{"id":10370,"date":"2012-05-23T06:30:00","date_gmt":"2012-05-23T04:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/heinisch-vs-germany-whistleblowing-als-freie-meinungsaeusserung\/"},"modified":"2021-08-30T15:41:18","modified_gmt":"2021-08-30T13:41:18","slug":"heinisch-vs-germany-whistleblowing-als-freie-meinungsaeusserung","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2012\/publikation\/heinisch-vs-germany-whistleblowing-als-freie-meinungsaeusserung\/","title":{"rendered":"Heinisch vs. Germany: Whistleblowing als freie Meinungs\u00e4u\u00dferung"},"content":{"rendered":"<p>Grundrechte-Report 2012, Seite 78<\/p>\n<p>Der Europ&auml;ische Gerichtshof f&uuml;r Menschenrechte (EGMR) hat am 21. Juli 2011 die Bundesrepublik Deutschland zu einer Schadensersatzzahlung von 15.000 Euro verurteilt, weil ihre Gerichte das Recht einer Kl&auml;gerin auf freie Meinungs&auml;u&szlig;erung missachtet und damit gegen Artikel 10 der Europ&auml;ischen Menschrechtskonvention (EMRK) versto&szlig;en haben. Die Kl&auml;gerin war Brigitte Heinisch. Die F&uuml;nfzigj&auml;hrige k&auml;mpft seit beinahe sieben Jahren gegen die fristlose K&uuml;ndigung ihres Arbeitgebers und die Weigerung deutscher Arbeitsgerichte sowie des Bundesverfassungsgerichts, diese aufzuheben. Das Urteil des Berliner Landesarbeitsgerichts (LAG) muss jetzt im Wege der von Frau Heinisch bereits eingereichten Restitutionsklage f&ouml;rmlich aufgehoben werden.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"sachverhalt-und-urteil\">Sachverhalt und Urteil<\/span><\/h2>\n<p>Brigitte Heinisch war viele Jahre Altenpflegerin in einer Berliner Pflegeeinrichtung des mehrheitlich landeseigenen Vivantes Konzerns mit zirka 160 Pflegepl&auml;tzen. Dort wurden vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen schwerwiegende M&auml;ngel festgestellt und in Pr&uuml;fberichten dokumentiert: personelle Unterbesetzung; gravierende Defizite hinsichtlich Nahrungs- und Getr&auml;nkeversorgung; kein angemessenes pflegerisches &bdquo;Schmerzmanagement&ldquo;; freiheitseinschr&auml;nkende Ma&szlig;nahmen ohne Zustimmung; kein regelm&auml;&szlig;iges Duschen\/Baden; keine fachgerechte Inkontinenzversorgung u. v. a. (Pr&uuml;fbericht vom 10. Mai 2006). Seit 2003 hatte sich Frau Heinisch mit entsprechenden Beschwerden und &Uuml;berlastungsanzeigen an die Leitung ihrer Pflegeeinrichtung gewandt. Nach langj&auml;hrigen, fruchtlosen Auseinandersetzungen erstattete sie durch ihren Rechtsanwalt Strafanzeige wegen schweren Betruges. Vivantes erbringe nicht die vertraglich zugesicherten Pflegeleistungen und gef&auml;hrde die Patienten. Daraufhin k&uuml;ndigte der Heimtr&auml;ger ihr Anfang 2005 fristlos.<\/p>\n<p>W&auml;hrend Heinisch mit ihrer K&uuml;ndigungsschutzklage in der ersten Instanz obsiegte, unterlag sie mit Urteil vom 28. M&auml;rz 2006 vor dem LAG Berlin. Die Revision zum Bundesarbeitsgericht (BAG) wurde nicht zugelassen. Die Beschwerde gegen die Nichtzulassung der Revision wurde zur&uuml;ckgewiesen, die eingelegte Verfassungsbeschwerde nicht zur Entscheidung angenommen. Dagegen hat Heinisch Beschwerde beim EGMR erhoben.<\/p>\n<p>Der Stra&szlig;burger Gerichtshof hat das Recht des Arbeitsgebers Vivantes Netzwerk f&uuml;r Gesundheit GmbH auf <i>Loyalit&auml;t<\/i> seiner Angestellten und <i>Schutz seines guten Rufs<\/i> gegen das Grundrecht der Kl&auml;gerin Heinisch auf <i>Freiheit der Meinungs&auml;u&szlig;erung<\/i> &bdquo;abgewogen&ldquo;. Ein zentrales Kriterium war dabei das <i>&ouml;ffentliche Interesse <\/i>an der Information. Er gelangt zu dem Ergebnis, dass die deutschen Gerichte keinen fairen &bdquo;Ausgleich&ldquo; herbeigef&uuml;hrt h&auml;tten. Es liege eine Verletzung von Artikel 10 EMRK vor.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"recht-auf-freie-meinungsaeusserung-und-oeffentliches-interesse\">Recht auf freie Meinungs&shy;&auml;u&shy;&szlig;e&shy;rung und &bdquo;&ouml;ffent&shy;li&shy;ches Interesse&ldquo;<\/span><\/h2>\n<p>Deutsche Gerichte haben die Meinungs&auml;u&szlig;erungsfreiheit von Whistleblowern bisher unzureichend gesch&uuml;tzt. Das wird sich infolge des EGMR-Urteils &auml;ndern m&uuml;ssen.<\/p>\n<p>Das Meinungs&auml;u&szlig;erungsrecht des Artikel 10 Absatz 1 Satz 1 EMRK schlie&szlig;t &bdquo;die Freiheit ein, Informationen und Ideen ohne beh&ouml;rdliche Eingriffe &hellip; zu empfangen und weiterzugeben&ldquo;. Damit sind auch Tatsachenbehauptungen explizit abgedeckt. Allerdings unterliegen Meinungs- und Informationsverbreitungsfreiheit gem&auml;&szlig; Artikel 10 Absatz 2 gewissen Einschr&auml;nkungen. Diese m&uuml;ssen aber &bdquo;gesetzlich vorgesehen und in einer demokratischen Gesellschaft notwendig&ldquo; sein.<\/p>\n<p>Im vorliegenden Fall sieht das Gericht eine <i>gesetzlich vorgesehene<\/i> Einschr&auml;nkung der Meinungsfreiheit &bdquo;zum Schutz des guten Rufes&ldquo; und der gesch&auml;ftlichen Interessen des Arbeitgebers zwar als gegeben an. Es kommt aber zu dem Schluss, dass in einer <i>demokratischen Gesellschaft <\/i>das <i>&ouml;ffentliche Interesse <\/i>an Informationen &uuml;ber Pflegem&auml;ngel diese Arbeitgeberinteressen &uuml;berwiege. Es hebt die zunehmende Bedeutung der Altenpflege sowie die Hilflosigkeit und Schutzbed&uuml;rftigkeit der betroffenen Personen hervor. An die Leistungen der mehrheitlich landeseigenen Pflegeeinrichtung Vivantes als Teil der &ouml;ffentlichen Daseinsvorsorge legt es zudem besonders hohe Qualit&auml;tsma&szlig;st&auml;be an.<\/p>\n<p>In Deutschland &#8211; anders als etwa in den USA &#8211; wird dagegen das &ouml;ffentliche Interesse an einer Information, das beim Whistleblowing ein wesentliches Motiv sein kann, <i>bisher<\/i> in der Regel nicht in den gerichtlichen Abw&auml;gungsprozess mit den jeweiligen Arbeitgeberinteressen einbezogen. Arbeitnehmer d&uuml;rfen danach interne Informationen in der Regel nicht an eine au&szlig;erbetriebliche Stelle oder an die &Ouml;ffentlichkeit und eben auch nicht an die Strafverfolgungsbeh&ouml;rden geben. Tun sie es dennoch, riskieren sie Sanktionen und letztlich die K&uuml;ndigung. Der Arbeits- und Datenschutzrechtler Spiros Simitis argumentierte in seiner Laudatio auf Brigitte Heinisch, als diese im Jahr 2007 den Whistleblower-Preis der IALANA und der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler erhielt: Es gehe nicht an, der &ouml;ffentlichen Diskussion Informationen vorzuenthalten, &bdquo;die nur aus der unmittelbaren Kenntnis des Gegenstands und Ablaufs der je spezifischen beruflichen T&auml;tigkeit entstehen k&ouml;nnen&ldquo;.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"beweislast-bei-whistleblowing\">Beweislast bei Whist&shy;leblo&shy;wing<\/span><\/h2>\n<p>Es liegt auf der Hand, dass ein Whistleblower die Informationen, die er oder sie weitergibt, sorgf&auml;ltig auf ihren Wahrheitsgehalt hin pr&uuml;fen muss, soweit ihm\/ihr das m&ouml;glich ist. Gleichwohl k&ouml;nnen sich seine Angaben als falsch herausstellen. Mit dieser Begr&uuml;ndung ist eine fristlose K&uuml;ndigung aber nur dann zul&auml;ssig, wenn der Arbeitnehmer die falschen Angaben <i>wissentlich<\/i> oder <i>leichtfertig<\/i> gemacht hat.<\/p>\n<p>Der Stra&szlig;burger Gerichtshof urteilte nun, dass die Beweislast im strafrechtlichen Ermittlungsverfahren gegen den Angezeigten von jener des Whistleblowers\/Anzeigenden im arbeitsrechtlichen K&uuml;ndigungsschutzverfahren zu unterscheiden sei: &bdquo;(E)in Mangel an Beweisen (kann) zwar zur Einstellung des Ermittlungsverfahrens f&uuml;hren, dies (f&uuml;hrt) aber nicht unbedingt zu der Schlussfolgerung, dass die der Strafanzeige zugrunde liegenden Behauptungen von vornherein einer sachlichen Grundlage entbehrten oder leichtfertig waren&ldquo;. Er kommt in W&uuml;rdigung der Gesamtsituation zu dem Schluss, &bdquo;dass die Beschwerdef&uuml;hrerin in gutem Glauben handelte, als sie Strafanzeige gegen ihre Arbeitgeberin erstattete&ldquo;.<\/p>\n<p>Das Urteil des EGMR ist von Arbeitgeberseite und einem Teil der deutschen Presse heftig angegriffen worden. &bdquo;Da hat man in Deutschland eine Rechtsfrage &uuml;ber Jahre hinweg ausgekl&uuml;gelt beantwortet und etwaige Grundrechtseingriffe austariert&nbsp;&#8211; und dann kommen die Stra&szlig;burger Richter, verwenden die Europ&auml;ische Menschenrechtskonvention wie ein gro&szlig;es B&uuml;geleisen und gl&auml;tten die feinen deutschen Konturen aus.&ldquo; (Caroline Freisfeld in der Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 27.8.2011)<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"geheimhaltung-wird-rechtfertigungsbeduerftig\">Geheim&shy;hal&shy;tung wird recht&shy;fer&shy;ti&shy;gungs&shy;be&shy;d&uuml;rftig<\/span><\/h2>\n<p>Das Urteil des EGMR st&auml;rkt die Rechte von Whistleblowern in Deutschland als Recht der freien Meinungs&auml;u&szlig;erung und Informationsverbreitung im &ouml;ffentlichen Interesse.<\/p>\n<p>Die Bundesregierung ist der medienwirksam vorgebrachten Aufforderung des emp&ouml;rten Arbeitgeberpr&auml;sidenten Hundt nicht gefolgt, gegen das von einer Kammer des Stra&szlig;burger Gerichtshofes gef&auml;llte Urteil die Gro&szlig;e Kammer anzurufen.<\/p>\n<p>Geheimhaltung wird schwerer &#8211; f&uuml;r Arbeitgeber auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Sie wird rechtfertigungsbed&uuml;rftig in dem Ma&szlig;e, wie Transparenz und &Ouml;ffentlichkeit als Funktionsvoraussetzungen von Demokratie zunehmend ins Bewusstsein der B&uuml;rger dringen. Inzwischen haben die Gr&uuml;nen und die Linken Vorschl&auml;ge f&uuml;r gesetzliche Whistleblowerschutzregelungen vorgelegt. Der Gesetzgeber und die Rechtsprechung werden das Urteil des EGMR, welches das Fehlen solcher Regelungen in Deutschland explizit anspricht, sowie die dort empfohlenen Grunds&auml;tze beherzigen m&uuml;ssen, wenn sich die Bundesrepublik nicht weitere R&uuml;ffel aus Stra&szlig;burg einhandeln will.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h2>\n<p>Deiseroth, Dieter, K&uuml;ndigungsschutz bei Kritik an Missst&auml;nden in der Altenpflege, in: Arbeit und Recht 2007, H. 6, sowie die Replik von Binkert und die Duplik von Deiseroth ebda.<\/p>\n<p>Simitis, Spiros, Whistleblowing &#8211; Vom individuellen Risiko zur staatlichen und unternehmenspolitischen Instrumentalisierung, in: Deiseroth, Dieter\/Falter, Annegret (Hrsg.), Whistleblower in Altenpflege und Infektionsforschung, Berlin 2007, S. 72 ff.<\/p>\n<p>Presseinformation zum Urteil:<br \/><a href=\"http:\/\/cmiskp.echr.coe.int\/tkp197\/view.asp?action=open&amp;documentId=888512&amp;portal=hbkm&amp;source=externalbydocnumber&amp;table=F69A27FD8FB86142BF01C1166DEA398649\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/cmiskp.echr.coe.int\/tkp197\/view.asp?action=open&amp;documentId=888512&amp;portal=hbkm&amp;source=externalbydocnumber&amp;table=F69A27FD8FB86142BF01C1166DEA398649<\/a><\/p>\n<p>Zusammenfassende Darstellung und W&uuml;rdigung des Urteils: <a href=\"http:\/\/www.whistleblower-net.de\/content\/view\/242\/1\/lang%2Cde\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.whistleblower-net.de\/content\/view\/242\/1\/lang,de\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[686,822],"autoren":[1719],"publikationen":[1026],"class_list":["post-10370","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gg-artikel-5","tag-grr-artikel","autoren-annegret-falter","publikationen-1026"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.8 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Heinisch vs. Germany: Whistleblowing als freie Meinungs\u00e4u\u00dferung - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2012\/publikation\/heinisch-vs-germany-whistleblowing-als-freie-meinungsaeusserung\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Heinisch vs. Germany: Whistleblowing als freie Meinungs\u00e4u\u00dferung - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Grundrechte-Report 2012, Seite 78 Der Europ&auml;ische Gerichtshof f&uuml;r Menschenrechte (EGMR) hat am 21. 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