{"id":10451,"date":"2007-03-28T17:50:00","date_gmt":"2007-03-28T15:50:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/staatsautoritaeres-urteil\/"},"modified":"2021-08-30T15:39:55","modified_gmt":"2021-08-30T13:39:55","slug":"staatsautoritaeres-urteil","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2007\/publikation\/staatsautoritaeres-urteil\/","title":{"rendered":"Staatsautorit\u00e4res Urteil"},"content":{"rendered":"<p>Berufsverbot in Baden-W&uuml;rttemberg gerichtlich abgesegnet<\/p>\n<p>Grundrechte-Report 2007, Seiten 112 &#8211; 116<\/p>\n<p>Im Grundrechte-Report 2005 (S. 139 ff.) berichtete Elke Steven &uuml;ber den Heidelberger Realschullehrer Michael Csaszk&oacute;czy, dem das Land Baden-W&uuml;rttemberg 2004 die Einstellung in den staatlichen Schuldienst haupts&auml;chlich mit der Begr&uuml;ndung verweigert hatte, er habe sich in der &raquo;Antifaschistischen Initiative Heidelberg&laquo; (AIHD) politisch bet&auml;tigt. Ist dieser Skandal inzwischen ausger&auml;umt? Im Gegenteil: Das Land Hessen schloss sich Baden-W&uuml;rttemberg an und lehnte seine dortige Bewerbung ebenfalls ab. Und das Verwaltungsgericht (VG) Karlsruhe gab der baden-w&uuml;rttembergischen Kultusbeh&ouml;rde Recht.<\/p>\n<p>Die damals zust&auml;ndige Ministerin Annette Schavan (CDU), jetzt Mitglied der Bundesregierung, hatte das Berufsverbot vor allem damit begr&uuml;ndet, dass der Bewerber aktives Mitglied der AIHD sei &#8211; eine legale Initiative, die sich gegen fremdenfeindliche und neonazistische Bestrebungen engagiert. Eigentlich eine anerkannt l&ouml;bliche Arbeit &#8211; doch die Gruppe sei &raquo;linksextremistisch&laquo; und halte Militanz gegen Nazis f&uuml;r ein legitimes Mittel, so der Verfassungsschutz (VS) im L&auml;ndle, der C. schon seit mehr als einem Jahrzehnt hinterher schn&uuml;ffelt. Der Fall hat bundesweit f&uuml;r Wirbel gesorgt: Viele Organisationen und Sch&uuml;ler setzen sich f&uuml;r den qualifizierten Lehramtsanw&auml;rter ein.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"antifaschist-zum-linksextremisten-erklaert\">Antifa&shy;schist zum &raquo;Links&shy;ex&shy;tre&shy;misten&laquo; erkl&auml;rt<\/span><\/h2>\n<p>Csaszk&oacute;czy reichte gegen die Berufsverbotsentscheidung Klage vor dem VG Karlsruhe ein, weil er darin einen Versto&szlig; gegen die Grundrechte auf Meinungs- und Berufsfreiheit nach Artikel 5 und 12 GG sieht. Das Gericht hat seine Klage als unbegr&uuml;ndet abgewiesen (Urteil vom 10. M&auml;rz 2006, Az. 1 K 83\/06). Bereits w&auml;hrend der Gerichtsverhandlung glaubte der Vorsitzende Richter, &raquo;Anlass zu der Bef&uuml;rchtung&laquo; zu haben, dass der Kl&auml;ger in seinen F&auml;chern Deutsch und Geschichte &raquo;ein Bild unseres Staates&laquo; zeichne und an Sch&uuml;ler weitergebe, &raquo;das von Seiten des Landes als diskriminierend angesehen wird&laquo;. Der von einem Realschullehrer diskriminierte Staat &#8211; auf ein solches Bedrohungsszenario war noch nicht einmal der Rechtsvertreter des Landes Baden-W&uuml;rttemberg gekommen. Dieser erkl&auml;rte, er k&ouml;nne sich zwar vorstellen, &raquo;Herrn C. zu einer Party einzuladen&laquo; &#8211; aber seinen Sohn, den wolle er keinesfalls von ihm unterrichten lassen.<\/p>\n<p>Was hat Michael C. verbrochen, was geschrieben oder gesagt, dass von Amts wegen so &uuml;ber ihn gesprochen wird? Weder w&auml;hrend der Verhandlung noch im Urteil werden dem Kl&auml;ger pers&ouml;nliches Fehlverhalten oder gar verfassungsfeindliche Aktionen zur Last gelegt&nbsp;&#8211; im Gegenteil: Von allen Seiten wird ihm bescheinigt, Engagement und Zivilcourage gegen Rechtsextremismus zu zeigen, friedliebend und f&uuml;r seinen Beruf bestens qualifiziert zu sein. Nie habe er w&auml;hrend seiner Referendarzeit versucht, Sch&uuml;ler zu indoktrinieren.<\/p>\n<p>Was also macht ihn in den Augen des Gerichts f&uuml;r den Lehrerberuf untragbar? Es ist allein seine Mitgliedschaft in der AIHD, die der definitionsm&auml;chtige VS f&uuml;r &raquo;linksextremistisch&laquo; erkl&auml;rt, ein Verdikt, das Oberschulamt und Gericht gleicherma&szlig;en &uuml;bernahmen &#8211; schlie&szlig;lich sei auf der AIHD-Homepage von Militanz die Rede und davon, dass sich auf parlamentarischem Weg die Unterdr&uuml;ckungsverh&auml;ltnisse nicht grundlegend ver&auml;ndern lie&szlig;en. Doch kein einziger eigener Text, keine einzige eigene Rede oder konkrete Handlung wird C. pers&ouml;nlich angelastet, sondern ausschlie&szlig;lich fremde Texte, von denen er sich zwar nicht distanzierte, aber die er sich auch nicht zu eigen machte. Zum Verh&auml;ngnis wird ihm letztlich sein politisches Umfeld &#8211; also seine Kontakte zu Gruppen wie der AIHD, aber auch der &raquo;Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes&laquo; oder der &raquo;Roten Hilfe&laquo;, ebenfalls Beobachtungsobjekte des VS.<\/p>\n<p>Da nutzte es dem Kl&auml;ger auch nichts, dass er vor Gericht ausdr&uuml;cklich die Verfassung bejahte, Gewalt gegen Personen und Sachen ablehnte und auch den Parlamentarismus bef&uuml;rwortete. Damit mochte sich das Gericht nicht zufrieden geben, denn es fordert von einem Staatsdiener weit mehr: n&auml;mlich ein &raquo;positives, ein besonderes Treueverh&auml;ltnis zum Staat&laquo; &#8211; und zwar zu diesem unseren Staat, so wie er ist, &raquo;nicht zu einem gew&uuml;nschten, fiktiven&laquo;, wie er dem Kl&auml;ger vorschwebe.<\/p>\n<p>Aber es sei doch legitim, so Michael C. vor Gericht, Missst&auml;nde in Staat und Gesellschaft aufzuzeigen. Denn: &raquo;Auch der Staat muss doch kritisiert werden d&uuml;rfen &#8211; das geh&ouml;rt zur Demokratie.&laquo; Dem konnte sich das Gericht zwar nicht verschlie&szlig;en, ohne undemokratisch zu wirken &#8211; aber die AIHD gehe entschieden zu weit, wenn sie einen Aufruf zum antifaschistischen Kampf damit begr&uuml;nde, dass gewaltt&auml;tig-rassistische Angriffe hierzulande zur Normalit&auml;t geh&ouml;rten, oder wenn sie behaupte, es gebe einen &raquo;immer drastischer werdenden Rechtsruck in Staat, Parteien und gro&szlig;en Teilen der Gesellschaft&laquo;, und ein Bruch mit der NS-Vergangenheit sei nur &raquo;vermeintlich&laquo; vollzogen worden. &raquo;Mit solchen Ausf&uuml;hrungen werden die Grenzen einer legitimen Kritik unseres Staates und seiner Verfassung mit Augenma&szlig; weit &uuml;berschritten&laquo;, wetterten die Richter in ihrem Urteil: &raquo;Hier wird die Bundesrepublik Deutschland haltlos angegriffen und diffamiert, es wird kaum verh&uuml;llt zum Kampf gegen die Grundlagen unseres Staates und die ihn tragende Gesellschaft aufgerufen.&laquo; In Wahrheit werde<br \/>hier ein &raquo;gewaltbereiter Antifaschismus mit System &uuml;berwindender Sto&szlig;richtung gepflegt&laquo;.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"gerichtliche-foerderung-des-duckmaeusertums\">Gericht&shy;liche F&ouml;rderung des Duckm&auml;u&shy;ser&shy;tums<\/span><\/h2>\n<p>Auch wenn der Kl&auml;ger als &raquo;engagierter Streiter gegen Rechts und f&uuml;r friedliche Auseinandersetzungen mit der Staatsmacht&laquo; geschildert werde, so schlie&szlig;e dies &raquo;eine tiefgreifend negative Einstellung gegen&uuml;ber unserem Staat und seiner Verfassungsordnung nicht aus&laquo;. Denn: &raquo;Auch wer aus &uuml;bersteigerter Sensibilit&auml;t f&uuml;r bestimmte positive Prinzipien oder aus lebensfremdem Idealismus heraus unseren Staat und das Handeln seiner Verfassungsorgane wegen stets m&ouml;glicher Missst&auml;nde verachtet, grunds&auml;tzlich ablehnt und bek&auml;mpft, ist als Beamter dieses Staates ungeeignet, weil er die besondere politische Treuepflicht wegen seiner ablehnenden inneren Einstellung nicht garantieren kann.&laquo; Weil die inkriminierten Texte fraglos nicht vom Kl&auml;ger stammen, findet das Gericht folgenden Dreh: &raquo;Auch wer aus moralischem Rigorismus, Naivit&auml;t oder Leichtgl&auml;ubigkeit eine Gruppe unterst&uuml;tzt, von der sich ein Beamter distanzieren m&uuml;sste, handelt gegen die beamtenrechtliche Treuepflicht.&laquo;<\/p>\n<p>Es d&uuml;rfte wohl gerechtfertigt sein, angesichts solcher S&auml;tze von einem Staatsschutz-Urteil zu sprechen, denn die Richter argumentieren nicht so sehr verfassungs- und demokratieorientiert als vielmehr staatsfixiert &#8211; die Staatstreue wird zum Dreh- und Angelpunkt ihrer Argumentation, mit der das Duckm&auml;usertum im &ouml;ffentlichen Dienst gef&ouml;rdert, ein mehr als zweifelhafter Eingriff in die Berufsfreiheit gerichtlich abgesegnet und an die ber&uuml;chtigte Berufsverbotspolitik fr&uuml;herer Jahrzehnte angekn&uuml;pft wird. Aus der Urteilsbegr&uuml;ndung jedenfalls spricht ein illiberaler, staatsautorit&auml;rer Geist vergangen geglaubter Zeiten.<\/p>\n<p>Es ist daran zu erinnern, dass die Bundesrepublik schon einmal f&uuml;r die Verh&auml;ngung eines Berufsverbots vom Europ&auml;ischen Gerichtshof f&uuml;r Menschenrechte in Stra&szlig;burg wegen Versto&szlig;es gegen die Menschenrechte verurteilt worden ist (EGMR, Neue Juristische Wochenschrift 1996, 375 ff.) &#8211; nachdem die deutschen Gerichte durch alle Instanzen hindurch jenes Verbot f&uuml;r rechtens erkl&auml;rt hatten. Insofern ist es durchaus sinnvoll, dass Michael C. Rechtsmittel eingelegt hat &#8211; auch wenn jenes EGMR-Urteil nur auf Amtsinhaber und nicht auf Anw&auml;rter zugeschnitten war und der Weg durch die Instanzen m&uuml;hsam und kostentr&auml;chtig ist und Lebenszeit raubt.<\/p>\n<p>Das VG Karlsruhe wollte dem Kl&auml;ger aber gerade diesen Weg verbauen, indem es die Berufung gegen das Urteil nicht zulie&szlig;. Auf seine Beschwerde hin hat der Verwaltungsgerichtshof Baden-W&uuml;rttemberg mit Beschluss vom 4. August 2006, Az. 4 S 994\/06, die Berufung dennoch zugelassen &#8211; mit einer mutmachenden Begr&uuml;ndung: Der Erfolg eines Berufungsverfahrens in dieser Sache sei offen und es best&uuml;nden &raquo;ernstlich Zweifel an der Richtigkeit&laquo; des Karlsruher Urteils.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h2>\n<p>Rolf G&ouml;ssner, Wiederkehr der Berufsverbote. J&uuml;ngere Disziplinierungsf&auml;lle aus Ost und West, in: Junge Welt vom 7. September 2005<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.gegen-berufsverbote.dc\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.gegen-berufsverbote.dc<\/a><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[819,822],"autoren":[171],"publikationen":[1032],"class_list":["post-10451","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gg-artikel-12","tag-grr-artikel","autoren-rolf-goessner","publikationen-1032"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.7 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Staatsautorit\u00e4res Urteil - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2007\/publikation\/staatsautoritaeres-urteil\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Staatsautorit\u00e4res Urteil - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Berufsverbot in Baden-W&uuml;rttemberg gerichtlich abgesegnet Grundrechte-Report 2007, Seiten 112 &#8211; 116 Im Grundrechte-Report 2005 (S. 139 ff.) berichtete Elke Steven &uuml;ber den Heidelberger Realschullehrer Michael Csaszk&oacute;czy, dem das Land Baden-W&uuml;rttemberg 2004 die Einstellung in den staatlichen Schuldienst haupts&auml;chlich mit der Begr&uuml;ndung verweigert hatte, er habe sich in der &raquo;Antifaschistischen Initiative Heidelberg&laquo; (AIHD) politisch bet&auml;tigt. 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