{"id":10318,"date":"2009-05-23T08:00:00","date_gmt":"2009-05-23T06:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/staatlich-angeordnetes-verschimmelnlassen-seit-mehr-als-25-jahren-werden-fluechtlinge-in-lagern-zwa\/"},"modified":"2021-08-30T15:40:33","modified_gmt":"2021-08-30T13:40:33","slug":"staatlich-angeordnetes-verschimmelnlassen-seit-mehr-als-25-jahren-werden-fluechtlinge-in-lagern-zwa","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2009\/publikation\/staatlich-angeordnetes-verschimmelnlassen-seit-mehr-als-25-jahren-werden-fluechtlinge-in-lagern-zwa\/","title":{"rendered":"Staatlich angeordnetes Verschimmelnlassen &#8211; Seit mehr als 25 Jahren werden Fl\u00fcchtlinge in Lagern zwangsuntergebracht"},"content":{"rendered":"<p>Grundrechte-Report 2009, Seite 32<\/p>\n<p>Sie sind seit &uuml;ber 25 Jahren Bestandteil deutscher Normalit&auml;t: Lager f&uuml;r Fl&uuml;chtlinge. Dabei existiert der Begriff weder bei den B&uuml;rokratien, die sie verwalten, noch im Gesetz. Als &bdquo;Gemeinschaftsunterk&uuml;nfte&ldquo; firmieren sie im Asylverfahrensgesetz &#8211; als bildeten die dort zugewiesenen und zwangsuntergebrachten Menschen eine Gemeinschaft. Tats&auml;chlich sind sie Lager und die Politiker, die sie seit Anfang der 1980er Jahre durchgesetzt haben, lie&szlig;en keinen Zweifel daran. Es finden sich unter Liberalen, Christdemokraten und Sozialdemokraten Bef&uuml;rworter der Lagerunterbringung. Was gemeint war, hat etwa der damalige hessische Innenminister Gries (FDP) auf den Begriff gebracht: &ldquo;Das Lager soll nicht einladend wirken, sondern Scheinasylanten abschrecken. Auch das ist gemeint [&#8230;] lagerm&auml;&szlig;ige Unterbringung, Zugangskontrollen und Ausgangsbeschr&auml;nkungen &ndash; ganz klar!&ldquo;<\/p>\n<p>Die Realit&auml;t der Abschreckungslager pr&auml;gt den Alltag von Asylsuchenden, Geduldeten und anderen Personengruppen bis heute. Hunderttausende von Menschen haben sie durchlaufen, nicht ohne Schaden an Leib und Seele zu nehmen, denn Lager machen krank. Darauf wiesen Untersuchungen schon fr&uuml;h hin. Man h&auml;tte es aus der deutschen Geschichte wissen k&ouml;nnen: &bdquo;Aus Erfahrung mit unseren eigenen Fl&uuml;chtlingsbewegungen wissen wir, dass ein zur Unt&auml;tigkeit verurteilendes Lagerleben auf l&auml;ngere Zeit die Pers&ouml;nlichkeit und die Familie zerst&ouml;rt&ldquo; (Bischof Hengsbach 1980).<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"staatliche-geiselnahme\">Staatliche Geiselnahme<\/span><\/h2>\n<p>Mit den Abschreckungslagern werden Menschen erkl&auml;rterma&szlig;en zu Objekten degradiert. Die Unterbringungsform dient nicht nur ihrer eigenen Entmutigung &#8211; sie soll andere von der Inanspruchnahme des Asylrechts abschrecken. Man k&ouml;nnte das als eine Art staatliche Geiselnahme bezeichnen. Wer die Menschenw&uuml;rde als Verpflichtung ernst nimmt, muss f&uuml;r die Beendigung dieses Zustands eintreten.<\/p>\n<p>So ist denn auch die Geschichte der Lagerunterbringung eng verbunden mit dem Widerstand gegen sie. Der Widerstand richtet sich nicht nur gegen die lokalen &bdquo;Gemeinschaftsunterk&uuml;nfte&ldquo;, in denen die Untergebrachten gro&szlig;enteils privatwirtschaftlichen Betreibern zur Entrechtung &uuml;berlassen werden, sondern auch gegen die inzwischen entstandenen &bdquo;Ausreiseeinrichtungen&ldquo;, die mit einem nochmals versch&auml;rften Regime die Abschiebef&auml;higkeit herstellen sollen, und gegen Erstaufnahmeeinrichtungen, die in einigen Bundesl&auml;ndern direkt mit letzteren kombiniert wurden und in denen die &bdquo;R&uuml;ckkehrberatung&ldquo; das einzige ist, was Untergebrachten gerne offeriert wird. Das multifunktionale Gro&szlig;lager hat allerdings denselben Effekt wie die dezentralen Unterbringungsformen in Containern, abgelegenen Kasernen, Baracken &#8211; ein Teil der so Untergebrachten entzieht sich dieser Situation.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"proteste-gegen-barackenlager-katzhuette\">Proteste gegen Baracken&shy;lager Katzh&uuml;tte<\/span><\/h2>\n<p>Gegen die geballte Macht der Unterbringungsb&uuml;rokratie und den Einfluss der privaten Betreiber ist nicht leicht anzugehen. Wer es versucht, muss mit Sanktionen rechnen. Das zeigen die Proteste von Fl&uuml;chtlingen und ihren Unterst&uuml;tzern, die sich seit Fr&uuml;hjahr 2008 gegen die Zust&auml;nde im Barackenlager Katzh&uuml;tte im Th&uuml;ringer Wald richten. Sie gingen mit massiven Beschwerden an die &Ouml;ffentlichkeit. Man sei v&ouml;llig isoliert, ohne Kontakt zur Gesellschaft untergebracht. Die Unterkunft sei eine heruntergekommene H&uuml;tte aus Karton und Faserplatten, die W&auml;nde seien zum Teil verschimmelt. Ab 16 Uhr sei die K&uuml;che verschlossen, eine Stunde sp&auml;ter die Dusche. Die Gemeinschaftsdusche sei 300 Meter entfernt. Kinder und alte Menschen seien h&auml;ufig krank. Die ausgegebenen Einkaufgutscheine seien nur in einem Supermarkt einl&ouml;sbar. Die Heimleiterin verh&auml;nge gegen die Bewohner &bdquo;Kollektivstrafen&ldquo;, indem sie etwa das Wasser in der K&uuml;che abstelle. Soweit der ganz allt&auml;gliche Irrsinn der Lager, wie er vielerorts herrscht.<\/p>\n<p>Doch diesmal reagieren die Medien. Der Landkreis ger&auml;t unter Druck. Die Verantwortung wird zwischen dem Kreis, dem die Immobilie geh&ouml;rt, und der Betreiberfirma hin und her geschoben. Doch eigentlich schuld am Schimmel sollen die Bewohner sein, die ihr Essen kochen, ohne zu l&uuml;ften. Und nach Auffassung der Kreisspitze die bundes- und landesgesetzlichen Regelungen, die die Lagerunterbringung als die Regel vorschreiben.<\/p>\n<p>Anfang Mai 2008 findet in dem kleinen Ort Sottrum in Niedersachsen am Sitz der Betreiberfirma K&amp;S (Dr. Krantz Sozialbau und Betreuung) eine Protestkundgebung statt. K&amp;S ist einer der Gro&szlig;en im profitablen Lagergesch&auml;ft. Zum Zeitpunkt der Proteste unterh&auml;lt die Firma noch 8.000 Pl&auml;tze in 50 Einrichtungen. Die Konditionen in Katzh&uuml;tte und anderswo sind Gesch&auml;ftsgeheimnis.<\/p>\n<p>Zwischen den Profiteuren des Elends und dem Kreis kommt es &#8211; bei Anerkennung kleinerer M&auml;ngel &#8211; zum &uuml;blichen Schulterschluss. Eine Schlie&szlig;ung der Unterkunft komme nicht in Frage, wegen der gewachsenen sozialen Bindungen. Selbsternannte Fl&uuml;chtlingsvertreter tr&uuml;gen ihre Kampagnen auf dem R&uuml;cken der Fl&uuml;chtlinge aus, die endlich zur Ruhe kommen wollten. Gegen zahlreiche Personen habe man allerdings Anzeige wegen Hausfriedensbruches erstatten m&uuml;ssen, nachdem eine Kundgebung von der Polizei aufgel&ouml;st worden war. Zwei Sprecher der Bewohner werden in andere Lager verlegt. Durch ihre demonstrativ bekundeten Forderungen sei es zu erheblichen Unruhen gekommen, von beiden gehe eine negative Wirkung auf das Verhalten anderer Bewohner aus. Was die Landr&auml;tin als gedeihliches Zusammenleben von Menschen verschiedener Herkunft darstellt, sehen andere als staatlich angeordnetes Verschimmelnlassen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"versuchte-abschiebung-eines-kritikers\">Versuchte Abschiebung eines Kritikers<\/span><\/h2>\n<p>F&uuml;r einen der Sprecher kommt es noch h&auml;rter. Zum zweiten Mal seit Beginn der Proteste wird er in Abschiebungshaft genommen. Die &ouml;rtliche Ausl&auml;nderbeh&ouml;rde und das Landesamt in Weimar versuchen mit gro&szlig;er Energie, seine Abschiebung m&ouml;glich zu machen. Mohammed Sbaih ist Pal&auml;stinenser. Eine direkte Abschiebung in das Westjordanland oder nach Gaza ist nicht m&ouml;glich. Die Beh&ouml;rden suchen einen Weg &uuml;ber Jordanien. Die Unterst&uuml;tzerorganisationen und ein Rechtsanwalt intervenieren. Das VG Meiningen untersagt die Abschiebung vor dem Hintergrund der unklaren Situation an der Grenze zum Westjordanland. Doch ausgestanden ist das Ganze nicht.<\/p>\n<p>Manche Kritiker des Lagersystems kann man nicht abschieben oder umverlegen. Da versucht man es anders. In Oldenburg steht ein Einheimischer vor Gericht. Dem wird vorgeworfen, ein Flugblatt verteilt zu haben, in dem der Leiter der Zentralen Aufnahme und Ausl&auml;nderbeh&ouml;rde Blankenburg als &bdquo;Lagerleiter&ldquo; und &bdquo;rassistische Autorit&auml;t&ldquo; bezeichnet wird. Das Antirassistische Plenum sch&auml;tzt das Ganze als einen Versuch der Landesregierung ein, unliebsame Meinungs&auml;u&szlig;erungen zu kriminalisieren. &Uuml;ber die zul&auml;ssige Bezeichnung des seit Jahrzehnten existierenden Normalzustandes und seiner Protagonisten wird weiter gestritten.<\/p>\n<p>Manchmal er&ouml;ffnen sich Chancen, an die auch die Gegner der Lagerunterbringung bis vor Kurzem nicht zu denken gewagt h&auml;tten. In Deutschlands rigidestem Lagerbundesland (140 Lager mit 8.400 Personen) beschloss der Bayerische Landtag im Dezember 2008 einstimmig auf Antrag der Gr&uuml;nen die Schlie&szlig;ung zweier Containerlager in M&uuml;nchen. Die mitregierende FDP bewies, dass ihr das Thema ein wirkliches Anliegen ist. Die Abschaffung der Lager geh&ouml;rt &uuml;berall auf die Tagesordnung. &bdquo;Yes we can!&rdquo; kommentierte der bayerische Fl&uuml;chtlingsrat den Etappensieg.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h2>\n<p>Thomas Pieper, Die Gegenwart der Lager. Zur Mikrophysik der Herrschaft in der deutschen Fl&uuml;chtlingspolitik,&nbsp;M&uuml;nster 2008<\/p>\n<p>Weiterf&uuml;hrende Informationen zum Fall Katzh&uuml;tte online unter: <a href=\"http:\/\/www.thevoiceforum.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.thevoiceforum.org<\/a><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[2547,822],"autoren":[1693],"publikationen":[1029],"class_list":["post-10318","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gg-artikel-1","tag-grr-artikel","autoren-bernd-mesovic","publikationen-1029"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.7 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Staatlich angeordnetes Verschimmelnlassen - Seit mehr als 25 Jahren werden Fl\u00fcchtlinge in Lagern zwangsuntergebracht - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2009\/publikation\/staatlich-angeordnetes-verschimmelnlassen-seit-mehr-als-25-jahren-werden-fluechtlinge-in-lagern-zwa\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Staatlich angeordnetes Verschimmelnlassen - Seit mehr als 25 Jahren werden Fl\u00fcchtlinge in Lagern zwangsuntergebracht - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Grundrechte-Report 2009, Seite 32 Sie sind seit &uuml;ber 25 Jahren Bestandteil deutscher Normalit&auml;t: Lager f&uuml;r Fl&uuml;chtlinge. 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