{"id":10421,"date":"2008-05-23T03:10:00","date_gmt":"2008-05-23T01:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/ausufernder-vorbeugegewahrsam-giessener-polizei-verfolgt-und-inhaftiert-nach-gutduenken\/"},"modified":"2021-08-30T15:40:15","modified_gmt":"2021-08-30T13:40:15","slug":"ausufernder-vorbeugegewahrsam-giessener-polizei-verfolgt-und-inhaftiert-nach-gutduenken","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2008\/publikation\/ausufernder-vorbeugegewahrsam-giessener-polizei-verfolgt-und-inhaftiert-nach-gutduenken\/","title":{"rendered":"Ausufernder Vorbeugegewahrsam &#8211; Gie\u00dfener Polizei verfolgt und inhaftiert nach Gutd\u00fcnken"},"content":{"rendered":"<p>Grundrechte-Report 2008, Seite 114<\/p>\n<p>Die Polizei nutzt verst&auml;rkt die in den Polizeigesetzen der L&auml;nder vorgesehenen M&ouml;glichkeiten der Ingewahrsamnahme zur Verhinderung von Ordnungswidrigkeiten und Straftaten. Dabei handelten sich Polizei und Justiz in Gie&szlig;en f&uuml;r ihr Vorgehen einen deutlichen Warnruf des Oberlandesgerichts (OLG) Frankfurt ein. Das Gericht mahnte im Juni 2007, &bdquo;das Instrument des Gewahrsams [sei] w&auml;hrend der Nazizeit &auml;u&szlig;erst massiv missbraucht&rdquo; worden. Durch hohe Anforderungen an die Rechtfertigung dieses Grundrechtseingriffs solle verhindert werden, dass die Vorschrift &bdquo;zu einer Erm&auml;chtigung zum sog. Vorbeugegewahrsam (fr&uuml;her: Schutzhaft) ausgeweitet wird&ldquo;.<\/p>\n<p>Wie konnte es dazu kommen? Die &bdquo;Projektwerkstatt Saasen&ldquo; bei Gie&szlig;en und insbesondere J&ouml;rg Bergstedt sind der Polizei schon lange ein Dorn im Auge (vgl. auch Christoph Weinrich in Grundrechte-Report 2005, S. 127 ff.). Die Basisaktivisten der &bdquo;Projektwerkstatt Saasen&ldquo; geraten durch ihre Aktivit&auml;ten ins Visier von Polizei und Justiz. Am 10. Januar 2003 wird die Projektwerkstatt nach Aufklebern durchsucht, die auf Wahlplakaten angebracht wurden. Am n&auml;chsten Tag protestieren sie in der Innenstadt Gie&szlig;ens. Sie treffen auf einen prominent besetzten Wahlkampfstand der CDU: da wirbt Volker Bouffier, Hessens Innenminister pers&ouml;nlich, ihn begleitet der Polizeipr&auml;sident von Gie&szlig;en. Ein Transparent wird entrollt: &bdquo;Freiheit stirbt mit Sicherheit&ldquo;. Jemand von der Projektwerkstatt h&auml;lt &uuml;ber Megafon eine Ansprache. Das ist zuviel. Der Hessische Innenminister und der Polizeipr&auml;sident teilen dem Einsatzleiter der Polizei mit, dass man sich dies nicht bieten lassen wolle. Der macht kurzen Prozess. Als der Agitator das Megafon nicht herausgibt, wird er an allen vieren gepackt und in Gewahrsam genommen. Die Gerichte verh&auml;ngen eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten wegen Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte &#8211; ohne Bew&auml;hrung. Rechtsmittel bleiben erfolglos, J&ouml;rg Bergstedt erhebt Verfassungsbeschwerde.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"straftaten-bei-polizeilicher-ueberwachung\">Straftaten bei polizei&shy;li&shy;cher &Uuml;berwachung<\/span><\/h2>\n<p>In der Nacht zum 4. Mai 2006 wird das Geb&auml;ude der Rechtsanwaltskanzlei Bouffier bespr&uuml;ht. Partner der Kanzlei ist der Innenminister von Th&uuml;ringen, Karl Heinz Gassner. Aus Sicht der Polizei ist klar, dass das wieder nur J&ouml;rg Bergstedt gewesen sein kann.<\/p>\n<p>Am 10. Mai 2006 erh&auml;lt er seine Ladung zum Strafantritt. Er, der sich seit Jahren mit Polizei und Justiz ein Katz-und-Maus-Spiel liefert, soll endlich aus dem Verkehr gezogen werden. Am 18. Mai 2006 hat er sich in der JVA Gie&szlig;en einzufinden. Die Polizei geht davon aus, dass er die Woche bis zum Strafantritt &bdquo;nutzen&ldquo; will, um weitere &bdquo;Taten&ldquo; zu begehen. Der Staatsschutz sucht die Projektwerkstatt auf, um insbesondere J&ouml;rg Bergstedt davor zu warnen, Straftaten zu begehen. Am 12.\/13. Mai findet in der Projektwerkstatt ein Seminar zum Thema Repression statt. Am 14. Mai beschlie&szlig;en die Seminarteilnehmer, in die Gie&szlig;ener Innenstadt zu fahren, um die Polizei zu foppen. Ihr Ziel: die Geb&auml;ude der Gie&szlig;ener Justiz. Auf den Rasenfl&auml;chen wollen sie nachts Federball spielen. Was sie nicht wissen: Sie werden von einem massiven Polizeiaufgebot beobachtet. Ein MEK ist im Einsatz. Objektsch&uuml;tzer beziehen Stellung. Ein Zugriff erfolgt nicht, man will die Aktivisten auf &bdquo;frischer Tat&ldquo; ertappen. Allein: es kommt zu keiner Tat. Stattdessen: Federball! Zivilbeamte beobachten die Szene, entdecken den erwarteten T&auml;ter und notieren, wie er zwischen 2:28 Uhr und 2:47 Uhr Federball im Lichtschein der Justizscheinwerfer spielt. Dann ist Schluss mit Federball. Man f&auml;hrt nach Hause. Dort kommt die Gruppe aber nicht mehr an. Alle werden in Gewahrsam genommen. Bei der Festnahme kommt es zu filmreifen Szenen. Beamte steigen &uuml;berhastet aus ihrem Wagen. Der rollt ohne Handbremse los und kollidiert mit einem anderen Streifenwagen. Die Polizei packt alle und sperrt sie ein. Da keine Straftaten beobachtet wurden, bleibt allein der Grund: Verhinderung von (zuk&uuml;nftigen) Straftaten.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"gewahrsam-aufgrund-unbegruendeter-annahmen\">Gewahrsam aufgrund unbegr&uuml;n&shy;deter Annahmen<\/span><\/h2>\n<p>Am n&auml;chsten Tag beantragt die Polizei beim Amtsgericht die Fortdauer der Freiheitsentziehung f&uuml;r J&ouml;rg Bergstedt. Er stehe im Verdacht, in der Nacht zum 4. Mai die T&uuml;r der Rechtsanwaltskanzlei Bouffier angebohrt zu haben, um eine &uuml;bel riechende Fl&uuml;ssigkeit hinein zu spr&uuml;hen. Au&szlig;erdem habe er das Kanzleigeb&auml;ude bespr&uuml;ht. Der Angeklagte bestreitet dies. Beweise: keine, aber er habe Innenminister Bouffier unsachlich kritisiert und auf der von ihm betreuten Homepage der Projektwerkstatt bef&auml;nden sich Begriffe, die auch auf die Fassade der Kanzlei aufgespr&uuml;ht worden seien. Au&szlig;erdem habe er auch in der Nacht auf den 14. Mai die T&uuml;r der CDU-Gesch&auml;ftsstelle Gie&szlig;en angebohrt. Das sei um 2:37 Uhr gewesen. Zu einem Zeitpunkt also, als J&ouml;rg Bergstedt von der Polizei selbst beim Federball beobachtet wurde. Das Amtsgericht glaubt der Polizei. Das OLG dazu sp&auml;ter: &bdquo;Was das Amtsgericht zu seiner Annahme veranlasst hat, bleibt im Dunkeln, da es seine Annahme nicht begr&uuml;ndet hat.&ldquo; Das Amtsgericht legt die Dauer der Freiheitsentziehung auf die Zeit bis zum Haftantritt am 18. Mai fest. Auch das Amtsgericht meint, der &bdquo;T&auml;ter&ldquo; m&uuml;sse aus dem Verkehr gezogen werden. Die Polizei glaubt ihr Ziel erreicht zu haben. Bergstedt legt sofort Beschwerde beim Landgericht ein, das jedoch nicht entscheidet. Es entscheidet nicht am 15. Mai, nicht am 16. Mai, nicht am 17. Mai. Am 18. Mai soll der Haftantritt erfolgen. Bergstedt schmort, wie das Landgericht wei&szlig;, derweil in Polizeigewahrsam. Da kommt ein Fax aus Karlsruhe &#8211; wie ein Blitz aus heiterem Justiz-Himmel: Das Bundesverfassungsgericht setzt durch eine einstweilige Anordnung die Vollstreckung der Freiheitsstrafe wegen Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte aus. J&ouml;rg Bergstedt muss nicht in Haft. Vorerst jedenfalls nicht. Sp&auml;ter hebt das Bundesverfassungsgericht seine Verurteilung ganz auf. Er k&ouml;nne nicht wegen Widerstand bestraft werden, weil die Polizeiaktion nicht, wie vom Gesetz gefordert, rechtm&auml;&szlig;ig gewesen sei. Die Protestaktion habe unter dem Schutz der Versammlungsfreiheit des Art. 8 Absatz 1 GG gestanden. Weder sei die Versammlung aufgel&ouml;st worden, noch sei der Angeklagte aus der Versammlung ausgeschlossen worden. Damit seien wesentliche F&ouml;rmlichkeiten verletzt, die Polizeiaktion nicht rechtm&auml;&szlig;ig, eine Zuwiderhandlung damit nicht strafbar. Die Freiheitsstrafe k&ouml;nne keinen Bestand haben. Am 17. Mai sitzt er aber weiterhin in Polizeigewahrsam. Am 18. Mai endlich entscheidet das Landgericht. Die Freiheitsentziehung wird aufgehoben. Die Gefahr von Straftaten habe wegen des bevorstehenden Strafantritts bestanden. Da inzwischen die Vollstreckung durch das Bundesverfassungsgericht ausgesetzt sei, bestehe kein Grund mehr zum vorbeugenden Gewahrsam. J&ouml;rg Bergstedt kommt also am 18. Mai frei, seine Beschwerde gegen die bereits vier Tage dauernde Freiheitsentziehung weist das Landgericht aber zur&uuml;ck. Wieder legt er Beschwerde ein. Jetzt geht es vor dem Oberlandesgericht Frankfurt um die Frage, ob er am 14. Mai in Gewahrsam genommen werden durfte. Inzwischen kann er die Akten einsehen und erkennt, was die Polizeibeh&ouml;rden verschweigen, Amtsgericht und Landgericht nicht wahrnehmen wollten. Die Polizei in Gie&szlig;en wusste genau, dass er in der Nacht zum 14. Mai gar nicht an der CDU Gesch&auml;ftsstelle eine T&uuml;r anbohren konnte, weil er zur selben Zeit von der Polizei beobachtet wurde. Das OLG stellt am 18. Juni 2007 fest, dass die Ingewahrsamnahme von Anfang an rechtswidrig war. Die Vorw&uuml;rfe gingen &uuml;ber blo&szlig;e Vermutungen nicht hinaus. Auf diese d&uuml;rfe ein Unterbindungsgewahrsam nicht gest&uuml;tzt werden. Erforderlich sei, dass die sch&auml;digende Einwirkung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bevorstehe.<\/p>\n<p>Das OLG stellt in seinem Beschluss die Frage, &bdquo;wieso es kommen konnte, dass dem Amtsgericht ein Antrag auf Ingewahrsamnahme vorgelegt wurde, in dem der Umstand der anderweitigen Observation in der Tatnacht und deren Ergebnis nicht deutlich mitgeteilt und auch das Landgericht insoweit nicht unterrichtet wurde.&ldquo;<\/p>\n<p>Am Anfang standen Aufkleber auf Wahlplakaten. Der Eifer, den Polizei und Justiz dann bei der Verfolgung von J&ouml;rg Bergstedt an den Tag gelegt haben, d&uuml;rfte sicher damit zusammenh&auml;ngen, dass dieser den obersten Polizeichef des Landes, Innenminister Bouffier, ganz f&uuml;rchterlich genervt hat. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft &#8211; gegen wen im Einzelnen und mit welchem Ergebnis, wird sich erst noch herausstellen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h2>\n<p>OLG Frankfurt a. M., Beschluss vom 18.6.2007, Az. 20 W 221\/06<br \/>BVerfG, Urteil vom 30.4.2007 1 BvR 1090\/06<\/p>\n<p>Dokumentation der Verfahren, unter: <a href=\"http:\/\/www.projektwerkstatt.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.projektwerkstatt.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[838,822],"autoren":[1702],"publikationen":[1031],"class_list":["post-10421","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gg-artikel-8","tag-grr-artikel","autoren-wilhelm-achelpoehler","publikationen-1031"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Ausufernder Vorbeugegewahrsam - Gie\u00dfener Polizei verfolgt und inhaftiert nach Gutd\u00fcnken - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2008\/publikation\/ausufernder-vorbeugegewahrsam-giessener-polizei-verfolgt-und-inhaftiert-nach-gutduenken\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Ausufernder Vorbeugegewahrsam - Gie\u00dfener Polizei verfolgt und inhaftiert nach Gutd\u00fcnken - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Grundrechte-Report 2008, Seite 114 Die Polizei nutzt verst&auml;rkt die in den Polizeigesetzen der L&auml;nder vorgesehenen M&ouml;glichkeiten der Ingewahrsamnahme zur Verhinderung von Ordnungswidrigkeiten und Straftaten. 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