{"id":10371,"date":"2012-05-23T06:15:00","date_gmt":"2012-05-23T04:15:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/deutsche-bank-kauft-lehrstuehle\/"},"modified":"2021-08-24T21:55:13","modified_gmt":"2021-08-24T19:55:13","slug":"deutsche-bank-kauft-lehrstuehle","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2012\/publikation\/deutsche-bank-kauft-lehrstuehle\/","title":{"rendered":"Deutsche Bank kauft Lehrst\u00fchle"},"content":{"rendered":"<p>Grundrechte-Report 2012, Seite 83<\/p>\n<p>Erst im Fr\u00fchjahr 2011 wurde bekannt, in welchem Ma\u00dfe die Wissenschaftsfreiheit in Deutschland verletzt wird. Auf der Hauptversammlung der Deutschen Bank am 26. Mai 2011 wurde der Kauf von Lehrst\u00fchlen \u00f6ffentlich. Hintergrund ist zun\u00e4chst ein Sponsor- und Kooperationsvertrag zwischen der Deutschen Bank und der Humboldt-Universit\u00e4t zu Berlin (HU) sowie der Technischen Universit\u00e4t Berlin (TU) aus dem Jahr 2006. Der Vertrag ist das peinlichste Unterwerfungsdokument unter die Interessen einer Gro\u00dfbank, das bisher bekannt geworden ist. Wir sind von der R\u00fcstungs-, Pharma-, Atom- und Chemielobby einiges gew\u00f6hnt, aber der Berliner Fall ist an ungeschminkter Dreistigkeit kaum zu \u00fcberbieten. Etwas zynisch lie\u00dfe sich auch von einem dilettantischen Betriebsunfall der Deutschen Bank sprechen, die sonst eine ungleich diskretere Beeinflussung bevorzugt.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"in-der-hand-der-deutschen-bank\">In der Hand der Deutschen Bank?<\/span><\/h2>\n<p>Die Deutsche Bank beabsichtigte 2006 eine konzerneigene Forschungseinrichtung &#8222;Quantitative Products Laboratory&#8220; in Berlin aufzubauen. Sie entsandte dazu Managing Director Dr. Marcus Overhaus an die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakult\u00e4ten von HU und TU und wurde bald f\u00fcndig. In der Vorlage Nr. 87 KUR 44\/06 verabschiedeten das Kuratorium und der Senat der HU gegen die Stimmen der Studierenden und eines Kuratoriumsmitglieds den Sponsor- und Kooperationsvertrag.<\/p>\n<p>Dieser Vertrag regelt:<\/p>\n<ul>\n<li>Die Vertragspartner vereinbaren in einer gemeinsamen Forschungsinitiative Innovationsprojekte auf Search- and Business-Fields.<\/li>\n<li>Zur Unterst\u00fctzung finanziert die Deutsche Bank an der HU Berlin eine Professur &#8222;Angewandte Finanzmathematik&#8220; und an der TU Berlin eine Professur &#8222;Finanzmathematik&#8220;. Die F\u00f6rderung \u00fcber drei Millionen Euro ist auf vier plus vier Jahre angelegt und soll ca. 20 Stellen f\u00fcr wissenschaftliches Personal umfassen.<\/li>\n<li>Zentrales Steuerungsinstrument ist ein formal parit\u00e4tischer Lenkungsausschuss, der durch den von der Deutschen Bank gestellten Vorsitzenden entscheidend dominiert wird.<\/li>\n<li>Die Besetzung der Professuren erfolgt im Einvernehmen mit der Deutschen Bank, wobei zun\u00e4chst unklar bleibt, ob Vertreter der Deutschen Bank auch in den Berufungskommissionen sitzen sollen. Mindestens ein Vertreter der Deutschen Bank war bisher Mitglied in einer Berufungskommission. Zu den Dienstpflichten der zu berufenden Hochschullehrer geh\u00f6ren auch die im Vertrag mit der Deutschen Bank festgelegten Pflichten.<\/li>\n<li>Die Lehrverpflichtung ist mit mindestens zwei Semesterwochenstunden niedrig angesetzt. Hochschulprofessoren lehren im Normalfall neun Stunden.<\/li>\n<li>Alle Forschungsergebnisse sind vor einer Ver\u00f6ffentlichung &#8222;zur Freigabe vorzulegen&#8220;. Die Entscheidung \u00fcber die Freigabe trifft der Managing Director &#8211; also die Deutsche Bank.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Dieser Vertrag ist eine eindeutige Instrumentalisierung der Hochschulen im Interesse der Deutschen Bank. Er verdeutlicht aber auch die Selbstaufgabe zweier Universit\u00e4ten, die die grundgesetzlich verb\u00fcrgte Wissenschaftsfreiheit mit F\u00fc\u00dfen treten. Dass das alles vor der Finanzmarktkrise so ungeschminkt dreist und ohne \u00f6ffentlichen Streit \u00fcber die B\u00fchne gegangen ist, sagt etwas \u00fcber die Macht der Banken und \u00fcber den prinzipienfesten Opportunismus der Verantwortlichen beider Universit\u00e4ten aus.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"kein-einzelfall\">Kein Einzelfall?<\/span><\/h2>\n<p>Es gibt einige Hinweise, dass die Deutsche Bank auch an anderen universit\u00e4ren Einrichtungen Lehrst\u00fchle oder Lehrpersonal bzw. Zusch\u00fcsse f\u00fcr Lehrbeauftragte in Anlehnung an das Berliner Muster beeinflusst hat: Universit\u00e4t Mailand, Universit\u00e4t Luxemburg, School of Finance (Universit\u00e4t Frankfurt), House of Finance (Privatuniversit\u00e4t Frankfurt), European School of Management and Technology (Berlin). Damit gibt es nach unseren Recherchen f\u00fcnf weitere Universit\u00e4ten und Privathochschulen, die solche Vertr\u00e4ge abgeschlossen haben. Sie tun aber alles, um Transparenz zu verhindern. Die Deutsche Bank gab \u00fcber Josef Ackermann anl\u00e4sslich der Hauptversammlung 2011 die Auskunft, die Deutsche Bank habe zehn Millionen Euro zus\u00e4tzlich in den letzten Jahren f\u00fcr Lehrpersonal bereitgestellt. Der Kauf von Lehrst\u00fchlen durch die Deutsche Bank wurde auf der Hauptversammlung am 26. Mai 2011 provozierend vorgestellt. Die \u00f6ffentliche Resonanz war gewaltig. Viele wichtige Medien berichteten. Die Deutsche Bank \u00e4u\u00dferte sich nur ad hoc auf der Aktion\u00e4rsversammlung. Der Stifterverband der deutschen Wissenschaft renovierte inzwischen seine Leitlinien f\u00fcr Stiftungsprofessuren. Nach einem Aufruf der Zeitung &#8222;die tageszeitung&#8220; wurden noch mehrere F\u00e4lle von zumindest fragw\u00fcrdigen Vertr\u00e4gen dokumentiert (u. a. Telekom). Das Stiftungsverzeichnis von \u00fcber 800 Stiftungsprofessuren belegt zudem, dass vor allem der Maschinenbau, die Chemie- und Pharmaindustrie, die Banken- und Technologiekonzerne an Stiftungsprofessuren oder ganz normalen Lehrst\u00fchlen interessiert sind. Dass sich die Kultusministerkonferenz und die Hochschulrektorenkonferenz so zur\u00fcckhaltend darin verhalten, irgendwelche Mindeststandards zu formulieren, hat einen Grund. Man will sich nicht bei den Hochschulen einmischen und deren Verantwortlichkeit unangetastet lassen. Das mag verst\u00e4ndlich sein, ist aber nicht sehr verantwortungsbewusst in Zeiten, in denen f\u00fcr Hochschulen jeder zus\u00e4tzliche Lehrstuhl angesichts der Sparzw\u00e4nge willkommen ist. Da f\u00e4llt die &#8222;Moral&#8220; der Freiheit der Wissenschaft schon mal unter den Tisch. Der Preis ist die Diskreditierung der Wissenschaftsfreiheit, die man auf den Hund kommen l\u00e4sst.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"freiheit-der-wissenschaft\">Freiheit der Wissen&shy;schaft?<\/span><\/h2>\n<p>Wie sollte das Verh\u00e4ltnis von \u00d6konomie, Politik und Wissenschaft zueinander beschaffen sein? Sowohl das posaunenb\u00e4ckige Credo von der Freiheit der Wissenschaft als auch das pragmatische Wissenschaftsmodell von J\u00fcrgen Habermas postulieren eine relative Autonomie der Wissenschaft. Das soll einen wechselseitigen Lernprozess zwischen \u00d6konomie, Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Die Distanz der Wissenschaft ist die Voraussetzung f\u00fcr die wirkliche Ver\u00e4nderung der Praxis. Nicht auf dem Scho\u00df der Praxis zu sitzen und das geneigte Ohr der M\u00e4chtigen zu erreichen, ist die grundgesetzlich gesch\u00fctzte Wissenschaftsfreiheit, sondern die Distanz, die erst die Freiheit zur Wahrheitsfindung und Urteilsf\u00e4higkeit schafft.<\/p>\n<p>Die Praxis ist jedoch widerspr\u00fcchlich und un\u00fcbersichtlich: Wer ist daf\u00fcr verantwortlich, dass die Universit\u00e4ten fast nur noch mit neoklassischen wirtschaftswissenschaftlichen und betriebswirtschaftlichen Fachausrichtungen ausgestattet sind &#8211; und andere theoretische Ans\u00e4tze (Keynesianismus, Solidarische \u00d6konomie, Marxismus, Wirtschaftsethik u. a.) weitgehend fehlen? Es m\u00fcsste ein Beben durch die Gesellschaft gehen, wenn die Folgesch\u00e4den solch \u00f6konomistischen Denkens in den Finanzmarktkrisen zu besichtigen sind. Wer kontrolliert eigentlich die tausende von An-Instituten, die unter der Flagge von Wissenschaft und Praxis an den Universit\u00e4ten oft im Dunkeln segeln? Sie repr\u00e4sentieren \u00fcberwiegend die Interessen der Praxis. Wer bestimmt \u00fcber die gesamtgesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen und ihre notwendigen wissenschaftlichen Bearbeitungsversuche? Und wer darf in der Republik dar\u00fcber bestimmen, welche Lehrst\u00fchle mit welchen Personen und welchen Ausrichtungen besetzt werden? Und wer hat das wirkliche Sagen bei ca. tausend Stiftungsprofessuren, die von wohlwollenden Stiftern, m\u00e4chtigen Industrie- und Dienstleistungsunternehmen oder Kulturschaffenden gesponsort werden? Keine Frage: Insgesamt fluten eher \u00f6konomische Interessen die Wissenschaft bis zu der vermeintlichen \u00d6konomisierung durch Bachelor- und Master-Studieng\u00e4nge.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[686,822],"autoren":[1720],"publikationen":[1026],"class_list":["post-10371","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gg-artikel-5","tag-grr-artikel","autoren-peter-grottian","publikationen-1026"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Deutsche Bank kauft Lehrst\u00fchle - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2012\/publikation\/deutsche-bank-kauft-lehrstuehle\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Deutsche Bank kauft Lehrst\u00fchle - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Grundrechte-Report 2012, Seite 83 Erst im Fr\u00fchjahr 2011 wurde bekannt, in welchem Ma\u00dfe die Wissenschaftsfreiheit in Deutschland verletzt wird. 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