{"id":10378,"date":"2009-05-23T04:40:00","date_gmt":"2009-05-23T02:40:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/whistleblower-schutz-in-deutschland\/"},"modified":"2021-08-30T15:40:34","modified_gmt":"2021-08-30T13:40:34","slug":"whistleblower-schutz-in-deutschland","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2009\/publikation\/whistleblower-schutz-in-deutschland\/","title":{"rendered":"Whistleblower-Schutz in Deutschland"},"content":{"rendered":"<p>Grundrechte-Report 2009, Seite 111<\/p>\n<p>In die rechtspolitische Diskussion &uuml;ber einen besseren Schutz von Whistleblowern &#8211; also von Insidern, die gravierende Missst&auml;nde, Risiken oder Fehlentwicklungen aus ihrem beruflichen Umfeld aufdecken &#8211; ist in Deutschland Bewegung gekommen. Selbst der Begriff scheint sich in der deutschen Sprache allm&auml;hlich einzub&uuml;rgern. Die Anst&ouml;&szlig;e dazu kommen aus drei Richtungen.<\/p>\n<p>Das US-amerikanische SOX-Gesetz zwingt an der US-B&ouml;rse notierte Unternehmen und ihre Tochtergesellschaften &#8211; auch wenn sie in Deutschland operieren &#8211; dazu, innerbetriebliche Regelungen zum Schutz von solchen Besch&auml;ftigten zu schaffen.<\/p>\n<p>Das Antikorruptions&uuml;bereinkommen des Europarats zwingt alle Mitgliedsstaaten, &bdquo;in ihrem innerstaatlichen Recht (vorzusehen), dass Besch&auml;ftigte, die den zust&auml;ndigen Personen oder Beh&ouml;rden in redlicher Absicht einen begr&uuml;ndeten Korruptionsverdacht mitteilen, angemessen vor ungerechtfertigten Nachteilen gesch&uuml;tzt werden.&ldquo; Die Bundesregierung hat angek&uuml;ndigt, dieses Abkommen zu ratifizieren und umzusetzen.<\/p>\n<p>Und drittens gibt es zivilgesellschaftlichen Druck. Vor allem die schockierenden Skandale im Bereich des Umwelt-, Gesundheits- und Verbraucherschutzes (u.a. BSE, Gammelfleisch, M&uuml;llverbrennung, Babynahrung), der gro&szlig;fl&auml;chige, vielfach kaum aufdeckbare Missbrauch sensibler personenbezogener Daten in der Wirtschaft sowie die malade Situation vieler Pflegebed&uuml;rftiger in Krankenh&auml;usern und Einrichtungen haben in den letzten Jahren immer deutlicher sichtbar gemacht, wie wichtig Insider sind, die &uuml;ber gravierende Missst&auml;nde die Alarmglocke l&auml;uten, in dem sie sich an zust&auml;ndige Stellen oder notfalls auch an die &Ouml;ffentlichkeit wenden, um Abhilfe zu erreichen (siehe auch Grundrechte-Report 2005). Die detaillierte Berichterstattung in den Medien &uuml;ber die Bedeutung dieser Whistleblower f&uuml;r die Aufdeckung solcher Missst&auml;nde, die Stiftung und Vergabe eines Whistleblower-Preises und die Aktivit&auml;ten des &bdquo;Whistleblower-Netzwerks&ldquo; haben dazu ma&szlig;geblich beigetragen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"erste-schritte-zum-informantenschutz\">Erste Schritte zum Infor&shy;man&shy;ten&shy;schutz<\/span><\/h2>\n<p>Zur Umsetzung des Antikorruptions&uuml;bereinkommens des Europarats hat der deutsche Gesetzgeber zwischenzeitlich im Beamtenstatusgesetz vom 17. Juni 2008, das ab dem 1. April 2009 in Kraft treten wird, in &sect; 38 Absatz 2 Nr. 3 normiert, dass die Verschwiegenheitspflicht von Beamten k&uuml;nftig nicht mehr gelten soll, &bdquo;soweit &#8230; gegen&uuml;ber der zust&auml;ndigen obersten Dienstbeh&ouml;rde, einer Strafverfolgungsbeh&ouml;rde oder einer durch Landesrecht bestimmten weiteren Beh&ouml;rde oder au&szlig;erdienstlichen Stelle ein durch Tatsachen begr&uuml;ndeter Verdacht einer Korruptionsstraftat nach den &sect;&sect; 331 &#8211; 337 StGB angezeigt wird.&ldquo;<\/p>\n<p>Das betrifft freilich nur einen &#8211; allerdings wichtigen &#8211; Ausschnitt des Whistleblowing. Artikel 9 des Europarats-&Uuml;bereinkommens fordert dar&uuml;ber hinaus Schutzregelungen f&uuml;r alle Besch&auml;ftigten.<\/p>\n<p>Die Gesetzgeber anderer Staaten haben diesen Weg bereits beschritten. Verwiesen sei insoweit nur auf den im Vereinigten K&ouml;nigreich bereits 1999 in Kraft getretenen &bdquo;Public Interest Disclosure Act&ldquo; sowie Whistleblowerschutzgesetze in den USA, in Australien, S&uuml;dafrika, Japan und j&uuml;ngst auch in Frankreich. Dementsprechend ist es konsequent und zu begr&uuml;&szlig;en, wenn auch der deutsche Gesetzgeber&nbsp;&#8211; &auml;hnlich wie der niederl&auml;ndische und der israelische &#8211; nunmehr Schutzregelungen f&uuml;r alle Arbeits- und Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse anstrebt und diese Neuregelung nicht auf den Schutz von Anzeigen im Bereich der Korruption beschr&auml;nkt.<\/p>\n<p>Eine fraktions&uuml;bergreifende Initiative im Deutschen Bundestag und Teile der Bundesregierung erw&auml;gen die Einf&uuml;gung einer Bestimmung in das BGB zum Schutz von Whistleblowern in Arbeitsverh&auml;ltnissen (&#8222;Informantenschutz&#8220;). Der bisher diskutierte Gesetzentwurf ist recht knapp. Der jetzige &sect; 612 a des B&uuml;rgerlichen Gesetzbuchs (BGB) soll &sect; 612 b BGB werden und an seiner Stelle soll eine neue Norm eingef&uuml;gt werden. Kommt der Arbeitgeber einem innerbetrieblichen Abhilfeverlangen nicht nach, soll der Arbeitnehmer k&uuml;nftig ausdr&uuml;cklich das Recht haben, sich an eine zust&auml;ndige au&szlig;erbetriebliche Stelle, also in aller Regel eine staatliche Beh&ouml;rde, zu wenden.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"schutz-der-meinungsfreiheit-bleibt-defizitaer\">Schutz der Meinungs&shy;frei&shy;heit bleibt defizit&auml;r<\/span><\/h2>\n<p>Eine solche Gesetzes&auml;nderung w&uuml;rde &#8211; ungeachtet notwendiger Detailkritik &#8211; den rechtlichen Schutz von Whistleblowern in Deutschland verbessern. Ein wirksamer Whistleblower-Schutz verlangt zudem aber eine wirksame Garantie der Meinungs&auml;u&szlig;erungsfreiheit f&uuml;r alle Dienst- und Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse. Es reicht nicht aus, wie bisher die grundrechtliche Meinungs&auml;u&szlig;erungsfreiheit nur &bdquo;mittelbar&ldquo; &uuml;ber auslegungsf&auml;hige Generalklauseln oder unbestimmte Rechtsbegriffe des Arbeits- und Dienstrechts im Rahmen einer Abw&auml;gung mit anderen Gesichtspunkten zu ber&uuml;cksichtigen. Es bedarf einer klaren und unmittelbaren Gew&auml;hrleistung der Meinungs&auml;u&szlig;erungsfreiheit f&uuml;r alle Arbeits- und Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse. Dabei muss die von der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) f&uuml;r &Auml;u&szlig;erungen im &ouml;ffentlichen Bereich geltende Vermutungsregel beachtet werden: Bei allen &Auml;u&szlig;erungen,<\/p>\n<ul>\n<li>die nicht leichtfertig und nicht wider besseres Wissen erfolgen und die<\/li>\n<li>eine das &ouml;ffentliche Interesse wesentlich ber&uuml;hrende Frage betreffen,<\/li>\n<\/ul>\n<p>spricht eine Vermutung f&uuml;r ihre Zul&auml;ssigkeit.<\/p>\n<p>In der Anh&ouml;rung zu der geplanten &bdquo;Informantenschutz&ldquo;-Regelung im Juni 2008 des Bundestagsausschusses f&uuml;r Ern&auml;hrung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz war das Hauptargument gegen die Neuregelung die m&ouml;gliche Rufgef&auml;hrdung der Unternehmen durch falsche Medienberichte und negative Schlagzeilen aufgrund einer unberechtigten Anzeige. Wie bei jeder Rechtswahrnehmung ist es auch bei der Zuerkennung eines Anzeigerechts f&uuml;r Arbeitnehmer m&ouml;glich, dass der einzelne davon in missbr&auml;uchlicher Weise Gebrauch macht, indem er etwa nach einer berechtigten K&uuml;ndigung wegen Unzuverl&auml;ssigkeit durch die Behauptung falscher Tatsachen &uuml;ber Betriebsabl&auml;ufe Vergeltung &uuml;bt. Vort&auml;uschung einer Straftat, falsche Verd&auml;chtigung, &uuml;ble Nachrede und Verleumdung sind jedoch gem. &sect;&sect; 145d, 164, 186 und 187 StGB hinreichend mit Strafe bedroht und k&ouml;nnen auch zivilrechtlichen Schadensersatz ausl&ouml;sen. Der Arbeitnehmer, der seinen Arbeitsplatz verliert, muss &uuml;ber die straf- und zivilrechtlichen Sanktionen hinaus mit einer weitgehenden Stigmatisierung rechnen. Die Bereitschaft zum Whistleblowing ist also von vornherein durch vielf&auml;ltige Nachteile ged&auml;mpft. Hinzu kommt, dass bei der Verfolgung von Straftaten Staatsanwaltschaften und die sonstigen zust&auml;ndigen Beh&ouml;rden gr&ouml;&szlig;te Vorsicht walten lassen, bevor sie bei einem wegen wirtschaftlicher Erfolge gesch&auml;tzten Unternehmen intervenieren.<\/p>\n<p>Bei der rechtspolitischen Abw&auml;gung der m&ouml;glichen Missbrauchsgefahr und des Nutzens eines Fr&uuml;hwarnsystems &uuml;ber Missst&auml;nde kann das Urteil nur zugunsten des letzteren ausfallen, zumal keine rechtstats&auml;chlichen Untersuchungen ein statistisch relevantes Gewicht missbr&auml;uchlicher Anzeigen best&auml;tigen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h2>\n<p>Deiseroth, Dieter\/Falter, Annegret (Hrsg.): Whistleblower in Gentechnik und R&uuml;stungsforschung. Preisverleihung 2005 an Theodore A. Postol und Arpad Pusztai.<br \/>Berlin. 2006. ISBN-13: 978-3-8305-1262-2<\/p>\n<p>Dies. (Hrsg.): Whistleblower in Altenpflege und Infektionsforschung. Preisverleihung 2007 an Brigitte Heinisch und Liv Bode. Berlin. 2007. ISBN: 978-3-8305-1455-8<\/p>\n<p>Deiseroth, Dieter\/Derleder, Peter: Whistleblower und Denunziatoren, in: Zeitschrift f&uuml;r Rechtspolitik (ZRP) 2008, D. 248 &#8211; 251<\/p>\n<p>Deutscher Bundestag &#8211; Ausschuss f&uuml;r Ern&auml;hrung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (81. Sitzung am 4. Juni 2008. 16. Wahlperiode. Drucksache 16\/81): Wortprotokoll der &Ouml;ffentlichen Anh&ouml;rung zum Thema &bdquo;Regelung des Informantenschutzes f&uuml;r Arbeitnehmer im Zusammenhang mit dem Gesetz zur &Auml;nderung des Lebensmittel- u. Futtermittelgesetzbuches sowie anderer Vorschriften&ldquo;<br \/><a href=\"http:\/\/www.bundestag.de\/ausschuesse\/a10\/anhoerungen\/a10_81\/16-81_Protokoll.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.bundestag.de\/ausschuesse\/a10\/anhoerungen\/a10_81\/16-81_Protokoll.pdf<\/a><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[686,822],"autoren":[298],"publikationen":[1029],"class_list":["post-10378","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gg-artikel-5","tag-grr-artikel","autoren-dieter-deiseroth","publikationen-1029"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.7 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Whistleblower-Schutz in Deutschland - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2009\/publikation\/whistleblower-schutz-in-deutschland\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Whistleblower-Schutz in Deutschland - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Grundrechte-Report 2009, Seite 111 In die rechtspolitische Diskussion &uuml;ber einen besseren Schutz von Whistleblowern &#8211; also von Insidern, die gravierende Missst&auml;nde, Risiken oder Fehlentwicklungen aus ihrem beruflichen Umfeld aufdecken &#8211; ist in Deutschland Bewegung gekommen. 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