{"id":10423,"date":"2007-03-28T18:10:00","date_gmt":"2007-03-28T16:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/bundeswehr-contra-versammlungsfreiheit\/"},"modified":"2021-08-30T15:39:55","modified_gmt":"2021-08-30T13:39:55","slug":"bundeswehr-contra-versammlungsfreiheit","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2007\/publikation\/bundeswehr-contra-versammlungsfreiheit\/","title":{"rendered":"Bundeswehr contra Versammlungsfreiheit"},"content":{"rendered":"<p>&Ouml;ffentliche Selbstinszenierungen der Bundeswehr beschneiden Grundrechte<\/p>\n<p>Grundrechte-Report 2007, Seiten 104 &#8211; 107<\/p>\n<p>Stellt sich die Bundeswehr in der &Ouml;ffentlichkeit dar, kommt es regelm&auml;&szlig;ig zu Auseinandersetzungen um die Grundrechte milit&auml;rkritischer B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger. Insbesondere die Grundrechte auf Versammlungs- und Meinungsfreiheit scheinen die milit&auml;rischen Verteidiger der Freiheit als Bedrohung wahrzunehmen. Zwei Beispiele sollen illustrieren, wie massiv das Demonstrationsrecht bei &ouml;ffentlichen Selbstdarstellungen der Bundeswehr im Jahr 2006 eingeschr&auml;nkt wurde.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\">Die Aufl&ouml;sung einer Panzer&shy;di&shy;vi&shy;sion &ndash; hoheit&shy;li&shy;cher Akt mit Folgen<\/h2>\n<p>Am Abend des 13. Juni 2006 sollte die 7. Panzerdivision anl&auml;sslich ihrer Aufl&ouml;sung mit einem Zapfenstreich in der D&uuml;sseldorfer Altstadt verabschiedet werden. Wegen &ouml;ffentlicher Proteste im Vorfeld wurde die Zeremonie in den Garten des Benrather Schlosses verlegt. &raquo;Hasenf&uuml;&szlig;e&laquo; h&auml;tten diese Verlegung veranlasst, meinte Oberb&uuml;rgermeister Joachim Erwin unter Anspielung auf die polizeilichen Sicherheitsbedenken.<\/p>\n<p>Ein D&uuml;sseldorfer Friedensb&uuml;ndnis versammelte sich an diesem Abend gegen 20:15 Uhr mit rund 150 Demonstrierenden am Bahnhof Benrath. Die Versammlung wurde unter dem Motto &rdquo;Keine neuen Milit&auml;rdoktrinen&laquo; angemeldet. Ca. 300 Polizeibeamte waren ebenfalls angereist &#8211; sie sollten sich nicht als &raquo;hasenf&uuml;&szlig;ig&laquo; erweisen: Wegen der Demonstrationsroute wollte sich der vor Ort verantwortliche Polizeibeamte mit dem Polizeipr&auml;sidium beraten, da wurde pl&ouml;tzlich die ganze Versammlung eingekesselt.<\/p>\n<p>Der Polizeikessel wurde ab 21:20 Uhr zwei Stunden lang aufrechterhalten. Die Eingeschlossenen protestierten wegen Unterdr&uuml;ckung ihrer Versammlungs- und Meinungsfreiheit. Ihnen<br \/>wurde mitgeteilt, dass mitgef&uuml;hrte Trillerpfeifen zu einer Beeintr&auml;chtigung der &raquo;hoheitlichen Veranstaltung&laquo; der Bundeswehr f&uuml;hren k&ouml;nnten. Auf die Forderung der Demonstrierenden, den Zug unter Auflagen zuzulassen, ging die Polizei nicht ein. Der Kessel bedeutete ein &#8211; f&ouml;rmlich nie ausgesprochenes &#8211; Totalverbot der Demonstration.<\/p>\n<p>Aus dem Kessel wurde nur herausgelassen, wer seine Personalien angab und bereit war, einen Platzverweis zu akzeptieren. Au&szlig;erdem wurden alle im Kessel befindlichen Personen von Polizeikameras erfasst. Die Bitte um Versorgung der Eingeschlossenen mit Wasser &#8211; es war ein sehr hei&szlig;er Sommertag gewesen &#8211; wurde abgelehnt. Das Friedensb&uuml;ndnis (vgl. www. zappenduster-duesseldorf.de) sieht die Straftatbest&auml;nde der N&ouml;tigung und Freiheitsberaubung durch das polizeiliche Vorgehen erf&uuml;llt. Strafanzeigen gegen die Polizeieinsatzleitung sind noch anh&auml;ngig.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\">Die W&uuml;rde eines Gro&szlig;en Zapfen&shy;strei&shy;ches ist unantastbar<\/h2>\n<p>&raquo;Bereits die blo&szlig;e Anwesenheit von Demonstranten gegen die Bundeswehr unmittelbar gegen&uuml;ber dem Veranstaltungsort w&uuml;rde den Sinn und die W&uuml;rde des Gro&szlig;en Zapfenstreiches als Geschenk der Bundeswehr an das 800-j&auml;hrige Dresden in nicht hinnehmbarer Weise beeintr&auml;chtigen.&laquo; Mit solch fulminanten Formulierungen ist der Auflagenbescheid der Stadt Dresden vom 27. September 2006 an den Anmelder einer Versammlung &raquo;Gegen das Milit&auml;r weltweit, besonders in Deutschland&laquo; gespickt. In den Abendstunden des 12. Oktober 2006 wollte die Landeshauptstadt im Rahmen ihrer 800-Jahr-Feier ein besonderes Highlight platzieren: die Inszenierung eines geschenkten Gro&szlig;en Zapfenstreichs am Dresdner Altmarkt mit anschlie&szlig;endem Empfang im Kulturpalast f&uuml;r die st&auml;dtischen W&uuml;rdentr&auml;ger und w&uuml;rdige G&auml;ste. Friedensaktivisten meldeten daraufhin eine Versammlung (vgl. <a href=\"http:\/\/www.ohne-uns.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.ohne-uns.de<\/a>) an, die im beh&ouml;rdlichen Auflagenbescheid an einen leicht abriegelbaren Ort ohne Sicht- und H&ouml;rkontakt zum Veranstaltungsort verbannt wurde.<\/p>\n<p>Die Beh&ouml;rde bem&uuml;ht in ihrer Begr&uuml;ndung sogar das Ansehen der Landeshauptstadt und stellt fest, &raquo;dass die Durchf&uuml;hrung einer Protestkundgebung gegen die Bundeswehr w&auml;hrend des Gro&szlig;en Zapfenstreiches in unmittelbarer r&auml;umlicher N&auml;he zu dieser Veranstaltung unweigerlich dieses feierliche und w&uuml;rdevolle Zeremoniell sowie auch das Ansehen der Landeshauptstadt Dresden als mit dieser Veranstaltung Beschenkte st&ouml;ren w&uuml;rde.&laquo; Als Erm&auml;chtigungsgrundlage f&uuml;r s&auml;mtliche Auflagen wird&nbsp;&sect; 15 Absatz 1 Versammlungsgesetz bem&uuml;ht, der Schutz der &ouml;ffentlichen Sicherheit und Ordnung.<\/p>\n<p>Das Bundeswehr-Ritual &raquo;Gro&szlig;er Zapfenstreich&laquo; umfasst auch ein befehlsm&auml;&szlig;ig angeordnetes Gebet (&raquo;Helm ab zum Gebet!&laquo;). Die Stadt Dresden sieht daher noch ein sehr sensibles Rechtsgut gef&auml;hrdet: &raquo;Durch die Kundgebung w&uuml;rden das zum Gro&szlig;en Zapfenstreich geh&ouml;rende Gebet und damit die religi&ouml;sen Gef&uuml;hle der Soldaten, der G&auml;ste und der Zuschauer gest&ouml;rt.&laquo; Der Bescheid &uuml;bergeht die bekannte Tatsache, dass sich viele Christen durch den Gebets-Befehl an die Soldaten im religi&ouml;s-weltanschaulich neutralen Staat verletzt f&uuml;hlen. Personen aus der christlichen Friedensbewegung hatten schon mehrfach ein gerichtliches Verbot gerade dieses Zapfenstreichteils gefordert, da sie in der staatlichen Instrumentalisierung des christlichen Glaubens eine Verletzung ihrer religi&ouml;sen Gef&uuml;hle sehen. Ihnen wurde bislang ohne eine Entscheidung in der Sache lediglich ihre individuelle Klagebefugnis abgestritten (vgl. etwa VG K&ouml;ln, Az. 27 L 1487\/05: &raquo;Als Zuschauer k&ouml;nnen sie, m&uuml;ssen aber nicht [an dem Zapfenstreich &mdash; M. S.] teilnehmen und sich so einer Verletzung ihrer religi&ouml;sen Gef&uuml;hle aussetzen.&laquo;)<\/p>\n<p>Auch ein Vergleichsangebot der Veranstalter lehnte die Landeshauptstadt ah, denn es w&uuml;rde versucht, &raquo;unter an Rechtsmissbrauch grenzender Berufung auf das Grundrecht der Versammlungsfreiheit&laquo; eine &raquo;Pr&auml;senz des St&ouml;rerpotentials in unmittelbarer N&auml;he zum Veranstaltungsort zu erm&ouml;glichen&laquo;. Die M&ouml;glichkeit einer Versammlungsaufl&ouml;sung sei kein geeignetes Gegenmittel, da auch eine solche &raquo;medienwirksame Aufl&ouml;sung der Kundgebung&laquo; zur &raquo;Konterkarierung des Gro&szlig;en Zapfenstreiches&laquo; f&uuml;hren w&uuml;rde.<\/p>\n<p>Erst die Anrufung des Verwaltungsgerichts f&uuml;hrte immerhin<br \/>zu einem Kompromiss-Kundgebungsort f&uuml;r die Demonstration. Das Verwaltungsgericht Dresden widersprach in seinem Beschluss vom 11. Oktober 2006 (Az. 14 K 2084\/06) in vielen Punkten der Argumentation der Landeshauptstadt. Dabei erinnerte es an die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts vom 15. Dezember 1989 (Az. BVerwG 7 C 88.88), in der es u.a. hei&szlig;t: &raquo;Wenn die Bundeswehr ihre eigenen Ordnungsvorstellungen ohne Abstriche verwirklichen will, so steht es ihr frei, das Kasernengel&auml;nde als Veranstaltungsort zu w&auml;hlen. Dagegen kann sie nicht beanspruchen, den Gro&szlig;en Zapfenstreich auf einem &ouml;ffentlichen Platz vor einem ihr wohlgesonnenen oder wenigstens meinungsindifferenten Publikum auszuf&uuml;hren.&laquo;<\/p>\n<p>Es ist nicht hinnehmbar, dass Anmeldende von milit&auml;rkritischen Demonstrationen erst kostenaufw&auml;ndig Anw&auml;lte und Gerichte bem&uuml;hen m&uuml;ssen, um ihre Grundrechte (teilweise) durchzusetzen. Demokratie lebt vom lebendigen Streit der Meinungen. Die Debatte &uuml;ber die Ziele bundesdeutscher Milit&auml;rpolitik und Kriegseins&auml;tze in Zeiten sogenannter &raquo;Anti-Terror-Kriege&laquo; muss weiterhin m&ouml;glich bleiben. Deshalb d&uuml;rfen die Grundrechte der Versammlungs- und Meinungsfreiheit gerade im Kontext &ouml;ffentlicher Selbstinszenierungen der Bundeswehr nicht durch konzertierte Aktionen von Verwaltung, Politik, Polizei und Armee eingeschr&auml;nkt werden.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[838,822],"autoren":[629],"publikationen":[1032],"class_list":["post-10423","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gg-artikel-8","tag-grr-artikel","autoren-martin-singe","publikationen-1032"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.7 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Bundeswehr contra Versammlungsfreiheit - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2007\/publikation\/bundeswehr-contra-versammlungsfreiheit\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Bundeswehr contra Versammlungsfreiheit - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"&Ouml;ffentliche Selbstinszenierungen der Bundeswehr beschneiden Grundrechte Grundrechte-Report 2007, Seiten 104 &#8211; 107 Stellt sich die Bundeswehr in der &Ouml;ffentlichkeit dar, kommt es regelm&auml;&szlig;ig zu Auseinandersetzungen um die Grundrechte milit&auml;rkritischer B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger. 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