{"id":10321,"date":"2014-05-23T09:45:00","date_gmt":"2014-05-23T07:45:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/dein-obdach-ist-nicht-hier-kein-raum-fuer-wohnungslose-am-hamburger-hauptbahnhof\/"},"modified":"2021-08-30T15:41:47","modified_gmt":"2021-08-30T13:41:47","slug":"dein-obdach-ist-nicht-hier-kein-raum-fuer-wohnungslose-am-hamburger-hauptbahnhof","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2014\/publikation\/dein-obdach-ist-nicht-hier-kein-raum-fuer-wohnungslose-am-hamburger-hauptbahnhof\/","title":{"rendered":"Dein Obdach ist nicht hier &#8211; Kein Raum f\u00fcr Wohnungslose am Hamburger Hauptbahnhof"},"content":{"rendered":"<p>Grundrechte-Report 2014, Seite 37<\/p>\n<p>Klaus Triebe ist 72 Jahre alt, obdachlos und den Tr&auml;nen nah. M&uuml;hsam st&uuml;tzt sich der Mann auf seinen Gehstock, auf dem Kopf eine rote M&uuml;tze gegen die K&auml;lte. &#8222;Das gibt&#8217;s doch gar nicht!&#8220;, ruft er immer wieder. Sein wettergegerbtes Gesicht ist von tiefen Furchen durchzogen und von wei&szlig;em Bart umwuchert. Es bebt vor Fassungslosigkeit und Wut. Zuf&auml;llig wurde gefilmt, was ihm widerfahren war: Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes der Deutschen Bahn hatten sich vor dem Obdachlosen aufgebaut und ihn vom Hamburger Hauptbahnhof vertrieben (<a href=\"http:\/\/youtu.be\/TFu-Fe5AxyY\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/youtu.be\/TFu-Fe5AxyY<\/a>).<\/p>\n<p>Das war im tiefsten Winter. Kurz zuvor, Ende September, hatte das &#8222;Fachamt Management des &ouml;ffentlichen Raums&#8220; des Bezirksamtes Hamburg Mitte das Strategiepapier &#8222;Situation am Hauptbahnhof &#8211; Konzept Sicherheit und Ordnung&#8220; erstellt. Gleich im ersten Satz wird formuliert, was das Bezirksamt unter Unsicherheit und Unordnung versteht: Der Hauptbahnhof &#8222;und dabei insbesondere die &uuml;berdachten Vorpl&auml;tze&#8220;, ist zu lesen, w&uuml;rde zunehmend von Obdachlosen und Alkoholikern &#8222;belagert&#8220;, was mit &#8222;wildem Urinieren, verbalen &Uuml;bergriffen, aggressivem Betteln et cetera&#8220; einhergehe und &#8222;das Bild, das sich den zahlreichen Touristen dieser Stadt pr&auml;sentiert, nachhaltig beeintr&auml;chtigt&#8220; (B&uuml;rgerschafts-Drucksache 20\/1753).<\/p>\n<p>Rechtlich war die Vertreibung Obdachloser in aller Regel nicht m&ouml;glich. Zwar sind sieben verschiedene Einrichtungen am Hauptbahnhof &#8222;f&uuml;r den Bereich Sicherheit und Ordnung&#8220; t&auml;tig, doch die Zust&auml;ndigkeit dieser Einrichtungen bestimmt sich nach dem genauen Ort. Die &uuml;berdachten Bahnhofsvorpl&auml;tze und Fu&szlig;g&auml;ngertunnel sind nicht Privatbesitz der Deutschen Bahn (DB), zust&auml;ndig waren also die Polizei und der Bezirkliche Ordnungsdienst. Diese sind jedoch an die Vorgaben des Gesetzgebers gebunden, wie das Bezirksamt bedauert: &#8222;Trinken, L&auml;rmen, Stehen, Sitzen und Liegen in der &Ouml;ffentlichkeit allein ist weder eine Straftat oder eine Ordnungswidrigkeit noch eine Sondernutzung. Die Polizei Hamburg hat somit keine Rechtsgrundlage (&#8230;). Auch f&uuml;r das Einschreiten des Bezirklichen Ordnungsdienstes bedarf es objektiver Ordnungswidrigkeits-Tatbest&auml;nde. Die DB ist zwar au&szlig;erhalb des Bahnhofes nicht zust&auml;ndig, aber dennoch bereit, auch in den &uuml;berdachten Au&szlig;enbereichen sowie dem M&ouml;nckebergtunnel in unmittelbarer N&auml;he des Hauptbahnhofs t&auml;tig zu werden, sofern ihr f&uuml;r diese Fl&auml;chen eine Sondernutzungserlaubnis erteilt w&uuml;rde&#8220;. Die L&ouml;sung war also gefunden: Die Stadt bleibt Eigent&uuml;merin der Bahnhofsvorpl&auml;tze, die weiter &ouml;ffentliche Fl&auml;chen darstellen. Allerdings wurden die Hallenvord&auml;cher vertraglich f&uuml;r vorerst zehn Jahre zur Nutzung als Bahnhofszugangsanlage an die Deutsche Bahn &uuml;bertragen und ihr als Sondernutzungsrecht einger&auml;umt, ihre Benutzungsregeln auf die genannten Bereiche auszudehnen. Auch Verhaltensweisen, die in &ouml;ffentlichen R&auml;umen nach dem Gesetz grundrechtlich gesch&uuml;tzt und darum zu tolerieren sind, sind seither auf diesen Fl&auml;chen mit Verweis auf die Hausordnung der DB AG verboten: rauchen, trinken, herumsitzen. Klaus Triebes blo&szlig;e Anwesenheit auf einer &ouml;ffentlichen Fl&auml;che im Eigentum der Stadt Hamburg ist nun ein Vertreibungsgrund nach privater Hausordnung der Bahn, die Hausverbote ausspricht und eine Hausverbotsdatei unterh&auml;lt (vgl. Drs. 20\/6943).<\/p>\n<p><b>Neue Ordnung Hausordnung<\/b><\/p>\n<p>Die zust&auml;ndige Bezirksverwaltung erkl&auml;rte, es sei nicht ihre Aufgabe &#8222;rechtliche Betrachtungen &uuml;ber die Reichweite der Grundrechtsbindung der DB anzustellen&#8220; (Bezirksversammlung Hamburg-Mitte, Drs. A 20\/121\/12). Dabei wurde ihr diese Arbeit schon abgenommen. In der Fraport-Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG, 1 BvR 699\/06 vom 22.2.2011; dort Rz. 50) wurde klar festgestellt, dass auf Fl&auml;chen, die &ouml;ffentliche Unternehmen wie die Deutsche Bahn dem &ouml;ffentlichen Verkehr zur Verf&uuml;gung stellen, die volle Grundrechtsbindung gew&auml;hrleistet werden muss (Deppe, Grundrechte-Report 2012, 88 ff). Irgendwie scheint dies der Stadt auch bewusst zu sein: Als der Sicherheitsdienst der Bahn eine Demonstration gegen die Vertreibung der Obdachlosen auf den Bahnhofsvorpl&auml;tzen verhindern wollte, griff die Polizei ein, um die Versammlung zu erm&ouml;glichen.<\/p>\n<p>F&uuml;r Obdachlose scheint diese Grundrechtsbindung hingegen nicht zu gelten; ihre Grundrechte sind in dieser Sonderzone faktisch teilweise suspendiert. Der Hauptbahnhof ist dabei bei weitem nicht die einzige &#8222;Grundrechtssonderzone&#8220; in Hamburg. Unmittelbar n&ouml;rdlich schlie&szlig;t das &#8222;Gefahrengebiet St. Georg&#8220; an. In diesem Areal hat die Polizei seit dem 1. Juni 1995 besondere Befugnisse, von denen sie auch &uuml;ppig Gebrauch macht: Allein von Ende 2005 bis Ende 2012 wurden dort nicht weniger als 87.430 Aufenthaltsverbote ausgesprochen und fast 10.000 Menschen in Gewahrsam genommen (vgl. <a href=\"http:\/\/www.grundrechte-kampagne.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.grundrechte-kampagne.de<\/a>). Etwas s&uuml;dlich des Bahnhofs liegt der Bannkreis rund um das Hamburger Rathaus, in dem Demonstrationen nur ausnahmsweise erlaubt werden k&ouml;nnen, dahinter die Gefahrengebiete &#8222;St. Pauli&#8220; und &#8222;St. Pauli Vergn&uuml;gungsviertel&#8220; sowie die &#8222;Glasflaschenverbotszone&#8220; Reeperbahn mit besonderen Befugnissen der Polizei respektive besonderen Grundrechtseinschr&auml;nkungen. Wenige hundert Meter s&uuml;d&ouml;stlich wiederum beginnt die Hamburger HafenCity. Viele der Fl&auml;chen, die in St&auml;dten im bisherigen Sinn &ouml;ffentlich gewesen w&auml;ren, sind in der HafenCity private Fl&auml;chen mit &ouml;ffentlichen Gehrechten. Auch hier haben private Sicherheitsdienste Sonderbefugnisse &#8211; prominent wurde ein Bericht von Reportern des NDR, in dem seitens der HafenCity GmbH nicht nur &#8222;Bettler oder Wohnungslose, Obdachlose, eher unerw&uuml;nschte Elemente&#8220; als &#8222;nicht traditionelle Besucher&#8220; angegeben, sondern dem NDR auch das Filmen auf den Stra&szlig;en durch private Sicherheitsdienste verwehrt wurde (einsehbar unter <a href=\"http:\/\/v.gd\/fkSeYC\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/v.gd\/fkSeYC<\/a>).<\/p>\n<p>So wird Hamburg sukzessive zu einem Flickenteppich grundrechtlicher Sonderzonen: Filmen? Hier nicht, diese &ouml;ffentliche Fl&auml;che ist privat! Sitzen? Hier nicht, diese &ouml;ffentliche Fl&auml;che unterliegt der Hausordnung der Bahn! Passieren? Hier nicht, wenn die Polizei sie kontrollieren will! Demonstrieren? Hier nicht, nur mit Ausnahmegenehmigung des Senats! Am h&auml;rtesten treffen diese Sonderzonen diejenigen, die am meisten darauf angewiesen sind, sich in den Nischen dieser Gesellschaft durchzuschlagen; die &uuml;ber Bel&uuml;ftungssch&auml;chten versuchen, ein wenig W&auml;rme zu erheischen; die in Hauseing&auml;ngen und unter &ouml;ffentlichen D&auml;chern Obdach vor dem Regen und der K&auml;lte suchen; die sich abends um die Ehrenamtlichen scharen, um ein wenig Suppe zu ergattern. In Hamburg schl&auml;gt das &#8222;Unternehmen Stadt&#8220; unerbittlich auf sie nieder. In der Metropole sind sie und die in ihre K&ouml;rper und Gesichter eingeschriebenen Lebenswege nicht nur &uuml;berfl&uuml;ssig, sondern Unrat, dem kein Recht auf Stadt zu gew&auml;hren ist. Bel&uuml;ftungssch&auml;chte werden mit Blechk&auml;sten vor ihnen verbaut, Hauseing&auml;nge mit Sprinkleranlagen vor ihnen gesch&uuml;tzt, Parkb&auml;nke unbequem gemacht, Br&uuml;ckenb&ouml;gen verz&auml;unt und das &ouml;ffentliche Bild von R&auml;umen wie dem Bahnhof gewaltsam von ihnen gereinigt. Statt eine Gesellschaft zu schaffen, in der Armut unm&ouml;glich wird, geschieht in Hamburg das genaue Gegenteil. Privates Eigentum und seine Schutzregime werden immer weiter ausgebaut, w&auml;hrend die durch das Raster fallenden Menschen doch bitte eines nicht tun m&ouml;gen: das Bild der Stadt nachhaltig beeintr&auml;chtigen.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[771,822],"autoren":[1694],"publikationen":[1030],"class_list":["post-10321","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gg-artikel-2","tag-grr-artikel","autoren-moritz-assall","publikationen-1030"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Dein Obdach ist nicht hier - Kein Raum f\u00fcr Wohnungslose am Hamburger Hauptbahnhof - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2014\/publikation\/dein-obdach-ist-nicht-hier-kein-raum-fuer-wohnungslose-am-hamburger-hauptbahnhof\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Dein Obdach ist nicht hier - Kein Raum f\u00fcr Wohnungslose am Hamburger Hauptbahnhof - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Grundrechte-Report 2014, Seite 37 Klaus Triebe ist 72 Jahre alt, obdachlos und den Tr&auml;nen nah. 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