{"id":10358,"date":"2012-05-23T06:45:00","date_gmt":"2012-05-23T04:45:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/staatsleistungen-an-die-kirchen-ein-obsoletes-privileg\/"},"modified":"2021-08-30T15:41:18","modified_gmt":"2021-08-30T13:41:18","slug":"staatsleistungen-an-die-kirchen-ein-obsoletes-privileg","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2012\/publikation\/staatsleistungen-an-die-kirchen-ein-obsoletes-privileg\/","title":{"rendered":"Staatsleistungen an die Kirchen &#8211; ein obsoletes Privileg"},"content":{"rendered":"<p>Grundrechte-Report 2012, Seite 73<\/p>\n<p>In seiner Freiburger Rede vom 25. September 2011 hat Papst Benedikt XVI. die deutsche katholische Kirchenhierarchie mit der These von der notwendigen &bdquo;Entweltlichung&ldquo; der Kirche in gro&szlig;e Verlegenheit versetzt: &bdquo;Die von materiellen Lasten und Privilegien befreite Kirche kann sich besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden, wirklich weltoffen sein.&ldquo;<\/p>\n<p>Ein materielles Privileg besonderer Art genie&szlig;en die Kirchen in Deutschland (und nur dort!). Sie erhalten seit 1919 in wachsendem Umfang j&auml;hrlich von den L&auml;ndern &#8211; Ausnahme: die Stadtstaaten Bremen und Hamburg &#8211;&nbsp; sogenannte Staatsleistungen. Das sind Zahlungen, die nicht im Hinblick auf irgendwelche weltliche Leistungen der Kirchen im sozialen Bereich, etwa bei Schulen, Kinderg&auml;rten oder Pflegeeinrichtungen erfolgen, sondern einzig der institutionellen F&ouml;rderung der Kirchen als solcher dienen. Sie beruhen in erster Linie, aber kaum noch nachweisbar, auf historischen Gesetzen, Vertr&auml;gen und besonderen Rechtstiteln (Artikel 138 Absatz 1 der Weimarer Reichsverfassung, durch Artikel 140 Grundgesetz in die geltende Verfassung &uuml;bernommen). Seit 1919 sind die Staatsleistungen in den zahlreichen Kirchenvertr&auml;gen dem Grunde nach best&auml;tigt und der H&ouml;he nach spezifiziert worden, beginnend mit dem bayerischen Konkordat von 1924 und einstweilen endend mit dem schleswig-holsteinischen katholischen Kirchenvertrag von 2009. Die laufenden Zahlungen wurden weder in der Nazizeit noch in&nbsp; der DDR-Zeit g&auml;nzlich unterbrochen.<br \/>&nbsp;<br \/><b>Verfassungsauftrag missachtet<\/b><\/p>\n<p>Au&szlig;er Betracht gelassen wurde in all diesen Jahren, dass die deutsche Verfassungen von 1919 wie von 1949 nicht etwa die Weiterzahlung der historischen Zahlungen anordnen, sondern das genaue Gegenteil, n&auml;mlich die Abl&ouml;sung durch die Landesgesetzgebung, wof&uuml;r das Reich (d.h. heute der Bund) die Grunds&auml;tze aufstellen sollte (Artikel 138 Absatz 1 Satz 2 der Weimarer Reichsverfassung). Weder ein Grunds&auml;tzegesetz noch eine Abl&ouml;sungsgesetzgebung der L&auml;nder gibt es bis heute.<\/p>\n<p>Es liegt auf der Hand, dass den Kirchen die Nichtabl&ouml;sung recht war, gew&auml;hrte der Staat ihnen doch &#8211; gegenleistungsfrei &#8211; einen kontinuierlichen Geldfluss, der zudem kirchenvertraglich abgesichert nach Ma&szlig;gabe der Entwicklung der Beamtengeh&auml;lter stetig anwuchs. Was motiviert aber die staatliche Seite zur Weiterzahlung der Staatsleistungen, und zwar gegen den ausdr&uuml;cklichen Wortlaut der Verfassung?<\/p>\n<p>Die politisch ma&szlig;geblichen Kr&auml;fte in Deutschland, namentlich in den Parteien, den Parlamenten und Regierungen, weisen ungebrochen eine gro&szlig;e Kirchenn&auml;he auf, obwohl mittlerweile beinahe zwei F&uuml;nftel der Bev&ouml;lkerung den beiden Kirchen nicht mehr angeh&ouml;ren. Eine Beeintr&auml;chtigung kirchlicher finanzieller Interessen ist von diesen Kr&auml;ften kaum zu erwarten, zumal sie durch&nbsp; die herrschende staatskirchenrechtliche Auffassung unterst&uuml;tzt werden, die den Abl&ouml;sungsauftrag des Grundgesetzes durch eine groteske Interpretation in sein Gegenteil verkehrt hat: Die Vorschrift &uuml;ber die Abl&ouml;sung der Staatsleistungen wirke als Garantie f&uuml;r ihre Fortzahlung, solange nicht abgel&ouml;st worden sei. Diese kirchenfreundliche&nbsp; Interpretation unterschl&auml;gt zum einen, dass eine entsprechende &Uuml;bergangsvorschrift &uuml;ber die einstweilige Fortzahlung der Staatsleistungen (Artikel 173 WRV) gerade nicht in das Grundgesetz &uuml;bernommen worden ist. Zum andern unterschl&auml;gt sie, dass es ja bereits seit &uuml;ber 90 Jahren gerade staatliche verfassungsrechtliche Pflicht gewesen war und noch ist, im Wege der Gesetzgebung die Abl&ouml;sung herbeizuf&uuml;hren. Eine dauernde staatliche Zahlungspflicht gerade aus der dauerhaften Nichterf&uuml;llung der staatlicher Abl&ouml;sungspflicht abzuleiten, ist absurd.<\/p>\n<p>Einer Abl&ouml;sung stand bisher &#8211; unabh&auml;ngig von den geschilderten juristischen Interpretationskunstst&uuml;cken &#8211; vor allem die folgende &Uuml;berlegung entgegen. Abl&ouml;sung bedeute Beendigung der Zahlungen gegen eine (einmalige oder ratenweise zu leistende) Entsch&auml;digung. Es sei eine so gewaltige Entsch&auml;digungszahlung f&auml;llig, dass dies f&uuml;r den Staat&nbsp;&#8211; zumal bei der derzeitigen Lage der &ouml;ffentlichen Haushalte &#8211; nicht einmal eine theoretische Option sei. Dieses Argument verbl&uuml;fft um so mehr, als bisher mangels eines Grunds&auml;tzegesetzes &uuml;ber die Abl&ouml;sung nicht bekannt war, nach welchen Ma&szlig;st&auml;ben eine eventuelle Entsch&auml;digung zu berechnen gewesen w&auml;re. Und ebenso wenig war dem Staat (Bund und L&auml;ndern), den Kirchen und der Wissenschaft vom Staatskirchenrecht, wie sie dies alle ausdr&uuml;cklich zugegeben haben, die H&ouml;he der bisher seit 1919 geleisteten Zahlungen auch nur ansatzweise bekannt.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"unberechtigte-leistungen\">Unberech&shy;tigte Leistungen<\/span><\/h2>\n<p>Diese Wissensl&uuml;cke ist nunmehr &#8211; jedenfalls f&uuml;r die Zeit seit dem zweiten Weltkrieg &#8211; geschlossen. Die von der Humanistischen Union ermittelten und am 18. April 2011 in einer Pressekonferenz in Berlin bekannt gegebenen Zahlen sind im Internet (<a href=\"http:\/\/www.staatsleistungen.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.staatsleistungen.de<\/a>) im Detail f&uuml;r jedes Bundesland, jedes Jahr und jede Kirche nachzulesen.<\/p>\n<p>Wesentliche Ergebnisse sind:<\/p>\n<ol>\n<li>In der DDR sind 629.425.293 Mark, in Westdeutschland und in Gesamtdeutschland seit 1990 sind bis zum Jahre 2010 insgesamt 13,9 Mrd. Euro Staatsleistungen gezahlt worden. <\/li>\n<li>An die evangelische Kirche gingen rund 7,5 Mrd. Euro, an die katholische Kirche rund 6,4 Mrd. Euro.<\/li>\n<li>Waren es etwa im Jahr 1952 rund 41,4 Millionen Euro pro Jahr, so im Jahr 2011, also 60 Jahre sp&auml;ter, rund 466,1 Millionen Euro. <\/li>\n<\/ol>\n<p>Die historische Rechtfertigung f&uuml;r die weitere Gew&auml;hrung der Staatsleistungen, n&auml;mlich die S&auml;kularisation des Kirchengutes von der Reformation bis zum Reichsdeputationshauptschluss von 1803, hat, wenn sie denn jemals zutraf, l&auml;ngst ihre Berechtigung verloren. Die wirtschaftliche Kraft der nicht zuletzt durch die Kirchensteuer unendlich reichen deutschen Kirchen hat die Staatsleistungen seit langem entbehrlich gemacht, die ohnehin nur ca. 3 % der kirchlichen Finanzen ausmachen. Die kontinuierliche &uuml;ber 90-j&auml;hrige Zahlung der Staatsleistungen kann, ja muss als mehr als ausreichende Entsch&auml;digung f&uuml;r etwaige S&auml;kularisationsverluste angesehen werden.<\/p>\n<p>Daher wird als Einstieg in die dringlich zu f&uuml;hrende Debatte &uuml;ber die Abl&ouml;sung nachstehender Gesetzentwurf vorgeschlagen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"entwurf-eines-gesetzes-ueber-die-grundsaetze-zur-abloesung-der-staatsleistungen-an-die-kirchen\">Entwurf eines Gesetzes &uuml;ber die Grunds&auml;tze zur Abl&ouml;sung der Staats&shy;leis&shy;tungen an die Kirchen<\/span><\/h2>\n<p>&sect; 1<br \/>F&uuml;r die Abl&ouml;sung der Staatsleistungen nach Artikel 140 Grundgesetz in Verbindung mit Artikel 138 Absatz 1 der deutschen Verfassung vom 11. August 1919 gelten folgende Grunds&auml;tze:<\/p>\n<ol>\n<li>Die auf Gesetz, Vertrag oder besonderen Rechtstiteln beruhenden Anspr&uuml;che gegen die L&auml;nder auf Staatsleistungen gelten als durch Zahlung seit 1919 bis zum Inkrafttreten dieses Gesetzes abgel&ouml;st.<\/li>\n<li>Entgegenstehende Vereinbarungen zwischen den L&auml;ndern und Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften, durch welche Staatsleistungen an begr&uuml;ndet, erneuert, best&auml;tigt oder n&auml;her bestimmt worden sind oder werden, sind bis zum &#8230; aufzuheben.<\/li>\n<li>Neue allgemeine Staatsleistungen an Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften sind unzul&auml;ssig.<\/li>\n<\/ol>\n<p>&sect; 2<br \/>Dieses Gesetz tritt in Kraft am &hellip;<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h2>\n<p>Frerk, Carsten, Die verfassungswidrige Alimentierung der Kirchen durch den Staat, Vorg&auml;nge 194 (2011) S. 69 &#8211; 76<\/p>\n<p>Haupt, Johann-Albrecht, Ewige Rente f&uuml;r die Kirchen?, in: Vorg&auml;nge 189 (2010) S. 86 &#8211; 94<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[833,822],"autoren":[183],"publikationen":[1026],"class_list":["post-10358","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gg-artikel-4","tag-grr-artikel","autoren-johann-albrecht-haupt","publikationen-1026"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Staatsleistungen an die Kirchen - ein obsoletes Privileg - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2012\/publikation\/staatsleistungen-an-die-kirchen-ein-obsoletes-privileg\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Staatsleistungen an die Kirchen - ein obsoletes Privileg - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Grundrechte-Report 2012, Seite 73 In seiner Freiburger Rede vom 25. 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