{"id":10446,"date":"2010-05-23T04:10:00","date_gmt":"2010-05-23T02:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/kein-betriebsunfall-schadensersatz-fuer-schuldhaft-rechtswidriges-berufsverbot\/"},"modified":"2021-08-30T15:40:48","modified_gmt":"2021-08-30T13:40:48","slug":"kein-betriebsunfall-schadensersatz-fuer-schuldhaft-rechtswidriges-berufsverbot","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2010\/publikation\/kein-betriebsunfall-schadensersatz-fuer-schuldhaft-rechtswidriges-berufsverbot\/","title":{"rendered":"Kein Betriebsunfall &#8211; Schadensersatz f\u00fcr schuldhaft rechtswidriges Berufsverbot"},"content":{"rendered":"<p>Grundrechte-Report 2010, Seite 133<\/p>\n<p>Schon dreimal mussten wir &uuml;ber den Berufsverbotsfall des Heidelberger Realschullehrers Michael Csaszk&oacute;czy berichten, dem das Land Baden-W&uuml;rttemberg 2004 die Einstellung in den staatlichen Schuldienst verweigert hatte (Elke Steven, GRR 2005, S. 139 ff.; Rolf G&ouml;ssner, GRR 2007, S. 112 ff.; ders., GRR 2008, S. 145 ff.). Nun ging dieser Fall in die vermutlich letzte Runde, die dem Betroffenen endlich auch eine Wiedergutmachung f&uuml;r die erlittenen Nachteile bescherte. Der lange Atem des Lehrers hat sich gelohnt, h&auml;tte aber ohne Rechtsschutz der GEW, die Anstrengungen seines Anwalts Martin Heiming und des Solidarit&auml;tskomitees gegen Berufsverbote (<a href=\"http:\/\/www.gegen-berufsverbote.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.gegen-berufsverbote.de<\/a>) wohl nicht so lange gereicht.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\">Langer Kampf gegen ein Berufs&shy;verbot<\/h2>\n<p>Zur Erinnerung: Michael Csaszk&oacute;czy war von der obersten Schulbeh&ouml;rde vorgeworfen worden, dass er sich in der vom Verfassungsschutz beobachteten &bdquo;Antifaschistischen Initiative Heidelberg&ldquo; (AIHD) politisch bet&auml;tigt habe &ndash; einer legalen Initiative, die sich gegen fremdenfeindliche und neonazistische Bestrebungen engagiert. Erst in zweiter Instanz hob der Verwaltungsgerichtshof (VGH) in Mannheim den Bescheid des Oberschulamtes, die Einstellung in den Schuldienst des Landes wegen Zweifeln an seiner Verfassungstreue zu verweigern, auf (Urteil des VGH v. 13.03.07, Az. 4 S 1805\/06) und kassierte damit auch das erstinstanzliche Urteil des Verwaltungsgerichts Karlsruhe, das den Bescheid noch abgesegnet hatte.<\/p>\n<p>Als h&ouml;chstes Verwaltungsgericht Baden-W&uuml;rttembergs hatte der VGH dem Oberschulamt in aller Deutlichkeit vorgehalten, dass Zweifel an der Verfassungstreue nicht berechtigt waren, weshalb das Gericht das Land dazu verurteilte, den Antrag des Kl&auml;gers auf Einstellung in den &ouml;ffentlichen Schuldienst unter Beachtung der Rechtsauffassung des Gerichts erneut zu bescheiden. Daraufhin musste der Realschullehrer &ndash; nach nervenaufreibenden Jahren politischer und juristischer Auseinandersetzungen &#8211; in den &ouml;ffentlichen Schuldienst aufgenommen werden. Seit 1.09.2007 unterrichtet er an einer Realschule.<\/p>\n<p>Daraufhin klagte der Betroffene vor dem Landgericht Karlsruhe gegen das Land Baden-W&uuml;rttemberg auf Ersatz des materiellen Schadens, der ihm durch das rechtswidrige dreieinhalbj&auml;hrige Berufsverbot entstanden ist. Michael Csaszk&oacute;czy war in Folge des Berufsverbots arbeitslos und von Arbeitslosengeld (ALG) II abh&auml;ngig, bis er schlie&szlig;lich 2006 ein Promotionsstipendium erhielt. Alle Bem&uuml;hungen seines Anwalts Martin Heiming, im Vorfeld eine Einigung mit der Schulbeh&ouml;rde per Vergleich zu erreichen, waren gescheitert. Der zust&auml;ndige Kultusminister und die leitenden Beamten seines ihm unterstellten Oberschulamtes blieben stur und ohne jegliches Unrechtsbewusstsein, so dass der Betroffene ein weiteres Mal vor Gericht ziehen musste, um zu seinem Recht zu kommen. Auch die G&uuml;teverhandlung vor dem Landgericht am 25.11.2008, in der sich das beklagte Land von einer renommierten Karlsruher Anwaltskanzlei vertreten lie&szlig;, scheiterte, obwohl die Richter bereits &uuml;berraschend deutlich erkennen lie&szlig;en, wie sie die Geschichte einsch&auml;tzen: Das Land habe nicht nur rechtswidrig, sondern auch schuldhaft gehandelt und damit den Betroffenen um dreieinhalb Jahre seines Berufslebens als Lehrer gebracht, wodurch diesem ein materieller Schaden entstanden sei, f&uuml;r den das Land einzustehen habe.<\/p>\n<p>Zwar gebe es, so die Zivilrichter, den allgemeinen Grundsatz, dass Beamte in der Verwaltung nicht kl&uuml;ger sein m&uuml;ssten als ein Gericht, das sp&auml;ter in Kammerbesetzung &uuml;ber den Sachverhalt zu urteilen hat &#8211; und, wie im vorliegenden Fall das Verwaltungsgericht Karlsruhe, zum selben Ergebnis kommt. Doch dieser Grundsatz, auf den das beklagte Land gepocht hatte, gelte nicht umstandslos: Er gelte dann nicht, wenn&nbsp;&#8211; wie im Fall Csaszk&oacute;czy &#8211; leitende Beamte einer zentralen Beh&ouml;rde und hochkar&auml;tige Juristen des faktisch federf&uuml;hrenden Kultusministeriums &#8211; in st&auml;ndiger Abstimmung mit der damaligen Kultusministerin und sp&auml;teren Bundesministerin Annette Schavan &#8211; lange und intensiv mit dem Fall befasst waren. Erschwerend komme hinzu, dass nicht nur deren rechtliche Bewertung fehlerhaft gewesen sei, sondern bereits die Feststellung und W&uuml;rdigung des zugrunde liegenden Sachverhalts. So beweise die dem engagierten Antifaschisten Csaszk&oacute;czy vorgehaltene &bdquo;S&uuml;ndenliste&ldquo;, die vom Verfassungsschutz zusammengestellt worden war, praktisch nichts &#8211; au&szlig;er die nie bestrittene Mitarbeit in der AIHD sowie die Wahrnehmung verfassungsrechtlich verbriefter Grundrechte. Eine wirkliche Pr&uuml;fung des Einzelfalls habe im &Uuml;brigen nie stattgefunden, wie bereits der VGH festgestellt hatte. In diesem sorgfaltswidrigen Verhalten liege ein Verschulden, das zu Schadensersatzleistungen verpflichte.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\">Grund&shy;s&auml;tz&shy;li&shy;cher Erfolg<\/h2>\n<p>Am Ende hat das Landgericht Karlsruhe dem Kl&auml;ger mit Urteil vom 28.04.2009 insgesamt 32.777 Euro zugesprochen; das beklagte Land wurde dar&uuml;ber hinaus verpflichtet, dem Kl&auml;ger auch den Schaden zu ersetzen, der ihm hinsichtlich k&uuml;nftiger Alterversorgungsbez&uuml;ge entstehen wird, weil er erst mit dreij&auml;hriger Verz&ouml;gerung eingestellt wurde (Az. 2 O 362\/08). Diese Entscheidung liegt weit unter den geltend gemachten Anspr&uuml;chen, wof&uuml;r das Gericht zugunsten des Landes tief in die juristische Trickkiste gegriffen hat. Es hat beispielsweise unterstellt, dass der Kl&auml;ger nur eine halbe Stelle angetreten h&auml;tte, ihm also auch nur halbe Bez&uuml;ge entgangen seien. Au&szlig;erdem wurden Hartz-IV-Leistungen abgezogen, von denen er zeitweise gelebt hatte. Und schlie&szlig;lich wurden sogar f&uuml;r einen weiteren Zeitraum, in dem der Kl&auml;ger von Erspartem und solidarischer Unterst&uuml;tzung gelebt hatte, hypothetische Hartz-IV-Leistungen abgezogen &#8211; schlie&szlig;lich sei er selbst schuld, so das Gericht, wenn er Leistungen, die ihm zugestanden h&auml;tten, nicht in Anspruch genommen habe.<\/p>\n<p>Trotz des gerichtlichen Kleinrechnens der kl&auml;gerischen Anspr&uuml;che ist das Urteil dem Grunde nach zu begr&uuml;&szlig;en: Das Landgericht hat unmissverst&auml;ndlich klargestellt, dass das grundrechtswidrige Handeln von Kultusministerium und Oberschulamt kein Betriebsunfall war, sondern dass diese Stellen mit ihrem politisch motivierten Berufsverbot gegen einen anders Denkenden auch schuldhaft handelten: Sie hatten die im amtlichen Verkehr erforderliche Sorgfalt au&szlig;er Acht gelassen und sie h&auml;tten die Unrechtm&auml;&szlig;igkeit ihres Handelns erkennen k&ouml;nnen und m&uuml;ssen. Daf&uuml;r muss nun das Land Baden-W&uuml;rttemberg die Konsequenzen tragen und Wiedergutmachung leisten. Es ist allerdings in h&ouml;chstem Ma&szlig;e besch&auml;mend, wie uneinsichtig, renitent und verantwortungslos sich die politisch und fachlich Verantwortlichen in dieser Angelegenheit &uuml;ber Jahre hinweg und bis zuletzt verhalten haben.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[819,822],"autoren":[171],"publikationen":[1028],"class_list":["post-10446","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gg-artikel-12","tag-grr-artikel","autoren-rolf-goessner","publikationen-1028"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Kein Betriebsunfall - Schadensersatz f\u00fcr schuldhaft rechtswidriges Berufsverbot - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2010\/publikation\/kein-betriebsunfall-schadensersatz-fuer-schuldhaft-rechtswidriges-berufsverbot\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Kein Betriebsunfall - Schadensersatz f\u00fcr schuldhaft rechtswidriges Berufsverbot - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Grundrechte-Report 2010, Seite 133 Schon dreimal mussten wir &uuml;ber den Berufsverbotsfall des Heidelberger Realschullehrers Michael Csaszk&oacute;czy berichten, dem das Land Baden-W&uuml;rttemberg 2004 die Einstellung in den staatlichen Schuldienst verweigert hatte (Elke Steven, GRR 2005, S. 139 ff.; Rolf G&ouml;ssner, GRR 2007, S. 112 ff.; ders., GRR 2008, S. 145 ff.). 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