{"id":10349,"date":"2010-05-23T06:40:00","date_gmt":"2010-05-23T04:40:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/staendische-schule-fortwaehrende-ungleichheit-durch-das-gegliederte-schulsystem\/"},"modified":"2021-08-24T21:53:34","modified_gmt":"2021-08-24T19:53:34","slug":"staendische-schule-fortwaehrende-ungleichheit-durch-das-gegliederte-schulsystem","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2010\/publikation\/staendische-schule-fortwaehrende-ungleichheit-durch-das-gegliederte-schulsystem\/","title":{"rendered":"St\u00e4ndische Schule &#8211; Fortw\u00e4hrende Ungleichheit durch das gegliederte Schulsystem"},"content":{"rendered":"<p>Grundrechte-Report 2010, Seite 73<\/p>\n<p>Mehr als 60 Jahre ist es inzwischen her, dass der Alliierte Kontrollrat die gegliederte deutsche Schule kritisierte und deren \u00dcberwindung forderte: &#8222;Der Aufbau des deutschen Schulsystems betont den Klassengeist. Schon im Alter von 10 Jahren sieht sich das Kind eingruppiert oder klassifiziert durch Faktoren, auf die es keinen Einfluss hat, wobei die Einstufung fast unvermeidlich seine Stellung f\u00fcr das ganze Leben bestimmt.&#8220;<\/p>\n<p>Dieser Appell im Vorfeld der Ausarbeitung des Grundgesetzes verhallte jedoch ungeh\u00f6rt. Unbeirrt hielten die (west)deutschen Bundesl\u00e4nder jahrzehntelang an der grundlegenden Schulstruktur fest: Auf eine vierj\u00e4hrige gemeinsame Grundschulzeit folgt die Aufteilung in das dreigliedrige Sekundarstufensystem &#8211; die Haupt- und Realschule sowie das Gymnasium. Und damit wird hierzulande sehr fr\u00fchzeitig und nahezu endg\u00fcltig festgelegt, welche Zukunftschancen sich einem Kind er\u00f6ffnen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\">Der PISA-Schock<\/h2>\n<p>Erst die wiederholten internationalen Vergleichsstudien sorgten f\u00fcr ein langsames Erwachen aus der bundesrepublikanischen Bildungsstarre. Denn die Leistungen der deutschen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler sind im internationalen Vergleich nicht nur lediglich mittelm\u00e4\u00dfig, sondern es zeigt sich zugleich eine \u00fcberdurchschnittlich starke Kopplung zwischen sozialer Herkunft und schulischer Kompetenz.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Verteidiger des dreigliedrigen Schulsystems nicht m\u00fcde werden zu behaupten, nur dieses werde den unterschiedlichen Begabungen und M\u00f6glichkeiten der Kinder gerecht, erweist jede neue Bildungsstudie, dass das deutsche Bildungssystem soziale Ungleichheit reproduziert: Regelm\u00e4\u00dfig entscheidet nicht nur die individuelle Leistung dar\u00fcber, welche weiterf\u00fchrende Empfehlung die Grundschule nach der (zumeist) vierten Klasse ausspricht, sondern diese h\u00e4ngt ma\u00dfgeblich vom sozialen Status der Eltern ab. Bei gleicher intellektueller Leistung f\u00e4llt die Chance f\u00fcr ein Kind aus bildungsfernem Elternhaus, eine Gymnasialempfehlung zu erhalten, bis zu dreimal geringer aus als f\u00fcr ein Kind aus der bildungsnahen Mittelschicht. Zugleich unterscheidet sich auch das angestrebte Bildungsziel der Kinder selber je nach sozialer Herkunft: W\u00e4hrend Kinder aus bildungsfernen Schichten selbst bei intellektuellem Verm\u00f6gen oft nicht davon ausgehen, einmal das Abitur zu machen, zweifeln Kinder gutsituierter akademischer Eltern selbst bei mangelnder Leistungsf\u00e4higkeit nicht daran, dass sie es ihren Eltern einmal gleichtun werden. Die besten Hauptsch\u00fcler weisen bessere Leistungen auf als sogar der Durchschnitt der Gymnasiasten &#8211; und dennoch werden die meisten von jenen nie das Abitur erreichen. Denn ein Wechsel ans Gymnasium kommt so gut wie nicht vor, obwohl zuletzt noch einmal der Nationale Bildungsbericht 2008 feststellte, dass es eine gro\u00dfe Zahl gymnasial geeigneter Sch\u00fcler gebe, die nicht das Gymnasium besuchen.<\/p>\n<p>Doch auch wenn jede neue Schulstudie der Wahrung des Artikels 3 GG\u00a0&#8211; Niemand darf wegen seiner Herkunft benachteiligt werden &#8211; Hohn spricht, lassen l\u00e4nder\u00fcbergreifende Schulreformen noch immer auf sich warten. Und auch dort, wo am mehrgliedrigen System ger\u00fcttelt wird, sind die Beharrungskr\u00e4fte der Gewinner des hiesigen Systems gro\u00df: Vornehmlich gutsituierte, akademisch gebildete Eltern k\u00e4mpfen im Verbund mit dem Philologenverband der deutschen Gymnasiallehrer f\u00fcr eine Fortbestand des &#8222;guten, alten&#8220; Gymnasiums und erreichen damit allerorts eine Sonderstellung desselben.<\/p>\n<p>Das klassische dreigliedrige System ist zwar vielerorts auf dem R\u00fcckzug, doch beharrlich verteidigen es nach wie vor Baden-W\u00fcrttemberg, Bayern, Hessen, Niedersachsen und NRW und versuchen, wider jede Vernunft, die Hauptschule als Schulform zu erhalten. Die meisten \u00f6stlichen Bundesl\u00e4ndern haben den neuesten Trend nach einem zweigliedrigen Schulsystem hingegen schon vor Jahren vorweggenommen: Sachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Th\u00fcringen haben nach 1990 ein zweigliedriges Modell eingef\u00fchrt, in dem bis auf Brandenburg (dort nach der sechsten) nach der vierten Klasse in Gymnasium und Mittel-, Ober-, Sekundar- oder Regelschule getrennt wird. Mecklenburg-Vorpommern hat vor einigen Jahren die zweigliedrige Schule eingef\u00fchrt. Mit Schleswig-Holstein, Bremen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland trennen vier westdeutsche L\u00e4nder nunmehr nach der vierten Klasse nur noch in zwei Schularten, wobei sich in Rheinland-Pfalz der gemeinsame Unterricht in der Realschule-plus nur auf die 6. und 7. Klasse bezieht.<\/p>\n<p>Nur drei Bundesl\u00e4nder, n\u00e4mlich Berlin und Brandenburg sowie alsbald Hamburg, geben den Kindern mehr Zeit zum gemeinsamen Lernen und trennen nicht bereits im Alter von zehn Jahren in Bildungsgewinner und Bildungsverlierer.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\">Wider&shy;strei&shy;tende Kompromisse<\/h2>\n<p>Berlin, Hamburg und auch Bremen werden ab dem Schuljahr 2010\/2011 an allen Schularten alle Bildungsabschl\u00fcsse bis zum Abitur anbieten. Doch so sehr man dies bereits als Fortschritt begr\u00fc\u00dfen mag, zeigt ein genauerer Blick auf die anstehenden Umbauten in Berlin und Hamburg, dass ein Schritt in die richtige Richtung noch lange nicht ausreicht &#8211; und dass er leider oft genug auch mit widerstreitenden Kompromissen einhergeht.<\/p>\n<p>So konnten die Hamburger Gr\u00fcnen der CDU zwar die gemeinsame Grundschule (in Hamburg Primarschulen genannt) bis Klasse sechs abringen. Daran schlie\u00dfen sich Gymnasien oder sogenannte Stadtteilschulen, die Haupt-, Real- und Gesamtschulen vereinen, ab Klasse sieben an. Schulen, die bereits jetzt und oft preisgekr\u00f6nt als Gemeinschaftsschulen von Klasse eins bis zehn bzw. bis zum Abitur arbeiten, m\u00fcssen sich jedoch entscheiden, ob sie Primar- oder Stadtteilschulen werden wollen und k\u00f6nnen nicht in bew\u00e4hrter Form weiterbestehen. Zugleich ist zu bef\u00fcrchten, dass die vorgesehene enge Kopplung zwischen den Primarschulen und einer weiterf\u00fchrenden Schule die Gefahr birgt, dass bereits mit der Wahl der Grundschule eine Vorauswahl &#8222;Gymnasium oder Stadtteilschule&#8220; getroffen werden wird. Die Folge w\u00e4re eine noch st\u00e4rkere soziale Ausdifferenzierung schon zwischen den Grundschulen.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich stellt sich die Situation in Berlin dar. Zwar gibt es hier die &#8211; bislang au\u00dferordentlich erfolgreich laufenden &#8211; als Pilotprojekte gef\u00fchrten Gemeinschaftsschulen, in denen Kinder von der ersten bis zur zehnten, wenn gew\u00fcnscht auch bis zum Abitur, gemeinsam lernen. Doch konnte sich die rot-rote Koalition nicht dazu durchringen, mit ihrer Schulreform konsequent dem bew\u00e4hrten skandinavischem Vorbild zu folgen und auf eine Aufteilung vor dem Abiturzweig in der elften Klasse ganz zu verzichten. So wird es auch in Berlin bei einer Zweiteilung in Gymnasiasten (sp\u00e4testens) nach der sechsten Klasse und Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler der &#8222;Restschule&#8220;, die integrierte Sekundarschule hei\u00dfen wird, bleiben. Das Signal an die Kinder und Jugendlichen ist einerseits klar: Keiner wird von vornherein aufgegeben, keiner soll mehr nach unten durchgereicht werden k\u00f6nnen. Doch nur wenn neben die Strukturreform auch eine Reform der Bildungsvermittlung und eine massive Aufstockung der Bildungsausgaben treten, k\u00f6nnen die notwendigen Voraussetzungen daf\u00fcr geschaffen werden, dass die Sekundarschulen diese Herausforderung meistern k\u00f6nnen, solange zugleich die bestehenden Gymnasien das bildungsb\u00fcrgerliche Klientel absorbieren.<\/p>\n<p>Das Fazit bleibt ern\u00fcchternd: An der Reproduktion der Elite aus sich selbst und der Abschottung nach &#8222;unten&#8220; r\u00fctteln auch die j\u00fcngsten Schulreformen der L\u00e4nder nicht grunds\u00e4tzlich. Will die Bundesrepublik ihrem Grundgesetz gerecht werden und allen Kindern die M\u00f6glichkeit zur freien Entfaltung ihrer Pers\u00f6nlichkeit geben, muss sie endlich die fr\u00fche Selektion in Bildungsgewinner und Bildungsverlierer g\u00e4nzlich aufgeben und f\u00fcr ein l\u00e4ngeres, gemeinsames Lernen aller Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler sorgen.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[823,822],"autoren":[1707],"publikationen":[1028],"class_list":["post-10349","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gg-artikel-3","tag-grr-artikel","autoren-annett-maengel","publikationen-1028"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.7 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>St\u00e4ndische Schule - Fortw\u00e4hrende Ungleichheit durch das gegliederte Schulsystem - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2010\/publikation\/staendische-schule-fortwaehrende-ungleichheit-durch-das-gegliederte-schulsystem\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"St\u00e4ndische Schule - Fortw\u00e4hrende Ungleichheit durch das gegliederte Schulsystem - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Grundrechte-Report 2010, Seite 73 Mehr als 60 Jahre ist es inzwischen her, dass der Alliierte Kontrollrat die gegliederte deutsche Schule kritisierte und deren \u00dcberwindung forderte: &#8222;Der Aufbau des deutschen Schulsystems betont den Klassengeist. 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