{"id":10391,"date":"2010-05-23T05:30:00","date_gmt":"2010-05-23T03:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/eine-mischung-aus-medizinischer-wichtigtuerei-sturheit-und-hexenjagd-staatliche-kindeswohlgefaeh\/"},"modified":"2021-08-30T15:40:47","modified_gmt":"2021-08-30T13:40:47","slug":"eine-mischung-aus-medizinischer-wichtigtuerei-sturheit-und-hexenjagd-staatliche-kindeswohlgefaeh","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2010\/publikation\/eine-mischung-aus-medizinischer-wichtigtuerei-sturheit-und-hexenjagd-staatliche-kindeswohlgefaeh\/","title":{"rendered":"&#8222;Eine Mischung aus medizinischer Wichtigtuerei, Sturheit und Hexenjagd\u201c &#8211; Staatliche Kindeswohlgef\u00e4hrdung"},"content":{"rendered":"<p>Grundrechte-Report 2010, Seite 101<\/p>\n<p>Spektakul&auml;re F&auml;lle, in denen eine Kindeswohlgef&auml;hrdung von Beh&ouml;rden unentdeckt blieb, gingen mehrfach durch die Presse.&nbsp; Die Frage, ob Verhalten von Beh&ouml;rden und Gerichten&nbsp; selbst zu einer Kindeswohlgef&auml;hrdung f&uuml;hren kann, wirft ein Fall aus Bayern auf, der jetzt das Bundesverfassungsgericht besch&auml;ftigte.<\/p>\n<p>So fing es an: Am 3.8.2004 wird der damals 9 j&auml;hrige A.H. durch 12 Personen &#8211; Polizeibeamte und Jugendamtsmitarbeiter aus der Obhut seiner Mutter und ihrer Familie genommen. Als das Kind nicht gleich freiwillig mitkommt, wird gedroht, Sp&uuml;rhunde zu holen. Dem Verfasser dieses Artikels ist kein Fall bekannt &#8211; selbst bei konkreten und realistischen Misshandlungsvorw&uuml;rfen &#8211; in dem bei einer &bdquo;Inobhutnahme&ldquo;&nbsp;in einer Weise vorgegangen wurde, die eher einem Hollywood-Action-Film oder einem &bdquo;Anti-Terror&ldquo;-Einsatz entspricht. Grundlage war&nbsp; ein Beschluss des Amtsgerichts Bamberg vom Vortag, in dem der Mutter&nbsp;Petra Hellerohne vorherige Anh&ouml;rung&nbsp; das Personensorgerecht vorl&auml;ufig entzogen und die Herausgabe des Kindes an das zum Pfleger bestellte&nbsp; Jugendamt angeordnet worden war. Dies allein ist&nbsp; bereits als eine Verweigerung rechtlichen Geh&ouml;rs einzustufen. Anhaltspunkte, die es rechtfertigten, selbstverst&auml;ndliche und grundlegende Verfahrensgarantien zu verk&uuml;rzen, sind nicht ersichtlich. Es wurde dem Kind zu diesem Zeitpunkt auch kein Verfahrenspfleger bestellt, wie es das Gesetz in derartigen F&auml;llen erfordert &#8211; sondern erst 10 Tage sp&auml;ter, als l&auml;ngst unverr&uuml;ckbare Fakten geschaffen waren.&nbsp;<\/p>\n<p>Der Junge wurde zun&auml;chst in eine Kinderklinik gebracht und dann 3 Monate in einer kinderpsychiatrischen Station behandelt, ohne dass je erkennbar wurde, dass es zu dieser Zeit eine Indikation f&uuml;r eine derartige Behandlung gab. Erst 6 Wochen nach der Kindeswegnahme &#8211; am 17.9.2004 &#8211; findet eine gerichtliche Anh&ouml;rung statt &#8211; unerkl&auml;rlich nicht mehr rechtsstaatsgem&auml;&szlig;. Das Kind selbst wurde dann&nbsp; erst &uuml;ber ein Jahr nach seiner Herausnahme aus seiner Familie am 15.11.2005 pers&ouml;nlich angeh&ouml;rt &#8211; ein eindeutiger Versto&szlig; gegen&nbsp; Artikel 103 GG.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"behoerden-stacheln-sich-gegenseitig-an\">Beh&ouml;rden stacheln sich gegenseitig an<\/span><\/h2>\n<p>Was war zuvor geschehen?&nbsp; Sowohl bei der Mutter wie bei dem Kind war eine Borreliose (eine Entz&uuml;ndung&nbsp;&nbsp; bedingt durch Zeckenbisse) diagnostiziert worden. Dies ist durch &auml;rztliche Atteste nachgewiesen. Diagnostik und Therapie dieser Erkrankung sind medizinisch umstritten. Der Mutter, Frau Heller, war eine Antibiose empfohlen worden, die schlie&szlig;lich auch ihrem Sohn verschrieben wurde. Diese Therapieform ist nicht nur kostenaufwendig, sondern auch in der &Auml;rzteschaft umstritten. Der Mutter wurde ger&uuml;chteweise wahrheitswidrig unterstellt, dass sie an Wochenenden bei Not&auml;rzten&nbsp; wahllos Medikamentengaben einfordere. Wegen krankheitsbedingter Probleme in der Schule, die einseitig der Mutter angelastet werden, schaltete die Schulverwaltung&nbsp;&nbsp; das Gesundheitsamt ein &#8211; ein ungew&ouml;hnlicher Vorgang. Der Leiter des &ouml;rtlichen Gesundheitsamts kommt in einem &bdquo;Gutachten&ldquo; &#8211; ohne die Mutter exploriert oder den Sohn je gesehen zu haben, zu dem Schluss, bei der Mutter l&auml;ge ein sogenanntes &bdquo;M&uuml;nchausen-by-proxy-Syndrom&ldquo; vor &#8211; eine in der Psychiatrie hoch umstrittene Diagnose, die sich sp&auml;ter als nicht haltbar erwiesen hat.<\/p>\n<p>Die Mutter wurde gleichzeitig mit der Herausnahme des Kindes&nbsp; durch einen Beschluss des Vormundschaftsgerichts zur zwangsweisen Untersuchung in der Psychiatrie untergebracht und 2 Tage sp&auml;ter entlassen, weil festgestellt wird, dass sie sich ihre Erkrankung nicht wahnhaft eingebildet hat. Ein Betreuungsverfahren wegen angeblicher psychischer Erkrankungen schwebt noch, obwohl&nbsp;&nbsp; der Schweizer Psychiater und Gerichtsgutachter Dr. Mario Gm&uuml;r in einem ausf&uuml;hrlichen Gutachten&nbsp; deren Vorliegen verneint hat. Er spricht in diesem Fall von&nbsp; einer &bdquo;Mischung aus medizinischer Wichtigtuerei, Sturheit und Hexenjagd&ldquo;.<\/p>\n<p>Die&nbsp; Borreliose bei dem Kind ist belegt, aber der Mutter wird der Vorwurf gemacht, ihr Kind durch eine &#8211; nach Meinung eines Gutachters unn&ouml;tige &#8211; Antibiotika-Therapie&nbsp; die von Schulmedizinern verordnet worden war, &bdquo;misshandelt&ldquo; zu haben. Sie&nbsp; wird so f&uuml;r einen Medizinerstreit haftbar gemacht, ein ungeheuerlicher Vorgang. Wer &auml;rztlichem Rat folgt, gef&auml;hrdet sein Kind? Der Junge kam nach der Entlassung aus der Kinderpsychiatrie 2004 in eine Pflegefamilie und 2006 in eine Einrichtung. Die gesamte Familie wurde von dem Jungen isoliert, d.h. Kontakt wird systematisch unterbunden. Selbst Briefe werden zensiert. Mit seiner Mutter telefoniert er einmal pro Woche, bevor der Fall durch Presse und &Ouml;ffentlichkeit bekannt wurde, waren diese Telefonate auf&nbsp; 20 Minuten beschr&auml;nkt, sie wurden kontrolliert und mitgeh&ouml;rt. Seine Gro&szlig;tante sieht er alle 4 Wochen, seien Gro&szlig;mutter nur mit einem Betreuer. Und auch diese sp&auml;rlichen Kontakte waren und sind nur m&ouml;glich seit durch intensive&nbsp; Bem&uuml;hungen der Familie eine &ouml;ffentliche Aufmerksamkeit entstanden ist.<\/p>\n<p>Am 29.Mai 2006 wurde dann&nbsp; der Mutter nicht mehr nur vorl&auml;ufig das Sorgerecht entzogen. Trotz der Faktenlage wurde in dem entsprechenden Beschluss&nbsp; immer noch eine Gef&auml;hrdung des Kindes im Zeitpunkt der Inobhutnahme angenommen. Aussagen von Medizinern wurden einseitig zu Lasten der Mutter interpretiert, ohne dass die unterschiedlichen Positionen der medizinischen Experten ber&uuml;cksichtigt worden sind .&nbsp; Die Prognose f&uuml;r die Zukunft wurde&nbsp; auf ein Gutachten gest&uuml;tzt, das andere Einsch&auml;tzungen behandelnder &Auml;rzte erkl&auml;rterma&szlig;en ohne sachliche Begr&uuml;ndung ignoriert hat. Der Mutter wurde weiterhin&nbsp; unterstellt, sie wolle ihr gesundes Kind&nbsp; weiterhin gegen eine angeblich nicht vorhandene Krankheit behandeln.&nbsp; Der im Beschluss behauptete angebliche Wille des Kindes, nicht zu seiner Mutter zur&uuml;ckzukehren, wird von den Angeh&ouml;rigen angezweifelt. Die Familie geht von einer Manipulation des Kindes aus. Es werden, ohne dass dies aus der Begr&uuml;ndung nachvollziehbar wird, Traumatisierungen des Kindes behauptet. Auf die Traumatisierungen des Kindes durch das Verhalten staatlicher Stellen wird nicht eingegangen.<\/p>\n<p>Auf umfangreichen Sachvortrag und zahlreiche Beweisangebote seitens des Prozessvertreters der Mutter wurde ebenfalls nicht eingegangen.&nbsp; Mit Beschluss vom 6.7.2009 wies das OLG Bamberg &#8211; unter Bezugnahme auf die anfechtbare Bewertung der Vergangenheit &#8211; die Beschwerde zur&uuml;ck und legitimierte somit das Vorgehen gegen die Familie. Hiergegen hat der Anwalt der Mutter Verfassungsbeschwerde erhoben. Die Verfassungsbeschwerde unverst&auml;ndlicherweise wurde nicht zur Entscheidung angenommen, der Gang zum Europ&auml;ischen Gerichtshof f&uuml;r Menschenrechte ist geplant.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"wo-bleibt-der-rechtsstaat\">Wo bleibt der Rechts&shy;s&shy;taat?<\/span><\/h2>\n<p>Ohne sich auf medizinische Streitfragen und Detailbewertungen des Einzelfalls einzulassen, bleiben kritikw&uuml;rdige Gesichtspunkte festzustellen:<\/p>\n<p>Eine &uuml;berlange Verfahrensdauer stellt bereits eine Rechtsverletzung dar. Dies ist st&auml;ndige Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts und des Europ&auml;ischen Gerichtshofs f&uuml;r Menschenrechte. Hier ist nicht erkennbar, warum es bis zur zweitinstanzlichen Entscheidung &uuml;ber f&uuml;nf Jahre brauchte, ohne dass umfassend weitere Sachaufkl&auml;rung betrieben wurde.<\/p>\n<p>Es ist ferner nicht erkennbar, dass hier durchweg Eilentscheidungen ohne Gew&auml;hrung rechtlichen Geh&ouml;rs notwendig waren. Die nachtr&auml;gliche Gew&auml;hrung von Verfahrensrechten verlief schleppend. Mildere Mittel w&auml;ren m&ouml;glich gewesen, sie sind formal, aber nicht sachlich-ernsthaft gepr&uuml;ft worden. Die Trennung von der Mutter auf Dauer ist selbst dann, wenn man &#8211; was sachlich nicht ersichtlich ist, ein Fehlverhalten f&uuml;r m&ouml;glich h&auml;lt, v&ouml;llig unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig.&nbsp; Es h&auml;tten mildere Mittel gepr&uuml;ft werden m&uuml;ssen, dies ist nicht einmal im Ansatz erwogen worden, z.B. eine Auflage einer objektiven medizinischen Begutachtung. Der Vorrang der Pr&uuml;fung einer Pflegerbestellung auf Familienangeh&ouml;rige ist missachtet worden. Die R&uuml;ckf&uuml;hrung des Kindes in die Familie&nbsp; ist &#8211; grob rechtswidrig &#8211; nie ernsthaft erwogen worden. Der Rechtsstaat hat hier seine Schutzfunktion aufgegeben.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h2>\n<p><i>S&uuml;ddeutsche Zeitung<\/i> vom 19.4.2009 &bdquo;Chronik eines Albtraums&ldquo;<br \/><a href=\"http:\/\/www.petra-heller.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.petra-heller.com\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[2548,822],"autoren":[1696],"publikationen":[1028],"class_list":["post-10391","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gg-artikel-6","tag-grr-artikel","autoren-ulrich-engelfried","publikationen-1028"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>&quot;Eine Mischung aus medizinischer Wichtigtuerei, Sturheit und Hexenjagd\u201c - Staatliche Kindeswohlgef\u00e4hrdung - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2010\/publikation\/eine-mischung-aus-medizinischer-wichtigtuerei-sturheit-und-hexenjagd-staatliche-kindeswohlgefaeh\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"&quot;Eine Mischung aus medizinischer Wichtigtuerei, Sturheit und Hexenjagd\u201c - Staatliche Kindeswohlgef\u00e4hrdung - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Grundrechte-Report 2010, Seite 101 Spektakul&auml;re F&auml;lle, in denen eine Kindeswohlgef&auml;hrdung von Beh&ouml;rden unentdeckt blieb, gingen mehrfach durch die Presse.&nbsp; Die Frage, ob Verhalten von Beh&ouml;rden und Gerichten&nbsp; selbst zu einer Kindeswohlgef&auml;hrdung f&uuml;hren kann, wirft ein Fall aus Bayern auf, der jetzt das Bundesverfassungsgericht besch&auml;ftigte. 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