{"id":10491,"date":"2012-05-23T02:30:00","date_gmt":"2012-05-23T00:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/die-demokratieerklaerung-keine-staatliche-foerderung-fuer-linksextreme\/"},"modified":"2021-08-30T15:41:18","modified_gmt":"2021-08-30T13:41:18","slug":"die-demokratieerklaerung-keine-staatliche-foerderung-fuer-linksextreme","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2012\/publikation\/die-demokratieerklaerung-keine-staatliche-foerderung-fuer-linksextreme\/","title":{"rendered":"Die Demokratieerkl\u00e4rung &#8211; keine staatliche F\u00f6rderung f\u00fcr \u201eLinksextreme\u201c?"},"content":{"rendered":"<p>Grundrechte-Report 2012, Seite 151<\/p>\n<p>Seit sich das zust&auml;ndige Bundesministerium f&uuml;r Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) entschieden hat, den Aufgabenbereich der &auml;lteren Bundesprogramme gegen Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Rassismus und Rechtsextremismus auf die Bereiche &bdquo;islamischer Extremismus&ldquo; sowie &bdquo;Linksextremismus&ldquo; auszuweiten, ist ein generalisierter Extremismusverdacht seit Beginn des Jahres 2011 Bestandteil der staatlichen F&ouml;rderung.<\/p>\n<p>Bereits im November 2010 sah sich das Alternative Kultur- und Bildungszentrum Pirna veranlasst, die Annahme des Demokratiepreises des Landes Sachsen zu verweigern (vgl. Spoo, Grundrechte-Report 2011, S. 172 ff.). Denn an den Preis war die Bedingung gekn&uuml;pft, eine vorgefertigte Erkl&auml;rung zu unterzeichnen, die ein ausdr&uuml;ckliches Bekenntnis zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung enth&auml;lt. Eine zivilgesellschaftliche Initiative, die f&uuml;r ein herausragendes Engagement gegen Rassismus und Rechtsextremismus Beachtung gefunden hat, wurde damit unter den Verdacht gestellt, demokratische Grunds&auml;tze abzulehnen. Diese Verd&auml;chtigung war f&uuml;r die Betroffenen nicht hinnehmbar.<\/p>\n<p>Das Vorgehen richtet sich faktisch gegen antirassistische bzw. antifaschistische Initiativen; diesen werden antidemokratische Tendenzen unterstellt. In der Folge wird allen zivilgesellschaftlichen Gruppierungen, die eine F&ouml;rderung durch die Bundesprogramme &bdquo;Demokratie st&auml;rken&ldquo; und &bdquo;Toleranz f&ouml;rdern &#8211; Kompetenz st&auml;rken&ldquo; beantragen, die Unterzeichnung des folgendes Textes abverlangt:<\/p>\n<p>&bdquo;Best&auml;tigung<br \/>Hiermit best&auml;tigen wir, dass wir uns zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland bekennen und eine den Zielen des Grundgesetzes f&ouml;rderliche Arbeit gew&auml;hrleisten.<br \/>Als Tr&auml;ger der gef&ouml;rderten Ma&szlig;nahmen haben wir zudem im Rahmen unserer M&ouml;glichkeiten und auf eigene Verantwortung daf&uuml;r Sorge zu tragen, dass die als Partner ausgew&auml;hlten Organisationen, Referenten etc. sich ebenfalls den Zielen des Grundgesetzes verpflichten. Uns ist bewusst, dass keinesfalls der Anschein erweckt werden darf, dass eine Unterst&uuml;tzung extremistischer Strukturen durch die Gew&auml;hrung materieller oder immaterieller Leistungen Vorschub geleistet wird.&ldquo;<\/p>\n<p>Es gilt also, dem BMFSFJ nicht nur die eigene Verfassungstreue zu best&auml;tigen, sondern auch die all derjenigen, mit denen man kooperiert. Und im Zweifelsfall empfiehlt das Ministerium, Ausk&uuml;nfte beim Verfassungsschutz einzuholen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"gefaehrdung-der-demokratie\">Gef&auml;hrdung der Demokratie<\/span><\/h2>\n<p>Aus b&uuml;rgerrechtlicher Sicht sind diese Vorgaben vor allem aus drei Gr&uuml;nden nicht hinnehmbar und als gravierende Einschr&auml;nkung der Meinungsfreiheit zu bewerten: Gruppierungen oder Einzelpersonen anlassfrei aufzufordern, gegen&uuml;ber einem Ministerium die eigene Verfassungskonformit&auml;t zu best&auml;tigen, stellt ein obrigkeitsstaatliches Verfahren dar, das die Zivilgesellschaft nicht als Grundlage, sondern als Gef&auml;hrdung der Demokratie in den Blick nimmt. <i>Zweitens<\/i> schr&auml;nkt ein staatliches Misstrauen gegen&uuml;ber zivilgesellschaftlichen Initiativen, dessen Grundlage ein Extremismusbegriff ist, f&uuml;r den der Verfassungsschutz Definitionsmacht beansprucht, das Spektrum politisch legitimer Positionen in problematischer Weise ein. <i>Drittens<\/i> wird erwartet, dass die Erkl&auml;rung nicht nur in eigener Sache abgegeben wird. Damit wird zivilgesellschaftlichen Initiativen ein Kontrollauftrag zugewiesen; sie sollen quasi als ein Hilfsorgan des Verfassungsschutzes aktiv werden, indem sie Partnerorganisationen und Referenten als potenzielle Verfassungsfeinde in den Blick nehmen.<\/p>\n<p>Diese Erwartung &#8211; wie die Erkl&auml;rung insgesamt &#8211; f&uuml;hren zu erheblicher Verunsicherung. Die Grenzziehungen, die mit dem Verweis auf Extremismus bzw. &bdquo;extremistische Strukturen&ldquo; gemeint sind, bleiben unklar; diejenigen, die aus Sicht des Ministeriums verfassungsrechtlich unzuverl&auml;ssige Referenten einladen, m&uuml;ssen mit einem Entzug von F&ouml;rdermitteln und gegebenenfalls mit R&uuml;ckforderungen rechnen.<\/p>\n<p>Gegen den Zwang, die zitierte Erkl&auml;rung zu unterschreiben, um staatliche F&ouml;rderung in Anspruch zu nehmen, sind verfassungsrechtliche Bedenken geltend zu machen. In einem Gutachten kommt der Staats- und Verwaltungsrechtler Prof. Dr. Ulrich Battis zu der Einsch&auml;tzung, dass es zwar zul&auml;ssig sei, Antragstellern ein solches Verfassungsbekenntnis in eigener Sache abzuverlangen. Die Verpflichtungen, eine solche Einsch&auml;tzung &uuml;ber Kooperationspartner zu treffen, stelle jedoch &bdquo;einen Versto&szlig; gegen Artikel 4 Absatz 1 GG in Verbindung mit dem Grundsatz der Verh&auml;ltnism&auml;&szlig;igkeit und dem Bestimmtheitsgebot dar&ldquo; und sei &bdquo;daher mit dem Grundgesetz nicht vereinbar.&ldquo;<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"regierende-uneinsichtigkeit\">Regierende Unein&shy;sich&shy;tig&shy;keit<\/span><\/h2>\n<p>Von juristischen Argumenten hat sich die Bundesregierung jedoch bislang ebenso wenig beeindrucken lassen wie von den vielf&auml;ltigen Protesten Betroffener. So wurde ein &bdquo;Aufruf gegen Generalverdacht und Bekenntniszwang&ldquo; verfasst, den mittlerweile 1394 Initiativen und Einzelpersonen unterzeichnet haben. Bei einem Aktionstag im Februar 2011 wurden ca. 1500 Einwendungen per Post, E-Mail und Facebook an das Bundesministerium adressiert. Gegen die Einsch&uuml;chterung antirassistischer Initiativen durch die Erkl&auml;rung haben auch der Zentralrat der Juden sowie der Zentralrat der Muslime Stellung bezogen.<\/p>\n<p>Auch auf parlamentarischer Ebene gibt es Protest. Unter anderem hat das Land Berlin am 11. Mai 2011 einen (erfolglosen) Antrag im Bundesrat eingebracht, der die Streichung des zweiten und dritten Satzes der Erkl&auml;rung fordert. Das Brandenburgische Innenministerium hat wie folgt Stellung bezogen: &bdquo;Die Extremismusklausel ist das Ergebnis einer politischen Haltung, die engagierten B&uuml;rgern und Vereinen mit obrigkeitsstaatlichen Vorbehalten und b&uuml;rokratischem Formalismus begegnet.&ldquo;<\/p>\n<p>In besonderer Weise zugespitzt ist die Situation in Sachsen: Dort wird Initiativen abverlangt, ihre Presseerkl&auml;rungen durch das Ministerium genehmigen zu lassen und Referent\/innen eine Unterzeichnung der Extremismuserkl&auml;rung abzuverlangen. Beim Verwaltungsgericht Dresden ist inzwischen eine Klage gegen die Extremismuserkl&auml;rung eingereicht worden.<\/p>\n<p>Skandal&ouml;s sind auch Vorg&auml;nge im Umfeld der Erkl&auml;rung. So ist bekannt geworden, dass das BMFSFJ zumindest eine Organisation, von der es annahm, dass ein leitender Mitarbeiter den oben genannten kritischen &bdquo;Aufruf gegen Bekenntniszwang&ldquo; unterschrieben hatte, diesbez&uuml;glich angefragt und darauf hingewiesen hat, dass die F&ouml;rderungsw&uuml;rdigkeit der Organisation in Frage stehen k&ouml;nnte, sollte es sich um die Unterschrift eines ihrer Mitarbeiter handeln.<\/p>\n<p>Bislang unbest&auml;tigt ist die Mitteilung, dass auch gr&ouml;&szlig;ere Stiftungen, die in der Arbeit gegen Rechtsextremismus aktiv sind, aufgefordert wurden, sich bei der Vergabe eigener F&ouml;rdergelder die Erkl&auml;rung zu eigen zu machen. Diese sollen das Ansinnen erfolgreich abgewehrt haben. Zahlreiche kleinere Projekte haben sich dem Bekenntniszwang dagegen inzwischen &#8211; gegen ihre &Uuml;berzeugung &#8211; unterworfen, um sich den Zugang zu dringend ben&ouml;tigten F&ouml;rdermitteln nicht zu versperren.<\/p>\n<p>Was erkl&auml;rt die hartn&auml;ckige Weigerung der Bundesregierung, von dieser Erkl&auml;rung Abstand zu nehmen? Warum beschr&auml;nkt sich das BMFSFJ nicht darauf, durch angemessene Verfahren, etwa durch wissenschaftliche Evaluationen, in begr&uuml;ndeten Einzelf&auml;llen zu &uuml;berpr&uuml;fen, ob es sich um f&ouml;rderungsw&uuml;rdige, d. h. demokratischen und menschenrechtlichen Prinzipien verpflichtete Projekte handelt? Diesbez&uuml;glich liegt die Vermutung nahe, dass politische Abgrenzungsbed&uuml;rfnisse gegen linke Positionen bislang st&auml;rker sind als die Einsicht, dass Demokratie auch gef&auml;hrdet wird, wenn sie durch die Einschr&auml;nkung von Grundrechten verteidigt werden soll.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h2>\n<p>Ulrich Battis, Zur Zul&auml;ssigkeit der &sbquo;Extremismusklausel&lsquo; im Bundesprogramm &sbquo;Toleranz f&ouml;rdern &#8211; Kompetenz st&auml;rken&lsquo;, Berlin 2010.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.aktionstaggegenbekenntniszwang\/blogsport.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.aktionstaggegenbekenntniszwang\/blogsport.de<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/extremismusstreik.blogsport.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/extremismusstreik.blogsport.de<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.toleranz-foerdern-kompetenz-staerken.de\/fileadmin\/Content\/Downloads\/PDF\/Demokratieerklaerung_01.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.toleranz-foerdern-kompetenz-staerken.de\/fileadmin\/Content\/Downloads\/PDF\/Demokratieerklaerung_01.pdf<\/a><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[772,822],"autoren":[1771],"publikationen":[1026],"class_list":["post-10491","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gg-artikel-20","tag-grr-artikel","autoren-albert-scherr","publikationen-1026"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die Demokratieerkl\u00e4rung - keine staatliche F\u00f6rderung f\u00fcr \u201eLinksextreme\u201c? - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2012\/publikation\/die-demokratieerklaerung-keine-staatliche-foerderung-fuer-linksextreme\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die Demokratieerkl\u00e4rung - keine staatliche F\u00f6rderung f\u00fcr \u201eLinksextreme\u201c? - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Grundrechte-Report 2012, Seite 151 Seit sich das zust&auml;ndige Bundesministerium f&uuml;r Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) entschieden hat, den Aufgabenbereich der &auml;lteren Bundesprogramme gegen Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Rassismus und Rechtsextremismus auf die Bereiche &bdquo;islamischer Extremismus&ldquo; sowie &bdquo;Linksextremismus&ldquo; auszuweiten, ist ein generalisierter Extremismusverdacht seit Beginn des Jahres 2011 Bestandteil der staatlichen F&ouml;rderung. 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