{"id":10204,"date":"2002-03-20T12:10:00","date_gmt":"2002-03-20T11:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/das-grundrecht-auf-bildung-wird-verletzt-folgerungen-aus-der-pisa-studie-1\/"},"modified":"2020-08-03T07:53:15","modified_gmt":"2020-08-03T05:53:15","slug":"das-grundrecht-auf-bildung-wird-verletzt-folgerungen-aus-der-pisa-studie-1","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2002\/publikation\/das-grundrecht-auf-bildung-wird-verletzt-folgerungen-aus-der-pisa-studie-1\/","title":{"rendered":"Das Grundrecht auf Bildung wird verletzt. Folgerungen aus der PISA-Studie"},"content":{"rendered":"<p>Dieter Wunder<\/p>\n<p>Grundrechte-Report 2002, S. 90-94<\/p>\n<p>Das Grundrecht auf Bildung &#150; gest\u00fctzt insbesondere auf Art. 2 und 3 GG &#150; wird in Deutschland eklatant verletzt. Dieses unangenehme Hauptergebnis der von der OECD initiierten, im Dezember 2001 ver\u00f6ffentlichten Untersuchung PISA (Programme for International Student Assessment) wird nun einer breiten \u00d6ffentlichkeit ins Bewusstsein ger\u00fcckt. Zwar ist es f\u00fcr Fachleute nicht neu, dass soziale Benachteiligungen trotz drei\u00dfigj\u00e4hriger bildungspolitischer Bem\u00fchungen nach wie vor den Bildungsweg junger Menschen aus den Unterschichten (wie man fr\u00fcher sagte) oder dem Arbeitermilieu (so PISA) entscheidend bestimmen; aber dass Deutschland in der \u00dcberwindung solcher Benachteiligungen deutlich schlechter ist als viele andere OECD-L\u00e4nder, war \u00fcberraschend und best\u00fcrzend.<\/p>\n<p>Die Ursachen f\u00fcr dieses Versagen sind vielf\u00e4ltig. Das politische Klima der letzten zwanzig Jahre war dem Thema Chancengleichheit abtr\u00e4glich; sie galt als sozialer Luxus, verankert allein bei einer \u00fcberholten Linken. Bildungspolitisch hatten sich die Konservativen &#150; anders als in vielen Nachbarl\u00e4ndern &#150; auf die traditionelle Schulstruktur festgelegt: Die Expansion von Gymnasium und Realschule befriedigte die Bed\u00fcrfnisse der aufstiegsbewussten Mittelschichten. Die Gesamtschule wurde so wider Willen zur vierten Schulart, die sich auf sozial Benachteiligte, Problemf\u00e4lle und\/ oder p\u00e4dagogisch engagierte Eltern beschr\u00e4nkte und damit zwar eine wichtige Aufgabe erf\u00fcllte, aber das gemeinsame Lernen in einer heterogenen Gruppe, eine Grundvoraussetzung zur \u00dcberwindung von Nachteilen, nicht erm\u00f6glichte. Die meisten Lehrkr\u00e4fte haben sich der Realit\u00e4t angepasst: Das Denken in Begabungstypen ist nach wie vor verbreitet; Unterricht in homogenen, insbesondere lernwilligen Gruppen gilt als leichter denn anderes; die Erziehungsaufgabe wird hintangestellt. Man vers\u00e4umte die m\u00fchsame Arbeit an einer P\u00e4dagogik der Heterogenit\u00e4t; die Hochschulen gaben Lehrpersonen daf\u00fcr kaum Hilfen.<\/p>\n<p>Eine Gruppe aus dem Arbeitermilieu &#150; die Kinder von Zuwanderern &#150; ist besonders stark benachteiligt. Die deutsche Gesellschaft hat kein Konzept des Zusammenlebens mit den Zuwanderern entwickelt, demzufolge hat die Mehrheit bis vor kurzem die Probleme der Jugendlichen zwar als bedauernswert, aber nicht als ihr eigenes Problem empfunden. Dass Deutschkenntnisse eine Voraussetzung f\u00fcr das Leben in Deutschland sind, wusste man, aber es wurde wenig getan, dies auch durchzusetzen. Weiter gehende Forderungen wie die, Einwanderern das Einleben durch vielf\u00e4ltige Ma\u00dfnahmen zu erleichtern, ihnen aber zugleich Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr ihre Herkunft zu sichern, zum Beispiel auch durch die F\u00f6rderung ihrer Sprachf\u00e4higkeit in der eigenen Sprache, galten als weltfremd.<\/p>\n<p>Die Folgerungen aus PISA zu ziehen wird nicht einfach sein, denn das Bildungssystem ist strukturell konservativ: Bis Reformen greifen, in der Organisation, im Unterricht, im Umgang der Lehrpersonen mit Jugendlichen, wird viel Zeit vergehen. Der F\u00f6deralismus verf\u00fchrt zudem Kultusminister, Fehler jeweils bei den anderen L\u00e4ndern zu suchen, sich selbst aber best\u00e4tigt zu sehen: Da wird man die deutsche PISA-Studie \u00fcber den L\u00e4ndervergleich (PISA-E) im Herbst 2002 abwarten m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Die Verletzung des Grundrechts auf Bildung kann nur dann \u00fcberwunden werden, wenn sich unter Politikern ein Konsens \u00fcber das Ziel Chancengleichheit als vorrangige Aufgabe des Bildungssystems bildet. Da wird eine Ideologie \u00fcber Bord zu werfen sein, die die F\u00f6rderung von Kindern und Jugendlichen allein der Familie anheim gibt &#150; bewusst \u00fcbersehend, dass viele Eltern \u00fcberfordert sind. Elitef\u00f6rderung darf nicht auf Kosten der Benachteiligten erfolgen; sie baut vielmehr auf einer breiten F\u00f6rderung aller Kinder auf. Solidarit\u00e4t mit den &#139;Schwachen&#155; muss ein Programm sein, das sich jede Partei zu Eigen macht. So wie geschlechtsbezogene Benachteiligungen heute durch das Programm Gender mainstreaming \u00fcberwunden werden sollen, so brauchen wir operationalisiert und kontrolliert ein verpflichtendes Programm Chancengleichheit, das Jahr f\u00fcr Jahr \u00fcberpr\u00fcft wird. Einige konkrete Folgerungen scheinen klar zu<\/p>\n<p>sein:<\/p>\n<p>1. Die vorschulische Erziehung muss Bildungsaufgaben \u00fcbernehmen &#150; wie in den meisten OECD-Staaten. Kinder mit sprachlichen Defiziten in der deutschen Sprache m\u00fcssen besondere Hilfen erhalten. 2. Kinder und Jugendliche brauchen mehr Zeit zum Lernen; Ganztagsschulen sind ein wichtiger Schritt hin zu mehr Chancen f\u00fcr alle. Dabei muss Lernen, nicht Aufsicht und &#139;Betreuung&#155; im Vordergrund stehen &#150; so berechtigt Forderungen der Arbeitsmarkt- und Frauenpolitik auf ganzt\u00e4gige Betreuung f\u00fcr Kinder sind: Kinder brauchen Unterst\u00fctzung beim Lernen und haben Anspruch auf zus\u00e4tzliche Angebote. 3. Wir brauchen eine P\u00e4dagogik der Heterogenit\u00e4t. Lehrpersonen m\u00fcssen ihren Blick f\u00fcr Unterschiede sch\u00e4rfen und dementsprechend unterschiedliche Lehrmethoden entwickeln, bis hin zur Individualisierung des Unterrichts. 4. Unterschiedliche Kinder brauchen unterschiedliche Angebote. Jede Einheitlichkeit ist sch\u00e4dlich. Solche vielf\u00e4ltigen Angebote sind allerdings nicht drei Schulformen zuzuordnen, wie viele glauben, denn diese nivellieren ihrerseits. Sie sind vielmehr als Angebote innerhalb einer Schule zu entwickeln; ideal ist eine Gesamtschule, die f\u00fcr alle Sch\u00fcler, nicht nur ausgelesene, da ist. 5. Benachteiligte bed\u00fcrfen besonderer F\u00f6rderung. Schulen in sozialen Brennpunkten m\u00fcssen besser ausgestattet werden als andere. Die besten Lehrer sind dort gefragt. 6. F\u00fcr besonders Benachteiligte ist das enge Zusammenwirken von Schule, Jugendhilfe und Eltern unerl\u00e4sslich. 7. Weiterbildung muss aufgewertet werden. Die zweite und dritte Chance, ja wenn n\u00f6tig, immer wieder eine neue, muss systematisch entwickelt werden.<\/p>\n<p>F\u00f6rdern, nicht auslesen war das Motto der Bildungsreformer der 60er und 70er Jahre. Genau diese Aufgabe stellt sich nach den PISA-Erkenntnissen. Der begabte junge Mensch, auch der hoch begabte, darf erwarten, dass ihm die M\u00f6glichkeit zur Entwicklung aller seiner F\u00e4higkeiten gegeben wird. Um wie viel mehr gilt ein solcher Grundsatz f\u00fcr den Durchschnitt und die Benachteiligten. Das Menschenbild des Bildungssystems muss eines der Offenheit f\u00fcr den Reichtum eines jeden Menschen sein; nicht Begabtentypen und eine entsprechende (soziale) Selektion nach Schulformen d\u00fcrfen das Bildungssystem pr\u00e4gen, sondern die Bereitschaft, jeden Menschen mit seinen M\u00f6glichkeiten entsprechend seinen St\u00e4rken und Schw\u00e4chen zu f\u00f6rdern. Der Grundfehler des Bildungssystems und vieler Lehrkr\u00e4fte besteht darin, zu &#139;wissen&#155;, was ein junger Mensch kann und nicht kann. Max Frisch hat in seiner Parabel \u00abAndorra\u00bb eindrucksvoll davor gewarnt, sich ein Bild des anderen Menschen zu machen. Dies legt den anderen fest &#150; insbesondere im p\u00e4dagogischen Umgang des Erwachsenen mit dem Heranwachsenden &#150; und beschneidet ihm damit M\u00f6glichkeiten des Menschseins.<\/p>\n<p>Chancengleichheit hat enge Grenzen. Es gibt keine Ergebnisgleichheit. Die Ungleichheit der Gesellschaft kann nicht beseitigt werden; wohl aber ist es Aufgabe des Bildungssystems, diese Ungleichheit so wenig wie m\u00f6glich auf den Bildungsprozess junger Menschen durchschlagen zu lassen.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[],"autoren":[],"publikationen":[1022],"class_list":["post-10204","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","publikationen-1022"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Das Grundrecht auf Bildung wird verletzt. 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