{"id":10477,"date":"2014-05-23T03:45:00","date_gmt":"2014-05-23T01:45:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/nsu-opferangehoerige-im-fokus-polizeilicher-ermittlungen\/"},"modified":"2021-08-30T15:41:47","modified_gmt":"2021-08-30T13:41:47","slug":"nsu-opferangehoerige-im-fokus-polizeilicher-ermittlungen","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2014\/publikation\/nsu-opferangehoerige-im-fokus-polizeilicher-ermittlungen\/","title":{"rendered":"NSU-Opferangeh\u00f6rige im Fokus polizeilicher Ermittlungen"},"content":{"rendered":"<p>Grundrechte-Report 2014, Seite 143<\/p>\n<p>Im April 2013 hat der Prozess gegen Beate Zsch&auml;pe und vier mutma&szlig;liche Unterst&uuml;tzer des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) vor dem Oberlandesgericht M&uuml;nchen (OLG) begonnen. F&uuml;r die Angeh&ouml;rigen von Enver Simsek, Abdurrahim &Ouml;z&uuml;dogru, S&uuml;leyman Task&ouml;pr&uuml;, Habil Kilic, Mehmet Turgut, Ismail Yasar, Theodorus Boulgarides, Halit Yozgat und Mehmet Kubasik war der Prozessbeginn mit einer neuen Hoffnung auf Aufkl&auml;rung verbunden: Denn die zentrale Frage, warum ausgerechnet ihre V&auml;ter, S&ouml;hne und Br&uuml;der zum Ziel des t&ouml;dlichen Rassismus der Neonazis wurden, hatten die Abschlussberichte der Untersuchungsaussch&uuml;sse im Bundestag (BT-UA) und im Bayerischen Landtag, die im Sommer 2013 vorgelegt wurden, nicht beantwortet. Dies gilt auch f&uuml;r die t&ouml;dlichen Sch&uuml;sse auf die Polizistin Mich&egrave;le Kiesewetter in Heilbronn &#8211; bei denen ihr Kollege Martin Arnold schwer verletzt wurde.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"das-doppelte-leid-der-opferangehoerigen\">Das doppelte Leid der Opferan&shy;ge&shy;h&ouml;&shy;rigen<\/span><\/h2>\n<p>Nach &uuml;ber 100 Verhandlungstagen am OLG wird vor allem ein Befund deutlich, der auch den Abschlussbericht des BT-UA zum NSU pr&auml;gt: In einer f&uuml;r politisch rechts und rassistisch motivierte Gewalttaten nahezu klassischen T&auml;ter-Opfer-Umkehr waren sowohl die Mordopfer des NSU als auch ihre Angeh&ouml;rigen zum Teil &uuml;ber mehr als ein Jahrzehnt unter Generalverdacht gestellt worden. Im Bericht hei&szlig;t es: &bdquo;Der Ausschuss hat aus den vorliegenden Akten den Eindruck gewonnen, dass die meisten Ermittler sowohl bei der Ceska-Mordserie als auch bei den Sprengstoffanschl&auml;gen in K&ouml;ln nicht nur den Schwerpunkt auf die Ermittlungsrichtung &bdquo;Organisierte Kriminalit&auml;t&ldquo; gelegt, sondern an diesem Schwerpunkt auch dann noch festgehalten haben, als Spur um Spur in diese Richtung ergebnislos blieb.) Den Angeh&ouml;rigen der Ermordeten sei durch die Ermittlungen weiteres Leid hinzugef&uuml;gt worden, das vermeidbar gewesen w&auml;re und &bdquo;h&auml;tte vermieden werden m&uuml;ssen.&ldquo;<\/p>\n<p>Vor dem OLG haben inzwischen Angeh&ouml;rige die Ermittlungsmethoden der Strafverfolger detailliert beschrieben. &Uuml;ber Jahre hinweg waren mit den Ehefrauen und Kindern immer wieder Vernehmungen durchgef&uuml;hrt worden, in denen auch wissentlich falsche Anschuldigungen gegen die Mordopfer erhoben wurden. So hatten Ermittler nach der Ermordung von Enver Simsek seiner Ehefrau ein Foto einer blonden Frau vorgelegt und behauptet, es handele sich um seine Geliebte , mit der er zwei Kinder gehabt h&auml;tte. Die Witwe des 2005 in M&uuml;nchen ermordeten Schl&uuml;sseldienst-Inhabers Theodorus Boulgarides, hat ebenfalls davon berichtet, dass Polizeibeamte &bdquo;Eifersucht&ldquo; als m&ouml;gliches Mordmotiv unterstellt h&auml;tten &#8211; obwohl l&auml;ngst bekannt war, dass es sich um eine bundesweite Mordserie handelte, bei der immer dieselbe Waffe eingesetzt wurde.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"verdeckte-ermittler-gegen-angehoerige-eingesetzt\">Verdeckte Ermittler gegen Angeh&ouml;rige eingesetzt<\/span><\/h2>\n<p>Die Familie des neunten Mordopfers, des 21-j&auml;hrigen Halit Yozgat aus Kassel, war ebenfalls Ziel massiver Ermittlungsma&szlig;nahmen &#8211; wie beispielsweise dem Einsatz eines Verdeckten Ermittlers des Polizeipr&auml;sidiums Kassel, der das Vertrauen des Vaters gewinnen sollte. Mehrere Telefonanschl&uuml;sse der Familie wurden &uuml;ber Monate hinweg &uuml;berwacht. Und weil das Landesamt f&uuml;r Verfassungsschutz behauptet hatte, der Vater w&uuml;rde bei Freitagsgebeten in einer Moschee in Kassel zur Blutrache an dem Verfassungsschutzmitarbeiter Andreas Temme aufgefordert &#8211; Temme hatte aufgrund seiner Anwesenheit am Tatort in Kassel zun&auml;chst unter Mordverdacht gestanden &#8211; lie&szlig; die Polizei ein knappes halbes Jahr nach der Tat die Telefone des Vaters erneut &uuml;berwachen. Begr&uuml;ndet wurde diese Ma&szlig;nahme mit &bdquo;Gefahrenabwehr&ldquo; und &bdquo;den ethnisch-kulturellen Hintergr&uuml;nden der Opferfamilien&ldquo;. Die Polizei stellte dann allerdings fest, dass die vermeintlichen Quellen des Verfassungsschutzes schlicht gelogen hatten: Der Vater hatte kein einziges Mal ein Freitagsgebet in der fraglichen Moschee besucht.&nbsp; Die Angeh&ouml;rigen machten &#8211; wie viele andere Betroffene rechter und rassistischer Gewalt auch &#8211; zudem die Erfahrung, dass ihre Vermutungen, bei den T&auml;tern k&ouml;nnte es sich um Neonazis oder Rassisten gehandelt haben, von den Polizeibeamten so wenig ernst genommen wurden, dass sie noch nicht einmal in den Vernehmungsprotokollen vermerkt wurden.<\/p>\n<p>Der f&uuml;r die so genannte &bdquo;BAO Bosporus&ldquo;, die polizeiliche Sondereinheit, die die Ermittlungen in der Ceska-Mordserie koordinierte, zust&auml;ndige N&uuml;rnberger Oberstaatsanwalt Kimmel r&auml;umte als Zeuge im bayerischen Ausschuss ein , dass zudem Verdeckte Ermittler als vermeintliche Journalisten und Detektive den Kontakt zu Angeh&ouml;rigen aufgenommen hatten.&nbsp; Geleitet waren diese Ermittlungsma&szlig;nahmen ganz offensichtlich von einer Pr&auml;misse, die der Leiter der BAO Bosporus, Wolfgang Geier, in einem Interview mit der Berliner Zeitung im Juli 2006 pr&auml;zise formulierte: Ihm werde &bdquo;bei den Befragungen nicht immer die Wahrheit gesagt. Oder nicht die ganze Wahrheit. Ich denke an Bekannte, Freunde und Verwandte der Opfer. Und ich bin mir nicht sicher, ob sie uns nichts sagen k&ouml;nnen oder nichts sagen wollen. Von dieser Seite kamen jedenfalls keine wichtigen Hinweise.&ldquo; Geier, so notiert die Berliner Zeitung, spreche von einer Parallelwelt, in die er geblickt habe und in der es kein Vertrauen zu den Beh&ouml;rden g&auml;be.<\/p>\n<p>Yvonne Boulgarides, die Witwe von Theodorus Boulgarides, hat in einem Interview mit der Wochenzeitung ZEIT die Praxis der Verdeckten Ermittler&nbsp;&#8211; aber auch ihr Vertrauen zur Polizei &#8211; wie folgt beschrieben: Einige Monate nach dem Mord h&auml;tten zwei t&uuml;rkische M&auml;nner vor ihrer Wohnungst&uuml;r gestanden, die behauptet h&auml;tten, Privatdetektive zu sein. Sie habe daraufhin in Panik die Polizei verst&auml;ndigt. Zun&auml;chst habe man ihr versprochen, einen Streifenwagen zu schicken &#8211; der allerdings nicht kam. Nach zwanzig Minuten habe sie wieder angerufen, da h&auml;tte es gehei&szlig;en, sie k&ouml;nne die M&auml;nner ruhig einlassen, die Polizei wisse Bescheid. In dem anschlie&szlig;enden Gespr&auml;ch hatten die M&auml;nner behauptet, f&uuml;r einen N&uuml;rnberger Verein t&uuml;rkischer Kleinunternehmer in der Mordserie zu ermitteln und stellten lauter Fragen, die die Polizei auch schon gestellt hatte. Sie habe danach nie wieder etwas von den vermeintlichen Detektiven geh&ouml;rt.<\/p>\n<p>Auch das Polizeipr&auml;sidium K&ouml;ln hatte nach dem Nagelbombenanschlag in der K&ouml;lner Keupstra&szlig;e im Juni 2004 Verdeckte Ermittler in der Stra&szlig;e eingesetzt. Deren Abschlussbericht jedoch, wonach &bdquo;Ursache und Ausgangspunkt des Sprengstoffanschlages nicht im Bereich Keupstra&szlig;e in K&ouml;ln zu finden&ldquo; seien, wurde ganz offensichtlich ignoriert. Der Inhaber des Fris&ouml;r-Salons, vor dem die Nagelbombe gez&uuml;ndet worden war und der deshalb als Tatverd&auml;chtiger behandelt wurde, obwohl sein Bruder durch die N&auml;gel schwer verletzt worden war, berichtet, er habe sich bis zur Selbstenttarnung des NSU im November 2011 &bdquo;&uuml;ber sieben Jahre lang anh&ouml;ren m&uuml;ssen&ldquo;, dass er &bdquo;in mafi&ouml;se Machenschaften verstrickt&ldquo; sei. &bdquo;Sie haben mich vor den Augen meiner beiden Kinder immer wieder abgeholt, um mich zu verh&ouml;ren.&ldquo;<\/p>\n<p>Dar&uuml;ber hinaus wurden minderj&auml;hrige Kinder der Ermordeten &#8211; wie die damals 14-j&auml;hrige Semiya Simsek sowie die damals 15-j&auml;hrige Tochter von Theodorus Boulgarides kurz nach dem Verlust ihrer V&auml;ter ohne Beistand einer vollj&auml;hrigen Person ihres Vertrauens alleine vernommen. Und Geschwister der Mordopfer mussten &#8211; wie die Schwester des 2001 in Hamburg ermordeten Gem&uuml;seh&auml;ndlers S&uuml;leyman Task&ouml;pr&uuml; &#8211; bei den Vernehmungen ihrer Eltern &uuml;bersetzen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"dringend-notwendige-veraenderungen\">Dringend notwendige Ver&auml;n&shy;de&shy;rungen<\/span><\/h2>\n<p>Semiya Simsek, die Tochter des am 9. September 2000 ermordeten Blumengro&szlig;h&auml;ndlers Enver Simsek hat die Auswirkungen der jahrelangen Verd&auml;chtigungen durch die Strafverfolger bei der zentralen Trauerfeier im Februar 2012 in Berlin mit dem Satz beschrieben: &bdquo;In Ruhe Abschied nehmen und trauern, das konnten wir nicht.&ldquo; Die Folgen dieser ganz offensichtlich von rassistischen Vorurteilen und Stereotypen gepr&auml;gten Ermittlungen: Sie verhinderten erfolgreiche Ermittlungen und die Familien vereinsamten unter dem Stigma vermeintlicher krimineller Kontakte, traumatisierte Kinder und junge Erwachsene brachen ihre schulischen und universit&auml;ren Ausbildungen ab, Ehefrauen erkrankten unter der Last des Verlustes und der Verd&auml;chtigungen und einige Familien verarmten, w&auml;hrend die Neonazis des NSU &uuml;ber zehn Jahre unbehelligt mordend durch Deutschland ziehen konnten.<\/p>\n<p>Noch immer warten die Familien darauf, dass das Versprechen einer &bdquo;umfassenden und schonungslosen Aufkl&auml;rung&ldquo; durch Bundeskanzlerin Angela Merkel sich tats&auml;chlich materialisiert &#8211; und sie beispielsweise erfahren, was die Neonazi-V-Leute von diversen Verfassungsschutz&auml;mtern im Umkreis des NSU wussten und welche Motive dem Schreddern von V-Mann-Akten im Rahmen der so genannten &bdquo;Aktion Konfetti&ldquo; am 11.11.2011 im Bundesamt f&uuml;r Verfassungsschutz tats&auml;chlich zugrunde liegen.<\/p>\n<p>Dringend notwendig bleibt vielerorts eine Ver&auml;nderung der polizeilichen Praxis bei der Verfolgung von rassistisch und politisch rechts motivierten Gewalttaten. &bdquo;Warum soll es mich beruhigen, dass ich nun wei&szlig;, dass Neonazis f&uuml;r den Bombenanschlag in meiner Stra&szlig;e verantwortlich waren&ldquo;, sagte eine Anwohnerin der K&ouml;lner Keupstra&szlig;e. &bdquo;Denn die Angst, dass so etwas wieder passieren kann, bleibt.&ldquo;<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h2>\n<p>BT-Drs. 17\/14600 Abschlussbericht des 2. Parlamentarischen Untersuchungsausschusses<br \/><a href=\"http:\/\/dipbt.bundestag.de\/dip21\/btd\/17\/146\/1714600.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/dipbt.bundestag.de\/dip21\/btd\/17\/146\/1714600.pdf<\/a><\/p>\n<p>Jana Simon &bdquo;Das zweite Trauma&ldquo; in: DIE ZEIT vom 1. Dezember 2012<\/p>\n<p>Semiya Simsek &bdquo;Schmerzliche Heimat &#8211; Deutschland und der Mord an meinem Vater&ldquo;, Berlin\/2013<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[772,822],"autoren":[1692],"publikationen":[1030],"class_list":["post-10477","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gg-artikel-20","tag-grr-artikel","autoren-heike-kleffner","publikationen-1030"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>NSU-Opferangeh\u00f6rige im Fokus polizeilicher Ermittlungen - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2014\/publikation\/nsu-opferangehoerige-im-fokus-polizeilicher-ermittlungen\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"NSU-Opferangeh\u00f6rige im Fokus polizeilicher Ermittlungen - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Grundrechte-Report 2014, Seite 143 Im April 2013 hat der Prozess gegen Beate Zsch&auml;pe und vier mutma&szlig;liche Unterst&uuml;tzer des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) vor dem Oberlandesgericht M&uuml;nchen (OLG) begonnen. 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