{"id":10350,"date":"2010-05-23T06:30:00","date_gmt":"2010-05-23T04:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/toleranz-auf-hessisch-keine-staatliche-neutralitaet-in-glaubensfragen\/"},"modified":"2021-08-24T21:53:35","modified_gmt":"2021-08-24T19:53:35","slug":"toleranz-auf-hessisch-keine-staatliche-neutralitaet-in-glaubensfragen","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2010\/publikation\/toleranz-auf-hessisch-keine-staatliche-neutralitaet-in-glaubensfragen\/","title":{"rendered":"Toleranz auf Hessisch &#8211; Keine staatliche Neutralit\u00e4t in Glaubensfragen"},"content":{"rendered":"<p>Grundrechte-Report 2010, Seite 77<\/p>\n<p>Der hessische Kulturpreis 2009, verliehen f\u00fcr Toleranz, sollte Vertreter der protestantischen und katholischen Kirche, der Synagoge und der Moschee gemeinsam auszeichnen. Es war ein sch\u00f6nes Bild geplant. Nebeneinander w\u00fcrden bei der Preisverleihung stehen: Der Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann, der ehemalige hessen-nassauische Kirchenpr\u00e4sident Professor Dr. Peter Steinacker, der Vizepr\u00e4sident des Zentralrates der Juden Dr. Salomon Korn und der islamische Schriftsteller Dr. Navid Kermani. Doch daraus wurde nichts. Das Kuratorium unter Vorsitz des hessischen Ministerpr\u00e4sidenten Koch \u00e4nderte den Beschluss und entzog dem vorgesehenen muslimischen Preistr\u00e4ger den Preis. Warum? Kardinal Lehmann und Professor Steinacker hatten sich geweigert, den Preis gemeinsam mit Dr. Kermani anzunehmen, weil dieser ihren christlichen Glauben missachte.<\/p>\n<p>Anlass war eine Bildbetrachtung Kermanis in der Neuen Z\u00fcricher Zeitung. Es ging um ein Kreuzigungsbild von Guido Reni in der r\u00f6mischen Kirche San Lorenzo in Lucina. Kermani beginnt mit der \u00fcberlieferten Ablehnung der Kreuzigung Jesu im Islam und seinen entsprechenden Emotionen &#8222;Gottesl\u00e4sterung&#8220;, &#8222;Idolatrie&#8220;. Er erl\u00e4utert seine Ablehnung auch mit der Ablehnung der Bewunderung des Schmerzes in seiner eigenen Tradition, der Schia, die er &#8222;fast pornografisch&#8220; findet. Andererseits weist er darauf hin, wie viel er an christlichen Traditionen mitmachen und auch seiner Tochter in der Schule zugestehen konnte. Aber beim Kreuz Jesu sieht er eine Grenze, weil die Kreuzigung des Gesandten Gottes aus Achtung vor der Ehre und W\u00fcrde Gottes nicht sein kann. Trotzdem r\u00fchrt das Bild Renis ihn an. Er stellt zur eigenen Verwunderung fest, dass dieses Bild ihn zunehmend anspricht, da es nach seinem Eindruck nicht den Schmerz sondern den menschlichen Tod ins Zentrum r\u00fcckt.<br \/>\u00a0<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"christlicher-protest\">Christ&shy;li&shy;cher Protest &hellip;<\/span><\/h2>\n<p>Diese Bildbetrachtung haben die vorgesehenen christlichen Preistr\u00e4ger zum Anlass genommen, hart zu protestieren. Sie k\u00f6nnten nicht zusammen mit jemand einen Preis annehmen, der das Zentrum ihres Glaubens, das Kreuz Jesu, als gottesl\u00e4sterlich beschreibe. Sie lehnen aber nicht nur die gemeinsame Verleihung des Preises ab, verzichten nicht pers\u00f6nlich, was sie nat\u00fcrlich jederzeit k\u00f6nnten, sondern erwarten, dass Ministerpr\u00e4sident Koch und das Kuratorium nun handeln. Und das geschieht. Das Kuratorium entzieht Dr. Kermani den Preis, wie es die Oberhirten offensichtlich erwarten. Haben die Theologen nie gelesen, wie Paulus schon schreibt, dass das Kreuz den Juden ein \u00c4rgernis und den Griechen eine Torheit ist? Haben sie nie zur Kenntnis genommen, wie die fr\u00fche Christenheit sich bem\u00fcht hat, ihren Glauben trotzdem den Menschen, die ihn zun\u00e4chst ablehnten, verst\u00e4ndlich zu machen? Haben sie nie \u00fcber den Paulustext gepredigt und wissen sie nicht, wie viele Menschen bis heute mit dem Kreuz ihre Schwierigkeiten haben? Und haben sie sich auch nicht bem\u00fcht, andere Texte von Dr. Kermani zur Kenntnis zu nehmen, die sein Bem\u00fchen um das Gespr\u00e4ch unter den abrahamitischen Religionen zeigen?<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"-und-der-staat-weicht-zurueck\">&hellip; und der Staat weicht zur&uuml;ck<\/span><\/h2>\n<p>Das eigentliche \u00c4rgernis ist aber die staatliche Reaktion. Statt den ganzen Artikel von Kermani zur Kenntnis zu nehmen, sein Bem\u00fchen um Verst\u00e4ndnis trotz der entgegenstehenden eigenen Tradition zu w\u00fcrdigen, wird einfach der christliche Wink befolgt und der Moslem ausgeschlossen. Was hat ein solches Verhalten mit Kultur, mit Toleranz zu tun? Es ist das genaue Gegenteil. Im Grundgesetz hei\u00dft es in Artikel 3, dass niemand wegen\u00a0 &#8222;&#8230;seines Glaubens, seiner religi\u00f6sen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden darf.&#8220; Reicht ein bisch\u00f6flicher Brief\u00a0 an den Ministerpr\u00e4sidenten, die christliche Seite zu bevorzugen und die muslimische zu benachteiligen? Ist das die viel ger\u00fchmte hessische Toleranz? Oder ist es die Fortsetzung der ausl\u00e4nderfeindlichen Politik des Ministerpr\u00e4sidenten gegen doppelte Staatsb\u00fcrgerschaft und die Zustimmung zu einer christlichen Vorherrschaft, die in Hessen manche Bl\u00fcten trieb (Ernstnehmen der Kreationisten\u00a0 durch die fr\u00fchere Kultusministerin und Stellvertreterin des Ministerpr\u00e4sidenten, bisch\u00f6fliche Ablehnung von Sexualaufkl\u00e4rung im Bistum Fulda) und alles andere als preisw\u00fcrdige Kultur und Toleranz? Noch haben wir keinen christlichen W\u00e4chterrat nach persischem Muster, aber ein wenig erinnert der Vorgang daran.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"glaubenskriege-gehoeren-der-vergangenheit-an\">Glaubens&shy;kriege geh&ouml;ren der Vergan&shy;gen&shy;heit an<\/span><\/h2>\n<p>Dabei hat es in unserem Land solche Schrecken der Glaubenskriege, der Inquisition und der Verfolgung Andersdenkender gegeben, dass wir allen Grund haben, die schlie\u00dflich erreichte staatliche Neutralit\u00e4t und Toleranz sorgsam zu h\u00fcten. Es gibt nicht mehr den Landesherrn, der von seinen Landeskindern verlangen kann, dass sie seiner Konfession folgen. Und es gibt auch nicht mehr die \u00dcbereinkunft des Westf\u00e4lischen Friedens, dass selbst f\u00fcr die Landesherren nur drei Konfessionen zul\u00e4ssig sind: Katholisch, lutherisch und reformiert. Dass daneben in einzelnen deutschen L\u00e4ndern Juden im Ghetto geduldet, in anderen wie in Bremen ganz ausgeschlossen waren, Mennoniten selbst im angeblich so toleranten Preu\u00dfen nur gegen zus\u00e4tzliche Steuern von milit\u00e4rischen Aushebungen befreit waren, geh\u00f6rt gl\u00fccklicher Weise vergangenen Zeiten an. Der R\u00fcckfall der NS-Zeit in m\u00f6rderische Unduldsamkeit mahnt zu sehr sorgsamem Umgang mit den Unterschieden zwischen Religionen und Weltanschauungen. Davon konnte beim hessischen Kulturpreis 2009 keine Rede sein.<\/p>\n<p>Nach den ersten emp\u00f6rten \u00f6ffentlichen Reaktionen wurde die Verleihung des hessischen Kulturpreises verschoben. Den drei vorgesehenen und dem einen nicht mehr vorgesehenen Preistr\u00e4ger sollte Gelegenheit zum kl\u00e4renden Gespr\u00e4ch gegeben werden. Es war etwas sp\u00e4t, dass man anfing nachzudenken. Das Kind ist in den Brunnen gefallen. Der Toleranz und dem Gespr\u00e4ch zwischen den Konfessionen hat man einen B\u00e4rendienst erwiesen. Dass das Grundgesetz von staatlicher Neutralit\u00e4t ausgeht und staatliche Preise das zur Grundlage haben m\u00fcssen, ist eine Sache. Dass man Leuten, die zum Gespr\u00e4ch und wohlwollenden Verstehen Andersdenkender unf\u00e4hig sind, keinen Kulturpreis verleihen kann, m\u00fcsste allerdings auch klar sein. Da reicht Verschieben nicht, da muss darauf bestanden werden, dass unser Staat weltanschaulicher Neutralit\u00e4t verpflichtet ist.<\/p>\n<p>Inzwischen wurden L\u00f6sungen gesucht. Zun\u00e4chst wurde ein muslimischer Ersatzpreistr\u00e4ger gefragt, Fuat Sezgin. Aber der lehnte wegen Aussagen des j\u00fcdischen Preistr\u00e4gers Korn zu Israel ab. Wieder nichts mit der Toleranz! Dann kam es zu einem privaten Gespr\u00e4ch der urspr\u00fcnglich vorgesehenen Preistr\u00e4ger, bei dem die Bedenken ausger\u00e4umt wurden, und zu einem Kontakt des Vorsitzenden des Kuratoriums Ministerpr\u00e4sident Koch mit Navid Kermani. Nun kann der Preis, wenn auch versp\u00e4tet, verliehen werden, wie urspr\u00fcnglich vorgesehen. Aber blamabel bleibt diese Spielart hessischer Toleranz doch.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[823,822],"autoren":[1610],"publikationen":[1028],"class_list":["post-10350","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gg-artikel-3","tag-grr-artikel","autoren-ulrich-finckh","publikationen-1028"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Toleranz auf Hessisch - Keine staatliche Neutralit\u00e4t in Glaubensfragen - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2010\/publikation\/toleranz-auf-hessisch-keine-staatliche-neutralitaet-in-glaubensfragen\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Toleranz auf Hessisch - Keine staatliche Neutralit\u00e4t in Glaubensfragen - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Grundrechte-Report 2010, Seite 77 Der hessische Kulturpreis 2009, verliehen f\u00fcr Toleranz, sollte Vertreter der protestantischen und katholischen Kirche, der Synagoge und der Moschee gemeinsam auszeichnen. 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