{"id":10233,"date":"1998-02-22T18:50:00","date_gmt":"1998-02-22T17:50:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/freie-wahl-ausbildung-warteschleife-ausgrenzung\/"},"modified":"2020-08-03T07:53:16","modified_gmt":"2020-08-03T05:53:16","slug":"freie-wahl-ausbildung-warteschleife-ausgrenzung","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/1998\/publikation\/freie-wahl-ausbildung-warteschleife-ausgrenzung\/","title":{"rendered":"Freie Wahl: Ausbildung, Warteschleife, Ausgrenzung"},"content":{"rendered":"<p>Albert Scherr<\/p>\n<p>Grundrechte-Report 1998, S. 138-143<\/p>\n<p>Der Art. 12 GG garantiert &#8222;allen Deutschen&#8220; das Recht, &#8222;Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsst\u00e4tte frei zu w\u00e4hlen&#8220;, ein Recht, dessen Verwirklichung ganz offenkundig zur Voraussetzung hat, da\u00df Arbeits- und Ausbildungspl\u00e4tze f\u00fcr alle zur Verf\u00fcgung stehen. Gleichwohl wurde nicht nur das Versprechen, durch staatliche Politik Vollbesch\u00e4ftigung zu gew\u00e4hrleisten, bereits 1974 angesichts der sich abzeichnenden strukturellen Massenarbeitslosigkeit zur\u00fcckgenommen. Auch auf die gegenw\u00e4rtige erneute Zuspitzung der Arbeitsmarktsituation wird mit einer Einschr\u00e4nkung der Rechtsanspr\u00fcche von Arbeitslosen und einer K\u00fcrzung der Mittel f\u00fcr die Arbeitsmarktpolitik reagiert. Nicht nur die Eigendynamik der \u00d6konomie und ihre unzureichende staatliche Regulierung also, sondern auch staatliche Politik selbst tr\u00e4gt gegenw\u00e4rtig aktiv dazu bei, da\u00df das Recht zur Wahl des Arbeitsplatzes und der Ausbildungsst\u00e4tte ausgeh\u00f6hlt wird.<\/p>\n<p>Das Jahr 1997 war nicht nur das Rekordjahr der Arbeitslosigkeit in der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte. Auch das Angebot an betrieblichen Ausbildungsstellen ist auf den tiefsten Stand seit Mitte der achtziger Jahre gesunken: Nur noch 590000 Ausbildungsstellen (1985 \u00fcber 750000) wurden zu Beginn des Ausbildungsjahres im September angeboten, aber ca. 630000 nachgefragt (1985 weniger als 720000). Zwar wurde diese L\u00fccke bis zum Jahresende rechnerisch geschlossen &#8211; dies aber um den Preis, da\u00df zahlreiche Jugendliche ihren Wunsch nach einer betrieblichen Ausbildung aufgaben, in schulische Ma\u00dfnahmen und Qualifikationsma\u00dfnahmen der Bundesanstalt f\u00fcr Arbeit verwiesen wurden oder schlicht einen Job auf dem sogenannten Jedermannsarbeitsmarkt annahmen.<\/p>\n<p>Es ist &#8211; trotz &#8222;Wertewandel&#8220; und &#8222;Krise der Arbeitsgesellschaft&#8220; &#8211; davon auszugehen, da\u00df die M\u00f6glichkeit, sich f\u00fcr einen Beruf zu qualifizieren und durch berufliche Arbeit die eigene Existenz materiell abzusichern, f\u00fcr Jugendliche zunehmend bedeutsamer wird. Denn zum einen sinkt die Nachfrage nach unqualifizierter Arbeit. Sogenannte Einfacharbeitspl\u00e4tze sind bevorzugter Gegenstand von Rationalisierungsstrategien, wurden in &#8222;Billiglohnl\u00e4nder&#8220; verlagert und werden inzwischen auch zu einem relevanten Teil mit Arbeitsmigranten (Saisonarbeitnehmer, Scheinselbst\u00e4ndige) und illegalisierten Migranten besetzt. Zwar garantiert selbst eine abgeschlossene Berufsausbildung keinen Arbeitsplatz, aber sie ist doch Mindestbedingung f\u00fcr die Chance auf einen einigerma\u00dfen stabilen und existenzsichernden Arbeitsplatz. Zum anderen stellen neuere Studien fest, da\u00df der Wunsch auf eine Berufsausbildung inzwischen in den Lebensentw\u00fcrfen aller Jugendlichen, unabh\u00e4ngig von sozialer Herkunft, Geschlecht und Nationalit\u00e4t, verankert ist. Die geschlechtsspezifischen Lebensentw\u00fcrfe haben sich angen\u00e4hert, M\u00e4dchen lassen sich nicht mehr auf eine au\u00dferberufliche Perspektive festlegen. Das Grundrecht, &#8222;Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsst\u00e4tte frei zu w\u00e4hlen&#8220;, hat also vor dem Hintergrund der Strukturkrise des Arbeitsmarktes objektiv und subjektiv keineswegs an Bedeutung verloren.<\/p>\n<p>Um dieses Grundrecht in Anspruch nehmen zu k\u00f6nnen, sind Jugendliche auf betriebliche und au\u00dferbetriebliche Ausbildungspl\u00e4tze sowie Studienpl\u00e4tze in ausreichender Zahl angewiesen. Damit tats\u00e4chlich Wahlm\u00f6glichkeiten gegeben sind, gen\u00fcgt es dabei nicht, da\u00df zum Beispiel die Zahl der sogenannten unversorgten Lehrstellenbewerber quantitativ den vorhandenen Ausbildungsstellen entspricht. Vielmehr ist ein \u00dcberhang an Angeboten erforderlich, damit sich die Freiheit der Berufswahl nicht auf den Zwang reduziert, den eigenen Lebensentwurf den Gegebenheiten des Arbeitsmarktes anzupassen.<\/p>\n<p>Lehrstellenmangel setzt also die Freiheit der Berufswahl nicht nur f\u00fcr diejenigen au\u00dfer Kraft, die keinen Ausbildungsplatz erhalten, sondern stellt f\u00fcr alle am dualen System orientierten Jugendlichen (und das sind ca. zwei Drittel jedes Altersjahrgangs) eine deutliche Beschr\u00e4nkung ihrer Wahlfreiheit dar. Gegenw\u00e4rtig sind jedoch nicht nur Ausbildungspl\u00e4tze knapp. Hinzu kommt der auf \u00fcber 20 Prozent gestiegene Anteil derjenigen, die nach dem Abschlu\u00df ihrer betrieblichen Ausbildung nicht \u00fcbernommen werden und zum Teil gezwungen sind, ihre berufliche Orientierung nach der Ausbildung neu anzupassen, oder die schlicht arbeitslos werden.<\/p>\n<p>Seit Jahren liegt der Anteil der arbeitslosen Jugendlichen an den registrierten Arbeitslosen \u00fcber 10 Prozent; hinzu kommen die in der Arbeitslosenstatistik nicht erfa\u00dften unversorgten Lehrstellenbewerber sowie diejenigen, die sich in schulischen Auffangma\u00dfnahmen (Berufsgrundbildungsjahr und Berufsvorbereitungsjahr), Arbeitsbeschaffungsma\u00dfnahmen oder den Ma\u00dfnahmen des Benachteiligtenprogramms des Arbeitsf\u00f6rderungsgesetzes befinden.<\/p>\n<p>Mit einer weiteren Versch\u00e4rfung der Ausbildungs- und Berufskrise ist in absehbarer Zeit nicht nur deshalb zu rechnen, weil Ausbildungsstellen verst\u00e4rkt in betriebliche Rationalisierung einbezogen werden. Hinzu kommt, da\u00df auf den in den kommenden Jahren aus demographischen Gr\u00fcnden zu erwartenden deutlichen Anstieg der Studienplatznachfrage gegenw\u00e4rtig nicht mit dem gebotenen Ausbau, sondern mit einem Kapazit\u00e4tsabbau im Hochschulsystem reagiert wird. Dies wird zu einer Versch\u00e4rfung des Verdr\u00e4ngungswettbewerbs im dualen Ausbildungssystem f\u00fchren.<\/p>\n<p>De facto sind qualifizierte schulische Bildungsabschl\u00fcsse zu einer Bedingung daf\u00fcr geworden, das Recht auf Wahl des Ausbildungsplatzes in Anspruch zu nehmen. Nach wie vor sortiert das Schulsystem jedoch eine Teilgruppe aus, die nach dem Ende der Pflichtschulzeit kaum noch \u00fcber die M\u00f6glichkeit verf\u00fcgt, sich \u00fcberhaupt beruflich zu qualifizieren. Sie ist auf ein \u00dcberleben in der Arbeitslosigkeit bzw. auf den sogenannten &#8222;Jedermannsarbeitsmarkt&#8220;, also auf instabile und schlecht bezahlte Arbeitspl\u00e4tze mit vielfach problematischen Arbeitsbedingungen verwiesen. Ca. 7-8 Prozent aller Sch\u00fcler mit deutscher Staatsangeh\u00f6rigkeit und rund 20 Prozent aller deutschen Sch\u00fcler aus Einwandererfamilien verlassen die Schule ohne Abschlu\u00df; ca. 4 Prozent bzw. ca. 6-7 Prozent werden in Sonderschulen verwiesen.<\/p>\n<p>Die schulische Diskriminierung der sogenannten ausl\u00e4ndischen Jugendlichen setzt sich im dualen Ausbildungssystem fort. Nicht nur durchschnittlich schlechtere schulische Qualifikationen, auch betriebliche Auswahlmechanismen und gegen Teilgruppen gerichtete Vorurteile tragen dazu bei, da\u00df die Jugendlichen aus Einwandererfamilien \u00fcberproportional von Lehrstellenmangel und Arbeitslosigkeit betroffen sind. Rund jeder vierte registrierte Arbeitslose unter 20 Jahren ist ein Jugendlicher ohne deutschen Pa\u00df &#8211; bei einem Bev\u00f6lkerungsanteil von 14 Prozent in dieser Altersgruppe. Es mu\u00df sogar davon ausgegangen werden, da\u00df sich in manchen Regionen bis zu 50 Prozent aller &#8222;ausl\u00e4ndischen&#8220; Schulabg\u00e4nger nach dem Ende der Schulzeit weder in einer weiterf\u00fchrenden Schule noch in einer betrieblichen Ausbildung oder einem regul\u00e4ren Arbeitsverh\u00e4ltnis befinden. Die Chance, die im Art. 12 GG kodifizierten Grundrechte in Anspruch zu nehmen, ist also insbesondere f\u00fcr Jugendliche mit fehlenden schulischen Qualifikationen &#8211; und das hei\u00dft faktisch: f\u00fcr einen erheblichen Teil der Jugendlichen aus Einwandererfamilien &#8211; kaum gegeben. Diese Verweigerung stellt gerade f\u00fcr Jugendliche eine massive Besch\u00e4digung dar: Der innere Sinn einer Lebensphase, in der es zentral um die Entwicklung des pers\u00f6nlichen Lebensentwurfs und der eigenen Identit\u00e4t geht, wird zerst\u00f6rt, wenn Arbeit, Ausbildung und Beruf als eine zentrale Grundlage f\u00fcr die Entwicklung einer Lebensperspektive nicht erreichbar sind.<\/p>\n<p>Folgenreich ist dies aber nicht nur f\u00fcr die individuell Betroffenen, denn es gibt zugleich deutliche Hinweise darauf, da\u00df die Lage auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt bei gleichzeitigem Abbau sozialstaatlicher Leistungen zu sozialer Ausgrenzung f\u00fchrt. Dies ist dann der Fall, wenn das individuell erfahrene Scheitern an den Bedingungen des Ausbildungssystems und Arbeitsmarktes sich nicht mehr als durch weitere eigene Anstrengungen korrigierbares Ereignis darstellt, sondern als eine Situation dauerhafter und umfassender Ausschlie\u00dfung von der gesellschaftlichen Teilhabe. Dann werden betroffene Jugendliche auch in ihrer Selbstwahrnehmung zu Angeh\u00f6rigen einer gesellschaftlichen Problemgruppe.<\/p>\n<p>Berufliche Chancenlosigkeit in Verbindung mit umfassender Benachteiligung und Ausgrenzung als kollektiv erfahrenes Schicksal provoziert \u00dcberlebensstrategien, die in aller Regel selbstgef\u00e4hrdend sind. Ein Leben jenseits der arbeitsgesellschaftlichen Normalit\u00e4t in einer Gesellschaft, in der die Zuteilung gesellschaftlicher Wertsch\u00e4tzung nach wie vor wesentlich in Berufsprestige, Besitz und Einkommen gekoppelt ist, beeintr\u00e4chtigt die Selbstachtung und das Selbstwertgef\u00fchl und ber\u00fchrt damit substantiell die Bedingungen, in denen sich die W\u00fcrde der Person entfalten kann. Einen Anspruch auf ein Leben in W\u00fcrde haben aber nach dem Wortlaut des Grundgesetzes alle Menschen, die sich in seinem Geltungsbereich aufhalten, und nicht nur &#8222;alle Deutschen&#8220;, von denen im Art. 12 ausschlie\u00dflich die Rede ist.<\/p>\n<p>Solche berufliche Perspektivlosigkeit kann zu psychischen Erkrankungen und Drogenmi\u00dfbrauch f\u00fchren. Gesellschaftliche Beachtung finden aber vor allem diejenigen \u00fcberwiegend m\u00e4nnlichen Jugendlichen, die zu aggressiven Strategien der Anpassung an die ihnen zugemutete Lebenssituation neigen und als &#8222;gewaltt\u00e4tige Stra\u00dfenbanden&#8220;, &#8222;kriminelle Dealer&#8220;, &#8222;aggressive Bettler und Junkies in den Innenst\u00e4dten&#8220; usw. wahrgenommen werden. Es gen\u00fcgt ganz offenkundig nicht, nur daran zu leiden, da\u00df man keine Ausbildung bzw. keine Arbeit findet, um politische Reaktionen zu veranlassen. Gegenw\u00e4rtig scheinen polizeiliche und ordnungspolitische Ma\u00dfnahmen gegen Arbeitslose besser legitimierbar zu sein als eine grundrechtlich dringend gebotene Ausweitung der aktiven Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik.<\/p>\n<p>Literatur:<\/p>\n<p>T. Lex, Berufswege Jugendlicher zwischen Integration und Ausgrenzung, M\u00fcnchen 1997. R. Kersten u. a. (Hg.), Ausbilden statt Ausgrenzen, Frankfurt 1996.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[],"autoren":[],"publikationen":[1023],"class_list":["post-10233","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","publikationen-1023"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Freie Wahl: Ausbildung, Warteschleife, Ausgrenzung - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/1998\/publikation\/freie-wahl-ausbildung-warteschleife-ausgrenzung\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Freie Wahl: Ausbildung, Warteschleife, Ausgrenzung - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Albert Scherr Grundrechte-Report 1998, S. 138-143 Der Art. 12 GG garantiert &#8222;allen Deutschen&#8220; das Recht, &#8222;Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsst\u00e4tte frei zu w\u00e4hlen&#8220;, ein Recht, dessen Verwirklichung ganz offenkundig zur Voraussetzung hat, da\u00df Arbeits- und Ausbildungspl\u00e4tze f\u00fcr alle zur Verf\u00fcgung stehen. 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