{"id":10319,"date":"2014-05-23T10:15:00","date_gmt":"2014-05-23T08:15:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/rechtspolitische-konsequenzen-aus-der-nsa-ausspaehaffaere\/"},"modified":"2021-08-30T15:41:46","modified_gmt":"2021-08-30T13:41:46","slug":"rechtspolitische-konsequenzen-aus-der-nsa-ausspaehaffaere","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2014\/publikation\/rechtspolitische-konsequenzen-aus-der-nsa-ausspaehaffaere\/","title":{"rendered":"Rechtspolitische Konsequenzen aus der \u201eNSA-Aussp\u00e4haff\u00e4re\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Grundrechte-Report 2014, Seite 28<\/p>\n<p>Die Enth&uuml;llungen des Whistleblowers Edward J. Snowden haben weltweit wichtige Debatten &uuml;ber die Aktivit&auml;ten des US-Milit&auml;rgeheimdienstes NSA und anderer Nachrichtendienste angesto&szlig;en. Zu Recht wird nun nach den Rechtsgrundlagen f&uuml;r das Aussp&auml;hen und den politischen Verantwortlichkeiten gefragt. Der Bundestag sollte unverz&uuml;glich einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss einsetzen, um eigenst&auml;ndig zur Sachverhaltskl&auml;rung beizutragen. Aufgabe der Zivilgesellschaften ist es f&uuml;r Ver&auml;nderungsdruck sorgen, damit grunds&auml;tzliche Konsequenzen gezogen werden. Dazu werden hier sieben Forderungen aufgestellt.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"1-wirksamer-schutz-fuer-whistleblower-societal-verification\">1. Wirksamer Schutz f&uuml;r Whist&shy;leblower &ndash; Societal Verifi&shy;ca&shy;tion<\/span><\/h2>\n<p>Wir brauchen v&ouml;lkerrechtliche und innerstaatliche Regelungen zur F&ouml;rderung und zum Schutz von Societal Verfication. Notwendige Schutzregelungen m&uuml;ssen u.a. die Aufnahme von Whistleblowern wie Edward Snowden in ein Zeugenschutzprogramm, die Garantie eines gesicherten Aufenthaltsstatus (z.B. nach &sect; 22 AufenthaltsG), den Schutz vor Auslieferung, die Sicherung des Existenzminimums und Hilfen bei der gesellschaftlichen Integration gew&auml;hrleisten. Das sollte in internationalen Abkommen zur Sicherung der Kommunikationsfreiheiten, zum Datenschutz und &auml;hnlichen v&ouml;lkerrechtlichen Vertr&auml;gen sowie in den jeweiligen nationalen Ausf&uuml;hrungsgesetzen garantiert werden.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"2-alle-geheimvertraege-gegenueber-dem-parlament-offenlegen\">2. Alle Geheim&shy;ver&shy;tr&auml;ge gegen&uuml;ber dem Parlament offenlegen<\/span><\/h2>\n<p>Die Altlasten des nach der Wiedervereinigung Deutschlands am 15. M&auml;rz1991 aufgehobenen sog. Deutschland-Vertrag vom 24. Oktober1954 (DV), auf dessen Grundlage zahlreiche Regierungs- und Verwaltungsvereinbarungen abgeschlossen worden sind, m&uuml;ssen beseitigt werden. Die &bdquo;&Uuml;berwachungs- und Geheimdienstvorbehalte&ldquo;, zu denen nicht ver&ouml;ffentlichte v&ouml;lkerrechtlich verbindliche diplomatische Noten ausgetauscht wurden, betreffen u.a. den nicht n&auml;her definierten &bdquo;Schutz der Sicherheit dieser Streitkr&auml;fte&ldquo;. Dazu wurde nicht nur der sog. &bdquo;Notstandsfall&ldquo; (Artikel 5 Absatz 3 Satz 1 DV.), sondern u.a. die &bdquo;Kontrolle von Postsendungen und &Uuml;berwachung von Fernmeldeverbindungen&ldquo; (Artikel 5 Absatz 2 Satz 3 DV; Artikel 4 Absatz 1 und 2 TV) sowie eine &bdquo;Geheimdienst-Regelung&ldquo;, z. B. im Zusatzabkommen zum NATO-Truppenstatut verankert.<\/p>\n<p>Der Bundestag sollte gegen&uuml;ber der Bundesregierung darauf dringen, dass alle Vereinbarungen offen gelegt werden, die Deutschland mit den Truppen-Stationierungsl&auml;ndern USA, Frankreich und dem Vereinigten K&ouml;nigreich auf der Grundlage des Deutschland-Vertrages abgeschlossen hat und die die in Artikel II des NATO-Truppenstatuts normierte Pflicht der Entsendestaaten einschr&auml;nken, deutsches Recht &bdquo;zu achten&ldquo;. Die Notwendigkeit der Fortexistenz dieser Vereinbarungen muss konkret &uuml;berpr&uuml;ft werden.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"3-nato-truppenstatut-und-zusatzabkommen-revidieren\">3. NATO-&shy;Trup&shy;pen&shy;statut und Zusatz&shy;ab&shy;kommen revidieren<\/span><\/h2>\n<p>Das Zusatzabkommen zum NATO-Truppenstatut bedarf einer grundlegenden Revision. (Dies gilt vor allem f&uuml;r seine folgenden Vorschriften: Artikel 3, 17, 18, 18a, 20, 20, 28, 29, 45, 46, 48, 49, 53, 53a, 57, 60 und 63). Dabei muss insbesondere gew&auml;hrleistet sein, dass die in Deutschland befindlichen ausl&auml;ndischen Truppen und ihr ziviles Gefolge ausnahmslos das deutsche Recht beachten und dass die zust&auml;ndigen deutschen Stellen rechtlich und faktisch uneingeschr&auml;nkt in der Lage sind, in den &uuml;berlassenen Liegenschaften sowie im gesamten Bundesgebiet die Einhaltung dieser Verpflichtungen wirksam zu &uuml;berpr&uuml;fen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"4-aufenthaltsvertrag-neu-verhandeln\">4. Aufent&shy;halts&shy;ver&shy;trag neu verhandeln<\/span><\/h2>\n<p>In Artikel 1 des Aufenthaltsvertrags (AV) von 1954 (BGBl 1955 II, S. 253) wird das in Artikel 4 Absatz 2 Satz 2 DV zum Ausdruck gebrachte Einverst&auml;ndnis der Bundesrepublik mit der weiteren alliierten Stationierung von Truppen &bdquo;der gleichen Nationalit&auml;t und Effektivst&auml;rke&ldquo; bekr&auml;ftigt; lediglich Erh&ouml;hungen der &#8211; nicht n&auml;her definierten &#8211; Effektivst&auml;rke werden von der Zustimmung der Bundesregierung abh&auml;ngig gemacht. Das macht es schwierig zu kontrollieren, welche Verb&auml;nde der US-Streitkr&auml;fte hier bereits stationiert sind oder ggf. neu verlegt werden, welche Aufgabenstellung sie haben und ob diese im Rahmen der NATO-Strukturen oder au&szlig;erhalb derselben agieren. Immer wenn sie sich also darauf berufen k&ouml;nnen, die bisherige &bdquo;Effektivst&auml;rke&ldquo; werde nicht ge&auml;ndert, bestehen f&uuml;r die Gaststreitkr&auml;fte weite Handlungsr&auml;ume, ohne dass die Zustimmung Deutschlands eingeholt wird.<\/p>\n<p>Durch Notenwechsel vom 25. September 1990 (BGBl. 1990 II 1390) hat die Bundesregierung gegen&uuml;ber den drei Westm&auml;chten erkl&auml;rt, dass der Aufenthaltsvertrag &bdquo;nach der Herstellung der Einheit Deutschlands&ldquo; in Kraft bleibt. Dieser Notenwechsel ist dem deutschen Gesetzgeber nicht zur Zustimmung vorgelegt worden, obwohl Artikel 3 Absatz 1 AV i.d.F. vom 23. Oktober 1954 ausdr&uuml;cklich regelt, dass der Aufenthaltsvertrag insgesamt &bdquo;au&szlig;er Kraft&ldquo; tritt &bdquo;mit dem Abschluss einer friedensvertraglichen Regelung mit Deutschland&#8220;; diese stellt der 2+4-Vertrag und die damit in Zusammenhang stehenden v&ouml;lkerrechtlichen Vereinbarungen dar.<\/p>\n<p>Die Regelung in Artikel 3 Absatz 1 AV wird daher durch den Notenwechsel vom 25. September 1990 und die seitherige Staatspraxis fortlaufend missachtet. Auch muss sichergestellt werden, dass deutsche Stellen an V&ouml;lkerrechtsbr&uuml;chen weder mitwirken noch diese erm&ouml;glichen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"5-artikel-10-gg-fassung-von-1949-wiederherstellen-und-g-10-gesetz-reformieren\">5. Artikel 10 GG (Fassung von 1949) wieder&shy;her&shy;stellen und G-10-Gesetz reformieren<\/span><\/h2>\n<p>Seit der &Auml;nderung des Artikel 10 GG und des Artikel 19 Absatz 4 Satz 2 GG durch die sog. Notstandsgesetzgebung 1968 hat der Gesetzgeber die M&ouml;glichkeit, den gerichtlichen Rechtsschutz gegen Beschr&auml;nkungen des Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnisses auszuschlie&szlig;en. So bestimmt &sect; 13 G10-Gesetz, dass &bdquo;gegen die Anordnung von Beschr&auml;nkungsma&szlig;nahmen nach den &sect;&sect; 3 und 5 Absatz 1 Satz 3 Nr. 1 G10-Gesetz und ihren Vollzug [&#8230;] der Rechtsweg vor der Mitteilung an den Betroffenen nicht zul&auml;ssig&ldquo; ist.<\/p>\n<p>Diese Regelung sollte ersatzlos gestrichen werden, damit jeder Betroffene uneingeschr&auml;nkt das rechtsstaatliche Fundamentalrecht des Artikel 19 Absatz 4 Satz 1 GG jederzeit nutzen kann.<\/p>\n<p>Auch die im G10-Gesetz vorgesehene parlamentarische Kontrolle durch das PKG und die G10-Kommission stellen keinen wirksamen Ersatz f&uuml;r eine gerichtliche Kontrolle dar, schon weil diese Gremien gem&auml;&szlig; dem St&auml;rkeverh&auml;ltnis der Fraktionen besetzt, d.h. von der parlamentarischen Regierungsmehrheit dominiert werden und die Betroffenen hier nur eingeschr&auml;nkte Verfahrensrechte haben. Ein ausreichender Schutz von geheimhaltungsbed&uuml;rftigen Informationen kann durch prozessrechtliche Vorschriften &uuml;ber den Ausschluss der &Ouml;ffentlichkeit und &uuml;ber die Einschr&auml;nkung der Pflicht zur Vorlage der Akten (&sect; 99 VwGO) gew&auml;hrleistet werden.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"6-staerkung-der-parlamentarischen-kontrollrechte\">6. St&auml;rkung der parla&shy;men&shy;ta&shy;ri&shy;schen Kontroll&shy;rechte<\/span><\/h2>\n<p>Nach &sect; 4 PKGrG entscheidet die Bundesregierung selbst, &uuml;ber welche &bdquo;allgemeine T&auml;tigkeit&ldquo; bzw. welche &bdquo;Vorg&auml;nge besonderer Bedeutung&ldquo; sie das PKG informiert. Die Abgeordneten k&ouml;nnen angesichts der Vielzahl an Geheimdienstaktivit&auml;ten jedoch kaum einsch&auml;tzen, ob dies tats&auml;chlich passiert. Deshalb muss der Inhalt der Unterrichtungspflicht durch Regelbeispiele konkretisiert werden.<\/p>\n<p>Jedem Mitglied der Kontrollgremien sollten zudem zumindest je f&uuml;nf fachlich ausgewiesene Mitarbeiter seiner Wahl zur Verf&uuml;gung gestellt werden, die auch an den Sitzungen teilnehmen d&uuml;rfen.<\/p>\n<p>Es sollte ferner gesetzlich gew&auml;hrleistet sein, dass sich Mitarbeiter der Nachrichtendienste ohne vorherige Beteiligung ihrer Vorgesetzten an die parlamentarischen Kontrollgremien wenden d&uuml;rfen und ihnen daraus keine Nachteile entstehen.<\/p>\n<p>Die strafrechtlich bewehrte Geheimhaltungspflicht hindert die Mitglieder der Kontrollgremien, die Regierung &ouml;ffentlich fundiert zu kritisieren. Diese Beschr&auml;nkungen (vgl. &sect; 10 Absatz 2 und 3 PKGrG) m&uuml;ssen deshalb modifiziert werden, insbesondere dahingehend, dass schon ein Minderheitenquorum zu &ouml;ffentlichen Stellungnahmen berechtigt. Die Mitglieder der Kontrollgremien sollten zudem von ihrer Schweigepflicht im Falle von ihnen bekannt gewordenen Rechtsverst&ouml;&szlig;en ausdr&uuml;cklich entbunden werden.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"7-eu-datenschutz\">7. EU-Da&shy;ten&shy;schutz<\/span><\/h2>\n<p>Die EU sollte mit den USA ein Abkommen &uuml;ber den Schutz des informationellen Selbstbestimmungsrechts (&bdquo;Datenschutzabkommen&ldquo;) aushandeln, das den Anforderungen des Artikel 8 EMRK entspricht. Darin sollten ferner allen B&uuml;rgern der EU und der USA wechselseitige Klagerechte sowohl vor US- als auch vor europ&auml;ischen Gerichten einr&auml;umt werden.<\/p>\n<p>Die 2013 im Entwurf der EU-Datenschutzverordnung gestrichene Anti-FISA-Klausel (Artikel 42), wonach Unternehmen sensible Daten von EU-B&uuml;rgern nur dann an ausl&auml;ndische Sicherheitsbeh&ouml;rden &uuml;bermitteln d&uuml;rfen, wenn dies durch ein Rechtshilfeabkommen gedeckt ist, ist unverzichtbar und sollte wieder aufgenommen werden.<\/p>\n<p>Unternehmen, die in der EU gesch&auml;ftlich t&auml;tig sind und rechtswidrig Informationen an Nachrichtendienste weitergeben, m&uuml;ssen mit empfindlichen Strafen belegt werden, die sich zu Abschreckungseffekten an der H&ouml;he des Konzernumsatzes orientieren. Ferner sollte f&uuml;r Streitigkeiten &uuml;ber die Auslegung dieses Abkommens die Zust&auml;ndigkeit des Internationalen Gerichtshofs nach Artikel 36 des IGH-Statuts anerkannt werden.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h2>\n<p>Bigo, Didier u.a.: National Programmes for Mass Surveillance of Personal Data in EU-Member States and their Compatibility with EU Law. Study requested by the European<\/p>\n<p>Parliament&#8217;s Committee on Civil Liberties, Justice and Home Affairs. Brussels. 2013 (in: <a href=\"http:\/\/www.europarl.europa.eu\/RegData\/etudes\/etudes\/join\/2013\/493032\/IPOL-LIBE_ET%282013%29493032_EN.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.europarl.europa.eu\/RegData\/etudes\/etudes\/join\/2013\/493032\/IPOL-LIBE_ET%282013%29493032_EN.pdf<\/a><\/p>\n<p>Deiseroth, Dieter: Societal Verification. 3. Aufl., BoD-Verlag. Nordenham. 2010<\/p>\n<p>Deiseroth, Dieter\/Falter, Annegret (Hrsg.): Whistleblowing im Milit&auml;r und in den Geheimdiensten. Whistleblower-Preis 2011 an Bradley (Chelsea) Manning und Whistleblower-Preis 2013 an Edward J. Snowden. Berliner Wissenschaftsverlag. 2014 (i.E.)<\/p>\n<p>Foschepoth, Josef: &Uuml;berwachtes Deutschland. Post- und Telefon&uuml;berwachung in der alten Bundesrepublik. Vandenhoeck &amp; Ruprecht, G&ouml;ttingen 2012; 3. Auflage 2013, ISBN 978-3-525-30041-1, auch als Bd. 1415 in der Schriftenreihe der Bundeszentrale f&uuml;r politische Bildung. Bonn 2013.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[771,822],"autoren":[298],"publikationen":[1030],"class_list":["post-10319","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gg-artikel-2","tag-grr-artikel","autoren-dieter-deiseroth","publikationen-1030"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Rechtspolitische Konsequenzen aus der \u201eNSA-Aussp\u00e4haff\u00e4re\u201c - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2014\/publikation\/rechtspolitische-konsequenzen-aus-der-nsa-ausspaehaffaere\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Rechtspolitische Konsequenzen aus der \u201eNSA-Aussp\u00e4haff\u00e4re\u201c - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Grundrechte-Report 2014, Seite 28 Die Enth&uuml;llungen des Whistleblowers Edward J. 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