{"id":10188,"date":"2003-03-19T17:50:00","date_gmt":"2003-03-19T16:50:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/kein-resozialisierungsvollzug-in-hessen-1\/"},"modified":"2021-08-30T15:43:20","modified_gmt":"2021-08-30T13:43:20","slug":"kein-resozialisierungsvollzug-in-hessen-1","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2003\/publikation\/kein-resozialisierungsvollzug-in-hessen-1\/","title":{"rendered":"Kein Resozialisierungsvollzug in Hessen"},"content":{"rendered":"<p>Kai Guthke<\/p>\n<p>Grundrechte-Report 2003, S. 185-189<\/p>\n<p>Unter anderem mit der Ank&uuml;ndigung, den &laquo;h&auml;rtesten Strafvollzug Deutschlands&raquo; einzuf&uuml;hren, wurde die CDU in Hessen 1999 an die Macht gew&auml;hlt. Vier Jahre sp&auml;ter gilt es als erfolgreiche Rechtspolitik, Hafturlaube und Freig&auml;nge um die H&auml;lfte zu reduzieren. &laquo;Weiter hart durchgreifen&raquo; und &laquo;Privilegien f&uuml;r Straft&auml;ter abbauen&raquo; hei&szlig;en die Parolen. Von diesem &laquo;Geiste&raquo; beseelt sind bisher die hessischen Modellprojekte zur elektronischen Fu&szlig;fessel (siehe Grundrechte-Report 2000, 203 ff. und 2002, S. 224ff.) und zur Privatisierung des Strafvollzugs (siehe Grundrechte-Report 2000, 203ff.). Nun ist das &laquo;Einheitliche Strafvollzugskonzept &raquo; hinzugekommen, eine Konzeption zur &#8211; wie es hei&szlig;t &#8211; neuen &laquo;Austarierung des Spannungsverh&auml;ltnisses zwischen Resozialisierung und Schutz der Allgemeinheit&raquo;.<\/p>\n<p>Die Ideologie des neuen alten Vollzugskonzepts ist schnell skizziert: Ein moderner Strafvollzug verlange die &laquo;hohe Beachtung&raquo; der allgemeinen Strafzwecke, vor allem der &laquo;Sicherheit f&uuml;r die Die Freiheit der Person kann nur aufgrund eines f&ouml;rmlichen Gesetzes beschr&auml;nkt werden Allgemeinheit&raquo; und &laquo;Genugtuung f&uuml;r begangenes Unrecht&raquo;. Wie vor der Einf&uuml;hrung des Strafvollzuggesetzes 1977 sollen diese Ziele nicht mehr nur bei der Art und H&ouml;he des Strafausspruchs Beachtung finden, sondern auch bei der Gestaltung des Strafvollzuges. Die &laquo;verabsolutierende Dominanz&raquo; der Resozialisierungsbem&uuml;hungen solle &uuml;berwunden werden. Der weitgehende Verzicht auf Resozialisierung wird euphemistisch als &laquo;Akzentuierung des Resozialisierungsauftrages&raquo; bezeichnet. Der f&uuml;r die Resozialisierung wichtige Vertrauensvorschuss wird ersetzt durch ein &laquo;in dubio contra libertatem&raquo;: Eine &Ouml;ffnung des Vollzuges sei nur noch dann zul&auml;ssig, wenn eine Flucht- oder Missbrauchsgefahr ausgeschlossen werden kann. Vollzugslockerungen, Urlaub und offener Vollzug werden rigide beschr&auml;nkt mit dem Argument, dass von der Rechtsgemeinschaft derartige Ma&szlig;nahmen nicht mehr als Genugtuung verstanden w&uuml;rden. So ist die Anzahl der urlaubsberechtigten Gefangenen zum Beispiel in Butzbach innerhalb weniger Monate von fast 100 auf knapp 30 reduziert worden. Die Liste der Einschr&auml;nkungen lie&szlig;e sich beliebig fortsetzen und wurde insbesondere im Wahlkampf gerne pr&auml;sentiert.<\/p>\n<h5><span id=\"neuer-realismus\">Neuer Realismus<\/span><\/h5>\n<p>Neben dem &uuml;blichen Hinweis auf spektakul&auml;re Einzelf&auml;lle bem&uuml;hen sich die neuen Reformer auch um eine rationale Einkleidung ihres Anliegens: Bei den heutigen, viel schwierigeren und unzug&auml;nglichen Strafgefangenen (aggressiveres Verhalten, verbreiteter Drogenkonsum und ethnische Konflikte) w&uuml;rden Anstrengungen zur Wiedereingliederung nicht weiterhelfen, sondern nur noch repressive Sicherungs-, Zwangs- und Disziplinarma&szlig;nahmen.<\/p>\n<p>Was ist von diesem neuen Realismus zu halten? Zum einen ist eine schwierigere Gefangenenpopulation durchaus Folge rationa ler Strafrechtspolitik, und nicht per se ein malus. Denn eine Kriminalpolitik, die versucht, die Freiheitsstrafe zur&uuml;ckzudr&auml;ngen, sorgt tats&auml;chlich daf&uuml;r, dass sich in einem st&auml;rkeren Ma&szlig;e als fr&uuml;her nur die wirklich problematischen F&auml;lle im Strafvollzug befinden.<\/p>\n<p>Zum anderen haben sich nat&uuml;rlich Verhaltensweisen und Zusammensetzung auch der Gefangenenpopulation ver&auml;ndert. Wie sollte es anders sein. Ein anderer Umgang mit Drogen und die Einwanderungssituation sind gesamtgesellschaftliche Ph&auml;nomene, die sich selbstverst&auml;ndlich auch hinter den Gef&auml;ngnismauern abbilden. Der Strafvollzug ist keine Insel. Viele Probleme sind ein Spiegel der verfehlten Drogen- und desintegrativen Migrationspolitik sowie der seit Jahren anhaltenden Tendenz, l&auml;ngere und h&auml;ufigere Haftstrafen auszusprechen. Die Fehler dieser unzureichenden und halbherzigen Politik d&uuml;rfen nicht innerhalb der Gef&auml;ngnismauern wiederholt werden. Im Gegenteil: Verst&auml;rkte Anstrengungen f&uuml;r die Reintegration der Straft&auml;ter sind zwingend notwendig. Entl&auml;sst man die Gefangenen ohne Vorbereitung, f&uuml;hrt das durch sinnlose Verwahrung angestaute Aggressionspotenzial zu fast unl&ouml;sbaren Problemen. Soweit es tats&auml;chlich vollzugsspezifische Schwierigkeiten gibt, m&uuml;ssen diese anstaltsintern durch die Herstellung geeigneter sachlicher und pers&ouml;nlicher Rahmenbedingungen gel&ouml;st werden und nicht zu Lasten des Resozialisierungsvollzuges.<\/p>\n<h5><span id=\"something-works\">Something works<\/span><\/h5>\n<p>Obwohl die empirische Forschung spezifische Methodenprobleme bei der Evaluation von Resozialisierungsma&szlig;nahmen hat, ist unbestreitbar, dass gute Integrationserfolge bei Strafgefangenen zu erzielen sind. Die wissenschaftliche Behandlungsskepsis der 80er Jahre (&laquo;nothing works&raquo;) ist grunds&auml;tzlich einem optimistischeren &laquo;something works&raquo; gewichen. Differenzierte Behandlungsangebote und ein realistisches, das hei&szlig;t moderates Resozialisierungsziel sind daf&uuml;r die Voraussetzungen. Resozialisierungsprogramme, die sich zum Beispiel an den speziellen Risikogruppen und an deren Lernkompetenz orientieren, straftatbeg&uuml;nstigende Faktoren ansprechen und Handlungskompetenz aufbauen sowie eine klare Implementierung der Programme, ihre Qualit&auml;tskontrolle und Evaluation erzielen gute Erfolge. Im &Uuml;brigen kann mit Resozialisierung ohnehin nur gemeint sein, die F&auml;higkeit des Gefangenen zu verbessern, sich straffrei zu behaupten. Unabh&auml;ngig von diesen Gesichtspunkten ist auf normativer Ebene mehr als fraglich, ob das neue hessische Vollzugskonzept im Rahmen des geltenden Strafvollzugsgesetzes &uuml;berhaupt legal umgesetzt werden kann. In &sect; 2 Satz 1 StVollzG ist als vorrangiges &laquo;Vollzugsziel&raquo; formuliert, den Gefangenen zu bef&auml;higen, ein Leben in sozialer Verantwortung ohne Straftaten zu f&uuml;hren. Dieser Vorrang gilt f&uuml;r alle Gefangenen; unabh&auml;ngig von der Straftat und Strafl&auml;nge, von Ethnie, Sprache, Religion, wirtschaftlicher und sonstiger Stellung. Der Rechtssatz gilt auch f&uuml;r so genannte &laquo;nicht Resozialisierungswillige&raquo; und insbesondere auch f&uuml;r Ausl&auml;nder, die abgeschoben werden sollen. Die neue Vollzugspraxis in Hessen sorgte daf&uuml;r, dass diese verfassungsrechtliche Selbstverst&auml;ndlichkeit bereits in mehreren F&auml;llen durch die Strafvollstreckungskammern hessischer Gerichte in Erinnerung gerufen werden<br \/>musste.<\/p>\n<p>F&uuml;r diejenigen, die die Art und Weise der Auseinandersetzung um das Vollzugskonzept im Laufe des Jahres verfolgt hatten, lag die Vermutung nahe, dass in Wirklichkeit die Umgestaltung der gesetzlichen Grundentscheidung beabsichtigt wurde. Tats&auml;chlich ist das hessische Kabinett dann auch im Dezember 2002 zum direkten Angriff auf das Resozialisierungsziel &uuml;bergegangen: Es wurde beschlossen, mit einer Bundesratsinitiative eine gesetzliche Normierung des &laquo;Schutzes der Allgemeinheit&raquo; als Vollzugsziel zu erreichen. Der Resozialisierungsvorrang trage dem gewachsenen Schutzbed&uuml;rfnis der Gesellschaft nicht ausreichend Rechnung. Dagegen versuchen verantwortungsvolle Kriminalpolitiker, die Fach&ouml;ffentlichkeit und sogar Opferverb&auml;nde wie der &laquo;Wei&szlig;e Ring&raquo; seit geraumer Zeit, diese beiden Aspekte gerade nicht gegeneinander auszuspielen. Eine seri&ouml;se Rechtspolitik muss der Verf&uuml;hrung durch eine populistische Sicherheits- und Angstrhetorik (die Missbrauchsquote bei gew&auml;hrter Vollzugslockerung lag 1998 bei 0,3 Prozent) widerstehen, wenn sie f&uuml;r sich in Anspruch nehmen will, bei der L&ouml;sung der Sachprobleme wirklich mitzureden. Das hessische Vollzugskonzept und die Gesetzesinitiative sind Schritte in die falsche Richtung.<\/p>\n<h5><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h5>\n<p>Wagner, Christian, Das &laquo;Einheitliche Sicherheitskonzept&raquo; in Hessen; in: ZRP 2002, 34<br \/>Stellungnahme der Hessischen Strafverteidigervereinigung: <a href=\"http:\/\/www.stvh.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.stvh.org<\/a><br \/>Eisenberg, G&ouml;tz, Das Monstr&ouml;se als Ernstfall der Humanit&auml;t. Entwicklungen im Strafvollzug aus Sicht eines ehemaligen Gef&auml;ngnispfarrers, in: Grass u. a. (Hrsg.), In einem reichen Land, G&ouml;ttingen 2002<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[],"autoren":[],"publikationen":[1021],"class_list":["post-10188","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","publikationen-1021"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Kein Resozialisierungsvollzug in Hessen - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2003\/publikation\/kein-resozialisierungsvollzug-in-hessen-1\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Kein Resozialisierungsvollzug in Hessen - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Kai Guthke Grundrechte-Report 2003, S. 185-189 Unter anderem mit der Ank&uuml;ndigung, den &laquo;h&auml;rtesten Strafvollzug Deutschlands&raquo; einzuf&uuml;hren, wurde die CDU in Hessen 1999 an die Macht gew&auml;hlt. 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