{"id":10440,"date":"2008-05-23T02:30:00","date_gmt":"2008-05-23T00:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/richter-als-ausspaehungsopfer-des-italienischen-geheimdienstes\/"},"modified":"2021-08-30T15:40:15","modified_gmt":"2021-08-30T13:40:15","slug":"richter-als-ausspaehungsopfer-des-italienischen-geheimdienstes","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2008\/publikation\/richter-als-ausspaehungsopfer-des-italienischen-geheimdienstes\/","title":{"rendered":"Richter als Aussp\u00e4hungsopfer des italienischen Geheimdienstes?"},"content":{"rendered":"<p>Grundrechte-Report 2008, Seite 133<\/p>\n<p>Mehr als 200 Richterinnen und Richter in Italien und in zw&ouml;lf weiteren europ&auml;ischen L&auml;ndern sind zwischen 2001 und 2006 vom italienischen milit&auml;rischen Geheimdienst SISMI &bdquo;beschattet&ldquo; worden. Die Computer und der E-Mail-Verkehr der Richter wurden &bdquo;angezapft&ldquo;. Teilweise sollen die SISMI-Agenten den Richterinnen und Richtern auch gezielte Fehlinformationen zugespielt haben. Dies geht aus einem Untersuchungsbericht hervor, den der Oberste Richterrat (CSM) Italiens, dem der italienische Staatspr&auml;sident vorsitzt, am 4. Juli 2007 einstimmig verabschiedet hat. Zu den 47 italienischen Opfern sollen vor allem jene Mail&auml;nder Staatsanw&auml;lte geh&ouml;ren, die Verfahren gegen den Ex-Ministerpr&auml;sidenten Silvio Berlusconi er&ouml;ffneten und vom SISMI-Geheimdienst als &bdquo;regierungsfeindlich&ldquo; eingestuft wurden. Zielobjekte von SISMI sollen auch zwei Staatsanw&auml;lte gewesen sein, die Strafverfahren gegen jenes CIA-Kommando betreiben, dem die Verschleppung des &auml;gyptischen Predigers Abu Omar vorgeworfen wird, sowie Staatsanwalt Antonio Ingroia, der &uuml;ber die Querverbindungen zwischen Mafia und Politik in Italien ermittelte.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"illegale-aktionen-des-militaergeheimdienstes\">Illegale Aktionen des Milit&auml;r&shy;ge&shy;heim&shy;dienstes<\/span><\/h2>\n<p>Der italienische Milit&auml;rgeheimdienst SISMI war in den vergangenen Jahren wiederholt in die &ouml;ffentliche Kritik geraten. Die Vorw&uuml;rfe betrafen unter anderem seine Mitwirkung an der Erstellung von gef&auml;lschten Beweismitteln f&uuml;r die US-Regierung &uuml;ber den angeblichen Erwerb von Uran durch das Saddam-Hussein-Regime im Niger (&bdquo;Nigergate&ldquo;), illegale Abh&ouml;raktionen im Bereich der italienischen Telecom und seine Beteiligung an der Entf&uuml;hrung des Muslim-Predigers Abu Omar durch CIA-Bedienstete. SISMI-Direktor General Nicol&oacute; Pollari ist im November 2006 durch die Prodi-Regierung von seinem Posten abgel&ouml;st und durch Admiral Branciforte ersetzt worden. Im Februar 2007 wurde Pollari wegen seiner m&ouml;glichen Beteiligung an der Abu Omar-Entf&uuml;hrung verhaftet. Zwischenzeitlich wurde er zusammen mit 26 CIA-Agenten vor einem Mail&auml;nder Strafgericht angeklagt. Aufgrund eines vor kurzem vom italienischen Parlament beschlossenen &Auml;nderungsgesetzes wird SISMI k&uuml;nftig seine T&auml;tigkeiten unter der Bezeichnung &bdquo;AISE&ldquo; (&bdquo;Agenzia informazioni e sicurezza esterna&ldquo; &#8211; Agentur f&uuml;r Informationen und &auml;u&szlig;ere Sicherheit) fortf&uuml;hren.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"deutsche-staatsanwaltschaft-vermeidet-ermittlungen\">Deutsche Staats&shy;an&shy;walt&shy;schaft vermeidet Ermitt&shy;lungen<\/span><\/h2>\n<p>Mitglieder der europ&auml;ischen Richterorganisation MEDEL, zu der in Deutschland die Gruppe der in der Gewerkschaft Ver.di organisierten Richterinnen und Richter sowie die &bdquo;Neue Richtervereinigung&ldquo; (NRV) geh&ouml;ren, haben in Italien, Frankreich und auch in Deutschland wegen des aufgekommenen Verdachts, von SISMI &uuml;ber Jahre hinweg ausgesp&auml;ht worden zu sein, Strafanzeige bei den zust&auml;ndigen Staatsanwaltschaften ihrer L&auml;nder gestellt.<\/p>\n<p>Die Ermittlungen in Italien und Frankreich sind noch im Gange. Dagegen hat die Staatsanwaltschaft Bremen &#8211; Dezernat Organisierte Kriminalit&auml;t &#8211; am 19. Oktober 2007 die Aufnahme von Ermittlungen von vornherein mit der Begr&uuml;ndung abgelehnt, es bestehe kein &bdquo;ausreichender Verdacht&ldquo; (Az. 352 Js 54910\/07). Es fehle an der &bdquo;Anwendbarkeit des deutschen Strafrechts mit der Folge, dass ein Prozesshindernis besteht&ldquo;. Sollten die in der Strafanzeige angesprochenen Taten tats&auml;chlich begangen worden sein, liege der Handlungsort in Italien. Auch eine Anwendbarkeit des deutschen Strafrechts &uuml;ber den &bdquo;Erfolgsort&ldquo; (&sect; 9 Strafgesetzbuch, StGB) sei nicht gegeben. Beim Aussp&auml;hen von Daten handele es sich nicht um ein &bdquo;Erfolgsdelikt&ldquo;; denn unter Strafe gestellt sei nur das unbefugte Sichverschaffen von Zugang zu bestimmten Daten. Ein solches Sichverschaffen sei gegebenenfalls in Italien erfolgt. Zwar gelte das deutsche Strafrecht nach &sect; 7 Absatz 1 StGB auch f&uuml;r Taten, die im Ausland gegen einen Deutschen begangen werden, wenn die Tat am Tatort mit Strafe bedroht ist oder der Tatort keiner Strafgewalt unterliegt. In jedem Fall sei aber erforderlich, &bdquo;dass eine bestimmte einzelne deutsche Person verletzt i.S.v. &sect; 77 Absatz 1 StGB ist&ldquo;. Die zur Anzeige gebrachten &bdquo;Taten richteten sich, ihre Begehung unterstellt, gegen italienische Richter und Staatsanw&auml;lte&ldquo;. Eine &bdquo;mittelbare Betroffenheit dadurch, dass &hellip; (von der deutschen Anzeigenerstatterin) verfasste E-Mails mitgelesen wurden&ldquo;, mache die davon Betroffenen in Deutschland &bdquo;nicht zu Verletzten i.S.d. &sect; 77 Absatz 1 StGB&ldquo;.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"das-ausspaehen-von-daten-bleibt-ein-straftatbestand\">Das Aussp&auml;hen von Daten bleibt ein Straf&shy;tat&shy;be&shy;stand<\/span><\/h2>\n<p>In der Folgezeit hat sich der Verdacht, dass auch deutsche Richter und Staatsanw&auml;lte &#8211; entgegen der unbelegten Unterstellung der Bremer Staatsanwaltschaft &#8211; von den Aussp&auml;haktionen der SISMI-Agenten betroffen waren, verdichtet. Noch im Juli 2007 teilte zwar die deutsche Bundesjustizministerin Brigitte Zypries der Gewerkschaft Ver.di mit, ihr italienischer Amtskollege, Justizminister Mastella, habe ihr anl&auml;sslich eines Treffens in Berlin versichert, &bdquo;dass nach seinen Informationen keine deutschen Richter oder Staatsanw&auml;lte von den Abh&ouml;rma&szlig;nahmen betroffen gewesen seien&ldquo;. Auch schriftlich habe Mastella ihr gegen&uuml;ber erkl&auml;rt, dass nach den bisher vorliegenden Informationen &bdquo;keine deutschen Richter und Staatsanw&auml;lte abgeh&ouml;rt worden sind.&ldquo; In einem weiteren an Ver.di gerichteten Brief schrieb Ministerin Zypries im November 2007 jedoch, am 15. Oktober 2007 sei ein Schreiben der Staatsanwaltschaft beim Landgericht Rom an die Deutsche Botschaft in Rom weitergeleitet worden, das ihr jetzt vorliege. Daraus ergebe sich, dass nach dem aktuellen Stand der Ermittlungen von der &bdquo;nachrichtendienstlichen T&auml;tigkeit der SISMI-Mitarbeiter&ldquo;&#8230; &bdquo;auch deutsche Richter und Staatsanw&auml;lte betroffen gewesen&ldquo; seien.<\/p>\n<p>Damit besteht ein offenkundiger Widerspruch zwischen den von Ministerin Zypries wiedergegebenen m&uuml;ndlichen und schriftlichen &Auml;u&szlig;erungen ihres italienischen Amtskollegen Mastella einerseits und dem von der Deutschen Botschaft weitergeleiteten Schreiben der Staatsanwaltschaft beim Landgericht Rom andererseits: Waren von den SISMI-Ma&szlig;nahmen denn nun deutsche Richter und Staatsanw&auml;lte betroffen oder nicht? Zudem f&auml;llt auf, dass die von Ministerin Zypries wiedergegebene Darstellung der Staatsanwaltschaft beim Landgericht Rom nicht pr&auml;zise klarstellt, worin die &bdquo;nachrichtendienstliche T&auml;tigkeit der SISMI-Mitarbeiter&ldquo; konkret bestand, von denen also offenbar doch &bdquo;auch deutsche Richter und Staatsanw&auml;lte betroffen gewesen sind&ldquo;. Denn einerseits wird einger&auml;umt, diese &bdquo;nachrichtendienstliche T&auml;tigkeit&ldquo; habe &bdquo;die Einsichtnahme in Material einschlie&szlig;lich Namen, Adressen, Kongresst&auml;tigkeit und E-Mails &#8230; umfasst&ldquo;. Andererseits wird geltend gemacht, dies sei &bdquo;&uuml;ber die Homepage der Organisation der europ&auml;ischen Richterorganisation MEDEL&ldquo; geschehen, &bdquo;ohne dass dabei Sicherungsma&szlig;nahmen umgangen worden seien&ldquo;. Wie muss man sich vorstellen, dass &uuml;ber eine allgemein allen Internetnutzern frei zug&auml;ngliche Homepage der Zugriff auf E-Mails m&ouml;glich sein soll? Wie kann ein Zugriff auf den dienstlichen und\/oder privaten E-Mail-Verkehr zwischen europ&auml;ischen Richtern und Staatsanw&auml;lten ohne Umgehung von Sicherungsma&szlig;nahmen (z.B. Passw&ouml;rter, Verschl&uuml;sselungen) stattgefunden haben? Dies aufzukl&auml;ren, obliegt vor allem den Strafverfolgungsbeh&ouml;rden, die mit den entsprechenden Befugnissen und Mitteln ausgestattet sind.<\/p>\n<p>Das geltende Recht bietet ihnen daf&uuml;r eine hinreichende Grundlage. F&uuml;r Taten, die im Ausland gegen einen Deutschen begangen wurden, gilt das deutsche Strafrecht jedenfalls dann, &bdquo;wenn die Tat am Tatort mit Strafe bedroht ist&ldquo; (&sect; 7 Absatz 1 StGB). Ob und in welchem Ausma&szlig;e deutsche Richter und Staatsanw&auml;lte von der Aussp&auml;hung ihres privaten und dienstlichen E-Mail-Verkehrs durch SISMI-Agenten im Einzelfall betroffen waren, kann freilich nur durch entsprechende Ermittlungen der Strafverfolgungsorgane festgestellt werden. Ferner muss im Hinblick auf &sect; 7 Absatz 1 StGB (Tatort im Ausland; Tatopfer deutsche Staatsangeh&ouml;rige) die Tathandlung in Italien &#8222;mit Strafe bedroht&#8220; sein. Dies ist der Fall. Denn in Italien ist &ndash; ebenso wie in Deutschland (&sect; 202a StGB) &ndash; das Aussp&auml;hen von Daten ein Straftatbestand.<\/p>\n<p>Lehnen die zust&auml;ndigen Staatsanwaltschaften in Deutschland weiterhin die notwendigen Ermittlungsma&szlig;nahmen und damit die Anwendung der strafrechtlichen Vorschriften ab, die zum Schutz der Grundrechte der von solchen Aussp&auml;h-Aktionen Betroffenen geschaffen wurden, verfehlen sie ihre rechtstaatliche Aufgabe.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h2>\n<p>Dieter Deiseroth, Staatliche Internet-Kriminalit&auml;t im gemeinsamen Europa, in: Betrifft Justiz 2007, S. 151 ff.<\/p>\n<p>Markus Hansen: Andreas Pfitzmann, Technische Grundlagen von Online-Durchsuchung und -Beschlagnahme, in: Deutsche Richterzeitung 2007, S. 225-228<\/p>\n<p>Hans Leyendecker, Ermittlung gegen Italiens Milit&auml;rgeheimdienst, in: S&uuml;ddeutsche Zeitung vom 16. Oktober 2007<\/p>\n<p>Peter M&uuml;hlbauer, W&auml;hrend der Amtszeit Silvio Berlusconis wurden auch die Justizbeh&ouml;rden vom Geheimdienst &uuml;berwacht, in: Telepolis vom 11. Juli 2007 (<a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/r4\/artikel\/25\/25685\/1.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.heise.de\/tp\/r4\/artikel\/25\/25685\/1.html<\/a>)<\/p>\n<p>Hartmut Pohl, Zur Technik der heimlichen Online-Durchsuchung, in: Datenschutz und Datensicherheit 2007, S. 684-688<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[837,822],"autoren":[298],"publikationen":[1031],"class_list":["post-10440","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gg-artikel-10","tag-grr-artikel","autoren-dieter-deiseroth","publikationen-1031"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Richter als Aussp\u00e4hungsopfer des italienischen Geheimdienstes? - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2008\/publikation\/richter-als-ausspaehungsopfer-des-italienischen-geheimdienstes\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Richter als Aussp\u00e4hungsopfer des italienischen Geheimdienstes? - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Grundrechte-Report 2008, Seite 133 Mehr als 200 Richterinnen und Richter in Italien und in zw&ouml;lf weiteren europ&auml;ischen L&auml;ndern sind zwischen 2001 und 2006 vom italienischen milit&auml;rischen Geheimdienst SISMI &bdquo;beschattet&ldquo; worden. 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