Nationen versto&szlig;en hat, v&ouml;lkerrechtlich nicht gekl&auml;rt.<\/p>\n<p>Bei der Beurteilung dieser Frage m&uuml;ssen die an den Kurden und Kurdinnen begangenen Menschenrechtsverletzungen einbezogen werden. Die Verwaltungsgerichte sahen bislang die als &laquo;regelm&auml;&szlig;ige Begleiterscheinung der Zwangsevakuierung von D&ouml;rfern&raquo; stattfindenden &laquo;schwer wiegenden Eingriffe in Leib und Leben sowie &uuml;berm&auml;&szlig;ige Freiheitsbeschr&auml;nkungen&raquo; (wie schwerste Formen systematischer Folter, Vergewaltigungen, Verschwindenlas127 sen) als politische Verfolgung im Sinne des Asylrechts an. Diese Rechtsprechung hat zur Anerkennung Zigtausender kurdischer Fl&uuml;chtlinge gef&uuml;hrt. Gleichzeitig wurde die T&uuml;rkei aufgrund von mehr als hundert Menschenrechtsbeschwerden von Kurden und Kurdinnen durch den Europ&auml;ischen Gerichtshof in Stra&szlig;burg verurteilt.<\/p>\n<p>Angesichts dieser systematischen und weit verbreiteten schwer wiegenden Menschenrechtsverletzungen k&ouml;nnen daher bewaffnete oppositionelle Aktivit&auml;ten in einem derartigen Kontext nicht ohne weiteres als terroristische Gewalt bezeichnet werden &#8211; auch wenn der Kampf unter F&uuml;hrung der PKK nicht als legitimer Kampf f&uuml;r nationale Befreiung und gegen kolonialistische und rassistische Unterdr&uuml;ckung angesehen wird.<\/p>\n<p>Die d&uuml;rftigen Begr&uuml;ndungen des Bundesamtes und des Verwaltungsgerichts wurden dieser Sachlage nicht gerecht. Die angesetzte Abschiebung war aber auch aus einem anderen Grund rechtswidrig. Denn selbst bei Bejahung des Terrorismusvorbehalts w&auml;re eine Abschiebung des Betroffenen noch nicht ohne weiteres zul&auml;ssig gewesen. Denn neben dem origin&auml;ren Fl&uuml;chtlingsschutz besteht gem&auml;&szlig; &sect; 53 Absatz 4 AuslG auch ein Schutz vor Abschiebung nach der Europ&auml;ischen Menschenrechtskonvention (EMRK). Der Europ&auml;ische Gerichtshof f&uuml;r Menschenrechte (EGMR) hat in st&auml;ndiger Rechtsprechung festgestellt, dass der aus Artikel 3 EMRK herzuleitende Abschiebungsschutz ein absoluter ist. Derjenige, dem also &laquo;Folter oder unmenschliche oder erniedrigende Bestrafung oder Behandlung&raquo; in seinem Herkunftsland droht, darf nicht abgeschoben werden. Dies gilt ausnahmslos, sodass dieser Abschiebeschutz auch nicht durch den Terrorismusvorbehalt infrage gestellt werden darf.<\/p>\n<p>Zwar werden in diesem Zusammenhang die &laquo;immensen Schwierigkeiten&raquo; hervorgehoben, mit denen &laquo;sich Staaten in modernen Zeiten beim Schutz ihrer Gemeinschaften vor terroristi scher Gewalt konfrontiert sehen&raquo;. Allerdings wird betont, dass selbst unter diesen Umst&auml;nden die &laquo;Konvention in absoluten Begriffen Folter, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe, unabh&auml;ngig vom Verhalten des Opfers&raquo; verbietet. Grunds&auml;tzlich k&ouml;nnen folglich die Fl&uuml;chtlinge, denen der Fl&uuml;chtlingsschutz aufgrund des neuen Terrorismusvorbehalts verweigert wird, zumindest auf diesen Schutzanspruch bauen. Dies bedeutet, dass sie in der Regel lediglich eine Duldung bekommen und keinen echten Aufenthaltstitel, der ihnen als anerkannter Fl&uuml;chtling zustehen w&uuml;rde. Zur Folge hat dies, dass sie beim Zugang zum Arbeitsmarkt sowie in sozialrechtlicher Hinsicht schlechter gestellt sind.<\/p>\n<p>Aber auch weil l&auml;ngst nicht alle Fl&uuml;chtlinge zus&auml;tzlich unter den unbedingten Abschiebungsschutz der EMRK fallen (es gibt Verfolgungsma&szlig;nahmen, die nicht gleichzeitig unter Art. 3 EMRK fallen), bleibt die Einf&uuml;hrung des Terrorismusvorbehalts gravierenden Bedenken ausgesetzt. In den oben beschriebenen F&auml;llen droht k&uuml;nftig der legitime Schutzanspruch nach Artikel 16a GG und der Fl&uuml;chtlingsschutz nach der GFK vollst&auml;ndig ausgehebelt zu werden.<\/p>\n<h5>Literatur<\/h5>\n<p>Reinhard Marx: Zu den ausl&auml;nder- und asylrechtlichen Bestimmungen des Terrorismusbek&auml;mpfungsgesetzes, in: ZAR 2002, 127ff.<br \/>UNHCR: Auslegung von Artikel 1 D, E und F der Genfer Fl&uuml;chtlingskonvention, siehe <a href=\"http:\/\/www.unhcr.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.unhcr.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[],"autoren":[],"publikationen":[1021],"class_list":["post-10180","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","publikationen-1021"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Der \u00abTerrorismusvorbehalt\u00bb im Asylrecht - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2003\/publikation\/der-terrorismusvorbehalt-im-asylrecht-1\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Der \u00abTerrorismusvorbehalt\u00bb im Asylrecht - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Renate Schultz, Hans-Eberhard Schultz Grundrechte-Report 2003, S. 124-128 Das am 1. 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