{"id":10314,"date":"2011-05-23T07:30:00","date_gmt":"2011-05-23T05:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/strassburger-ruege-laxer-umgang-mit-polizeilicher-gewaltandrohung-im-fall-daschner\/"},"modified":"2021-08-30T15:41:07","modified_gmt":"2021-08-30T13:41:07","slug":"strassburger-ruege-laxer-umgang-mit-polizeilicher-gewaltandrohung-im-fall-daschner","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2011\/publikation\/strassburger-ruege-laxer-umgang-mit-polizeilicher-gewaltandrohung-im-fall-daschner\/","title":{"rendered":"Stra\u00dfburger R\u00fcge &#8211; Laxer Umgang mit polizeilicher Gewaltandrohung im Fall \u00bbDaschner\u00ab"},"content":{"rendered":"<p>Grundrechte-Report 2011, Seiten 21 &#8211; 24<\/p>\n<p>Dass Folter und unmenschliche Behandlung ausnahmslos unzul&auml;ssig sind, d&uuml;rfte nicht nur in Polizeikreisen als hinreichend gesicherte Rahmenbedingung sicherheitsbeh&ouml;rdlicher T&auml;tigkeit gelten. Gleiches gilt f&uuml;r die Kenntnis, dass sich ein gegen dieses Verbot versto&szlig;ender Amtswalter einer Straftat schuldig macht. Was sollte der Europ&auml;ische Gerichtshof f&uuml;r Menschenrechte (EGMR) also beizutragen haben zur Aufarbeitung des Frankfurter Entf&uuml;hrungsfalls, bei dem es um die Androhung von schweren Schmerzen durch den &ouml;rtlichen Polizeivizepr&auml;sidenten Wolfgang Daschner und weiteren Polizeibeamten gegen&uuml;ber dem Entf&uuml;hrer eines Kindes ging (vgl. Heiner Busch,<br \/>Grundrechte-Report 2004, S. 21 ff. und Grundrechte-Report<br \/>2005, S. 29)?<\/p>\n<p>Am 1. Juni 2010 erkl&auml;rte die Gro&szlig;e Kammer des EGMR vermeintlich<br \/>Selbstverst&auml;ndliches: Das absolute Verbot unmenschlicher Behandlung gelte v&ouml;llig unabh&auml;ngig vom Verhalten des Opfers oder der Beweggr&uuml;nde der Beh&ouml;rden und lasse keine Ausnahmen zu. Er befand, dass die unmittelbaren Drohungen gegen den Entf&uuml;hrer des Kindes in der Absicht, Informationen zu erpressen, schwerwiegend genug waren, um als unmenschliche Behandlung im Sinne von Artikel 3 der Europ&auml;ischen Menschenrechtskonvention (EMRK) zu gelten. Seitdem darf sich der Entf&uuml;hrer zwar nicht als Folteropfer des Polizeivizepr&auml;sidenten f&uuml;hlen, wohl aber als Opfer unmenschlicher Behandlung. In der Sache besteht insoweit kein wesentlicher Unterschied, denn Artikel 3 EMRK verbietet Folter und unmenschliche<br \/>Behandlung unterschiedslos. Der Gerichtshof kam zu der Auffassung, dass die deutschen Beh&ouml;rden dem Entf&uuml;hrer keine ausreichende Abhilfe f&uuml;r die konventionswidrige Behandlung durch die Polizei gew&auml;hrt hatten. Mit anderen Worten: der justizielle und innerbeh&ouml;rdliche Umgang mit Daschner und den anderen Polizeibeamten lie&szlig; zu w&uuml;nschen &uuml;brig. Hierin liegt das eigentlich Bemerkenswerte der Entscheidung &#8211; nicht bei der Verurteilung der Bundesrepublik wegen des Verhaltens des damaligen Polizeivizepr&auml;sidenten und seiner beteiligten Untergebenen.<\/p>\n<p>Eine Kammer desselben Gerichts hatte zwei Jahre zuvor ebenfalls eine Verletzung von Artikel 3 EMRK festgestellt, sah diese jedoch durch die Verurteilung Daschners als kompensiert an.<\/p>\n<p>Eine Verletzung des Rechts auf ein faires Verfahren aus Artikel 6 EMRK wies der Gerichtshof gleichwohl &#8211; trotz Versto&szlig;es gegen Artikel 3 &#8211; zur&uuml;ck. Wegen des Gest&auml;ndnisses des Entf&uuml;hrers vor Gericht h&auml;tten die strittig erlangten Beweismittel keine Auswirkung auf das Strafurteil gehabt.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"schelte-fuer-ein-mildes-urteil\">Schelte f&uuml;r ein mildes Urteil<\/span><\/h2>\n<p>In der Entscheidung vom 1. Juni 2010 hei&szlig;t es, &raquo;dass die Bestrafung der Polizeibeamten nicht den notwendigen Abschreckungseffekt<br \/>hatte, um vergleichbaren Konventionsverletzungen vorzubeugen. Zudem gab die Tatsache, dass einer der Beamten sp&auml;ter zum Leiter einer Dienststelle ernannt worden war, Anlass zu grundlegenden Zweifeln, ob die Beh&ouml;rden angemessen auf den Ernst der Lage angesichts einer Verletzung von Artikel 3 EMRK reagiert hatten.&laquo; Tats&auml;chlich hatte das Landgericht Frankfurt am Main lediglich die Schuld der Polizeibeamten wegen schwerer N&ouml;tigung festgestellt und sich f&uuml;r den Fall einer Wiederholung die Verurteilung zu Geldstrafen<br \/>vorbehalten (sogenannte &raquo;Geldstrafe auf Bew&auml;hrung&laquo;). Dieses<br \/>Urteil war selbst in Polizeikreisen als sehr milde Sanktionierung<br \/>bewertet worden.<\/p>\n<p>Die R&uuml;ge des EGMR ist schon deswegen nicht selbstverst&auml;ndlich, weil sie ein unabh&auml;ngiges Gericht trifft, dessen Urteil selbst &uuml;berhaupt nicht Gegenstand des Verfahrens in Stra&szlig;burg war. Es l&auml;sst sich also durchaus von einer Urteilsschelte durch die europ&auml;ischen Richterinnen und Richter sprechen.<\/p>\n<p>Ebenso wenig selbstverst&auml;ndlich ist freilich die Kritik am nachtr&auml;glichen Umgang der politischen F&uuml;hrung &#8211; insbesondere! &#8211;&nbsp;mit dem ehemaligen Polizeivizepr&auml;sidenten. Dieser hatte sich zwar einem Disziplinarverfahren zu stellen, &raquo;fiel&laquo; anschlie&szlig;end aber die Karriereleiter nach oben: Nur vier Jahre nach dem Vorfall wurde er zum neuen Pr&auml;sidenten des Hessischen Polizeipr&auml;sidiums f&uuml;r Technik, Logistik und Verwaltung ernannt. Was nun als Akt des &raquo;Hinweglobens&laquo; interpretiert werden k&ouml;nnte, stellte sich tats&auml;chlich als ernst gemeinte Bef&ouml;rderung dar: Der damalige Hessische Innenminister und heutige<br \/>Ministerpr&auml;sident Volker Bouffier lobte ihn &#8211; nochmals: den T&auml;ter einer unmenschlichen Behandlung &#8211; f&uuml;r seine &raquo;in vielen Bereichen erworbenen Kenntnisse der Polizeiarbeit, seine gro&szlig;e Erfahrung in der Personalf&uuml;hrung und Leitung gro&szlig;er Polizeiorganisationen, verbunden mit einem &uuml;beraus menschlichen F&uuml;hrungsstil&laquo;. In Anbetracht solch zynisch wirkender Feststellungen handelt es sich bei den zitierten Zweifeln der Stra&szlig;burger Richter, ob auf die vors&auml;tzliche Verletzung von Artikel 3 der EMRK angemessen reagiert wurde, um eine eher vorsichtige Wertung. Immerhin stellen sie die Konventionstreue eines<br \/>heutigen Ministerpr&auml;sidenten in Frage.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ein-webfehler-des-deutschen-rechts\">Ein Webfehler des deutschen Rechts<\/span><\/h2>\n<p>Dass der mittlerweile pensionierte Spitzenbeamte Daschner durch die strafgerichtliche Verurteilung nicht automatisch seinen&nbsp;Beamtenstatus (einschlie&szlig;lich Pensionsanspr&uuml;che) verloren hat, ist auch das Ergebnis einer L&uuml;cke im deutschen Strafrecht. Denn w&auml;hrend er &raquo;nur&laquo; wegen Verleitung eines Untergebenen zu einer N&ouml;tigung belangt wurde, h&auml;tte eine Verurteilung wegen Verleitung zu einer Aussageerpressung nach &sect; 343 Strafgesetzbuch wegen der dort vorgesehenen Mindestfreiheitsstrafe von einem Jahr durchaus sehr viel wahrscheinlicher diese Konsequenz haben k&ouml;nnen. Zu diskutieren w&auml;re allenfalls noch gewesen, ob es sich bei der Tat um einen &raquo;minder schweren Fall&laquo; gehandelt haben k&ouml;nnte. Indessen erfasst diese Vorschrift keine Taten, die im Rahmen von gefahrenabwehrender Polizeiarbeit begangen werden, sondern nur solche im Rahmen von Straf-, Bu&szlig;geld- oder Disziplinarverfahren. Man darf durchaus von<br \/>einer nur unvollkommenen strafrechtlichen Absicherung des<br \/>absolut geltenden Verbots von Folter und unmenschlicher Behandlung<br \/>im deutschen Strafrecht sprechen. Diesen Webfehler kann freilich nur der Gesetzgeber beseitigen. Die Stra&szlig;burger R&uuml;ge darf getrost als entsprechende Ermunterung verstanden werden.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h2>\n<p>Europ&auml;ischer Gerichtshof f&uuml;r Menschenrechte, Pressemitteilung<br \/>Nr. 439 und Urteil vom 1. 6. 2010 in der Rechtssache G&auml;fgen gegen<br \/>Deutschland (Individualbeschwerde Nr. 22978\/05), abrufbar<br \/>unter <a href=\"http:\/\/www.coe.int\/t\/d\/menschenrechtsgerichtshof\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.coe.int\/t\/d\/menschenrechtsgerichtshof<\/a><\/p>\n<p>Herzog, Felix\/Roggan, Fredrik, Zu einer Reform der Strafbarkeit<br \/>wegen Aussageerpressung &ndash; &sect; 343 StGB, in: <i>Goltdammer&rsquo;s Archiv<br \/>f&uuml;r Strafrecht<\/i> 2008, S. 142 ff.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[2547,822],"autoren":[207],"publikationen":[1027],"class_list":["post-10314","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gg-artikel-1","tag-grr-artikel","autoren-fredrik-roggan","publikationen-1027"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Stra\u00dfburger R\u00fcge - Laxer Umgang mit polizeilicher Gewaltandrohung im Fall \u00bbDaschner\u00ab - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2011\/publikation\/strassburger-ruege-laxer-umgang-mit-polizeilicher-gewaltandrohung-im-fall-daschner\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Stra\u00dfburger R\u00fcge - Laxer Umgang mit polizeilicher Gewaltandrohung im Fall \u00bbDaschner\u00ab - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Grundrechte-Report 2011, Seiten 21 &#8211; 24 Dass Folter und unmenschliche Behandlung ausnahmslos unzul&auml;ssig sind, d&uuml;rfte nicht nur in Polizeikreisen als hinreichend gesicherte Rahmenbedingung sicherheitsbeh&ouml;rdlicher T&auml;tigkeit gelten. 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