{"id":10356,"date":"2007-03-28T19:20:00","date_gmt":"2007-03-28T17:20:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/kulturrevolution-oder-nur-lokales-beben\/"},"modified":"2021-08-30T15:39:55","modified_gmt":"2021-08-30T13:39:55","slug":"kulturrevolution-oder-nur-lokales-beben","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2007\/publikation\/kulturrevolution-oder-nur-lokales-beben\/","title":{"rendered":"Kulturrevolution oder nur lokales Beben?"},"content":{"rendered":"<p>Beginnt mit dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz eine neue Kultur der Antidiskriminierung?<\/p>\n<p>Grundrechte-Report 2007, Seiten 75 &#8211; 79<\/p>\n<p>Im August 2006 endete mit dem Inkrafttreten des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) eine lange Wartephase: Die BRD wurde vorn Europ&auml;ischen Gerichtshof bereits mehrmals verurteilt, da die Umsetzungsfristen f&uuml;r drei der vier EU-Antidiskriminierungsrichtlinien, die dem AGG zugrunde liegen, schon seit langem verstrichen sind. Im Herbst 2005 scheiterte der letzte Entwurf der rot-gr&uuml;nen Koalition noch auf der Zielgeraden. Damit bietet bereits das blo&szlig;e Inkrafttreten des Gesetzes Anlass zum Feiern. Trifft dies aber auch f&uuml;r den Inhalt zu? Beginnt mit dem AGG nun eine neue, lang ersehnte Antidiskriminicrungskultur in Deutschland?<\/p>\n<p>Ein wichtiger Schritt in diese Richtung ist sicherlich die Ausweitung des Diskriminierungsschutzes auch auf den zivilrechtlichen Bereich. Erstmals gelten nun harmonisierte Diskriminierungsverbote nicht nur f&uuml;r den Staat oder den Arbeitgeber, sondern auch f&uuml;r Gesch&auml;fte zwischen Privatleuten (Mietvertr&auml;ge, Versicherungsvertr&auml;ge oder Alltagseink&auml;ufe). Erfreulich ist auch, dass sich der Gesetzgeber f&uuml;r einen horizontalen Ansatz entschieden hat, der zumindest vordergr&uuml;ndig alle (acht) in den EU-Richtlinien genannten &raquo;Gruppen&laquo; einbezieht und Diskriminierungen wegen &raquo;der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identit&auml;t&laquo; verbietet.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"flickwerk-in-der-umsetzung\">Flickwerk in der Umsetzung<\/span><\/h2>\n<p>Bei einem genaueren Blick f&auml;llt jedoch auf, dass das Gesetz auf seinem langen, von st&auml;ndigen Modifikationen gepr&auml;gten Weg die n&ouml;tige Klarheit in der Antidiskriminierungsbotschaft verloren hat. So wurde etwa in letzter Sekunde die Kategorie &raquo;Weltanschauung&laquo; aus dem zivilrechtlichen Diskriminierungsschutz herausgenommen, aber im arbeitsrechtlichen Bereich belassen.<\/p>\n<p>Die Streichung verfolgt den Zweck, Rechtsstreitigkeiten mit Rechtsextremen zu verhindern. Hier kommen aber Zweifel auf, ob damit gerechtfertigt werden kann, zugleich jegliche Form der Weltanschauung schutzlos zu stellen.<\/p>\n<p>H&ouml;chst problematisch erscheint vor allem die gesetzliche Regelung zum Wohnungsmarkt. Insbesondere Migrant\/inn\/en oder Personen, die daf&uuml;r gehalten werden, berichten immer wieder von Diskriminierungserfahrungen hei der Wohnungssuche. Gerade hier h&auml;tte es also einer klaren Handlungsanweisung an Vermieter bedurft. Stattdessen weist der gesetzliche Schutz gro&szlig;e L&uuml;cken auf: Im Regelfall ist es nur Gro&szlig;vermietern (mit &uuml;ber 50 Wohnungen) verboten, bei der Wohnungsvergabe wegen &raquo;des Geschlechts, der Religion, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identit&auml;t&laquo; zu diskriminieren. Migrant\/inn\/en sind davon abweichend zwar auch vor Diskriminierung wegen &raquo;der Rasse oder ethnischen Herkunft&laquo; gegen&uuml;ber kleineren Vermietern gesdi&uuml;tzt, allerdings erleichtert es die sogenannte &raquo;Ghettoklausel&laquo; &#8211; unter Berufung auf ausgewogene Siedlungsstrukturen sowie ausgeglichene wirtschaftliche, soziale und<br \/>kulturelle Verh&auml;ltnisse -, Bewerber\/innen mit Migrationshintergrund weiterhin auszusieben. Diese weiten Ausnahmekataloge sind nicht mehr mit den europarechtlichen Vorgaben zu vereinbaren. Die Klausel konterkariert das Ziel der Richtlinien sogar, in dem sie selbst Anreize zur Benachteiligung aufgrund der ethnischen Herkunft setzt.<br \/><b><\/b><\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"kuendigungsschutz-europarechtswidrig-ausgenommen\">K&uuml;ndi&shy;gungs&shy;schutz europa&shy;rechts&shy;widrig ausgenommen<\/span><\/h2>\n<p>Die Bewertung des arbeitsrechtlichen Komplexes f&auml;llt ebenfalls ambivalent aus. Das AGG nimmt Arbeitgeber st&auml;rker in die Pflicht, sie tragen nicht nur die Verantwortung f&uuml;r ihr eigenes Handeln, sondern auch f&uuml;r Diskriminierungen durch ihre Angestellten. Sie sollen zudem proaktiv gegen Diskriminierungsgefahren vorgehen, beispielsweise ihre Mitarbeiter\/innen schulen und so nicht zuletzt f&uuml;r ein diskriminierungsfreies Klima sorgen, in dem Mobbing etwa aus rassistischen, sexistischen, homophoben Motiven im Ansatz unterbunden werden kann. Diesen breiten Ansatz h&auml;lt das Gesetz jedoch leider nicht durch: Arbeitnehmer\/innen sind zwar ab der Stellenausschreibung und w&auml;hrend des Arbeitsverh&auml;ltnisses durch das AGG vor Diskriminierungen gesch&uuml;tzt, nicht aber bei der Beendigung. In letzter Minute wurde in &sect; 2 Absatz 4 AGG festgeschrieben, K&uuml;ndigungen vom Anwendungsbereich des Gesetzes auszunehmen. Die K&uuml;ndigung des schwulen Betreuers, der im Herbst 2006 von einem Frankfurter Jugendheim ausgesprochen wurde, wird also weiterhin nur nach den allgemeinen Kriterien des K&uuml;ndigungsschutzes &uuml;berpr&uuml;ft. Diese w&auml;ren dann zwar gemeinschaftsrechtskonform auszulegen; die Herausnahme der K&uuml;ndigungen &uuml;ber &sect; 2 Absatz 4 AGG verst&ouml;&szlig;t in dieser pauschalen Form dennoch klar gegen die Antidiskriminierungsrichtlinien.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"zahnlose-regelungen-im-sozialrecht\">Zahnlose Regelungen im Sozialrecht<\/span><\/h2>\n<p>Dass eine neue Antidiskriminierungskultur kaum entstehen kann, wenn wesentliche Teilbereiche ausgespart und Strukturen nicht angegriffen werden, zeigt sich auch in einem seitens des AGG eher vernachl&auml;ssigten Feld, dem Sozialrecht. Hier beschr&auml;nkte sich der Gesetzgeber u.a. darauf, im allgemeinen Teil des Sozialgesetzbuches ein Diskriminierungsverbot zugunsten der Rasse, ethnischen Herkunft und der Behinderung zu installieren. Schon diese Beschr&auml;nkung auf drei (statt der acht oben genannten) &raquo;Gruppen&laquo; vereitelt eine eindringliche Antidiskriminierungsbotschaft. Gleichzeitig wird betont, dass mit der Implementierung des Diskriminierungsverbotes keine neuen Anspr&uuml;che entstehen sollen. Es geht dem Gesetz also nicht darum, die tieferen Diskriminierungsstrukturen der sozialen Sicherung anzugreifen. Am strukturellen Ausschluss von Migrant\/inn\/en aus der Arbeitsf&ouml;rderung oder fehlenden Angeboten der Jugendhilfe und Altenpflege f&uuml;r Muslime und Musliminnen &auml;ndert ein solches Diskriminierungsverbot daher nichts.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"beschraenkte-durchsetzungsmoeglichkeiten\">Beschr&auml;nkte Durch&shy;set&shy;zungs&shy;m&ouml;g&shy;lich&shy;keiten<\/span><\/h2>\n<p>Mit dem AGG wird es f&uuml;r die Betroffenen kaum leichter, Diskriminierungsverbote (gerichtlich) durchzusetzen, das Gesetz bleibt sogar teilweise hinter den Richtlinien-Vorgaben zur&uuml;ck. Zwar sieht das AGG die Einrichtung einer zentralen Andidiskriminierungsstelle auf Bundesebene f&uuml;r alle acht &raquo;Gruppen&laquo; vor, ihre Unterst&uuml;tzung beschr&auml;nkt sich jedoch auf allgemeine Aufkl&auml;rung und Weitervermittlung an andere Stellen. Einzelne Betroffene zu begleiten, ist hingegen nicht vorgesehen.<\/p>\n<p>Antidiskriminierungsverb&auml;nde, die nach den Richtlinien die Betroffenen bei der Rechtsdurchsetzung unterst&uuml;tzen sollen, d&uuml;rfen lediglich als &raquo;Beist&auml;nde&laquo; im gerichtlichen Verfahren fungieren. Sie k&ouml;nnen weder im Namen des Betroffenen klagen, noch im Wege einer Verbandsklage auf eigene Initiative Diskriminierungsf&auml;lle vor Gericht bringen. Im Gegenteil: Eine verbliebene M&ouml;glichkeit der Vertretung durch Verb&auml;nde im arbeitsgerichtlichen Verfahren wurde im Oktober 2006, gerade zwei Monate nach Inkrafttreten des AGG, eliminiert &#8211; versteckt in einer &Auml;nderung des Betriebsrentengesetzes. Es bleibt also weiter prim&auml;r den Opfern &uuml;berlassen, sich gegen Diskriminierung zur Wehr zu setzen. Aber selbst in der individuellen Rechtsverfolgung gelingt es dem AGG kaum, H&uuml;rden abzubauen: So ist die Klagefrist auf zwei Monate ah Kenntnis der Diskriminierung beschr&auml;nkt. Damit lastet auf den Betroffenen ein enormer Druck, schnell entscheiden zu m&uuml;ssen, ob sie sich gerichtlich zur Wehr setzen wollen, ohne die weit reichenden Folgen (Gefahr der &ouml;ffentlichen Zurschaustellung, Spannungen am Arbeitsplatz) absch&auml;tzen zu k&ouml;nnen. Zudem l&auml;sst es der Wortlaut der Beweislastregelung in &sect; 22 AGG zu, den Betroffenen deutlich h&ouml;here Risiken aufzub&uuml;rden als dies die Richtlinien vorsehen.<\/p>\n<p>Ein solit&auml;res Gleichbehandlungsgesetz wie das AGG ruft also nur ein erstes &#8211; wenn auch beachtliches &#8211; Beben hervor, es kann nur einen einzelnen Baustein eines koh&auml;renteren Antidiskriminierungsrechts bilden. Um aber von einer neuen Antidiskriminierungskultur sprechen zu k&ouml;nnen, muss dar&uuml;ber hinaus ein ernsthafter Wille erkennbar sein, auch die tiefer liegenden Diskriminierungsstrukturen anzugehen und die rechtlichen Systeme einer grundlegenden Revision zu unterziehen. Dass dem Gesetzgeber dieser Wille fehlt, ist politisch bedauerlich, dass er deshalb verbindliche europarechtliche Vorgaben ignoriert, ein offener Rechtsbruch.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h2>\n<p>Antirassismus-Richtlinie (2000\/43\/EG)<\/p>\n<p>Rahmen-Richtlinie (2000\/78\/EG)<\/p>\n<p>Gender-Richtlinie (2002\/73\/EG)<\/p>\n<p>G&uuml;ter-Zugangs-Richtlinie (2004\/113\/EG)<\/p>\n<p>Download unter: <a href=\"http:\/\/baer.rewi.hu-berlin.de\/wissen\/antidiskriminierungsrecht\/europacischerichtlinicn\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/baer.rewi.hu-berlin.de\/wissen\/antidiskriminierungsrecht\/europacischerichtlinicn\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[823,822],"autoren":[1714],"publikationen":[1032],"class_list":["post-10356","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gg-artikel-3","tag-grr-artikel","autoren-susanne-dern","publikationen-1032"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Kulturrevolution oder nur lokales Beben? - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2007\/publikation\/kulturrevolution-oder-nur-lokales-beben\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Kulturrevolution oder nur lokales Beben? - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Beginnt mit dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz eine neue Kultur der Antidiskriminierung? 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