{"id":10494,"date":"2014-05-23T01:45:00","date_gmt":"2014-05-22T23:45:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/another-brick-in-the-wall-neues-eu-grenzschutzrecht-verletzt-menschen-und-fluechtlingsrechte\/"},"modified":"2021-08-30T15:41:47","modified_gmt":"2021-08-30T13:41:47","slug":"another-brick-in-the-wall-neues-eu-grenzschutzrecht-verletzt-menschen-und-fluechtlingsrechte","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2014\/publikation\/another-brick-in-the-wall-neues-eu-grenzschutzrecht-verletzt-menschen-und-fluechtlingsrechte\/","title":{"rendered":"Another Brick in the Wall &#8211; Neues EU-Grenzschutzrecht verletzt Menschen- und Fl\u00fcchtlingsrechte"},"content":{"rendered":"<p>Grundrechte-Report 2014, Seite 178<\/p>\n<p>Es war ein Wettbewerb der Mitleidsbekundungen, und gar etwas Selbstkritik war aus Br&uuml;ssel, Berlin und anderen europ&auml;ischen Hauptst&auml;dten zu vernehmen nach dem Tod von mehr als 300 Menschen im vergangen Oktober vor der italienischen Insel Lampedusa. Pl&ouml;tzlich forderte jeder und jede neue Regeln beim Umgang mit Fl&uuml;chtlingen. Stellvertretend f&uuml;r die deutsche Betroffenheit, forderte Bundespr&auml;sident Joachim Gauck, nicht mehr wegzuschauen und die Menschen &bdquo;hineinsegeln zu lassen in einen vorhersehbaren Tod.&ldquo; Der stellvertretende Vorsitzende der CDU, Armin Laschet, mahnte an, dass auf die einhellige Empathie auch Taten folgen m&uuml;ssten.<\/p>\n<p>Tats&auml;chlich folgten Taten, jedoch stehen die Zeichen der europ&auml;ischen Grenzsicherungspolitik nochmal mehr als zuvor auf Abwehr statt auf Fl&uuml;chtlingsschutz. Anstatt die n&auml;chstliegenden Konsequenzen aus dem jahrelangen Massensterben an den europ&auml;ischen Seeau&szlig;engrenzen zu ziehen &#8211; n&auml;mlich ungef&auml;hrliche legale Einreisem&ouml;glichkeiten zu schaffen oder wenigstens ausreichende Resettlement-Programme f&uuml;r Fl&uuml;chtlinge anzubieten &#8211; wird die europ&auml;ische Grenzschutzagentur Frontex gest&auml;rkt.<\/p>\n<p>Just eine Woche nach dem Tod der Fl&uuml;chtlinge vor Lampedusa stimmte das Europ&auml;ische Parlament der Einrichtung des Grenz&uuml;berwachungssystems Eurosur zu. Das bereits seit Jahren geplante, 340 Millionen Euro teure System ist seit Dezember des letzten Jahres in Betrieb und soll dazu beitragen, dass illegale Grenz&uuml;bertritte an den europ&auml;ischen Au&szlig;engrenzen durch effektivere &Uuml;berwachungstechnologien und eine st&auml;rkere Vernetzung der nationalen Grenzschutzbeh&ouml;rden und Frontex besser aufgedeckt und schneller verhindert werden k&ouml;nnen. Die Rettung von Menschen aus Seenot wird in der zugrundeliegenden Verordnung nur am Rande erw&auml;hnt, konkrete Vorgaben &uuml;ber umstrittene Fragen, n&auml;mlich welche Institutionen in einer Notlage zust&auml;ndig sind und welche Ma&szlig;nahmen sie ergreifen sollen, fehlen in der Regelung.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"abgefangen-kontrolliert-und-ausgeschifft\">Abgefangen, kontrol&shy;liert und ausge&shy;schifft<\/span><\/h2>\n<p>Daneben werden in naher Zukunft neue Regelungen f&uuml;r die &Uuml;berwachungsma&szlig;nahmen in Kraft treten, die an den europ&auml;ischen Seeau&szlig;engrenzen unter der Koordinierung von Frontex durchgef&uuml;hrt werden. Diese Seeau&szlig;engrenzen-Verordnung bekennt sich zu den einschl&auml;gigen Menschen- und Fl&uuml;chtlingsrechten &#8211; und formuliert sodann, wo und wie Fl&uuml;chtlingsboote und -schiffe abgefangen und kontrolliert werden und wohin die abgefangenen Menschen ausgeschifft werden sollen. Die Verordnung ersetzt die sogenannten Frontex-Leitlinien, die 2010 als unionsrechtliches Tertir&auml;rrecht beschlossen und zwei Jahre vom EuGH als rechtswidrig verworfen wurden, weil das Europ&auml;ischen Parlament nicht hinreichend an der Gesetzgebung beteiligt worden war.<\/p>\n<p>Die Seeau&szlig;engrenzen-Verordnung scheint zun&auml;chst st&auml;rker als ihre Vorg&auml;ngerregelung auf die verbreitete menschenrechtlich fundierte Kritik an der Politik von Frontex zu reagieren. So ist vorgesehen, dass die beteiligten Einsatzkr&auml;fte vor einer Ausschiffung eines Schiffes in einen Drittstaat die dortige Lage ber&uuml;cksichtigen m&uuml;ssen, um menschenrechtswidrige R&uuml;ckschiebungen zu verhindern. Zugleich sollen die betroffenen Personen &uuml;ber den Ort der Ausschiffung informiert und ihnen die Gelegenheit gegeben werden, &bdquo;etwaige Gr&uuml;nde f&uuml;r die Annahme, dass die Ausschiffung an dem vorgeschlagenen Ort gegen den Grundsatz der Nichtzur&uuml;ckweisung verst&ouml;&szlig;t, vorzubringen&ldquo;. So hatte es auch der EGMR in seinem Urteil in der Rechtssache Hirsi (Hirsi and Others v. Italien, No. 27765\/09 (GK)) nochmals ausdr&uuml;cklich gefordert hat. Es mangelt jedoch in der Verordnung wie bereits in den Frontex-Leitlinien an Vorgaben, die in ihrer Konkretheit den fl&uuml;chtlingsrechtlichen Verpflichtungen aus der GFK, der EMRK und der GrCH gerecht werden. Es ist zwar vorgesehen, dass die Beamt_innen menschenrechtlich geschult werden &#8211; der Umfang dessen und die Umsetzung der vorgeblichen Kenntnisse werden jedoch nicht ausgef&uuml;hrt. So schweigt die Verordnung dar&uuml;ber, wie insbesondere eine erforderliche l&auml;nderspezifische Expertise der handelnden Beamt_innen sichergestellt wird, ob und wie Dolmetscher_innen zu den Anh&ouml;rungen hinzugezogen werden k&ouml;nnen und inwiefern den Betroffenen eine rechtliche Beratung und ein effektiver Rechtsschutz gegen R&uuml;ckschiebungen gew&auml;hrt werden soll.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"aushebelung-von-menschenrechten\">Aushebelung von Menschen&shy;rechten<\/span><\/h2>\n<p>Konkreter ist die Verordnung bei der Abwehr von Einwanderer_innen, indem sie vorsieht, dass R&uuml;ckschiebungen in Drittstaaten grunds&auml;tzlich m&ouml;glich sind, wenn ein Schiff auf Hoher See abgefangen wird. Damit wird keine neue Praxis erfunden, denn es ist hinl&auml;nglich bekannt, dass unter der Koordinierung von Frontex derartige Ma&szlig;nahmen stattfinden. Die Regelungen verrechtlichen und akzeptieren damit allerdings eine Vorgehensweise, die menschen- und fl&uuml;chtlingsrechtlich h&ouml;chst problematisch ist. Denn auf Hoher See ist ein effektives und individuelles Verfahren zur Feststellung der Fl&uuml;chtlingseigenschaft und von Abschiebeverboten nicht m&ouml;glich.<\/p>\n<p>Keine Regelungen finden sich zu den Ma&szlig;nahmen in Territorialgew&auml;ssern von Drittstaaten. In der Praxis fanden unter Koordinierung von Frontex vor der K&uuml;ste Senegals und Mauretanien Praxis Eins&auml;tze statt, die von Menschenrechtsorganisationen als eine Verhinderung von Flucht problematisiert worden sind. Diese Form der vorverlagerte Flucht- und Migrationsverhinderung l&auml;uft dem Fl&uuml;chtlingsschutz zuwider und h&auml;tte deswegen rechtlich f&uuml;r unzul&auml;ssig erkl&auml;rt werden m&uuml;ssen.<\/p>\n<p>Positiv ist, dass die Verordnung verbindliche Bestimmungen enth&auml;lt, wie in einer Seenotlage zu verfahren ist &#8211; allerdings sind auch hier die Details problematisch. So ist etwa vorgesehen, dass bei einer Abfangma&szlig;nahme auf Hoher See das betroffene Schiff vorrangig in einen Drittstaat, also nicht in einen europ&auml;ischen Staat ausgeschifft wird &ndash; obwohl das V&ouml;lkerrecht ein solches Vorrangverh&auml;ltnis nicht kennt. Ohnehin ist zweifelhaft, inwiefern die EU &uuml;berhaupt die Kompetenz besitzt, Regelungen in diesem Bereich zu treffen &#8211; zwar sind die beteiligten Grenzschutzbeamt_innen zweifelsohne an das einschl&auml;gige Seev&ouml;lkerrecht gebunden und m&uuml;ssen Menschen aus einer Notlage retten. Diese Verpflichtung bedeutet jedoch nicht, dass die Kompetenzen der EU auf dem Gebiet des Grenzschutzes erweitert werden k&ouml;nnen. Zielf&uuml;hrendender w&auml;re es rein praktisch, die an sich zust&auml;ndigen und viel f&auml;higeren Seenotrettungsstellen der K&uuml;stenwachen der Mitgliedstaaten zu st&auml;rken &#8211; wie aus Berichten von Augenzeug_innen hervorgeht, fehlt es den Grenzschutz-Booten h&auml;ufig an der elementarsten Ausr&uuml;stung, um eine Seenotrettung durchzuf&uuml;hren.<\/p>\n<p>Die deutsche Bundesregierung tr&auml;gt die Grundaussagen der Seeau&szlig;engrenzen-Verordnung mit und die deutsche Bundespolizei beteiligt sich weiterhin eifrig an den Eins&auml;tzen von Frontex. Auf der anderen Seite werden die s&uuml;dlichen Grenzstaaten der EU, die auf der Grundlage des Dublin-Systems f&uuml;r die Aufnahme der Fl&uuml;chtlinge zust&auml;ndig sind, nicht unterst&uuml;tzt, eine grundlegende Reform des Systems wird erst recht ausgeschlossen. Auch die Gro&szlig;e Koalition zieht in ihrem Koalitionsvertrag eine Neuregelung der Zust&auml;ndigkeiten f&uuml;r Asylgesuche nicht einmal in Betracht. Stattdessen soll eine &bdquo;Strategie f&uuml;r Migration und Entwicklung&ldquo; die Kooperationen mit Transit- und Herkunftsstaaten st&auml;rken &#8211; mit dem Ziel einer konsequenten R&uuml;ckf&uuml;hrung nicht erw&uuml;nschter Migrant_innen. Deutschland und Europa stellen so einmal mehr die Abwehr von Migrant_innen vor den Schutz von Menschen- und Fl&uuml;chtlingsrechten.<br \/><b><\/b><\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h2>\n<p>Hayes, Ben \/ Vermeulen, Mathias, Borderline. The EU&#8217;s New Border Surveillance Initiatives. Assessing the Costs and Fundamental Rights Implications of EUROSUR and the &ldquo;Smart Borders&ldquo; Proposals, hrsg. von der Heinrich-B&ouml;ll-Stiftung \/ Ska Keller, Berlin\/Br&uuml;ssel 2012.<\/p>\n<p>Lehnert, Matthias, Frontex und operative Ma&szlig;nahmen an den europ&auml;ischen Au&szlig;engrenzen. Verwaltungskooperation &#8211; materielle Rechtsgrundlagen &#8211; institutionelle Kontrolle, Baden-Baden 2014.<\/p>\n<p>Statewatch\/Marie Martin, Analysis: &ldquo;If at first you don&rsquo;t succeed&rdquo;&hellip; European Commission proposes new rules on interception and disembarkation during Frontex sea operations, 2013, <a href=\"http:\/\/www.statewatch.org\/analyses\/no-224-frontex-sea-operations.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.statewatch.org\/analyses\/no-224-frontex-sea-operations.pdf<\/a><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[773,822],"autoren":[1759],"publikationen":[1030],"class_list":["post-10494","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gg-artikel-23","tag-grr-artikel","autoren-matthias-lehnert","publikationen-1030"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Another Brick in the Wall - Neues EU-Grenzschutzrecht verletzt Menschen- und Fl\u00fcchtlingsrechte - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2014\/publikation\/another-brick-in-the-wall-neues-eu-grenzschutzrecht-verletzt-menschen-und-fluechtlingsrechte\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Another Brick in the Wall - Neues EU-Grenzschutzrecht verletzt Menschen- und Fl\u00fcchtlingsrechte - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Grundrechte-Report 2014, Seite 178 Es war ein Wettbewerb der Mitleidsbekundungen, und gar etwas Selbstkritik war aus Br&uuml;ssel, Berlin und anderen europ&auml;ischen Hauptst&auml;dten zu vernehmen nach dem Tod von mehr als 300 Menschen im vergangen Oktober vor der italienischen Insel Lampedusa. 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