{"id":10393,"date":"2008-05-23T04:10:00","date_gmt":"2008-05-23T02:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/zwangstrennung-ohne-perspektive-wie-der-staat-den-ehegattennachzug-aus-dem-ausland-verhindert\/"},"modified":"2021-08-30T15:40:14","modified_gmt":"2021-08-30T13:40:14","slug":"zwangstrennung-ohne-perspektive-wie-der-staat-den-ehegattennachzug-aus-dem-ausland-verhindert","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2008\/publikation\/zwangstrennung-ohne-perspektive-wie-der-staat-den-ehegattennachzug-aus-dem-ausland-verhindert\/","title":{"rendered":"Zwangstrennung ohne Perspektive &#8211; Wie der Staat den Ehegattennachzug aus dem Ausland verhindert"},"content":{"rendered":"<p>Grundrechte-Report 2008, Seite 89<\/p>\n<p>Kommt die Rede auf das Thema Immigration, zerf&auml;llt Deutschland &#8211; bei nur leicht vergr&ouml;bernder Betrachtung &#8211; zuverl&auml;ssig in zwei Lager. Auf der einen Seite eine bunte Koalition aus Nichtregierungsorganisationen, Kirchen, Fl&uuml;chtlingsr&auml;ten, Migrantenverb&auml;nden, Gewerkschaften und auch Wirtschaftsvertretern, die aus im Detail unterschiedlichen Gr&uuml;nden heraus f&uuml;r durchl&auml;ssigere Grenzen pl&auml;dieren und f&uuml;r eine offene Gesellschaft werben, die Einwanderen faire Chancen bietet. Auf der anderen Seite die Phalanx der Innenministerien von Bund und L&auml;ndern, flankiert von den konservativen Parlamentsfraktionen und im Hintergrund dirigiert von ihren intellektuellen Stichwortgebern. Hier wird Einwanderung seit jeher unter ordnungspolitischer Perspektive gesehen, wird vor &bdquo;&Uuml;berfremdung&ldquo; und &bdquo;Zuwanderung in die Sozialsysteme&ldquo; gewarnt.<\/p>\n<p>Die Novellierung des Zuwanderungsrechts im Sommer 2007 bot diesem Lager eine willkommene Gelegenheit, die einwanderungspolitischen Schrauben anzuziehen. Der Anlass war die Umsetzung diverser europ&auml;ischer Richtlinien, u. a. zur Familienzusammenf&uuml;hrung (Richtlinie 2003\/86\/EG).<\/p>\n<p>Bei der Umsetzung der Gemeinschaftsregelungen in nationales Recht verfolgte der Gesetzgeber offenbar vor allem ein Ziel: Der Ehegattennachzug sollte erschwert, eins der letzten T&uuml;rchen im Zaun eines auf Abwehr ausgerichteten Migrationsrechts mit einem Knall zugeschlagen werden. Rhetorisch verbr&auml;mt wurde dies mit dem behaupteten Kampf gegen Zwangs- und Scheinehen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"dialog-verweigert\">Dialog verweigert<\/span><\/h2>\n<p>Protest interessierte die Protagonisten wenig. Besorgte Stellungnahmen einschl&auml;giger Verb&auml;nde und Organisationen, im Fr&uuml;hjahr 2006 in unziemlicher Eile eingeholt, fanden kaum Geh&ouml;r. Dass die t&uuml;rkischen Vertreter dem Integrationsgipfel der Bundeskanzlerin im Sommer 2007 fernblieben, weil sie mit sicherem Gesp&uuml;r erfassten, dass der Gesetzentwurf vor allem ihren Landsleuten galt, sorgte allenfalls f&uuml;r kurze mediale Aufmerksamkeit, gab aber keinen Anlass f&uuml;r einen echten Dialog. Man rechnete offensichtlich damit, die Gem&uuml;ter w&uuml;rden sich schon wieder beruhigen.<\/p>\n<p>So trat das Gesetz Ende August 2008 trotz aller Bedenken in Kraft, das den Ehegattennachzug mit neuen Restriktionen versah: Festlegung eines Mindestalters f&uuml;r beide Ehepartner von 18 Jahren (&sect; 30 Absatz 1 Satz 1 Nummer 1 Aufenthaltsgesetz, AufenthG), Erfordernis wenigstens einfacher Deutschkenntnisse (Nummer 2), Herabstufung des Anspruchs auf Befreiung vom Erfordernis der Lebensunterhaltssicherung f&uuml;r Ehepartner von Deutschen von einer &bdquo;Ist-&ldquo; zu einer &bdquo;Soll&ldquo;-Regelung (&sect; 28 Absatz 1 Satz 3 AufenthG).<\/p>\n<p>Das Bundesverfassungsgericht hat in seinem bis heute grundlegenden Beschluss vom 12. Mai 1987 (BVerfGE 76, 1) zwar festgestellt, dass Artikel 6 GG Ausl&auml;ndern keinen unmittelbaren Anspruch auf Einreise und Aufenthalt ihrer ebenfalls ausl&auml;ndischen Ehepartner vermittle. Das Grundrecht sei aber ber&uuml;hrt, wenn eine gesetzliche Regelung dem in Deutschland lebenden Ausl&auml;nder nur die Wahl lasse, die Ehe im Ausland zu leben &#8211; unter Aufgabe seines sozialen und wirtschaftlichen Integrationsstandes im Bundesgebiet. Bestehende eheliche und famili&auml;re Bindungen seien daher bei der Abw&auml;gung mit &ouml;ffentlichen Interessen in einer Weise einzubeziehen, die dem grundgesetzlichen Schutz von Ehe und Familie Rechnung trage. Eine generelle Wartezeit von drei Jahren ab Eheschlie&szlig;ung sah das Gericht bereits damals als nicht verfassungsgem&auml;&szlig; an. Jede Regelung, die mit einiger Wahrscheinlichkeit auf eine &auml;hnliche Trennungsdauer hinausl&auml;uft, muss demnach ebenfalls verfassungswidrig sein.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"mehrjaehrige-trennung-vorprogrammiert\">Mehrj&auml;hrige Trennung vorpro&shy;gram&shy;miert<\/span><\/h2>\n<p>Hieran gemessen, begegnet das nunmehr geforderte Mindestalter von 18 Jahren f&uuml;r beide Ehepartner ernsthaften Bedenken jedenfalls in der Konstellation, in der &#8211; was auch nach deutschem Zivilrecht zul&auml;ssig ist&nbsp;&#8211; wenigstens einer der Ehepartner erst 16 Jahre alt ist. Eine zweij&auml;hrige Trennung ist hier vorprogrammiert.<\/p>\n<p>Auch abgesehen von diesem Spezialfall d&uuml;rfte das Mindestalter zudem unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig sein: Wenn sein Zweck, wie in der Gesetzesbegr&uuml;ndung angegeben, die Verhinderung von Zwangsehen sein soll, fehlt es dem Mittel bereits an der Eignung, dieses Ziel zu erreichen. Einerseits kann ein\/e Minderj&auml;hrige\/r (zwangs-)verheiratet werden und dann mit dem Visumantrag bis zur Vollj&auml;hrigkeit abwarten, andererseits erfasst die Regelung nicht den &#8211; durchaus vorkommenden&nbsp;&#8211; Fall, dass es die oder der bereits in Deutschland lebende Verlobte ist, auf den Druck ausge&uuml;bt wird, einen vollj&auml;hrigen, bisher im Ausland lebenden Partner zu ehelichen.<\/p>\n<p>&Auml;hnlichen Bedenken begegnet das Erfordernis einfacher Sprachkenntnisse. Integrationspolitisch ist zwar jede Sprachkompetenz zu begr&uuml;&szlig;en. Die Forderung, der nachziehende Partner m&uuml;sse sich vor dem Zuzug in einfacher Weise verst&auml;ndigen k&ouml;nnen, vom Ausw&auml;rtigen Amt im Visumhandbuch weiter dahingehend konkretisiert, es sei ein bestimmtes Zeugnis, vorzugsweise des Goethe-Instituts, beizubringen, verst&ouml;&szlig;t jedoch bereits gegen den Text der Richtlinie. Nach dieser darf die Teilnahme an &bdquo;Integrationsma&szlig;nahmen&ldquo; gefordert werden, nicht jedoch ein festes Ergebnis. Mit anderen Worten: Die Teilnahme an einem Kurs kann verlangt werden, nicht aber ein Zeugnis &uuml;ber ein bestimmtes Sprachniveau.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"nachzug-dauerhaft-verhindert\">Nachzug dauerhaft verhindert<\/span><\/h2>\n<p>So aber, wie die Regelung jetzt ausgestaltet ist, birgt auch diese &Auml;nderung die Gefahr, den Zuzug des ausl&auml;ndischen Ehepartners auf Dauer zu verhindern oder doch in, gemessen an Artikel 6 GG, unzumutbarer Weise hinauszuz&ouml;gern. Anw&auml;ltinnen und Anw&auml;lte sowie Organisationen wie Pro Asyl und der Verband binationaler Partnerschaften verwiesen bereits Ende 2007 auf erste bekannt gewordene F&auml;lle, in denen der ausl&auml;ndische Ehepartner die neuen gesetzlichen Anforderungen in absehbarer Zeit nicht w&uuml;rde erf&uuml;llen k&ouml;nnen: Die vor&uuml;bergehend alleinerziehende philippinische Frau, die ihre Arbeit aufgeben und mit zwei Kindern nach Manila ziehen m&uuml;sste, um einen Kurs zu besuchen, der Analphabet in den kurdischen Bergen, die Schwangere im pal&auml;stinensischen Fl&uuml;chtlingslager in Jordanien &#8211; wie, wann, wo sollen sie Kurse des Goethe-Instituts besuchen? Zumal sich schnell heraussch&auml;lte, dass mit, wie urspr&uuml;nglich gedacht, einem einzigen Drei-Monats-Kurs die Pr&uuml;fung ebensowenig zu schaffen ist wie als Autodidakt.<\/p>\n<p>Dass f&uuml;r diese und &auml;hnliche F&auml;lle keine H&auml;rtefallregelung vorgesehen ist, macht im Kern die Verfassungswidrigkeit der Norm aus. Zugleich werden hier in schwer ertr&auml;glicher Weise Angeh&ouml;rige einfacherer Bev&ouml;lkerungsschichten im Verh&auml;ltnis zu gut Gebildeten, wirtschaftlich Wohlhabenden diskriminiert.<\/p>\n<p>Einen faden Beigeschmack gewinnt das vorgebliche Engagement gegen Zwangsehen auch dadurch, dass f&uuml;r Hochqualifizierte, an deren Zuwanderung ein erhebliches wirtschaftliches Interesse besteht, Ausnahmen sowohl vom Mindestalter als auch vom Spracherfordernis gemacht werden &#8211; was man wohl so lesen muss, dass das Ziel der Verhinderung von Zwangsehen hinter den &ouml;konomischen Interessen der Bundesrepublik zur&uuml;cktritt.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"eingebuergerte-staatsbuerger-zweiter-klasse\">Einge&shy;b&uuml;r&shy;gerte: Staats&shy;b&uuml;rger zweiter Klasse<\/span><\/h2>\n<p>Als Versto&szlig; gegen den Gleichheitsgrundsatz aus Artikel 3 GG stellen sich schlie&szlig;lich zwei weitere Aspekte der Gesetzes&auml;nderung dar: Bis August 2007 konnte ein Deutscher seinen ausl&auml;ndischen Ehepartner auch dann nachziehen lassen, wenn dessen Lebensunterhalt nicht gesichert war. Nunmehr besteht hierauf nur noch ein Regelanspruch; insbesondere bei Bindungen des deutschen Partners an das Herkunftsland des ausl&auml;ndischen kann hingegen darauf verwiesen werden, die Ehe dort zu leben. Dies zielt klar auf Eingeb&uuml;rgerte und diskriminiert sie mittelbar &#8211; geschaffen wird ein Status von &bdquo;Staatsb&uuml;rgern zweiter Klasse&ldquo;. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Christoph Str&auml;sser sprach in diesem Zusammenhang schon im Juni 2007 in Berlin kritisch von einer &bdquo;Lex T&uuml;rkei&ldquo;.<\/p>\n<p>Eine ebenfalls an Artikel 3 GG zu messende Inl&auml;nderdiskriminierung liegt darin, dass hier lebende B&uuml;rger bestimmter L&auml;nder, u. a. US-Amerikaner und Japaner, ebenso wie EU-B&uuml;rger ihren Ehepartner ohne Sprachpr&uuml;fung nachholen d&uuml;rfen, Deutsche, ob autochthon oder eingeb&uuml;rgert, hingegen nicht.<\/p>\n<p>Rechtsstaatlich zweifelhaft ist schlie&szlig;lich das Fehlen jeglicher &Uuml;bergangsregelungen. Es ist zu hoffen, dass sp&auml;testens in Karlsruhe oder Luxemburg die gesetzgeberischen Fehlleistungen korrigiert werden. Das Verwaltungsgericht Berlin sah sich jedenfalls hierzu in einem Urteil vom 19. Dezember 2007 (Az. VG 5 V 22.07) nicht in der Lage. Es begr&uuml;ndete die Entscheidung ausf&uuml;hrlich, entschied jedoch hinsichtlich fehlender Sprachkenntnisse gegen die klagende Ehefrau.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h2>\n<p>BVerfG, Beschluss v. 12.5.1987, Az. 2 BvR 1226\/83, z. B. in Neue Juristische Wochenschrift 1988, S. 626-636<\/p>\n<p>VG Berlin, Urteil vom 19.12.2007, Az. VG 5 V 22.07, unter <br \/><a href=\"http:\/\/www.berlin.de\/sen\/justiz\/gerichte\/vg\/presse\/archiv\/20080128.1525.92893.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.berlin.de\/sen\/justiz\/gerichte\/vg\/presse\/archiv\/20080128.1525.92893.html<\/a><\/p>\n<p>Markard, Nora \/Truchse&szlig;, Nina, Neuregelung des Ehegattennachzugs im Aufenthaltsrecht, in: Neue Zeitschrift f&uuml;r Verwaltungsrecht 2007, 1025-1028<\/p>\n<p>Reinhard Marx, Familiennachzug nach dem Richtlinienumsetzungsgesetz, in: Familienrechtsberater international 2008, S. 22-25<\/p>\n<p>Stellungnahmen der Sachverst&auml;ndigen vor dem Innenausschuss des Deutschen Bundestages, 21. Mai 2007 (Teil 1), unter <br \/><a href=\"http:\/\/webarchiv.bundestag.de\/archive\/2007\/0814\/ausschuesse\/a04\/anhoerungen\/Anhoerung08-1\/Stelllungnahmen_SV\/index.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/webarchiv.bundestag.de\/archive\/2007\/0814\/ausschuesse\/a04\/anhoerungen\/Anhoerung08-1\/Stelllungnahmen_SV\/index.html<\/a>#<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[2548,822],"autoren":[1711],"publikationen":[1031],"class_list":["post-10393","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gg-artikel-6","tag-grr-artikel","autoren-heiko-habbe","publikationen-1031"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Zwangstrennung ohne Perspektive - Wie der Staat den Ehegattennachzug aus dem Ausland verhindert - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2008\/publikation\/zwangstrennung-ohne-perspektive-wie-der-staat-den-ehegattennachzug-aus-dem-ausland-verhindert\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Zwangstrennung ohne Perspektive - Wie der Staat den Ehegattennachzug aus dem Ausland verhindert - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Grundrechte-Report 2008, Seite 89 Kommt die Rede auf das Thema Immigration, zerf&auml;llt Deutschland &#8211; bei nur leicht vergr&ouml;bernder Betrachtung &#8211; zuverl&auml;ssig in zwei Lager. 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