{"id":10353,"date":"2009-05-23T05:30:00","date_gmt":"2009-05-23T03:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/der-erzwungene-loyalitaetskonflikt-optionsdeutsche-staatsbuerger-zweiter-klasse\/"},"modified":"2021-08-30T15:40:34","modified_gmt":"2021-08-30T13:40:34","slug":"der-erzwungene-loyalitaetskonflikt-optionsdeutsche-staatsbuerger-zweiter-klasse","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2009\/publikation\/der-erzwungene-loyalitaetskonflikt-optionsdeutsche-staatsbuerger-zweiter-klasse\/","title":{"rendered":"Der erzwungene Loyalit\u00e4tskonflikt &#8211; \u201eOptionsdeutsche\u201c &#8211; Staatsb\u00fcrger zweiter Klasse?"},"content":{"rendered":"<p>Grundrechte-Report 2009, Seite 90<\/p>\n<p>Erinnern wir uns: Im Jahr 2000&nbsp; ersetzte das Staatsangeh&ouml;rigkeitsgesetz (StAG) das noch aus dem Jahr 1913 stammende Reichs- und Staatsangeh&ouml;rigkeitsgesetz. Erstmals wurden damals Elemente des sogenannten &bdquo;ius soli&ldquo;, also der Bestimmung der Staatsangeh&ouml;rigkeit nach dem Ort der Geburt, neben das bis dahin allein herrschende Abstammungsprinzip (&bdquo;ius sanguinis&ldquo;) gestellt. &sect; 4 Absatz 3 Satz 1 StAG sieht seither vor, dass Kinder von Ausl&auml;ndern mit Geburt die deutsche Staatsangeh&ouml;rigkeit erwerben, sofern mindestens ein Elternteil zuvor acht Jahre legal in Deutschland gelebt hat und ein unbefristetes Aufenthaltsrecht besitzt.<\/p>\n<p>Indessen hat die Sache einen Haken. &sect; 29 StAG zwingt die Betroffenen, sich bei Erreichen der Vollj&auml;hrigkeit zu entscheiden, ob sie die deutsche oder die Staatsangeh&ouml;rigkeit der Eltern beibehalten wollen. Sp&auml;testens bis zur Vollendung des 21. Lebensjahrs m&uuml;ssen sie den Antrag auf Beibehaltung der deutschen Staatsb&uuml;rgerschaft stellen. Weisen sie danach nicht sp&auml;testens bis zu ihrem 23. Geburtstag nach, dass sie die elterliche Staatsangeh&ouml;rigkeit aufgegeben haben, so verlieren sie die deutsche wieder.<\/p>\n<p>Begr&uuml;ndet worden ist diese Regelung damit, dass man einem Anstieg der F&auml;lle von Mehrstaatigkeit entgegenwirken wolle. Mehrstaatigkeit gilt als Problem wegen der damit angeblich verbundenen widerstreitenden Loyalit&auml;tspflichten gegen&uuml;ber den beteiligten Staaten. Dass die Betroffenen selbst sich in der Praxis schlicht beiden L&auml;ndern verbunden f&uuml;hlen und erst durch den Zwang, sich zwischen der Staatsangeh&ouml;rigkeit der Eltern und der deutschen zu entscheiden, in einen Loyalit&auml;tskonflikt gest&uuml;rzt werden, dar&uuml;ber schweigt sich die Gesetzesbegr&uuml;ndung aus.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"49000-vor-der-frage-deutsch-bleiben-oder-nicht\">49.000 vor der Frage: Deutsch bleiben oder nicht?<\/span><\/h2>\n<p>Gem&auml;&szlig; &sect; 40b StAG konnten Kinder, die am 1. Januar 2000 zehn Jahre alt oder j&uuml;nger waren, ebenfalls zu den Bedingungen des &sect; 4 Absatz 3 StAG eingeb&uuml;rgert werden. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamts und der Universit&auml;t Konstanz wurde davon in rund 49.000 F&auml;llen Gebrauch gemacht. Zwar existiert keine Statistik &uuml;ber die Altersverteilung in dieser Gruppe; geht man aber davon aus, dass alle in Frage kommenden Jahrg&auml;nge etwa gleich stark vertreten waren, so standen bzw. stehen seit Anfang 2008 j&auml;hrlich fast 5.000 junge Deutsche mit dem viel beschworenen &bdquo;Migrationshintergrund&ldquo; vor der Entscheidung: deutsch bleiben oder nicht?<\/p>\n<p>Unabh&auml;ngig davon, dass die Frage stets nur individuell beantwortet werden kann, ist die vom Gesetzgeber gew&auml;hlte Konstruktion mit gravierenden Schw&auml;chen behaftet. Nicht nur beinhaltet sie ein Signal der Zur&uuml;cksetzung an die Betroffenen, die so deutsch dann doch wieder nicht sein sollen. Sie f&uuml;hrt auch zu schwer ertr&auml;glichen Folgen: Was, wenn eine &bdquo;Optionsdeutsche&ldquo; vor ihrem 23. Lebensjahr ein Kind zur Welt bringt, das dann die deutsche Staatsangeh&ouml;rigkeit qua Geburt erbt, w&auml;hrend die Mutter die ihrige u. U. wieder verliert? Was, wenn ein &bdquo;Optionsdeutscher&ldquo; vor Abgabe seiner Erkl&auml;rung verbeamtet wird &#8211; dann aber f&uuml;r die Staatsangeh&ouml;rigkeit seiner Eltern optiert und somit die Grundlage f&uuml;r seinen frei gew&auml;hlten Beruf verliert?<\/p>\n<p>Schon Ende 2007 starteten deshalb die Fraktionen der Gr&uuml;nen und der Linken im Bundestag Initiativen, die Optionsregelung aus dem Gesetz zu streichen. Diese blieben aber erfolglos &#8211; obwohl die zu dem Vorhaben angeh&ouml;rten Experten &uuml;berwiegend einer Streichung zuneigten. Im August 2008 k&uuml;ndigte Berlin eine neue Bundesratsinitative gegen die Optionspflicht an.<\/p>\n<p>Ernsthafte verfassungsrechtliche Zweifel an der Optionsregelung gr&uuml;nden sich vor allem auf die Ungleichbehandlung verschiedener Gruppen von Mehrstaatern. Denn dass Menschen zwei P&auml;sse haben, ist in Deutschland und anderswo in der Welt l&auml;ngst nicht mehr so selten, wie von den Bef&uuml;rwortern eines Optionszwangs suggeriert. Im &uuml;brigen haben sich auch f&uuml;r die klassischen Problembereiche &#8211; Wehrdienst sowie konsularische Betreuung im jeweils anderen Land &#8211; in der internationalen Praxis l&auml;ngst pragmatische L&ouml;sungen etabliert.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ueberhoehung-der-ererbten-staatsangehoerigkeit\">&Uuml;berh&ouml;hung der ererbten Staats&shy;an&shy;ge&shy;h&ouml;&shy;rig&shy;keit<\/span><\/h2>\n<p>W&auml;hrend aber den nach &sect; 4 Absatz 3 StAG Eingeb&uuml;rgerten die Entscheidung zwischen ihren beiden Staatsb&uuml;rgerschaften abverlangt wird, d&uuml;rfen insbesondere Kinder aus binationalen Partnerschaften &#8211; wie sie immer h&auml;ufiger werden &#8211; den Doppelpass behalten. Im Hinblick auf den Gleichbehandlungsgrundsatz w&auml;re dies nur vertretbar, wenn es sich um grunds&auml;tzlich verschiedene Sachverhalte handeln oder f&uuml;r die Ungleichbehandlung ein sachlicher Rechtfertigungsgrund vorl&auml;ge.<\/p>\n<p>Wer von vornherein eine wesentliche Ungleichheit zwischen &bdquo;Optionsdeutschen&ldquo; und Kindern binationaler Eltern annimmt, wie dies in der Debatte teils allzu schnell geschehen ist, &uuml;bersieht, dass jeder Vergleich zun&auml;chst einen Vergleichspunkt braucht. Was aber kann das Kriterium sein, nach dem entschieden werden soll, ob die Gruppen einander gleichen oder nicht? Jedenfalls kann es kaum darin liegen, dass der eine ein deutsches Elternteil hat und der andere nicht. Wer so argumentiert, stellt letztlich den Staatsangeh&ouml;rigkeitserwerb qua Abstammung a priori h&ouml;her als den nach ius soli-Kriterien. Das bedeutet nicht nur eine problematische &Uuml;berh&ouml;hung der mit Blut und Erbgut weitergereichten Staatsangeh&ouml;rigkeit. Es verkennt auch, dass der Gesetzgeber gerade diese Differenzierung im Grundsatz &uuml;berwinden wollte, und stellt damit einen Zirkelschluss dar. Eine Staatsb&uuml;rgerschaft zweiter Klasse darf der Gesetzgeber an sich nicht einf&uuml;hren wollen.<\/p>\n<p>An weiteren Unterscheidungskriterien ist der angeblich geringere Integrationsbedarf der Kinder aus binationalen Partnerschaften angef&uuml;hrt worden. Das Staatsangeh&ouml;rigkeitsrecht w&auml;re aber &uuml;berfordert, wollte man mit seinen Mitteln eine &#8211; ohnehin nicht gegebene &#8211; Homogenit&auml;t der deutschen Bev&ouml;lkerung sicherstellen. Das Unterscheidungskriterium des Integrationsbedarfs zu etablieren, w&auml;re demnach systemwidrig.<\/p>\n<p>Es bleibt demnach&nbsp; nur der R&uuml;ckschluss: Ein belastbares Kriterium, das die wesentliche Ungleichheit von Binationalen und &bdquo;Optionsdeutschen&ldquo; belegen w&uuml;rde, existiert nicht.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"der-weg-zur-rechtfertigung-ist-verschlossen\">Der Weg zur Recht&shy;fer&shy;ti&shy;gung ist verschlossen<\/span><\/h2>\n<p>Damit stellt sich die Frage nach der Rechtfertigung der Ungleichbehandlung. Als Rechtfertigungsgrund hat der Gesetzgeber nun aber ausdr&uuml;cklich die Vermeidung von Mehrstaatigkeit genannt. Dass dies nicht zwingend ist, ist bereits dargelegt worden. Immerhin w&auml;re ein solcher Rechtfertigungsansatz denkbar, wenn er diskriminierungsfrei angewandt w&uuml;rde. So m&uuml;&szlig;ten etwa ius-soli-Mehrstaater mit deutschen Angeh&ouml;rigen (man denke an nachtr&auml;glich eingeb&uuml;rgerte Eltern) das gleiche Recht haben, beide Staatsangeh&ouml;rigkeiten zu behalten, wie die Kinder aus binationalen Partnerschaften.<\/p>\n<p>Wie aber bereits die Sachverst&auml;ndige Astrid Wallrabenstein (Universit&auml;t Gie&szlig;en) in der Anh&ouml;rung vor dem Innenausschuss des Bundestags dargelegt hat, ist die Rechtfertigungsm&ouml;glichkeit &uuml;ber die Vermeidung von Mehrstaatigkeit rechtlich versperrt. Denn 2005 hat die&nbsp; Bundesrepublik das Europ&auml;ische &Uuml;bereinkommen &uuml;ber die Staatsangeh&ouml;rigkeit ratifiziert. Darin verpflichten die Vertragsstaaten sich, Mehrstaatigkeit ab Geburt zu akzeptieren. Deutschland hat hier zwar einen die &bdquo;Optionsdeutschen&ldquo; betreffenden Vorbehalt eingelegt, so dass die Bundesrepublik mit der Optionspflicht nicht unmittelbar gegen V&ouml;lkerrecht verst&ouml;&szlig;t. Da aber das nationale Recht v&ouml;lkerrechtsfreundlich auszulegen ist, verbietet es sich nach innerstaatlichen Grunds&auml;tzen, &sect; 29 StAG allein durch den Regelungszweck der Vermeidung von Mehrstaatigkeit&nbsp; zu rechtfertigen.<\/p>\n<p>Es bleibt somit von Verfassungs wegen nur ein Weg: Die Vorschrift des &sect; 29 StAG ist ersatzlos zu streichen, aus &bdquo;Optionsdeutschen&ldquo; m&uuml;ssen normale Deutsche werden, mit oder ohne weiteren Pass. Eine Mehrheit f&uuml;r eine entsprechende politische Initiative ist jedoch derzeit nicht in Sicht. Es wird also absehbar dabei bleiben, dass &bdquo;Optionsdeutsche&ldquo; sich als Deutsche zweiter Klasse f&uuml;hlen m&uuml;ssen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h2>\n<p>Stellungnahmen der Expertinnen und Experten in der Anh&ouml;rung des Innenausschusses des Bundestags vom 10. Dezember 2007, Ausschuss-Drucksache 16(4)311, <a href=\"http:\/\/www.bundestag.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.bundestag.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[823,822],"autoren":[1711],"publikationen":[1029],"class_list":["post-10353","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gg-artikel-3","tag-grr-artikel","autoren-heiko-habbe","publikationen-1029"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.7 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Der erzwungene Loyalit\u00e4tskonflikt - \u201eOptionsdeutsche\u201c - Staatsb\u00fcrger zweiter Klasse? - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2009\/publikation\/der-erzwungene-loyalitaetskonflikt-optionsdeutsche-staatsbuerger-zweiter-klasse\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Der erzwungene Loyalit\u00e4tskonflikt - \u201eOptionsdeutsche\u201c - Staatsb\u00fcrger zweiter Klasse? - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Grundrechte-Report 2009, Seite 90 Erinnern wir uns: Im Jahr 2000&nbsp; ersetzte das Staatsangeh&ouml;rigkeitsgesetz (StAG) das noch aus dem Jahr 1913 stammende Reichs- und Staatsangeh&ouml;rigkeitsgesetz. 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