{"id":10337,"date":"2012-05-23T09:00:00","date_gmt":"2012-05-23T07:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/datenschutz-im-strafvollzug\/"},"modified":"2021-08-30T15:41:17","modified_gmt":"2021-08-30T13:41:17","slug":"datenschutz-im-strafvollzug","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2012\/publikation\/datenschutz-im-strafvollzug\/","title":{"rendered":"Datenschutz im Strafvollzug"},"content":{"rendered":"<p>Grundrechte-Report 2012, Seite 36<\/p>\n<p>Beim Strafvollzug &uuml;ber Datenschutz zu reden, wirkt auf den ersten Blick befremdlich, stellt doch der Strafvollzug den Gefangenen quasi in ein Beherrschungsverh&auml;ltnis, durch das er seine pers&ouml;nliche Autonomie umfassend und nahezu vollst&auml;ndig verliert. Setzt der Strafvollzug nicht notwendigerweise umfassende Kontrolle, also auch umfassendes Wissen &uuml;ber den Gefangenen voraus? Damit er die stets bedrohte Sicherheit oder die fragile Ordnung der Anstalt nicht gef&auml;hrden kann, damit er in der richtigen Abteilung untergebracht wird, damit ihm eine passende Arbeit oder Ausbildung zugewiesen werden kann und er die richtigen therapeutischen oder p&auml;dagogischen Angebote erh&auml;lt oder um &uuml;ber Verg&uuml;nstigungen, Lockerungen oder vorzeitige Entlassung entscheiden zu k&ouml;nnen. Information ist alles im Strafvollzug &#8211; also was soll dort Datenschutz?<\/p>\n<p>Man kann, ja man muss es auch anders sehen: der humane Strafvollzug unter der Geltung des Grundgesetzes gew&auml;hrt auch in der totalen Institution einer Vollzugsanstalt dem Gefangenen Rechte und R&uuml;ckzugsr&auml;ume, unterwirft die Beherrschungsmacht der Institution Grenzen und Regeln. So hat der Datenschutz im Strafvollzug einen guten Platz, denn er regelt das informationelle Beherrschungsverh&auml;ltnis, gew&auml;hrt dem Gefangenen Rechte und damit Inseln der Autonomie im Meer der Fremdbestimmung. Das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) verlangt sowohl f&uuml;r alle Bereiche der &ouml;ffentlichen Gewalt normenklare spezifische Regelungen und hat zuletzt am 31. Mai 2006 klargestellt, dass alle Arten des justiziellen Freiheitsentzuges umfassend und detailliert gesetzlich zu regeln sind.<\/p>\n<p>Einige der regelm&auml;&szlig;ig virulenten datenschutzrechtlichen &bdquo;Knackpunkte&ldquo; sind die folgenden:<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"vertraulichkeit\">Vertraulichkeit?<\/span><\/h2>\n<p>Seit langem hoch umstritten ist der Umfang der Vertraulichkeitsverpflichtung von Anstalts&auml;rzten,&nbsp;-psychologen und -sozialarbeitern gegen&uuml;ber der Anstaltsleitung. Der Schutz der Vertraulichkeit der Beziehung zum Arzt, Therapeuten oder Sozialarbeiter ist schon in Freiheit f&uuml;r den Betroffenen von nicht zu &uuml;bersch&auml;tzender Bedeutung. Deshalb sind diese Berufshelfer sogar strafrechtlich verpflichtet, die ihnen im Rahmen des Behandlungsverh&auml;ltnisses bekannt gewordenen Informationen vertraulich zu behandeln (&sect; 203 StGB). Eine Offenbarung w&auml;re nur zur Abwendung einer drohenden konkreten Gefahr erlaubt (Notstand gem&auml;&szlig; &sect; 34 StGB, beispielsweise wenn der Arzt Hinweise auf einen aktuellen Missbrauch eines Kindes dem Jugendamt oder der Polizei mitteilt).<\/p>\n<p>Im Vollzug kommt der Vertraulichkeit gegen&uuml;ber den Berufshelfern eine noch gesteigerte Bedeutung zu, insbesondere da der Gefangene Arzt, Therapeut oder Sozialarbeiter nicht frei w&auml;hlen kann. Auch die Verwirklichung des Resozialisierungsauftrages erfordert ein Vertrauen auf Vertraulichkeit: je weitgehender die Offenbarungsverpflichtung gefasst wird, desto weniger werden Gefangene bereit sein, sich ernsthaft auf medizinische, therapeutische oder p&auml;dagogische Angebote einzulassen.<\/p>\n<p>Schon das noch bestehende Bundes-Strafvollzugsgesetz (StVollzG) schr&auml;nkt diese Vertraulichkeit ein: nach &sect; 182 Absatz 2 StVollzG m&uuml;ssen sich &Auml;rzte, Psychologen und Sozialarbeiter gegen&uuml;ber der Anstaltsleitung offenbaren, &bdquo;soweit dies f&uuml;r die Aufgabenerf&uuml;llung der Vollzugsbeh&ouml;rde oder zur Abwehr von erheblichen Gefahren f&uuml;r Leib oder Leben des Gefangenen oder Dritter erforderlich ist.&ldquo; Als relevante Aufgaben der Vollzugsanstalt werden die Erf&uuml;llung des Vollzugsziels (Resozialisierung), der Schutz der Allgemeinheit sowie die Aufrechterhaltung eines geordneten Zusammenlebens in der Vollzugsanstalt angesehen.<\/p>\n<p>Die L&auml;nder haben die neuen Gesetzgebungsverfahren seit der sogenannten F&ouml;deralismusreform kaum dazu genutzt, den Vertrauensschutz zu erh&ouml;hen. Zu konstatieren ist vielmehr, dass zum Teil die Offenbarungsverpflichtungen noch ausgeweitet worden sind. So verlangt das baden-w&uuml;rttembergische Justizvollzugsgesetzbuch, dass &Auml;rzte, Psychologen und Sozialarbeiter sich der Anstaltsleitung offenbaren, &bdquo;soweit dies zur Abwehr von Gefahren f&uuml;r die Sicherheit der Justizvollzugsanstalt oder f&uuml;r Leib oder Leben von Gefangenen oder Dritten erforderlich ist oder die Tatsachen sonst f&uuml;r die Aufgabenerf&uuml;llung der Justizvollzugsanstalt erforderlich sind&ldquo; (&sect; 47 Absatz 2 Satz 2 JustizVollzGB I Baden-W&uuml;rttemberg) &#8211; mit anderen Worten: schon zur Abwehr einer drohenden Sachbesch&auml;digung an einem anstaltseigenen Stuhl muss der Arzt die Vertraulichkeit brechen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"akteneinsicht\">Akteneinsicht?<\/span><\/h2>\n<p>Regelm&auml;&szlig;ig mahnen die Datenschutzbeauftragten eine gro&szlig;z&uuml;gigere Regelung des Rechts auf Auskunft und Akteneinsicht an. Gerade f&uuml;r Gefangene ist das Recht darauf, zu erfahren, was die Vollzugsanstalt &uuml;ber sie in ihren Akten niedergelegt hat, von existenzieller Bedeutung, sind sie in ihrer Lebensgestaltung doch abh&auml;ngig von dem, was ihnen seitens der Vollzugsbeh&ouml;rde zugestanden wird. Daher muss dem Gefangenen ein berechtigtes Interesse daran zugebilligt werden, das sich aus den Akten &uuml;ber ihn ergebende Bild zu erfahren und gegebenenfalls zu korrigieren.<\/p>\n<p>&sect; 185 StVollzG &#8211; und die meisten Landesvorschriften zum Auskunfts- und Akteneinsichtsrecht &#8211; gew&auml;hrt dem Gefangenen zun&auml;chst einen umfassenden Auskunftsanspruch &uuml;ber die von der Anstalt gespeicherten Daten. Ein hier&uuml;ber hinausgehendes Recht auf Akteneinsicht wird dem Gefangenen nur gew&auml;hrt, &bdquo;soweit eine Auskunft f&uuml;r die Wahrnehmung seiner rechtlichen Interessen nicht ausreicht und er hierf&uuml;r auf die Einsichtnahme angewiesen ist&ldquo;. Zus&auml;tzliche Hindernisse werden au&szlig;erdem errichtet, wenn der Gefangene gar Kopien von f&uuml;r ihn wichtigen Dokumenten, wie dem Vollzugsplan oder psychologischen Gutachten zur R&uuml;ckfallprognose haben m&ouml;chte. Schlie&szlig;lich wird die Einsicht in die Aufzeichnungen der &Auml;rzte oder Psychologen auf die sogenannten objektiven Befunde (beispielsweise Messungen) beschr&auml;nkt mit der Begr&uuml;ndung, dass der Offenlegung der subjektiven Einsch&auml;tzungen Pers&ouml;nlichkeitsrechte des Arztes bzw. Therapeuten entgegenst&uuml;nden.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"videoueberwachung-rundum\">Video&shy;&uuml;ber&shy;wa&shy;chung rundum?<\/span><\/h2>\n<p>Au&szlig;erdem sehen die neuen Landesvollzugsgesetze Erm&auml;chtigungen zur Nutzung von Videotechnologie in den Anstalten vor. Daran ist zun&auml;chst positiv, dass hier eine &uuml;berf&auml;llige gesetzliche Regelung stattfindet und auch Grenzen des Einsatzes der Video&uuml;berwachung definiert werden. Teilweise sind die Erm&auml;chtigungsnormen jedoch betr&auml;chtlich zu weitgehend, wenn sie unter bestimmten Umst&auml;nden auch den Einsatz in den Haftr&auml;umen der Gefangenen erlauben (zum Beispiel &sect; 34 Untersuchungshaftvollzugsgesetz NRW, &sect; 32 JustizVollzGB I Baden-W&uuml;rttemberg). Damit w&uuml;rde ein massiver Eingriff in den letzten r&auml;umlichen R&uuml;ckzugsbereich des Gefangenen in der Vollzugsanstalt erfolgen. Da dieser auch nicht nachvollziehen kann, wann tats&auml;chlich eine optische Kontrolle durch Aufzeichnung oder zeitgleiches Mitschauen eines Bediensteten erfolgt, erzeugt eine derartige &Uuml;berwachung den Eindruck permanenter Kontrolle und damit eines vollst&auml;ndigen R&uuml;ckzugsverlustes. Soweit dies zur Vermeidung eines ansonsten konkret drohenden Suizides eingesetzt werden soll, w&auml;ren andere Szenarien wesentlich weniger eingriffsintensiv und jedenfalls nicht deutlich unwirksamer, etwa die regelm&auml;&szlig;ige offene Kontrolle durch einen Bediensteten.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h2>\n<p>T&auml;tigkeitsberichte des Bundes- und der Landesbeauftragten f&uuml;r den Datenschutz: <a href=\"http:\/\/www.thm.de\/zaftda\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.thm.de\/zaftda\/<\/a><\/p>\n<p>Goerdeler, Jochen, Datenschutz, in: Ostendorf, Heribert (Hrsg.), Jugendstrafvollzugsrecht. Handbuch, 2. Auflage, Baden-Baden 2012 (im Druck).<\/p>\n<p>Goerdeler, Jochen\/Weichert, Thilo: Kommentierung zu &sect;&sect; 179 ff. StVollzG, in: Feest, Johannes\/Lesting, Wolfgang (Hrsg.), Strafvollzugsgesetz. Kommentar, 6. Auflage, K&ouml;ln 2012.<\/p>\n<p>Hadeler, Henning, Datenschutz, in: Ostendorf, Heribert (Hrsg.), Untersuchungshaftvollzugsrecht, Handbuch, Baden-Baden 2012.<\/p>\n<p>Schmid, Gabriele, Kommentierung zu &sect;&sect; 179 ff. StVollzG, in: Schwind, Hans-Dieter u.a. (Hrsg.), Strafvollzugsgesetz. Bund und L&auml;nder. Kommentar, 5. Auflage, 2009.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[771,822],"autoren":[],"publikationen":[1026],"class_list":["post-10337","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gg-artikel-2","tag-grr-artikel","publikationen-1026"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Datenschutz im Strafvollzug - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2012\/publikation\/datenschutz-im-strafvollzug\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Datenschutz im Strafvollzug - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Grundrechte-Report 2012, Seite 36 Beim Strafvollzug &uuml;ber Datenschutz zu reden, wirkt auf den ersten Blick befremdlich, stellt doch der Strafvollzug den Gefangenen quasi in ein Beherrschungsverh&auml;ltnis, durch das er seine pers&ouml;nliche Autonomie umfassend und nahezu vollst&auml;ndig verliert. 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