{"id":10366,"date":"1999-07-02T20:45:00","date_gmt":"1999-07-02T18:45:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/religionsfreiheit-fuer-muslime\/"},"modified":"2021-08-24T21:48:37","modified_gmt":"2021-08-24T19:48:37","slug":"religionsfreiheit-fuer-muslime","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/1999\/publikation\/religionsfreiheit-fuer-muslime\/","title":{"rendered":"Religionsfreiheit f\u00fcr Muslime?"},"content":{"rendered":"<p>Die Kopftuchdebatte im &#8222;Fall Ludin&#8220;<\/p>\n<p>In: Grundrechte-Report 1999, Seiten 72 &#8211; 77<\/p>\n<p>In der Bundesrepublik leben derzeit rund drei Millionen Muslime. Die meisten von ihnen sind\u00a0in einer zweifachen Minderheitenposition: zum einen als Angeh\u00f6rige des Islam, der keinen den\u00a0christlichen Kirchen gleichgestellten rechtlichen und gesellschaftlichen Status hat, und zum anderen als Nicht-EU-Angeh\u00f6rige, die auch unter den Ausl\u00e4ndern in Deutschland einen minderprivilegierten Status haben. Diese beiden Faktoren sowie ein fast ausschlie\u00dflich an extremistischen Erscheinungsformen in einzelnen islamischen Staaten orientiertes negatives Bild von einem fundamentalistischen Islam f\u00fchren dazu, da\u00df in der bundesdeutschen \u00d6ffentlichkeit von Muslimen vorgebrachte Anliegen immer unter dem Aspekt der Integrationsf\u00e4higkeit und der Vereinbarkeit mit dem Grundgesetz diskutiert werden. Ein Beispiel hierf\u00fcr w\u00e4re etwa die Kritik an der Anerkennung der Islamischen F\u00f6deration Berlin als Religionsgemeinschaft mit der Berechtigung, islamische Religion als regul\u00e4res Unterrichtsfach an \u00f6ffentlichen Schulen zu unterrichten (vgl. &#8222;Allahs Einzug ins Klassenzimmer&#8220;, <i>S\u00fcddeutsche Zeitung,<\/i> 6.11.1998).\u00a0<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"das-kopftuch-als-politisches-symbol\">Das Kopftuch als politisches Symbol?<\/span><\/h2>\n<p>Bekennende Muslime sehen sich immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, da\u00df ihre religi\u00f6sen Ausdrucksformen auch politischen Charakter h\u00e4tten und sich nicht mit dem s\u00e4kularen Prinzip der Bundesrepublik vereinbaren lie\u00dfen. Das von einigen muslimischen Frauen und M\u00e4dchen getragene Kopftuch hat sich dabei zum unersch\u00f6pflichen Objekt kontroverser Diskussionen entwickelt. Was das Kopftuch von Sch\u00fclerinnen anbelangt, so unterliegt dies eindeutig der Religionsfreiheit und kann von Lehrern und Schulleitern als Ausdruck eines pers\u00f6nlichen Bekenntnisses\u00a0der Sch\u00fclerin nicht verboten werden (F\u00fcssel 1994). Das Recht, ihr Bekenntnis in ihrer Kleidung zum Ausdruck zu bringen, ist f\u00fcr die Sch\u00fclerinnen also in der Theorie juristisch abgesichert, auch wenn einzelne Schulleiter und Lehrer diesbez\u00fcglich Verbote aussprechen.<\/p>\n<p>Was aber, wenn eine Lehrerin dieses in Deutschland so umstrittene\u00a0Symbol Kopftuch tragen will? Mit dieser Frage besch\u00e4ftigte sich das baden-w\u00fcrttembergische Kultusministerium im vergangenen Sommer anl\u00e4\u00dflich des Begehrens einer kopftuchtragenden Referendarin, nach erfolgreichem Abschlu\u00df ihres Referendariats in den Schuldienst \u00fcbernommen zu werden. Der fall, nach der jungen Lehramtsanw\u00e4rterin als &#8222;Fall Ludin&#8220; benannt, l\u00f6ste eine bundesweit und sehr emotional gef\u00fchrte \u00f6ffentliche Kontroverse aus. Er verdeutlicht das Spannungsfeld zwischen Religionsfreiheit und dem Verst\u00e4ndnis von Integration, das an die muslimischen Neub\u00fcrger von Teilen der Mehrheitsgesellschaft herangetragen wird. Seine Behandlung offenbart auch den problematischen Umgang mit sichtbaren religi\u00f6sen Symbolen anderer als der christlichen Religionen im \u00f6ffentlichen Raum.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"kopftuch-und-vorbildfunktion\">Kopftuch und &bdquo;Vorbild&shy;funk&shy;tion&ldquo;&nbsp;<\/span><\/h2>\n<p>Worum ging es konkret? Fereshta Ludin, eine 24j\u00e4hrige deutsche Staatsb\u00fcrgerin afghanischer Herkunft, hatte bereits bei der Suche nach einer Referendariatsstelle nach erfolgreichem Abschlu\u00df ihres Lehramtsstudiums an der P\u00e4dagogischen Hochschule in Schw\u00e4bisch Gm\u00fcnd Anfang 1997 mit Vorbehalten aufgrund ihres Kopftuches zu k\u00e4mpfen. Die zust\u00e4ndigen Schulleiter bef\u00fcrchteten unter anderem, da\u00df die muslimischen Sch\u00fclerinnen sich an der Lehrerin ein Vorbild nehmen und etwa die Teilnahme am Schwimm- oder Sportunterricht verweigern w\u00fcrden. Das Kultusministerium gab den Schulleitern zun\u00e4chst mit der Begr\u00fcndung recht, das Kopftuch sei eine \u00e4u\u00dferliche Demonstration des Glaubens und somit etwa zu vergleichen mit Partei-Werbebuttons, deren Tragen ebenfalls verboten sei.\u00a0Nur das christliche Symbol des Kreuzes sei von diesem Verbot, f\u00fcr weltanschauliche Dinge zu werben, ausgenommen, da die Erziehung gem\u00e4\u00df Gesetz auf christlicher N\u00e4chstenliebe und abendl\u00e4ndischen Grundwerten basiere (<i>Schw\u00e4bische Donauzeitung<\/i>, 7.2.1997).\u00a0Dieser Begr\u00fcndung hielt Frau Ludin entgegen, da\u00df sie die Forderung, ihr Kopftuch abzulegen, als &#8222;Entw\u00fcrdigung&#8220; empfinde und es keineswegs als Mittel f\u00fcr eine weltanschauliche Werbung trage, sondern als &#8222;Teil ihrer Pers\u00f6nlichkeit&#8220;; es gehe ihr nicht um die Au\u00dfenwirkung. Sie berief sich dabei auf den Islam, der das Tragen des Kopftuches festlege. Bevor F. Ludin ihre Klage, die auch vom Verband Bildung und Erziehung (VBE) Baden-W\u00fcrttemberg unterst\u00fctzt wurde, beim Verwaltungsgericht einreichen konnte, lenkte das Kultusministerium ein: Mit Verweis auf das Monopol des Staates in der Lehramtsausbildung wurde F. Ludin die Zulassung zum Schuldienst f\u00fcr die Dauer des Referendariats erm\u00f6glicht.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ein-symbol-der-abgrenzung\">Ein Symbol der Abgrenzung?<\/span><\/h2>\n<p>Im Juli 1998 aber, nach Abschlu\u00df der Ausbildung, wurde ihr die \u00dcbernahme in den Schuldienst aufgrund ihres Kopftuches verweigert. Die Presseerkl\u00e4rung des Kultusministeriums vom 13. Juli 1998 f\u00fchrte zur Begr\u00fcndung an, die Entscheidung sei in einer Abw\u00e4gung der Rechte und Pflichten von Frau Ludin als Lehrerin an einer \u00f6ffentlichen Schule und der Belange der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler sowie ihrer Erziehungsberechtigen getroffen worden. Ber\u00fccksichtigt wurde vor allem die &#8222;Vorbildfunktion, die sie als Repr\u00e4sentantin des Staates innehat&#8220;, und &#8222;die innerislamische Diskussion um die Bedeutung des Kopftuches&#8220;. Ministerin Schavan stellte unter Bezugnahme auf solche Diskussionen fest, da\u00df &#8222;eine Mehrheit muslimischer Frauen weltweit kein Kopftuch tr\u00e4gt&#8220; und da\u00df auch innerislamisch das Kopftuch &#8222;als Symbol der kulturellen Abgrenzung und damit als politisches Symbol gewertet&#8220; werde. Im Tragen eines religi\u00f6sen Symbols, das auch als politisches vereinnahmt werden k\u00f6nnte, sah sie die gegenseitige Toleranz und den sozialen Frieden gef\u00e4hrdet. Die Wirkung, die von dem Symbol auf andere Mitglieder der eigenen wie anderer Religionsgemeinschaften ausgeht, m\u00fcsse bedacht werden. Schavan spielte hier auf die negative Religionsfreiheit der Sch\u00fclerinnen an, die garantiert sein m\u00fcsse (<i>die tageszeitung<\/i>, 14.7.1998), d.h. den Schutz der muslimischen M\u00e4dchen aus Familien, in denen bislang kein Kopftuch getragen wurde.<\/p>\n<p>Ihre Entscheidung m\u00f6chte Schavan selbst daher verstanden wissen &#8222;als Signal an M\u00e4nner und V\u00e4ter, da\u00df keine Frau und keine Tochter mehr gezwungen wird, ein Kopftuch als Symbol der kulturellen Ausgrenzung zu tragen&#8220; (<i>Badische Nachrichten<\/i>, 14.7.1998). Gleichzeitig wurde betont, da\u00df es sich um eine Einzelfallentscheidung handle &#8211; ein generelles Kopftuchverbot an Schulen und Hochschulen sei &#8222;aller Voraussetzung nach verfassungswidrig&#8220; (<i>Rheinische Post<\/i>, 14.7. 1998). Diese Argumentation wurde von einer breiten Landtagsmehrheit, die die Partei der Republikaner ebenso umfa\u00dfte wie die der Gr\u00fcnen, im Wesentlichen mitgetragen.<\/p>\n<p>Am Beispiel F. Ludin wird deutlich, da\u00df es den politischen Entscheidungstr\u00e4gern nicht allgemein um die Bekenntnisneutralit\u00e4t des Raumes Schule geht, sondern da\u00df das spezifische Symbol Kopftuch einer kritischen Begutachtung unterzogen wird. Dieser Bewertung zufolge werden Frauen entweder von M\u00e4nnern zum Tragen des Kopftuches &#8222;gezwungen&#8220; oder haben sich davon &#8222;befreit&#8220;; eine Entscheidung &#8222;daf\u00fcr&#8220; kann in dieser Logik nur als Bekenntnis zur Unterdr\u00fcckung der Frau durch den Mann gewertet werden. Im Umkehrschlu\u00df wird das\u00a0Nicht-Tragen als Akt der &#8222;Befreiung&#8220; und somit als aktiver &#8222;Bekenntnisschritt&#8220; gegen die (islamische) Frauenunterdr\u00fcckung und f\u00fcr die (christlich-abendl\u00e4ndische) Gleichberechtigung der Frau. Eine solche Bewertung religi\u00f6ser Symbole jedoch steht dem religionsneutralen Staat gesetzlich nicht zu; er beschneidet damit die Religionsfreiheit f\u00fcr Muslime (und tr\u00e4gt durch eine staatliche Bewertung des Tragens bzw. Nicht-Tragens des Kopftuches zu dessen ideologischer Aufladung bei).<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"integration-oder-assimilation\">Integration oder Assimi&shy;la&shy;tion?&nbsp;&nbsp;<\/span><\/h2>\n<p>Der &#8222;Fall Ludin&#8220; zeigt, da\u00df sich die Integrationsbereitschaft offenbar in erster Linie an \u00e4u\u00dferer Assimilation erweist und nicht an sprachlichen, beruflichen und anderen Qualifikationen, mit denen die Zuwanderer sich in die Gesellschaft einbringen. Die baden-w\u00fcrttembergische Entscheidung in Sachen Kopftuch wird in ihrer Sch\u00e4rfe nicht von allen Bundesl\u00e4ndern unterst\u00fctzt; so sprach sich die nordrhein-westf\u00e4lische Bildungsministerin Behler im Juli 1998 f\u00fcr einen &#8222;behutsameren Umgang mit religi\u00f6sen \u00dcberzeugungen im Zusammenhang mit Fragen des Dienstrechts&#8220; aus. In der Praxis hei\u00dft dies, da\u00df es in NRW im Ermessensspielraum des jeweiligen Schulleiters bzw. der jeweiligen Schulleiterin liegt, das Kopftuch einer muslimischen Lehrerin zu tolerieren &#8211; eine einheitliche Praxis mit widerspr\u00fcchlichen Signalen. So ist es etwa der Konrektorin einer Schule in Wuppertal ausdr\u00fccklich erlaubt und aus Integrationsgr\u00fcnden sogar erw\u00fcnscht, da\u00df sie ihr Kopftuch in der Schule tr\u00e4gt, w\u00e4hrend ihre Kollegin an einer benachbarten Schule ihr Kopftuch am Schultor abnehmen muss.<\/p>\n<p>Die Bundesrepublik pr\u00e4sentiert sich heute auf dem Weg von der christlich-abendl\u00e4ndischen Tradition zu einer multikulturellen und multireligi\u00f6sen Gesellschaft. Wie sichtbar andere Religionen in der christlich gepr\u00e4gten s\u00e4kularen Bundesrepublik sein d\u00fcrfen, gibt Auskunft dar\u00fcber, welches Verst\u00e4ndnis von &#8222;Religionsfreiheit&#8220; vorherrscht. Wichtig w\u00e4re auf diesem Weg, nicht nur <i>\u00fcber<\/i> die betroffenen Muslime zu reden, sondern sie an der Diskussion gleichberechtigt teilhaben zu lassen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur:<\/span><\/h2>\n<p>F\u00fcssel, Hans-Peter: &#8222;Multikulturelle Schule?&#8220;, in: <i>Kritische Ju<\/i>stiz, 27. Jg. 1994, S. 500-506.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[833,822],"autoren":[1717],"publikationen":[1033],"class_list":["post-10366","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gg-artikel-4","tag-grr-artikel","autoren-yasemin-karakasoglu-aydin","publikationen-1033"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Religionsfreiheit f\u00fcr Muslime? - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/1999\/publikation\/religionsfreiheit-fuer-muslime\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Religionsfreiheit f\u00fcr Muslime? - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Die Kopftuchdebatte im &#8222;Fall Ludin&#8220; In: Grundrechte-Report 1999, Seiten 72 &#8211; 77 In der Bundesrepublik leben derzeit rund drei Millionen Muslime. 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