{"id":10503,"date":"2012-05-23T01:00:00","date_gmt":"2012-05-22T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/un-sozialpakt-menschenrechte-zweiter-klasse-un-kritik-an-der-bundesrepublik\/"},"modified":"2021-08-30T15:41:18","modified_gmt":"2021-08-30T13:41:18","slug":"un-sozialpakt-menschenrechte-zweiter-klasse-un-kritik-an-der-bundesrepublik","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2012\/publikation\/un-sozialpakt-menschenrechte-zweiter-klasse-un-kritik-an-der-bundesrepublik\/","title":{"rendered":"UN-Sozialpakt: Menschenrechte zweiter Klasse? &#8211; UN-Kritik an der Bundesrepublik"},"content":{"rendered":"<p>Grundrechte-Report 2012, Seite 176<\/p>\n<p>Die im Mai 2011 verabschiedeten Ermahnungen und Empfehlungen des UN-Ausschusses f&uuml;r wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte sind deutlich: Die Bundesrepublik hat bei den Menschenrechten erheblichen Nachholbedarf. So k&ouml;nnte die f&uuml;r &bdquo;Hartz IV&ldquo;-Empf&auml;ngerinnen bestehende Pflicht, jede zumutbare Arbeit anzunehmen, gegen Menschenrechte versto&szlig;en. Die deutsche Au&szlig;en- und Entwicklungspolitik steht teilweise im Widerspruch zu menschenrechtlichen Verpflichtungen &#8211; sowohl mit ihren Ausfuhrsubventionen f&uuml;r die Landwirtschaft als auch mit der Unterst&uuml;tzung deutscher Unternehmen im Ausland. Migrantinnen werden beim Zugang zu Bildung und Arbeit menschenrechtswidrig mittelbar diskriminiert, Asylbewerber leben unter menschenunw&uuml;rdigen Bedingungen. Hohe Arbeitslosigkeit in Ostdeutschland, ungleiche Karrierechancen von M&auml;nnern und Frauen, fehlende Kinderbetreuungseinrichtungen, menschenrechtswidrige Streikverbote f&uuml;r Beamte &#8211; die Zahl der Mahnungen ist gro&szlig;, das Gewicht teilweise erheblich.<\/p>\n<p>In der Theorie sind die Menschenrechte universell, unver&auml;u&szlig;erlich und unteilbar. Die W&uuml;rde des Menschen ist nur dann gesichert, wenn ihm alle Rechte gleicherma&szlig;en zukommen. Wer obdachlos ist und jeden Tag hungrig einschl&auml;ft und aufwacht, wird die Einschr&auml;nkung seiner Berufsfreiheit durch Bettelverbote kaum vor Gericht bringen. Und das Eigentumsrecht hat f&uuml;r ihn oder sie gerade einmal Platz in ein paar Plastikt&uuml;ten oder auf einem Handwagen. Entsprechend ist seit Verabschiedung der Allgemeinen Erkl&auml;rung der Menschenrechte von 1948 gekl&auml;rt, dass politische Freiheitsrechte einerseits und wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte andererseits gleichwertig sind und nicht gegeneinander ausgespielt werden d&uuml;rfen. 1966 wurden diese Rechte in zwei Menschenrechtsvertr&auml;gen konkretisiert und mit organisatorischen sowie verfahrensrechtlichen Instrumenten erg&auml;nzt. 1976 traten der so entstandene UN-Sozialpakt und der UN-Zivilpakt in Kraft; die Bundesrepublik hat beide Vertr&auml;ge ratifiziert.<\/p>\n<p>Dennoch spricht die in Deutschland wie den meisten westlichen Staaten vorherrschende politische und journalistische Praxis eine andere Sprache: Gew&ouml;hnlich werden nur die Freiheitsrechte als Menschenrechte erw&auml;hnt; eine Verletzung wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Rechte wird im &ouml;ffentlichen Diskurs kaum je als Menschenrechtsverletzung gebrandmarkt. Eine verkehrte Welt, f&uuml;hrt man sich vor Augen, dass in der UN-Charta wie in der Allgemeinen Erkl&auml;rung der Menschenrechte teilweise sogar zwischen Menschenrechten einerseits und Grundfreiheiten andererseits sprachlich differenziert wird: Als Menschenrechte im engen Sinn sollten danach vor allem die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte gelten, die einen Teilhabe- oder Leistungsanspruch der Menschen begr&uuml;nden.<\/p>\n<p>Die ungleiche Wahrnehmung der Menschenrechte hat politische Gr&uuml;nde, ist aber besonders auch daraus zu erkl&auml;ren, dass zu ihrem Schutz ganz verschiedene Instrumente zur Verf&uuml;gung stehen. Abwehrrechte gegen den Staat lassen sich in der Regel unproblematisch in Gerichtsverfahren vorbringen. Solche Rechte hingegen wie die auf Arbeit, soziale Sicherheit, einen angemessenen Lebensstandard inklusive Ern&auml;hrung, Bekleidung und Wohnung, Gesundheit oder Bildung bed&uuml;rfen zu ihrer vollen Entfaltung stets gesetzlicher und organisatorischer Regelung. Diese Rechte sind u. a. im UN-Sozialpakt verankert. Hier fehlt es in Deutschland wie in vielen anderen L&auml;ndern am Wissen, dass politische K&auml;mpfe um einfachgesetzliche Anspr&uuml;che gegen Staat und Private der Realisierung von Menschenrechten dienen. Diese werden gew&ouml;hnlich gar nicht erst in Betracht gezogen &#8211; obwohl sie nach den Menschenrechtsgrunds&auml;tzen des Bundesverfassungsgerichts zur Auslegung des einfachen Rechts als auch der im Grundgesetz verb&uuml;rgten Grundrechte herangezogen werden m&uuml;ssten.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"nuetzliche-schattenberichte-der-ngos\">N&uuml;tzliche Schat&shy;ten&shy;be&shy;richte der NGOs<\/span><\/h2>\n<p>In seiner Sitzung vom 2. bis 20. Mai 2011 behandelte der Ausschuss f&uuml;r wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte des Wirtschafts- und Sozialrates der UN den 5. Staatenbericht der Bundesrepublik Deutschland sowie zw&ouml;lf &bdquo;Schatten&ldquo;- oder Parallelberichte verschiedener Nichtregierungsorganisationen und zivilgesellschaftlicher B&uuml;ndnisse. In seinen &bdquo;abschlie&szlig;enden Bemerkungen&ldquo; &#8211; dem offiziellen Bericht &#8211; erkannte er kaum positive Entwicklungen der sozialen Menschenrechtspraxis in Deutschland. Einige Gr&uuml;nde hierf&uuml;r sind gleich am Anfang der im Bericht aufgelisteten &bdquo;haupts&auml;chlichen Besorgnisse&ldquo; genannt: Viele der Empfehlungen des vorausgegangenen, 2001 verabschiedeten letzten Berichts seien nicht umgesetzt worden. Der Sozialpakt spiele in der gerichtlichen Praxis keine Rolle. Die Kompetenzen des Deutschen Instituts f&uuml;r Menschenrechte seien zu stark eingeschr&auml;nkt. In den eingangs teilweise aufgef&uuml;hrten insgesamt 34 Punkten &auml;u&szlig;ert der Ausschuss entsprechende Besorgnisse und Empfehlungen. Schwerpunkte sind dabei u. a. Kritik an den Hartz-Gesetzen. So fordert der Ausschuss konkrete Strategien und Aktionspl&auml;ne gegen Arbeitslosigkeit in besonders betroffenen Gebieten, die Freiheit von Zwang bei der Annahme von Arbeitsstellen und die Sicherstellung eines angemessenen Lebensunterhalts bei der sozialen Sicherheit. Hinsichtlich der Au&szlig;enhandels- und Entwicklungspolitik wird eine Beachtung und F&ouml;rderung der Menschenrechte gefordert. Bisher w&uuml;rden wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte bei der Ausfuhr von Lebensmitteln, Investitionshilfen und auch der entwicklungspolitischen Zusammenarbeit nicht hinreichend beachtet.<\/p>\n<p>Eine mangelhafte Umsetzung des Sozialpaktes l&auml;sst sich nicht nur dem UN-Ausschuss-Bericht entnehmen, er wird auch in den Schattenberichten der Menschenrechtsorganisationen deutlich. So weist der Bericht der 20 Organisationen umfassenden &bdquo;Allianz f&uuml;r wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte in Deutschland&ldquo; auf eine &bdquo;F&ouml;deralismus-Falle&ldquo; hin: Die Kompetenzteilung zwischen Bund und L&auml;ndern bei der Umsetzung des Paktes f&uuml;hre dazu, dass der Bund sich an vielen Stellen seiner Verantwortung entziehe. Zwischen Bund und L&auml;ndern bestehe keine hinreichende Verzahnung. Zudem fehle es an einem politischen und finanziellen Rahmen f&uuml;r Menschenrechtsbildung, -beratung und -politik, um den Sozialpakt mit Leben zu f&uuml;llen.<\/p>\n<p>Den Parallelberichten der NGOs sind sicherlich auch der Umfang und der kritische Charakter der Ausschuss-Empfehlungen zu verdanken. Insofern &auml;hnelt der Bericht einem gerichtlichen Gutachten &uuml;ber die Vertragsumsetzung. Ber&uuml;cksichtigt wird nur, was von Beteiligten ins Verfahren eingebracht wurde &#8211; aber das ist nicht wenig. Die beteiligten Nichtregierungsorganisationen zeigen, dass jedenfalls die zivilgesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Sozialpakt und den Instrumenten zu dessen Umsetzung quantitativ und qualitativ zugenommen hat. So gehen einige Schattenberichte auch auf die an alle Vertragsstaaten gerichteten sogenannten Generellen Bemerkungen des Ausschusses ein und pr&uuml;fen anhand dieser Bemerkungen die Einhaltung der Menschenrechtsbestimmungen &#8211; eine Vorgehensweise, die vom Ausschuss auch f&uuml;r die offiziellen Staatenberichte eingefordert wird, von der Bundesregierung aber nicht beachtet wurde.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"das-zusatzprotokoll-muss-ratifiziert-werden\">Das Zusatz&shy;pro&shy;to&shy;koll muss ratifiziert werden<\/span><\/h2>\n<p>Die jedenfalls kurzfristig vorhandene Medienaufmerksamkeit nach Verabschiedung der Empfehlungen zeigt, dass die &Ouml;ffentlichkeit zunehmend sensibilisiert wird. Hinter den Anforderungen an eine ernst zu nehmende Menschenrechtspraxis bleibt die Bundesrepublik jedoch weiterhin zur&uuml;ck. Hier bedarf es breiter &ouml;ffentlicher Auseinandersetzung, einer ausf&uuml;hrlichen Behandlung der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte in der Juristenausbildung sowie einer Regelpr&uuml;fung, ob in der Gesetzgebung die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte beachtet werden. &Uuml;berf&auml;llig ist auch die Zeichnung und Ratifizierung des Vertrags &uuml;ber das einem Gerichtsschutz &auml;hnelnde Individual- und Gruppenbeschwerdeverfahren zum Sozialpakt. Denn die Rechtsprechungspraxis des Bundesverfassungsgerichts zeigt: Die internationalen Menschenrechtsvertr&auml;ge werden de facto nur dort von der Rechtsprechung ber&uuml;cksichtigt, wo internationale Gerichte den nationalen Spruchk&ouml;rpern Menschenrechtsverletzungen vorwerfen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h2>\n<p><a href=\"http:\/\/www.institut-fuer-menschenrechte.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.institut-fuer-menschenrechte.de<\/a><\/p>\n<p>Finckh, Ulrich, Wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte sind Menschenrechte, in: Grundrechte-Report 2008, S. 20-23.<\/p>\n<p>Kutscha, Martin, V&ouml;lkerrecht auf den Kopf gestellt. Das Bundesverwaltungsgericht billigt Studiengeb&uuml;hren, in: Grundrechte-Report 2010, S. 202-205.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[2555,822],"autoren":[1747],"publikationen":[1026],"class_list":["post-10503","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gg-artikel-25","tag-grr-artikel","autoren-heiner-fechner","publikationen-1026"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>UN-Sozialpakt: Menschenrechte zweiter Klasse? - UN-Kritik an der Bundesrepublik - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2012\/publikation\/un-sozialpakt-menschenrechte-zweiter-klasse-un-kritik-an-der-bundesrepublik\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"UN-Sozialpakt: Menschenrechte zweiter Klasse? - UN-Kritik an der Bundesrepublik - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Grundrechte-Report 2012, Seite 176 Die im Mai 2011 verabschiedeten Ermahnungen und Empfehlungen des UN-Ausschusses f&uuml;r wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte sind deutlich: Die Bundesrepublik hat bei den Menschenrechten erheblichen Nachholbedarf. 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