{"id":10323,"date":"2014-05-23T09:15:00","date_gmt":"2014-05-23T07:15:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/nichts-neues-aus-der-anstalt-der-fall-mollath\/"},"modified":"2021-08-30T15:41:47","modified_gmt":"2021-08-30T13:41:47","slug":"nichts-neues-aus-der-anstalt-der-fall-mollath","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2014\/publikation\/nichts-neues-aus-der-anstalt-der-fall-mollath\/","title":{"rendered":"Nichts Neues aus der Anstalt &#8211; Der Fall Mollath"},"content":{"rendered":"<p>Grundrechte-Report 2014, Seite 45<\/p>\n<p>Im August 2013 wurde Gustl Mollath nach langem juristischem Tauziehen endlich aus der Forensischen Psychiatrie Bayreuth entlassen. Der Fall hatte nicht nur in Bayern, sondern bundesweit f&uuml;r Schlagzeilen gesorgt. Es kamen Dinge ans Tageslicht, die diesen Fall, aber auch exemplarisch den gesamten sogenannten Ma&szlig;regelvollzug grell ausleuchten.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"die-anlasstat\">Die Anlasstat <\/span><\/h2>\n<p>Ein Angeklagter vor Gericht wird im Regelfall verurteilt, selten freigesprochen. Ist er psychisch krank und damit schuldunf&auml;hig, wird er ebenfalls freigesprochen, es wird aber gem&auml;&szlig; &sect; 63 Strafgesetzbuch (StGB) die Unterbringung in der Psychiatrie angeordnet. Daf&uuml;r muss die sogenannte Anlasstat von Gewicht sein, das gebietet der in &sect; 62 StGB normierte Grundsatz der Verh&auml;ltnism&auml;&szlig;igkeit. Was hatte Gustl Mollath getan? Laut den damaligen Feststellungen des Landgerichts N&uuml;rnberg-F&uuml;rth hatte er seine Ehefrau anl&auml;sslich der von ihr betriebenen Trennung mehrmals geschlagen, gebissen, gew&uuml;rgt und ihr auch einmal f&uuml;r eineinhalb Stunden den Weg aus der Wohnung versperrt. Zudem besch&auml;digte er &uuml;ber einen Zeitraum von zwei Monaten die Autos verschiedener Personen, die in der Scheidungssituation der Ehefrau nahestanden &#8211; Schaden insgesamt knapp 7.000,00 Euro. Das beschriebene K&ouml;perverletzungsdelikt ist abstrakt offensichtlich von Gewicht, konkret aber muss auffallen, dass es sich um eine reine Beziehungstat handelt, zudem in der zugespitzten Situation der Trennung. Mollath hat nie andere Personen verletzt, hier beschr&auml;nkte sich seine Aggression auf blo&szlig;e Sachbesch&auml;digungen. Diese lagen zum Zeitpunkt der Anordnung der Unterbringung schon eineinhalb Jahre zur&uuml;ck, der t&auml;tliche &Uuml;bergriff auf die Ehefrau im &Uuml;brigen bereits f&uuml;nf Jahre, die Freiheitsberaubung mehr als vier Jahre. Da zwischenzeitlich auch die Scheidung erfolgt war, h&auml;tte das Gericht durchaus auf den Gedanken kommen m&uuml;ssen, dass eine schwierige Phase im Leben von Mollath &#8211; einigerma&szlig;en glimpflich &#8211; ihren Abschluss gefunden hatte und diese Taten kein Anlass (mehr) sein konnten f&uuml;r eine Unterbringung. Dabei bleibt noch v&ouml;llig unber&uuml;cksichtigt, dass es nur eine sehr d&uuml;rftige Beweislage gab &#8211; keine Tatzeugen bei den Sachbesch&auml;digungen und im &Uuml;brigen praktisch als einzige Zeugin, von eigenen Interessen geleitet, die fr&uuml;here Ehefrau.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"die-seelische-krankheit\">Die seelische Krankheit <\/span><\/h2>\n<p>Die Ehefrau hatte die Vorf&auml;lle nicht nur angezeigt, sondern auch ein Attest besorgt, nach dem Mollath mit gro&szlig;er Wahrscheinlichkeit an einer ernstzunehmenden Erkrankung mit Fremdgef&auml;hrlichkeit leide; diese &bdquo;Diagnose&ldquo; beruhte auf ihren Schilderungen bei ihrer &Auml;rztin. Mollath verteidigte sich damit, dass es Ehestreitigkeiten gebe, weil er erhebliche Schwarzgeldverschiebungen in die Schweiz, die seine Ehefrau im Rahmen ihrer T&auml;tigkeit bei der H-Bank organisierte, nicht billigen k&ouml;nne, und sie ihn deshalb &#8211; auch k&ouml;rperlich &#8211; angegriffen habe. Er legte dazu einen Schnellhefter mit schriftlichen Unterlagen vor, den das Gericht, weil &bdquo;in keinem erkennbaren Zusammenhang mit den Anklagevorw&uuml;rfen&ldquo;, einfach abtat. &bdquo;Aufgrund der zum Teil wirren Ausf&uuml;hrungen des Angeklagten&ldquo; waren aus richterlicher Sicht erhebliche Zweifel an der Schuldf&auml;higkeit gegeben; eine psychiatrische Begutachtung wurde angeordnet, der Schwarzgeldskandal vom Fleck weg als Wahn von Mollath eingeordnet. Ein interner Revisionsbericht der H-Bank, der Mollaths Behauptungen als im Ergebnis weitgehend zutreffend auswies, blieb intern und wurde erst jetzt bekannt. Eine Anzeige Mollaths wurde nicht bearbeitet, der Inhalt des Schnellhefters nur h&ouml;chst rudiment&auml;r zur Kenntnis genommen.<\/p>\n<p>Mollath hielt sich selbst nicht f&uuml;r krank, verweigerte daher folgerichtig die freiwillige psychiatrische Begutachtung. Er wurde zwangsweise eingewiesen und &bdquo;auf Station&ldquo; &uuml;ber Wochen &bdquo;beobachtet&ldquo;. Danach war der Sachverst&auml;ndige sich in seinem Gutachten f&uuml;r das Gericht sicher: Der Angeklagte habe ein paranoides Gedankensystem entwickelt, Stichwort &bdquo;Schwarzgeldverschiebung&ldquo;. Er sei &bdquo;unkorrigierbar der &Uuml;berzeugung&ldquo;, dass seine Ehefrau und andere Personen darin verwickelt seien. Die wahnhafte Symptomatik sei im Sinne des Gesetzes eine krankhafte St&ouml;rung. Das Gericht &uuml;bernahm dieses Gutachten mit zwei d&uuml;rren S&auml;tzen, in denen es hei&szlig;t, auch in der Hauptverhandlung habe sich die wahnhafte Gedankenwelt des Angeklagten vor allem im Hinblick auf den Schwarzgeldskandal bei der H-Bank best&auml;tigt.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"die-prognose\">Die Prognose <\/span><\/h2>\n<p>Die Unterbringung ist nur zul&auml;ssig, wenn eine ung&uuml;nstige Prognose gegeben ist, d.h. zuk&uuml;nftig weitere &auml;hnliche Taten zu erwarten sind. Da kam f&uuml;r das Gericht bei Mollath einiges zusammen: Er hatte keine Krankheitseinsicht, lehnte daher auch Behandlung ab; daraus hatte der Sachverst&auml;ndige gefolgert, der krankhafte Zustand k&ouml;nne sich nicht verbessern, sondern nur verschlimmern. Dann aber, so das Gericht, sind weitere &auml;hnliche Taten zu erwarten; Mollath werde in sein Wahnsystem immer neue Personen einbeziehen, so dass damit auch die Allgemeinheit gef&auml;hrdet ist.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"die-unterbringung\">Die Unter&shy;brin&shy;gung <\/span><\/h2>\n<p>Die Zahl der nach &sect; 63 StGB untergebrachten Personen steigt st&auml;ndig; 3.000 im Jahr 1996 stehen bereits 6.750 im Jahr 2012 gegen&uuml;ber (alte Bundesl&auml;nder). Gleichzeitig wurden in den letzten Jahren weniger Unterbringungen angeordnet. Die Diskrepanz erkl&auml;rt sich daraus, so die Bundesregierung, dass es weniger &auml;rztliche Entlassungsempfehlungen gibt. Ein st&auml;rkeres Sicherheitsdenken und eine punitive Grundstimmung in der Kriminalpolitik kommen hinzu. Gesetzlich vorgeschrieben ist, dass die Unterbringung j&auml;hrlich gerichtlich auf der Grundlage eines aktuellen psychiatrischen Gutachtens &uuml;berpr&uuml;ft wird. Realit&auml;t ist &#8211; das belegen nicht zuletzt die genannten Zahlen -, dass das urspr&uuml;ngliche Gutachten, das das Gericht zur Anordnung der Unterbringung veranlasst hat, weitgehend &uuml;bernommen und mit wenigen S&auml;tzen aktualisiert wird. Die Prognose bleibt, jedenfalls in den ersten Jahren, fast immer ung&uuml;nstig. Dies gilt nat&uuml;rlich erst recht in F&auml;llen wie Mollath, wo fehlende Krankheitseinsicht festgeschrieben bleibt &#8211; die Behandlungsverweigerung tut ihr &uuml;briges. Man muss dabei auch wissen, dass die Gutachten von der Unterbringungseinrichtung erstellt werden, vom (nicht) behandelnden Arzt. Nach f&uuml;nf Jahren soll ein externes Gutachten eingeholt werden. Auch dabei werden oft alle &bdquo;Tatsachen&ldquo; aus den fr&uuml;heren Gutachten &uuml;bernommen. Das Gericht macht sich dann jeweils in den Unterbringungsfortdauerbeschl&uuml;ssen mit wenigen Worten die &bdquo;&uuml;berzeugenden&ldquo; Ausf&uuml;hrungen des Sachverst&auml;ndigen zu Eigen.<\/p>\n<p>Mollath kam schlie&szlig;lich frei, weil die vielen Ungereimtheiten in seinem Verfahren und die ungew&ouml;hnliche Publizit&auml;t des Falles sogar die Staatsanwaltschaft veranlassten, einen Wiederaufnahmeantrag zu stellen, der, auch erst in zweiter Instanz, Erfolg hatte. Parallel hatte Mollath Verfassungsbeschwerde gegen die Fortdauer der Unterbringung eingereicht, die zuvor j&auml;hrlich und in allen Instanzen immer best&auml;tigt worden war. Das Bundesverfassungsgericht gab ihm Recht; es verlangt von den Gerichten eine strenge(re) Kontrolle von Unterbringungen in der Psychiatrie. Je l&auml;nger die Unterbringung dauere, umso schwerer wiege der Grundsatz der Verh&auml;ltnism&auml;&szlig;igkeit. Die k&uuml;nftigen Straftaten m&uuml;ssen konkret benannt werden, ebenso die Ankn&uuml;pfungstatsachen, auf die sich die Prognose gr&uuml;ndet. Das &bdquo;Gebot der bestm&ouml;glichen Sachaufkl&auml;rung&ldquo; wird angemahnt, verbunden mit der Ber&uuml;cksichtigung entlastender Umst&auml;nde &#8211; eine Ohrfeige f&uuml;r die Vorinstanzen. Am Ende m&uuml;ssen die Gerichte eine eigenst&auml;ndige Entscheidung treffen und d&uuml;rfen nicht blind dem Gutachter folgen.<\/p>\n<p>Die Bestandsaufnahme 2013, veranschaulicht durch den Fall Mollath, ergibt f&uuml;r den Ma&szlig;regelvollzug folgende Definition: Es gibt Regeln, die starr vollzogen werden und (oft) kein richtiges Ma&szlig; kennen. Schon bei der Anordnung der Unterbringung muss viel genauer hingeschaut werden, nicht erst bei der Frage, wann der Betroffene wieder entlassen werden kann. Der Fall Mollath zeigt, dass die Entlassung tats&auml;chlich ein Gl&uuml;cksspiel sein kann. Es muss vor allem am Anfang skrupul&ouml;s gekl&auml;rt werden, ob jemand eine krankhafte seelische St&ouml;rung aufweist u n d deshalb auch als gemeingef&auml;hrlich einzusch&auml;tzen ist. Der Grundsatz der Verh&auml;ltnism&auml;&szlig;igkeit muss wieder zum Grundsatz werden.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h2>\n<p>Urteil Mollath, LG N&uuml;rnberg-F&uuml;rth, <a href=\"http:\/\/dejure.org\/2006.73841\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/dejure.org\/2006.73841<\/a><\/p>\n<p>Bundesverfassungsgericht v. 26.08.13 \/ 2 BvR 371\/12 <a href=\"http:\/\/dejure.org\/2013.22225\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/dejure.org\/2013.22225<\/a><\/p>\n<p>Reform&uuml;berlegungen zum Unterbringungsrecht, <a href=\"http:\/\/www.bmj.de\/2013\/20130715\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.bmj.de\/2013\/20130715<\/a><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[771,822],"autoren":[1695],"publikationen":[1030],"class_list":["post-10323","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gg-artikel-2","tag-grr-artikel","autoren-martin-heiming","publikationen-1030"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Nichts Neues aus der Anstalt - Der Fall Mollath - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2014\/publikation\/nichts-neues-aus-der-anstalt-der-fall-mollath\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Nichts Neues aus der Anstalt - Der Fall Mollath - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Grundrechte-Report 2014, Seite 45 Im August 2013 wurde Gustl Mollath nach langem juristischem Tauziehen endlich aus der Forensischen Psychiatrie Bayreuth entlassen. 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