{"id":10469,"date":"2010-05-23T03:10:00","date_gmt":"2010-05-23T01:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/weniger-rechtsschutz-fuer-arme\/"},"modified":"2021-08-24T21:53:40","modified_gmt":"2021-08-24T19:53:40","slug":"weniger-rechtsschutz-fuer-arme","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2010\/publikation\/weniger-rechtsschutz-fuer-arme\/","title":{"rendered":"Weniger Rechtsschutz f\u00fcr Arme?"},"content":{"rendered":"<p>Grundrechte-Report 2010, Seite 160<\/p>\n<p>Kein anderes Sozialleistungsgesetz besch\u00e4ftigt die Gerichte in den letzten Jahren so intensiv wie das 2005 in Kraft getretene Sozialgesetzbuch 2. Buch (SGB II), umgangssprachlich \u00bbHartz IV \u00ab genannt. Daf\u00fcr gibt es vielf\u00e4ltige Gr\u00fcnde: Vor allem unausgewogene, auslegungsbed\u00fcrftige gesetzliche Regelungen, gravierende Qualit\u00e4tsdefizite in der Beratungs- und Entscheidungspraxis der Job-Center und das Angewiesensein auf das existenzsichernde Arbeitslosengeld II sind es, die j\u00e4hrlich mehr als 100.000 Leistungsberechtigte dazu zwingen, ihr Recht auf dem Rechtsweg einzufordern. Im Vergleich mit anderen sozial- und \u00f6ffentlich-rechtlichen Rechtsstreitigkeiten ist die Quote der erfolgreichen Widerspr\u00fcche, einstweiligen Rechtsschutzbegehren und Klagen hier \u00fcberproportional hoch.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\">Gleicher Zugang zum Rechts&shy;schutz<\/h2>\n<p>Die Rechtsmaterie des SGB II ist komplex, das Konfliktpotenzial zwischen Job-Centern und Leistungsberechtigten betr\u00e4chtlich und der Bedarf an rechtlicher Beratung dementsprechend gro\u00df. F\u00fcr die Bezieher existenzsichernder Sozialleistungen und Menschen mit geringem Einkommen hat der Anspruch auf anwaltliche Beratung nach dem Beratungshilfegesetz zentrale T\u00fcr\u00f6ffner-Funktion f\u00fcr ihren Zugang zum Rechtsschutz. Dem entgegen entwickelte sich bei den f\u00fcr Beratungshilfesachen zust\u00e4ndigen Amtsgerichten eine restriktive Entscheidungspraxis. Die Bewilligung von anwaltlicher Beratungshilfe in sozialrechtlichen Angelegenheiten wird mit dem Hinweis auf vorrangig in Anspruch zu nehmende anderweitige Beratungsm\u00f6glichkeiten, insbesondere solche bei den Sozialleistungstr\u00e4gern gem. \u00a7 14 SGB I, abgelehnt.<\/p>\n<p>Dieser Interpretation hat das Bundesverfassungsgericht mit Beschluss vom 11. Mai 2009 (Az.: 1 BvR 1517\/08) eine deutliche Absage erteilt und damit die Rechtsposition einkommensarmer Rechtsuchender gest\u00e4rkt. Ihr gem\u00e4\u00df Artikel 3 Absatz 1 in Verbindung mit Artikel 20 Absatz 1 und Absatz 3 GG verfassungsrechtlich gew\u00e4hrleisteter Anspruch auf Rechtswahrnehmungsgleichheit wird verletzt, wenn ihnen in einem Sozialrechtsverfahren zugemutet wird, f\u00fcr die Beratung \u00fcber einen Widerspruch den Rat derselben Beh\u00f6rde in Anspruch zu nehmen, deren Entscheidung sie im Widerspruchsverfahren angreifen wollen. Hier bestehe zumindest die abstrakte Gefahr von Interessenkonflikten und Fehlentscheidungen, so dass aus Sicht der Rechtsuchenden der beh\u00f6rdliche Rat nicht mehr als Grundlage einer selbstst\u00e4ndigen und unabh\u00e4ngigen Wahrnehmung ihrer Rechte geeignet sei. Das Bundesverfassungsgericht betont zudem ausdr\u00fccklich, dass der fiskalische Gesichtspunkt, Kosten bei der Beratungshilfe zu sparen, nicht als sachgerechter Rechtfertigungsgrund f\u00fcr eine Einschr\u00e4nkung der Rechtswahrnehmungsgleichheit angesehen werden kann.<\/p>\n<p>Die Karlsruher Entscheidung ist nicht nur wegen ihrer Zur\u00fcckweisung der vorherrschenden Entscheidungspraxis bei Beratungshilfesachen im SGB-II-Rechtskreis zu begr\u00fc\u00dfen. Diese Leitentscheidung kommt zudem auch deshalb zur rechten Zeit, weil sie einigen bedenklichen Tendenzen in der Gesetzgebung, die eine Einschr\u00e4nkung der Rechtsschutzm\u00f6glichkeiten f\u00fcr Sozialleistungsbezieher und Menschen mit geringem Einkommen zur Folge haben, deutliche Grenzen setzt.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\">Hinder&shy;nis&shy;lauf bei der Rechts&shy;wahr&shy;neh&shy;mung<\/h2>\n<p>Der workfare-orientierte Umbau des Sozialstaats, die Verkn\u00fcpfung staatlicher Transferleistungen mit einer Verpflichtung zur Arbeit, wird von einem schleichenden Abbau sozialer B\u00fcrgerrechte flankiert. Je problematischer sich f\u00fcr die Leistungsberechtigten die Realisierung ihrer materiellen Rechte gegen\u00fcber den Leistungstr\u00e4gern gestaltet, desto wichtiger werden f\u00fcr sie Rechtsberatung und Rechtsschutz, gegebenenfalls auch durch die Gerichte. Hier zeigt sich allerdings, dass die sozialen B\u00fcrgerrechte zunehmend auch durch Einschr\u00e4nkungen beim Rechtsschutz gef\u00e4hrdet werden. Die teilweise heute bereits bestehenden, teilweise durch Bundesrats-Initiativen der Bundesl\u00e4nder zuk\u00fcnftig geplanten Restriktionen bei den M\u00f6glichkeiten der Rechtswahrnehmung und der Rechtsdurchsetzung wirken zwar auf unterschiedlichen Ebenen, greifen aber ineinander und erg\u00e4nzen sich. F\u00fcnf H\u00fcrden erschweren den Rechtsschutz f\u00fcr Geringverdienende und Sozialleistungsempf\u00e4nger:<\/p>\n<ul>\n<li>Der Rechtsanspruch auf Beratung in sozialrechtlichen Angelegenheiten durch die zust\u00e4ndigen Leistungstr\u00e4ger gem.\u00a0\u00a7 14 SGB I l\u00e4uft in der Praxis der SGB-II-Tr\u00e4ger weitgehend ins Leere. Die Gr\u00fcnde hierf\u00fcr liegen nach verbreiteter Einsch\u00e4tzung und Erfahrung in Defiziten beim Zugang wie auch in deutlichen Qualit\u00e4tsm\u00e4ngeln der\u00a0Beratung.<\/li>\n<li>Auf der Ebene von Widerspruch und Klage schlie\u00dft \u00a7 39 SGB II seit 1. Januar 2009 &#8211; anders als in anderen\u00a0Rechtsbereichen \u00fcblich &#8211; deren aufschiebende Wirkung f\u00fcr nahezu alle Entscheidungen der SGB-II-Tr\u00e4ger aus. Mit\u00a0der sofortigen Vollziehbarkeit ihrer Entscheidungen verschiebt sich die verfahrensrechtliche Interessenverteilung\u00a0einseitig zugunsten der Grundsicherungstr\u00e4ger, die damit einen Freibrief f\u00fcr den ersten Anschein der\u00a0Rechtm\u00e4\u00dfigkeit ihrer Bescheide erhalten.<\/li>\n<li>Auf der Ebene des sozialgerichtlichen Verfahrens wurden 2008 die Mindeststreitwerte f\u00fcr Berufung und Beschwerde\u00a0im einstweiligen Rechtsschutz erh\u00f6ht (\u00a7\u00a7 144 Abs. 1, 172 Abs. 3 SGG). Faktisch wirkt sich diese gesetzgeberische Ma\u00dfnahme vor allem zu Lasten \u00e4rmerer Rechtsuchender aus, die h\u00e4ufig auch wegen geringer Summen um ihre\u00a0existenzsichernden Rechte streiten m\u00fcssen. F\u00fcr sie gibt es jetzt im Regelfall nur noch eine gerichtliche Instanz.\u00a0Der Bundesrat hat dar\u00fcber hinaus die Einf\u00fchrung einer allgemeinen Verfahrensgeb\u00fchr im bislang f\u00fcr\u00a0\u00a0\u00a0 Leistungsberechtigte gerichtskostenfreien Sozialgerichtsverfahren vorgeschlagen, um \u00bbdie Eingangs- und Kostenflut der sozialgerichtlichen Verfahren zu bew\u00e4ltigen\u00ab. Dieser Vorschlag ist bis jetzt vom Bundestag nicht aufgegriffen worden, es ist aber anzunehmen, dass er von der CDU\/CSU-FDP-Bundesregierung wieder auf die\u00a0Tagesordnung gesetzt wird. Nach einer rechtssoziologischen Studie w\u00fcrde die Selektionswirkung einer solchen\u00a0Geb\u00fchr gerade diejenigen Kl\u00e4gerschichten von Klagen abhalten, bei denen am wenigsten gewiss ist, dass ihre Klagen\u00a0von Anfang an aussichtslos sind.<\/li>\n<li>Des Weiteren will der Bundesrat mit einer \u00c4nderung des Beratungshilfegesetzes den Zugang zur Beratungshilfe\u00a0\u00a0 erschweren. Dies trifft in massiver Weise Rechtsuchende mit geringen Eink\u00fcnften. Geplant ist u. a. eine sch\u00e4rfere\u00a0Pr\u00fcfung der \u00bbMutwilligkeit\u00ab der Inanspruchnahme von Beratungshilfe, die Durchsetzung des Nachrangs der Beratungshilfe durch Verweis auf andere Beratungsm\u00f6glichkeiten (die aber keineswegs fl\u00e4chendeckend existieren),\u00a0die Abschaffung des direkten Wegs zu anwaltlicher Beratungshilfe sowie die Erh\u00f6hung der Geb\u00fchr auf 30 Euro.<\/li>\n<li>Auch die Inanspruchnahme der Prozesskostenhilfe soll nach den Pl\u00e4nen des Bundesrates u.a. durch eine sch\u00e4rfere Pr\u00fcfung der Wirtschaftlichkeit der Rechtsverfolgung und die\u00a0Einf\u00fchrung einer nicht erstattungsf\u00e4higen Geb\u00fchr von 50 Euro eingeschr\u00e4nkt werden.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Bei einer ganzheitlichen Zusammenschau der geschilderten Restriktionen muss man zu dem Ergebnis kommen, dass sie sich in ihren tats\u00e4chlichen Auswirkungen als systematische Entrechtung von unterst\u00fctzungsbed\u00fcrftigen B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern und als Aush\u00f6hlung ihrer verfassungsrechtlich gew\u00e4hrleisteten Rechtswahrnehmungsgleichheit darstellen.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[2554,822],"autoren":[1763],"publikationen":[1028],"class_list":["post-10469","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gg-artikel-19","tag-grr-artikel","autoren-hans-ulrich-weth","publikationen-1028"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.7 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Weniger Rechtsschutz f\u00fcr Arme? - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2010\/publikation\/weniger-rechtsschutz-fuer-arme\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Weniger Rechtsschutz f\u00fcr Arme? - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Grundrechte-Report 2010, Seite 160 Kein anderes Sozialleistungsgesetz besch\u00e4ftigt die Gerichte in den letzten Jahren so intensiv wie das 2005 in Kraft getretene Sozialgesetzbuch 2. 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