{"id":10405,"date":"2012-05-23T05:45:00","date_gmt":"2012-05-23T03:45:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/grundrecht-oder-straftat-neues-bundesverfassungsgerichtsurteil-zu-sitzblockaden\/"},"modified":"2021-08-30T15:41:18","modified_gmt":"2021-08-30T13:41:18","slug":"grundrecht-oder-straftat-neues-bundesverfassungsgerichtsurteil-zu-sitzblockaden","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2012\/publikation\/grundrecht-oder-straftat-neues-bundesverfassungsgerichtsurteil-zu-sitzblockaden\/","title":{"rendered":"Grundrecht oder Straftat? &#8211; Neues Bundesverfassungsgerichtsurteil zu Sitzblockaden"},"content":{"rendered":"<p>Grundrechte-Report 2012, Seite 92<\/p>\n<p>Das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit in Artikel 8 GG ist von gro&szlig;er Bedeutung f&uuml;r die Demokratie. Die Versammlungsfreiheit gilt nicht nur f&uuml;r &bdquo;normale&ldquo; Demonstrationen, die in Form von Stra&szlig;enaufz&uuml;gen stattfinden, ebenso f&uuml;r Aufsehen erregende Aktionen wie Sitzblockaden. So bekr&auml;ftigte es das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) im M&auml;rz 2011, als es erneut &uuml;ber die Strafbarkeit von Sitzblockaden entschied. Allerdings bedeutet das nicht, dass Sitzblockaden grunds&auml;tzlich unbestraft bleiben. Das BVerfG meint, dass das Sitzen auf einer Stra&szlig;e eine N&ouml;tigungshandlung sein kann. Es best&auml;tigte die sogenannte &bdquo;Zweite-Reihe-Rechtsprechung&ldquo; des Bundesgerichtshofs (BGH), welche mittels einer fragw&uuml;rdigen juristischen Konstruktion das Verhalten bei Sitzblockaden als Gewalt darstellt. Dies tritt in einen offenen Konflikt zu einem fundamentalen Grundsatz des Strafrechts: &bdquo;Eine Tat kann nur bestraft werden, wenn die Strafbarkeit gesetzlich bestimmt war, bevor die Tat begangen wurde&ldquo; &#8211; Artikel 103 Absatz 2 GG.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"sitzblockaden-koennen-noetigungen-sein\">Sitzblo&shy;ckaden k&ouml;nnen N&ouml;tigungen sein<\/span><\/h2>\n<p>Der Gesetzgeber hatte nie ein Strafgesetz geschaffen, welches Sitzblockaden ausdr&uuml;cklich unter Strafe stellt. Dies wurde als Strafbarkeitsl&uuml;cke aufgefasst, und es musste eine juristische Konstruktion folgen, um Sitzblockaden dennoch zu bestrafen. In den Mittelpunkt der Auseinandersetzung r&uuml;ckte &sect; 240 des Strafgesetzbuches (StGB) &#8211; die N&ouml;tigung. Eine solche liegt vor, wenn der T&auml;ter mittels Gewalt eine andere Person zu einer Handlung n&ouml;tigt und dies als verwerflich anzusehen ist. Diese Straftat sah ein hessisches Amtsgericht verwirklicht, als im Jahr 2004 ein Demonstrant gemeinsam mit anderen die Zufahrtsstra&szlig;e der Rhein-Main Air Base &ndash; ein Luftwaffenst&uuml;tzpunkt der US-amerikanischen Streitkr&auml;fte bei Frankfurt am Main &#8211; blockierte, um gegen die milit&auml;rische Intervention der USA im Irak zu demonstrieren. Das Gericht verurteilte den Demonstranten zu einer Geldstrafe.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"die-justizielle-vergangenheit-wie-sitzen-zu-gewalt-wurde\">Die justizielle Vergan&shy;gen&shy;heit &ndash; wie Sitzen zu Gewalt wurde<\/span><\/h2>\n<p>Wie es dazu kam, dass das Sitzen auf einer Stra&szlig;e als Gewalt interpretiert werden konnte, ist eine l&auml;ngere Geschichte. Ausgehend von dem in der juristischen Lehre und Rechtsprechung vertretenen klassischen Gewaltbegriff wurde unter Gewalt eine k&ouml;rperliche Kraftentfaltung verstanden, durch die beim Opfer durch Einwirkung auf dessen K&ouml;rper Zwang ausge&uuml;bt wird. Da bei Sitzblockaden nicht auf den K&ouml;rper von anderen eingewirkt wird, also keine sogenannte &bdquo;physische Zwangswirkung&ldquo; vorliegt, musste diese Definition aufgeweicht werden. Hierzu wurde zun&auml;chst mit R&uuml;cksicht auf das Schutzgut von &sect; 240 StGB &#8211; die Willensfreiheit &#8211; argumentiert, dass bremsende Autofahrer einem <i>psychischen<\/i> Zwang ausgesetzt seien, der einer <i>physischen<\/i> Zwangswirkung gleichzustellen ist: Sie sind gegen ihren Willen gezwungen zu bremsen, um die Demonstrierenden nicht anzufahren. Dies sei Gewalt.<\/p>\n<p>Auf der Grundlage dieses &bdquo;vergeistigten Gewaltbegriffs&ldquo; wurden Mitte der 80er Jahre zahlreiche Teilnehmende bei vornehmlich antimilitaristischen gewaltfreien Blockaden wegen N&ouml;tigung verurteilt. 1995 setzte das BVerfG diesen Bestrafungen jedoch ein Ende. Es sah in der Annahme, dass blo&szlig; psychisch wirkender Zwang Gewalt begr&uuml;nde, einen Versto&szlig; gegen das Grundrecht aus Artikel 103 Absatz 2 GG.<\/p>\n<p>Hiervon herausgefordert, begannen die Strafgerichte aber erneut Wege zu suchen, um Blockierer zu bestrafen. Zun&auml;chst wurde festgestellt, dass Gewalt vorliegt, wenn physische Hindernisse bereitet werden, also beispielsweise durch Autos oder schwere Barrikaden, auch eine Menschenmenge von 100 Demonstrierenden sollte gen&uuml;gen. Barrikaden, die auch faktisch ein physisches Hindernis darstellen, bewirkten auch physischen Zwang bei den herannahenden Autofahrern. Diese m&uuml;ssten schlie&szlig;lich bremsen, um einen Schaden <i>an sich <\/i>zu vermeiden. Dies sei Gewalt.<\/p>\n<p>Dies hielt auch einer verfassungsgerichtlichen &Uuml;berpr&uuml;fung 2001 stand und so entwickelte sich die &bdquo;Zweite-Reihe-Rechtsprechung&ldquo; des BGH. Das Vorliegen eines physischen Hindernisses bei einer Sitzblockade wurde mit der Rechtsfigur der mittelbaren T&auml;terschaft bejaht. Das physische Hindernis ginge zwar nicht von den Demonstrierenden selbst, jedoch von den Autofahrern der ersten anhaltenden Reihe aus, welche von den Demonstrierenden zu ihren Werkzeugen gemacht w&uuml;rden. Durch das Abbremsen &uuml;bten die Autofahrer der ersten Reihe als Tatmittler Gewalt gegen&uuml;ber den nachfolgenden aus, die ebenfalls bremsen m&uuml;ssten, und schafften somit ein physisches Hindernis. Diese Gewalthandlung k&ouml;nne den Blockierenden zugerechnet werden. Damit war das juristische Kunstwerk vollendet: Das Sitzen auf der Stra&szlig;e ist Gewalt.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"sitzen-muss-aber-nicht-verwerflich-sein\">Sitzen muss aber nicht verwerflich sein!<\/span><\/h2>\n<p>Diese komplizierte Konstruktion der &bdquo;Zweite-Reihe-Rechtsprechung&ldquo; wurde vom BVerfG nun best&auml;tigt. Obwohl es 1995 einen Grundrechtsversto&szlig; annahm, wenn ein einziger Autofahrer bremsen muss, verneint es diesen, wenn zumindest ein weiterer Autofahrer bremsen muss. Das Gericht sieht einen Unterschied in den Sachverhalten, der auch rechtlich anders zu bewerten sei. Als Ergebnis l&auml;sst sich festhalten: Wird durch eine Sitzblockade nur ein einziges Auto zum Stehen gebracht, ist dies keine Gewalt, werden jedoch mindestens zwei Autos hintereinander zum Stehen gebracht, liegt Gewalt vor. Dies h&auml;lt das Gericht auch in der &bdquo;Parallelwertung in der Laiensph&auml;re&ldquo; f&uuml;r nachvollziehbar. Schlie&szlig;lich f&uuml;hre das Verhalten der Demonstrierenden dazu, dass sich die anreihenden Fahrzeuginsassen zwischen Fahrzeugen und dem Seitenstreifen eingekeilt wiederf&auml;nden. Dies sei Gewalt und noch innerhalb der &bdquo;Wortlautgrenze&ldquo; des Gewaltbegriffs.<\/p>\n<p>Dass eine solche Sitzblockade dennoch nicht immer bestraft werden kann, ist nun daran zu messen, ob eine &#8211; wenn auch gewaltsame &#8211; N&ouml;tigungshandlung als &bdquo;verwerflich&ldquo; anzusehen ist. Hierbei ist nach dem BVerfG die Versammlungsfreiheit zu ber&uuml;cksichtigen. Das Gericht stellt klar, dass auch wenn eine Sitzblockade strafrechtlich als gewaltsame Handlung begriffen wird, eine solche dennoch von der Versammlungsfreiheit in Artikel 8 GG gesch&uuml;tzt sein k&ouml;nne. Eine Versammlung verliere ihren Schutz erst, wenn von ihr aggressive Ausschreitungen gegen Personen oder Sachen ausgehen. Sofern eine verfassungsrechtlich gesch&uuml;tzte Sitzblockade vorliegt (weil Versammlung), ist laut BVerfG eine solche nur dann verwerflich, wenn andere h&ouml;herwertige Rechtsg&uuml;ter eine Beeintr&auml;chtigung der Versammlungsfreiheit rechtfertigen k&ouml;nnen. Da dies bei der in Frage stehenden Sitzblockade 2004 nicht zu erkennen war, sah das Gericht das Recht des Demonstranten auf Versammlungsfreiheit als verletzt an, als dessen Berufung abgelehnt wurde. Es forderte das Landgericht dazu auf, &uuml;ber den Fall unter Beachtung der Versammlungsfreiheit erneut zu entscheiden.<\/p>\n<p>Mit diesem Urteil r&auml;umte das Bundesverfassungsgericht der Versammlungsfreiheit zwar einen hohen Stellenwert ein, dennoch darf dies nicht dar&uuml;ber hinwegt&auml;uschen, dass eine weit hergeholte Gewaltkonstruktion (&bdquo;Zweite-Reihe-Rechtsprechung&ldquo;) nach wie vor zur Bestrafung von an sich friedlichen Sitzblockaden f&uuml;hren kann.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h2>\n<p>BVerfG, Az. 1 BvR 388\/05 vom 7.3.2011, Absatz-Nr. (1&ndash;46) unter: <a href=\"http:\/\/www.bverfg.de\/entscheidungen\/rk20110307_1bvr038805.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.bverfg.de\/entscheidungen\/rk20110307_1bvr038805.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[838,822],"autoren":[1735],"publikationen":[1026],"class_list":["post-10405","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gg-artikel-8","tag-grr-artikel","autoren-falko-behrens","publikationen-1026"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Grundrecht oder Straftat? - Neues Bundesverfassungsgerichtsurteil zu Sitzblockaden - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2012\/publikation\/grundrecht-oder-straftat-neues-bundesverfassungsgerichtsurteil-zu-sitzblockaden\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Grundrecht oder Straftat? - Neues Bundesverfassungsgerichtsurteil zu Sitzblockaden - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Grundrechte-Report 2012, Seite 92 Das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit in Artikel 8 GG ist von gro&szlig;er Bedeutung f&uuml;r die Demokratie. 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