{"id":10331,"date":"2013-05-23T08:00:00","date_gmt":"2013-05-23T06:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/nicht-nur-im-nationalsozialistischen-untergrund-zwei-bis-drei-rechte-gewalttaten-taeglich\/"},"modified":"2021-08-30T15:41:36","modified_gmt":"2021-08-30T13:41:36","slug":"nicht-nur-im-nationalsozialistischen-untergrund-zwei-bis-drei-rechte-gewalttaten-taeglich","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2013\/publikation\/nicht-nur-im-nationalsozialistischen-untergrund-zwei-bis-drei-rechte-gewalttaten-taeglich\/","title":{"rendered":"Nicht nur im (nationalsozialistischen) \u201eUntergrund\u201c &#8211; Zwei bis drei rechte Gewalttaten t\u00e4glich"},"content":{"rendered":"<p>Grundrechte-Report 2013, Seite 60<\/p>\n<p>Seit der Selbstenttarnung des &bdquo;Nationalsozialistischen Untergrunds&ldquo; (NSU) im November 2011 und der nachfolgenden Auseinandersetzung mit dem eklatanten Staatsversagen im NSU-Komplex, konzentriert sich die Berichterstattung &uuml;ber rechte Gewalt fast ausschlie&szlig;lich auf den organisierten Rechtsterrorismus. Nahezu unbemerkt von der &Ouml;ffentlichkeit bleibt die Tatsache, dass sich nichts ge&auml;ndert hat an dem &bdquo;unertr&auml;glichen Zustand, dass wir t&auml;glich zwei bis drei rechte Gewalttaten in Deutschland haben&ldquo;, so der Pr&auml;sident des Bundeskriminalamts J&ouml;rg Ziercke im Sommer 2012 vor dem NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages.<\/p>\n<p>Im Gegenteil: Die Militanz der Neonazibewegung, aber auch nicht in neonazistischen Strukturen eingebundener rassistischer Schl&auml;gerinnen und Schl&auml;ger ist ungebrochen. Zentraler jedoch wirkt sich aus, dass Opfer rechter und rassistischer Gewalt noch immer mit der fatalen Mischung aus Ignoranz, Inkompetenz, Verharmlosung und Vertuschung bei Strafverfolgern und Justiz konfrontiert sind, die das Staatsversagen im NSU-Komplex im Zusammenspiel mit institutionellem Rassismus erst erm&ouml;glicht haben. Allen Sonntagsreden zum Trotz hat sich an diesem Zustand seit dem 4. November 2011 wenig ge&auml;ndert.<\/p>\n<p>Ein Ausschnitt dieser Realit&auml;t spiegelt sich in den Chroniken der spezialisierten, unabh&auml;ngigen Beratungsstellen f&uuml;r Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt wider, die nur in den neuen Bundesl&auml;ndern und Berlin fl&auml;chendeckend arbeiten k&ouml;nnen. Deutlich wird hier auch immer wieder eine mangelnde Bereitschaft, die normalen Instrumente der Strafverfolgung auch bei rassistischen und rechten Gewaltt&auml;tern ad&auml;quat anzuwenden.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"das-habt-ihr-nun-davon-ihr-auslaender\">&bdquo;Das habt ihr nun davon, ihr Ausl&auml;nder&ldquo; <\/span><\/h2>\n<p>&bdquo;Wie kann jemand von hinten mit einem Schlagstock voller Wucht auf einen Menschen einschlagen&ldquo;, fragt eine Zeugin eines rassistisch motivierten Angriffs auf&nbsp;vier pal&auml;stinensische Familienmitglieder und deren pal&auml;stinensische Freunde&nbsp;&#8211; darunter drei Kinder im Alter von zwei, sieben und zw&ouml;lf Jahren&nbsp;&#8211; am 29. April 2012 in Lutherstadt-Eisleben (Sachsen-Anhalt). Ein Fall, in dem sogar sehr detaillierte Zeugenaussagen dar&uuml;ber vorliegen, wie mindestens drei u. a. mit einem Teleskopschlagstock und einem Schlagring bewaffnete Neonazis w&auml;hrend des Eislebener Fr&uuml;hlingsfestes die migrantischen Familien v&ouml;llig unvermittelt angegriffen. Mit dem Satz &bdquo;Das habt ihr nun davon, Ausl&auml;nder&ldquo; schl&auml;gt einer der M&auml;nner einen 32-j&auml;hrigen Pal&auml;stinenser mit einem Schlagring von hinten zu Boden. Der Mann &bdquo;blutete aus jeder Pore, aus der Nase, aus dem Mund,&ldquo; so eine Zeugin. Weitere Rechte kommen hinzu und schlagen immer wieder gezielt auf den Kopf des am Boden Liegenden ein. Bei ihren Versuchen, dem 32-J&auml;hrigen zu helfen, werden auch sein Schwiegervater, dessen Freund und seine Ehefrau sowie seine Schwiegermutter angegriffen und verletzt. Letztere wird mehrfach so massiv mit ihrem Kopf auf den Fu&szlig;boden geschlagen, dass sie das Bewusstsein verliert. Als ein Zeuge ihr helfen will, wird auch er geschlagen und verletzt. Auch die 22-j&auml;hrige Verlobte wird von einem der Angreifer zu Boden getreten und dann weiter geschlagen und getreten. Ihr 32-j&auml;hriger Partner muss wegen seiner schweren Kopfverletzungen per Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen werden, dort liegt er mehrere Tage im Koma.<\/p>\n<p>An der Tatmotivation gab es sowohl f&uuml;r die unmittelbar betroffenen Familien als auch ZeugInnen angesichts rassistischer Parolen und einschl&auml;giger politischer Statements auf T-Shirts und Jacken der Angreifer keine Zweifel: &bdquo;Combat 18 &#8211; Time to talk is over, time for action is now&ldquo; lautete das Motto des T-Shirts, das einer der mutma&szlig;lichen T&auml;ter offensiv zur Schau stellte. Combat 18 ist eine Ansammlung bewaffneter Zellen des in Deutschland seit dem Jahr 2000 verbotenen Neonazinetzwerks &bdquo;Blood&amp;Honour&ldquo;; das Motto &bdquo;Die Zeit zum Reden ist vorbei, jetzt ist es Zeit zu handeln&ldquo; verweist unter anderem auf den t&ouml;dlichen Bombenanschlag auf einen Treffpunkt von Schwulen in London im Jahr 1999, mit dem Combat 18 schlagartig in der internationalen Neonaziszene zum Vorbild wurde.<\/p>\n<p>Da es dem Schwiegervater gelungen war, den Hauptangreifer einzuholen und bis zum Eintreffen der Polizei festzuhalten, schien in Eisleben eine effektive Strafverfolgung zumindest m&ouml;glich &ndash; auch wenn die Beamten vor Ort beispielsweise eine Augenzeugin einfach wegschicken wollten, ohne ihre Daten aufzunehmen. Tats&auml;chlich nahmen Polizeibeamte einen18-j&auml;hrigen polizeibekannten Neonazi mit Verdacht auf versuchten Totschlag fest. Doch trotz des Bew&auml;hrungsversagens eines seiner mutma&szlig;lichen Mitt&auml;ter, der wegen eines einschl&auml;gigen K&ouml;rperverletzungsdelikts unter Bew&auml;hrung stand, detaillierter Zeugenaussagen zum Vorsatz der Angriffshandlungen und zur Bewaffnung der T&auml;ter, ordnete die Staatsanwaltschaft Halle die Freilassung des 18-J&auml;hrigen und seiner Mitt&auml;ter an und f&uuml;hrte die Ermittlungen fortan nur noch wegen des Vorwurfs der gef&auml;hrlichen K&ouml;rperverletzung. Auch ansonsten unterlie&szlig;en die Ankl&auml;ger eigentlich selbstverst&auml;ndliche Ermittlungsschritte, so vers&auml;umten sie es, die Verletzungen der Betroffenen unmittelbar nach der Tat durch Gerichtsmediziner feststellen zu lassen. &bdquo;Mein Mandant hat sein Leben vermutlich nur einem gl&uuml;cklichen Zufall zu verdanken,&ldquo; sagt der Berliner Rechtsanwalt Sebastian Scharmer, der den verletzten Pal&auml;stinenser vertritt. &bdquo;Dennoch hat die Staatsanwaltschaft zu keinem Zeitpunkt Ermittlungen wegen eines versuchten T&ouml;tungsdelikts gef&uuml;hrt.&ldquo;<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"verschlepptes-verfahren-verspieltes-vertrauen\">Verschlepptes Verfahren &ndash; verspieltes Vertrauen<\/span><\/h2>\n<p>Neun Monate lang versuchten Scharmer und die Rechtsanw&auml;lte der anderen Betroffenen vergeblich, die Staatsanwaltschaft Halle zu einer der Tat angemessenen Strafverfolgung zu bewegen. Eine Anklage war bis Mitte Dezember 2012 nicht in Sicht &#8211; obwohl das Jugendstrafrecht zumindest f&uuml;r den 18-j&auml;hrigen Tatverd&auml;chtigen eine zeitnahe Strafverfolgung aus &bdquo;erzieherischen Gr&uuml;nden&ldquo; nahe legt. Erst nachdem eine Reporterin der S&uuml;ddeutschen Zeitung mit Recherchen in dem Fall begann und mehrfach beim Pressesprecher der Staatsanwaltschaft anfragte, kam es am 27. Dezember 2012 zur Erhebung einer Anklage &#8211; wegen gef&auml;hrlicher K&ouml;rperverletzung beim Amtsgericht Eisleben. Damit wird von vornherein auch der Strafrahmen festgelegt: n&auml;mlich maximal vier Jahre Haft. Die mutma&szlig;lichen T&auml;ter hingegen f&uuml;hlten sich durch die mangelnde Strafverfolgung offenbar derart ermutigt, dass sie Zeugen bedrohten. Die zum Teil erheblich traumatisierten Betroffenen haben mittlerweile aus Angst vor weiteren Angriffen Sachsen-Anhalt verlassen.<\/p>\n<p>Wie gro&szlig; der Vertrauensverlust unter Angeh&ouml;rigen von gesellschaftlichen Minderheiten in die Institutionen der Strafverfolgung seit dem Bekanntwerden des NSU-Komplexes tats&auml;chlich ist, kann mangels einschl&auml;giger Studien nur vermutet werden. Schon im Jahr 2009 hatte die Grundrechteagentur der Europ&auml;ischen Union in einer ersten europaweiten Studie zu rassistischer Gewalt und Diskriminierung festgestellt, dass sich lediglich ein F&uuml;nftel der Betroffenen an die Polizei wandte. J&auml;hrlich blieben tausende F&auml;lle rassistischer Gewalt, Bedrohung und Diskriminierung unsichtbar, lautet die Schlussfolgerung der EU-Grundrechteagentur. Mangelnde Strafverfolgung, T&auml;ter-Opfer-Schuldumkehr und das Leugnen m&ouml;glicher rechter und rassistischer Tatmotive tragen jedenfalls erheblich dazu bei, Betroffene rassistischer und rechter Gewalt zu entmutigen. Von den (potenziellen) T&auml;tern hingegen wird dieser Zustand als Freibrief f&uuml;r weitere rassistische Gewalt verstanden.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h2>\n<p>Ramelsberger, Annette, &bdquo;Akte Eisleben&ldquo;, in: S&uuml;ddeutsche Zeitung vom 9. Januar 2013<\/p>\n<p>EU-MIDIS: European Union minorities and discrimination survey, abrufbar unter: <a href=\"http:\/\/fra.europa.eu\/en\/project\/2011\/eu-midis-european-union-minorities-and-discrimination-survey\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/fra.europa.eu\/en\/project\/2011\/eu-midis-european-union-minorities-and-discrimination-survey<\/a><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[771,822],"autoren":[1692],"publikationen":[1025],"class_list":["post-10331","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gg-artikel-2","tag-grr-artikel","autoren-heike-kleffner","publikationen-1025"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Nicht nur im (nationalsozialistischen) \u201eUntergrund\u201c - Zwei bis drei rechte Gewalttaten t\u00e4glich - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2013\/publikation\/nicht-nur-im-nationalsozialistischen-untergrund-zwei-bis-drei-rechte-gewalttaten-taeglich\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Nicht nur im (nationalsozialistischen) \u201eUntergrund\u201c - Zwei bis drei rechte Gewalttaten t\u00e4glich - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Grundrechte-Report 2013, Seite 60 Seit der Selbstenttarnung des &bdquo;Nationalsozialistischen Untergrunds&ldquo; (NSU) im November 2011 und der nachfolgenden Auseinandersetzung mit dem eklatanten Staatsversagen im NSU-Komplex, konzentriert sich die Berichterstattung &uuml;ber rechte Gewalt fast ausschlie&szlig;lich auf den organisierten Rechtsterrorismus. 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