{"id":10564,"date":"2005-12-01T14:55:00","date_gmt":"2005-12-01T13:55:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/kritische-gesellschaftstheorie-gewerkschaften-und-emanzipatorische-praxis\/"},"modified":"2005-12-01T12:00:00","modified_gmt":"2005-12-01T11:00:00","slug":"kritische-gesellschaftstheorie-gewerkschaften-und-emanzipatorische-praxis","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/171-172\/publikation\/kritische-gesellschaftstheorie-gewerkschaften-und-emanzipatorische-praxis\/","title":{"rendered":"Kritische Gesellschaftstheorie, Gewerkschaften und emanzipatorische Praxis"},"content":{"rendered":"<p>Eine Suche nach alten und neuen Ber\u00fchrungspunkten*<\/p>\n<p>aus: Vorg\u00e4nge  Nr. 171\/172 (Heft 3-4\/2005), S. 103-15<\/p>\n<h5><span id=\"i\">I.<\/span><\/h5>\n<p>Dass die Beziehungen zwischen Theorie und Praxis prek\u00e4r sind, ist eine uralte Erkenntnis. Plato hatte leidvolle Erfahrungen damit. Kant hat das f\u00fcr die moderne Zeit noch einmal auf die leicht eing\u00e4ngige Form gebracht: &#132;Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht f\u00fcr die Praxis.&#148; <i>Gemeinspruch <\/i>nennt er das. Er selber widerlegt diesen Gemeinplatz und wagt sogar die Behauptung, dass nichts praktischer sei als eine gute Theorie. Als eine gute Theorie kann im Kantischen Sinne jener Begr\u00fcndungszusammenhang verstanden werden, der das Herumtappen im Empirischen beendet und pragmatischem wie technisch-praktischem Handeln als Wegweiser und Orientierungsnorm dient. Was im Erkennen nicht nur die Realit\u00e4t verdoppelt, sondern aus ihren eigenen Potentialen Ver\u00e4nderungen oder bessere M\u00f6glichkeiten zu entwickeln hilft, ist auf \u00fcberschreitende und eingreifende Theoriearbeit angewiesen.<\/p>\n<p>F\u00fcr gesellschaftliche Handlungszusammenh\u00e4nge, die ohne den emanzipatorischen Willen zur Humanisierung menschlicher Existenzweise Zweck und Sinn verlieren w\u00fcrden, hat die Herstellung von theoriegeleiteten Vorgaben eine zentrale Bedeutung. Das ist f\u00fcr solche mit Emanzipationsinteressen versetzten Handlungsfelder umso wichtiger, je un\u00fcbersichtlicher und zerfaserter die gesellschaftliche Situation ist, auf die sich bestehende Herrschaftsstrategien st\u00fctzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Nun muss das Thema &#132;Kritische Theorie und emanzipatorische Politik&#148; keineswegs von Grund auf neu behandelt werden. In der Nachkriegszeit hat es enge Ber\u00fchrungsfl\u00e4chen z.B. zwischen Gewerkschaften und Theorie gegeben. Es ist gar keine Frage, dass gesellschaftstheoretische \u00dcberlegungen im Verlauf der Geschichte nicht nur in das gewerkschaftliche Selbstverst\u00e4ndnis eingegangen sind, sondern in vielfacher Hinsicht auch den Alltag der politischen Bildung bestimmt haben. Gro\u00dfe Gewerkschafter wie Otto Brenner sind gepr\u00e4gt gewesen durch eine theoretische Sozialisation, die in seinem Falle aus Traditionszusammenh\u00e4ngen der Kantischen Philosophie kommen. Leonhard Nelson war der Ziehvater vieler ethischer Sozialisten. Selbstverst\u00e4ndlich galt dieses Theorieerbe auch f\u00fcr die marxistischen Gewerkschaftspolitiker, die sich &#150; teilweise im Selbststudium &#150; ein faszinierendes Wissen erarbeitet haben. Es zeigt sich aber, dass in den letzten Jahren in dem Ma\u00dfe, wie die Gewerkschaften selber institutionell und ihrem Selbstverst\u00e4ndnis nach in kritische Zerrei\u00df-Situationen geraten sind, die Abwehr gegen (scheinbar unpraktische) theoretische Spekulationen gewachsen ist.<\/p>\n<p>Diese zunehmende Distanz ist weniger sp\u00fcrbar in dem nachlassenden Bed\u00fcrfnis, Gesellschaftstheoretiker, politische \u00d6konomen oder Sozialforscher in der Gewerkschafts\u00f6ffentlichkeit auftreten zu lassen. Ich selbst habe nie so viele Einladungen zu Vortr\u00e4gen auf Gewerkschaftsforen bekommen, die gesellschaftliche Zusammenh\u00e4nge zum Thema hatten, wie in den letzten zehn Jahren. Ich bin aber nie den Eindruck los-geworden, dass solche Pr\u00e4sentationen eher als Ersatz oder als Kompensation eines tief empfundenen Orientierungsmangels dienen.<\/p>\n<p>Wolle ich die Folgen meiner eigenen gesellschaftstheoretischen \u00d6ffentlichkeitspr\u00e4senz einsch\u00e4tzen, so k\u00e4me eine pessimistische Bilanz heraus. Genau kann man das nat\u00fcrlich nicht sagen, aber es ist ein bestimmendes Gef\u00fchl. Ich meine, es ist eine Situation entstanden, die auf der einen Seite zusammenh\u00e4ngende Theoriebildung dringlicher macht als je zuvor, auf der anderen Seite aber einen durch Orientierungsschwierigkeiten zus\u00e4tzlich zementierten Pragmatismus der etablierten Institutionen in den Vordergrund treten l\u00e4sst, der auch die gewerkschaftsfreundlichen Gesellschaftstheoretiker mutlos macht und in eine schwierige Zur\u00fcckhaltung dr\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Ich finde es deshalb h\u00f6chst aktuell und im Grunde \u00fcberf\u00e4llig, dass aus dem Traditionsfundus des Frankfurter Instituts f\u00fcr Sozialforschung gesch\u00f6pft wird, um abgerissene F\u00e4den zur Gesellschaftspolitik wieder zu kn\u00fcpfen. Denn Kritische Gesellschaftstheorie und gewerkschaftliche Organisationspraxis geh\u00f6ren zusammen. Es z\u00e4hlt zu den historischen Gl\u00fccksmomenten der Begegnungen von Repr\u00e4sentanten der Arbeiterbewegung und Philosophen, die sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sind, als Adorno in kleiner Begleitung auf dem H\u00f6hepunkt der Notstandsopposition ins Frankfurter Vorstandsgeb\u00e4ude marschierte und den IG-Metall-Vorstandsmitgliedern in seinen Worten er\u00f6rterte, wie notwendig der gewerkschaftliche Massenwiderstand gegen die Notstandsgesetze ist. Ein gl\u00fccklicher Moment der Verbindung von Theorie und Praxis, weil hier nichts an den spezifischen Logiken verwischt wurde; das Handlungsfeld des Philosophen und das des Gewerkschafters musste nicht im jeweiligen Eigengewicht reduziert werden, um \u00dcbersetzungen zug\u00e4nglich zu sein. Adorno redete wahrscheinlich in demselben Argumentationsduktus wie in seiner Kant-Vorlesung. Alle verstanden die Ernsthaftigkeit seiner Begriffsarbeit zum Notstandsproblem.<\/p>\n<p>Wenn wir heute an diese Traditionen anzukn\u00fcpfen versuchen, dann bedeutet das gleichzeitig, dass wir \u00fcber ganz neue Krisenzusammenh\u00e4nge nachdenken m\u00fcssen. Gesellschaftspolitische Reflexion gewinnt dabei unmittelbar praktische Bedeutung. Den Gewerkschaften sind in dieser Gesellschaft kultureller Erosionen neue Funktionen in der Verteidigung unterdr\u00fcckter und vielfach zerfaserter Interessen zugewachsen. Siem\u00fcssen sich, wie ich meine, mit der Umstrukturierung der betrieblichen Realit\u00e4t und der Vertretung in dieser Realit\u00e4tsdimension gleichzeitig darauf einstellen, dass die Interessen der au\u00dferbetrieblichen Lebenszusammenh\u00e4nge ihr gesellschaftlich-politisches Mandat erheblich erweitern werden. Auf keiner dieser Ebenen, ob es nun betriebsnahe Tarifpolitik ist, politische Bildungsarbeit oder die Mitbestimmungsproblematik, wird k\u00fcnftig eine strategische L\u00f6sung m\u00f6glich sein, die den Blick vom gesellschaftlichen Ganzen abziehen und auf das isolierte Besondere konzentrieren kann. Damit meine ich auch: Gesellschaftstheoretische Reflexionszusammenh\u00e4nge ber\u00fchren das gewerkschaftliche Existenzinteresse. Die Annahme, dies w\u00e4re nur st\u00f6rend f\u00fcr eine rationale Praxis, f\u00fchrt in ruin\u00f6se Abwege. Kein Einzeltatbestand, kein pragmatischer Vorschlag, keine kurzfristige L\u00f6sung ist benennbar, die nicht bereits ausprobiert worden w\u00e4re, meistens mit dem Erfolg des Scheiterns. Ich pl\u00e4diere also daf\u00fcr, das theoretische Reflexionsfeld m\u00f6glichst weit zu \u00f6ffnen. Meine eigenen Erfahrungen mit gewerkschaftlicher Bildungsarbeit zeigen, wie stark wir heute darauf angewiesen sind, wieder in Zusammenh\u00e4ngen zu denken, die auch kulturelle Dimensionen in die Interessenvertretungen mit einbeziehen.<\/p>\n<p>Es gibt zahlreiche neuere Arbeiten, welche diese Voraussetzungen erf\u00fcllen. Ich nenne nur die Arbeiten des Instituts f\u00fcr Sozialforschung, aber auch die arbeitssoziologische Forschung des G\u00f6ttinger Sozialwissenschaftlichen Instituts unter Michael Schuman und Horst Kern, die Milieustudien \u00fcber Angestellte und Arbeiter in Bremen von Rainer Zoll und Thomas Leith\u00e4user oder die aus dem Frankfurter Zusammenhang kommenden Untersuchungen zur Geschlechterproblematik von Regina Becker-Schmidt und Christine Morgenroth. Das alles w\u00e4re fortzusetzen und in die gewerkschaftliche Bildungsarbeit einzubeziehen, die ja heute von existentieller Bedeutung f\u00fcr die Stabilit\u00e4t unserer demokratischen Verh\u00e4ltnisse ist. Die Bek\u00e4mpfung von Vorurteilen, sozialen und erkenntnism\u00e4\u00dfigen Verengungen ist eine Alltagsnotwendigkeit geworden; wissenschaftliche Aufkl\u00e4rungshilfe daf\u00fcr ist unerl\u00e4sslich. Wahrscheinlich gewinnt Wissenschaft Attraktivit\u00e4t in dem Ma\u00dfe, wie wir die Reflexionsf\u00e4higkeit der Menschen h\u00f6her einsch\u00e4tzen, aber sie nicht einfach mit Informationen abspeisen, die sie sowieso durch die Medien haufenweise bekommen.<\/p>\n<h5><span id=\"ii\">II.<\/span><\/h5>\n<p>Die Erinnerung an die Traditionsbest\u00e4nde und konkreten Ber\u00fchrungsfl\u00e4chen, die es zwischen der Kritischen Theorie und den Gewerkschaften in empirischen Untersuchungsfeldern und in der Bildungsarbeit gegeben hat, ist notwendig, um Orientierungsma\u00dfst\u00e4be zu gewinnen, die sinnvolle \u00dcbersetzungst\u00e4tigkeit erm\u00f6glichen. Ich habe bereits am Anfang betont, dass die Beziehungen zwischen Theorie und Praxis strukturell mit Spannungen aufgeladen sind; selten sind die Handelnden in den jeweiligen Feldern bereit, den anderen ohne Vorbehalte in ihrem eigensinnigen Tun anzuerkennen. Das w\u00e4re aber n\u00f6tig, um auch den Blick auf den geschichtlichen Funktionswandel von Theorie und Praxis zu richten und in den Beziehuneen zwischen beiden einen lebendigen Austausch organisieren zu k\u00f6nnen. Ich will im Folgenden versuchen, auf der Grundlage des er\u00f6rterten Traditionsbestandes einige Akzente neu zu setzen und f\u00fcr die Theorie, die wesentlich auf Zusammenhang geht, einen erweiterten Arbeitshorizont zu er\u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Einer der missverst\u00e4ndlichsten und ber\u00fchmtesten S\u00e4tze Adornos lautet: Das Ganze ist das Unwahre. Missverst\u00e4ndlich ist er deshalb, weil sich dieser Satz ausdr\u00fccklich gegen Hegel richtet, in dessen idealistischer Systemkonstruktion am Ende das Prozess-denken zum Stillstand kommt und der absolute Geist seine fertige Gestalt angenommen hat. Was er nicht damit in Zweifel ziehen wollte, ist der Begriff des dialektischen Ganzen, das in prozesshafter Spannung zum Besonderen steht. Nimmt man diese Vorstellung von einem Ganzen, wie es heute begeifbar w\u00e4re, dann wird man sofort auf das Globalisierungsgeschehen gelenkt. Von einer Weltgesellschaft, wie sie sein soll und wie sie auf empirischer Ebene gedacht werden kann, hat man seit dem Zeitalter der Entdekkungen immer wieder gesprochen; aber dieser Weltbegriff unterscheidet sich doch grundlegend von dem, was heute unter Globalisierung verstanden wird. Man kann davon sprechen, dass die Weltgesellschaft zum ersten Mal in der menschlichen Geschichte zu einer Kategorie der Realit\u00e4t geworden ist. Eine Art Gleichzeitigkeit von Ereignis und \u00dcbermittlung des Ereignisses auf dem ganzen Globus ist hergestellt. Auch sind die Gef\u00e4hrdungen durch \u00f6kologische Balancest\u00f6rungen und andere Katastrophenherde weder in staatliche noch kulturelle Grenzen einzuschr\u00e4nken. All das erweckt den Eindruck, dass unsere Welt zu einer lebendigen, von gegenseitigem Austausch bestimmten Welt geworden ist.<\/p>\n<p>Aber viele empirisch konstatierbare und f\u00fcr Menschen erfahrbare Erscheinungen passen nur schlecht zu diesem Einheitsbild. Um die Br\u00fcche, Verwerfungen, t\u00e4uschenden und betr\u00fcgerischen Elemente in dieser Weltvorstellung erkennbar zu machen und auf Begriffe zu bringen, reicht Einzelforschung nicht aus; um dieses Dickicht zu durchdringen, ist der R\u00fcckgriff auf Kritische Gesellschaftstheorie unabdingbar. Wem Begriffe wie Realabstraktion, Ideologie, erkenntnisleitende Interessen und andere absolut nichts sagen, der wird mit seiner \u00f6konomischen, politischen oder auch kulturellen Kompetenz wenig ausrichten.<\/p>\n<p>Die Frankfurter Schule lebt von dieser lebendigen Spannung zwischen empirischer Sozialforschung und philosophischer Theoriebildung. Ideologiekritik ist ja ein wesentlicher Bestandteil Kritischer Theorie. Ihr bestimmendes Motiv ist die Aufdeckung des Verdrehten, der Unwahrheit in den Freiheitsillusionen, der Ungerechtigkeit im \u00c4quivalententausch. Keineswegs ist Ideologiekritik nur darauf gerichtet, den Verschleierungsproduzenten auf die Schliche zu kommen. Es ist bemerkenswert, wie wenig diese im klassischen Ideologiebegriff enthaltene Verschr\u00e4nkung von Wahrem und Falschem das sozialwissenschaftliche Geschehen in der gegenw\u00e4rtigen Gesellschaft bestimmt. Die Globalisierungspatrioten nehmen alles w\u00f6rtlich, wenn \u00fcber die eine Welt gesprochen wird und sie sich als eine Wirklichkeit darstellt. Es ist aber ein Reflexionsschritt notwendig, der aus der Kraft des Unterscheidungsverm\u00f6gens sch\u00f6pft. Was bedeutet im Globalisierungszusammenhang Wirklichkeit? Die \u00f6konomischen Antriebskr\u00e4fte dieser Wirklichkeit k\u00f6nnen wir ziemlich exakt benennen, es ist die kapitalistische Produktionsweise mit allen Wirkungen, die sich daraus ergeben. Aber eine solche Sichtweise reicht nicht aus, die ineinander verschachtelten Wirklichkeitsschichten der Globalisierung zu begreifen und in ihrer Bedeutung f\u00fcr den Weltbegriff einzusch\u00e4tzen.&#8216; Es ist notwendig den Substanzbegriff Globalisierung in Relationsbegriffe aufzul\u00f6sen. So gewinnen wir eine Sichtweise, die Wirklichkeitsschichten unterscheidet. Wenn wir also Globalisierung entzerren, dann gewinnen wir ein ganz anderes Bild von der gegenw\u00e4rtigen Verfassung der Weltgesellschaft.<\/p>\n<p>Wirklich globalisiert sind nur die Finanz- und Devisenstr\u00f6me; in diesem Sinne repr\u00e4sentieren die B\u00f6rsen in New York, Tokio und Frankfurt das, was heute Weltgesellschaft genannt werden kann. Es ist der Geld-Fetisch, dessen Abstraktionsleistung in der Tat so etwas wie eine einheitliche Welt darstellt. Aber Alfred Sohn-Rethel hat mit Recht diese Wirklichkeitsschicht als eine der Realabstraktion bezeichnet, im Unterschied zu blo\u00dfen gedanklichen Abstraktionen, die sich im Kopf abspielen und die Ohnmacht des Kopfes teilen, sind diese so genannten Realabstraktionen m\u00e4chtige und h\u00e4ufig genug gewaltt\u00e4tige Eingriffe in die Wirklichkeit der Menschen. Aber es bleiben Abstraktionen vom wirklichen Arbeits- und Lebenszusammenhang der Menschen.<\/p>\n<p>Inzwischen kursieren ja spekulative Rechenk\u00fcnste, wie weit der Geldfetisch in dieser Wirklichkeitsschicht der Realabstraktionen von den wirklichen Bewegungen des Warentauschs sich entfernt hat; kommen auf einen Dollar WarenWert 70, 100, 150 oder noch mehr Dollar, die in dieser Gespensterwelt der B\u00f6rsentransaktionen den Globus umklammern? Kein Wunder, dass die Angst umgeht, die krebsartige Wucherung in dieser Wirklichkeitsschicht k\u00f6nnte eines Tages die Volkswirtschaften auch der entwickelten L\u00e4nder ruinieren.<\/p>\n<p>Schon die zweite, darunter liegende Wirklichkeitsschicht, die des Welthandels, hat eine ganz andere Struktur. Bekanntlich st\u00fctzt sich die Freihandelslehre auf ein Theorem von Ricardo, das komparative Kosten bzw. Kostenvorteile zum Inhalt hat. Man sagt, Freihandel komme allen Gesellschaftsordnungen zugute, selbst denjenigen, die Entwicklungsr\u00fcckst\u00e4nde haben, wenn sie sich denn auf eine Produktionsspezialisierung einlassen. Dieses Theorem ist seit dem 19. Jahrhundert umstritten gewesen. Die im Freihandel mitgesetzte Arbeitsteilung hat langfristig stets diejenigen mit Vorteilen ausgestattet, die \u00fcber die gr\u00f6\u00dferen \u00f6konomischen Ressourcen verf\u00fcgten; heute ist das mit H\u00e4nden greifbar, Afrika s\u00fcdlich der Sahara, vor f\u00fcnfzehn Jahren mit fast 10 Prozent am Welthandelt beteiligt, ist heute bei 0,3 Prozent gelandet. Dieser Kontinent ist im Zuge der Globalisierung praktisch vom Welthandel abgekoppelt worden.<\/p>\n<p>Aber das ist nicht der einzige Punkt, der mich in diesem Zusammenhang interessiert. Wenn ich die Notwendigkeit einer Differenzierung der Wirklichkeitsschichten im Zuge der Globalisierung betone, dann mit dem Erkenntnisblick auf das Prinzip abnehmender Abstraktion. Je weiter wir in den Produktions- und Lebenszusammenhang der Menschen selber eindringen, desto weniger ist globalisiert. Schon die Wirklichkeitsschicht des Warenverkehrs enth\u00e4lt Momente von Gegenst\u00e4ndlichkeit, die im Milieu der B\u00f6rse nat\u00fcrlich \u00fcberhaupt keine Rolle spielen. Ein Tanker, der an der bretonischen K\u00fcste zerbricht und Tausende von Litern \u00d6l verliert, hat nichts Virtuelles oder Abstraktes an sich, sondern bedr\u00fcckende Gegenst\u00e4ndlichkeit. Die versprochene Weltoffenheit des Handels und die damit einhergehenden Freiheitsillusionen des Weltb\u00fcrgers brechen sich an den wirklichen Verh\u00e4ltnissen; dass sich in Sao Paulo die Zahl der Favelas in den letzten zehn Jahren verdoppelt hat, ist auch Resultat einer Freihandelspolitik, die zur Ruinierung der dortigen Landwirtschaft gef\u00fchrt hat. Die Landlosen suchen den Weg, brachliegenden Boden zu besetzen und zu bearbeiten, oder sie gehen in die St\u00e4dte und vergr\u00f6\u00dfern die Elendsquartiere.<\/p>\n<p>Es liegt auf der Hand, dass die Globalisierungspatrioten offenbar nicht daran denken, die von ihrem Boden vertriebenen Menschen Brasiliens oder Afrikas in die Europ\u00e4ische Union aufzunehmen. Wenn wir die Wirklichkeitsschicht des Arbeitsmarktes nehmen, dann ist hier nicht nur weniger globalisiert als im Handel und im B\u00f6rsengeschehen, sondern die entwickelten L\u00e4nder beginnen Mauern zu errichten gegen jene, die durch diese neoliberale Weltpolitik ihre Existenzgrundlage verloren haben und jetzt, nicht zuletzt vermittelt durch die weltweiten Medien, die gelobten L\u00e4nder aufsuchen wollen.<\/p>\n<p>Es ist doch eine gesellschaftstheoretische Dimension des Nachdenkens erforderlich, um sich dieser verschiedenen Wirklichkeitsschichten bewusst zu sein; ich zweifele nicht daran, dass mit dem Begriff der Globalisierung und der damit gesetzten Konkurrenznotwendigkeit auf dem Weltmarkt den wirtschaftlich M\u00e4chtigen ein Droh- und Erpressungsmittel an die Hand gegeben ist. Was mit Disembedding (Entkleidung) gemeint ist, richtet sich auf Zerst\u00f6rung aller die Lebensverh\u00e4ltnisse der Menschen sch\u00fctzenden sozialstaatlichen Einrichtungen, die als zu kostspielig empfunden werden. Den politisch Verantwortlichen wird gedroht, die Unternehmungen in Billig-Lohn-L\u00e4nder zu transponieren, wenn nicht Steuergesetzgebung und andere Ma\u00dfnahmen ergriffen werden, um Lohn- und Lohnnebenkosten zu senken. Das eigentlich Neue an dieser Form des Kapitalismus ist nicht die Ver\u00e4nderung seiner Bewegungsgesetze, sondern dass die durch die b\u00fcrgerliche Gesellschaft und dann durch die Arbeiterbewegung als Schutzvorrichtungen der Menschen geschaffenen Sicherungen zerbrechen. Bereits Karl Polanyi hat Anfang der vierziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts gesagt, dass die Gefahr bestehe, Gesellschaft zum blo\u00dfen Anh\u00e4ngsel des Marktes zu machen. Das hat heute eine bedrohliche Form angenommen.<\/p>\n<p>Wo also Gesellschaft nicht mehr als ein Begriff konkreter Totalit\u00e4t im Blick der Erkenntnisse ist, verschwindet allm\u00e4hlich auch das Interesse an Gesellschaftstheorie. Zwar gibt es heute das Pr\u00e4dikat Gesellschaft in vielfachen Merkmalsverbindungen. Man spricht von Risikogesellschaft, Kommunikationsgesellschaft, Protestgesellschaft, Erlebnisgesellschaft &#150; aber alle diese Gesellschaftskonstruktionen nehmen nur subjektive Verhaltenselemente auf und verallgemeinern sie. Kein vern\u00fcnftiger Mensch glaubt im Ernst daran, dass der Gesamtzusammenhang Gesellschaft aus der Summe von Risiken, Erlebnissen oder Protesten besteht. Nach wie vor muss produziert werden, was verteilt werden kann. In diesen Gesellschaftskonstruktionen hat sich auch alles verfl\u00fcchtigt, was den Begriff der ldeologie ausmacht, als die Verbindung von Wahrem und Falschem. Oder was soziale Klasse konstituiert, gesellschaftliche Schichtungen bestimmt. Dasganze Symbolspektrum von Begriffselementen, die Macht- und Herrschaftsstrukturen kenntlich machen, hat sich in der soziologischen Werkstatt derart verd\u00fcnnt, dass sich Vorurteile breit machen k\u00f6nnen: zum Beispiel die Auffassung, die Gesamtgesellschaft sei die Summe der Individuen und Volkswirtschaft die Summe der betriebswirtschaftlichen Kalkulationen der Einzelunternehmen.<\/p>\n<p>Wenn immer wieder beklagt wird, wie zuf\u00e4llig heute politische Vorschl\u00e4ge zur L\u00f6sung des Arbeitsmarktproblems gemacht werden, dann ist das auch verursacht durch die allgemein \u00fcbliche, auch in den Gewerkschaften selbstverst\u00e4ndliche Verachtung von Gesellschaftstheorie, deren praktische Bedeutung nur gering eingesch\u00e4tzt wird. Ich habe an einer Kritik der Globalisierung angesetzt, um im Wege abnehmender Abstraktion zu zeigen, dass die keineswegs globalisierten Produktions- und Lebenszusammenh\u00e4nge der einzelnen Gesellschaften Ausgangspunkt f\u00fcr strategische \u00dcberlegungen auch einer emanzipatorischen Gesellschaftspolitik sein m\u00fcssen. Die Hilflosigkeit, mit der in gewerkschaftlichen Handlungszusammenh\u00e4ngen auf die ver\u00e4nderte Situation des Kapitalismus reagiert wird, hat h\u00e4ufig auch damit zu tun, dass empirisch ges\u00e4ttigte Theorien als Orientierungsmedien nicht vorhanden sind. Gerade heute ist aber ein Begriff von dem, was sich in der Welt bewegt und eine Art Schein-Ganzes ausmacht, f\u00fcr jede emanzipatorische Praxis unbedingt erforderlich. Die Gewerkschaften werden, wenn sie nicht erhebliche Kraft auf Krisendeutungen richten, auch in praktischen Zusammenh\u00e4ngen nicht aus der Defensive herauskommen. Orientierungslosigkeit ist heute das Zentralproblem jeder emanzipatorischen Praxis.<\/p>\n<p>Es ist deshalb keine Frage von Beliebigkeit, ob eine auf emanzipative Praxis eingestellte Strategie, also auf M\u00fcndigkeit, Autonomie, solidarische Hilfe der Menschen gehende Politik, einer Orientierung durch Kritische Gesellschaftstheorie bedarf; wo man von einer Wissensgesellschaft redet, als st\u00fcnden aller Orten Wissenschaftsangebote zur Verf\u00fcgung, kann eine auf Befreiung gehende Praxis ohne ein eigenes umfassendes Konzept wissenschaftlicher Erkenntnis \u00fcberhaupt nicht auskommen. Die Trag\u00f6die der Linken besteht ja nicht zuletzt darin, dass sie sich ihrer Traditionsbest\u00e4nde an emanzipatorischem Wissen, ihrer Begriffe und \u00fcberschreitenden Denkweisen hat enteignen lassen, ohne etwas Neues an deren Stelle zu setzen.<\/p>\n<h5><span id=\"iii\">III.<\/span><\/h5>\n<p>Wer auf den Orientierungsrahmen einer Kritischen Gesellschaftstheorie verzichtet, wird heute freilich nicht allein gelassen; auf dem Wissenschaftsmarkt finden sich zahlreiche Angebote, welche die Wissensl\u00fccken f\u00fcllen. In den Beziehungen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft hat sich in der Tat Entscheidendes ver\u00e4ndert. Das gilt insbesondere f\u00fcr die realit\u00e4tsm\u00e4chtigen Naturwissenschaften, die in einer Weise in den gesellschaftlichen Praxiszusammenhang eindringen, dass jetzt selbst die so genannten Deutungswissenschaften sich an diesem Objektivit\u00e4tsmodell messen. Das ist zwar auch fr\u00fcher schon so gewesen, aber die Realit\u00e4tsmacht der Naturwissenschaften ist heute eine ganz andere. Zur Zeit Newtons verliefen mehr oder weniger parallele Entwicklungslinen von naturwissenschaftlichen Gesetzeserkenntnissen und technologischen Anwendungen. Es war die Zeit der Goldkocher, die zwar nicht Gold fanden, aber gelegentlich andere Stoffe, wie z.B. Phosphor. Naturwissenschaftliche Erkenntnis war \u00fcberhaupt nicht unmittelbar umsetzbar. Heute ist jedes Wissen technologisch verwertbar. Das ist ein neuer Tatbestand auch f\u00fcr die Theoriebildung, welche die Wissensproduzenten vor ganz neue Probleme gesellschaftlicher und ethischer Verantwortung stellt. Der Biogenetiker Erwin Chargaff, der beteiligt war an der Entschl\u00fcsselung der Genome, hat des-halb davor gewarnt, alles wissen zu wollen, was wir wissen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wer sich auf einen Wissenschaftsbegriff aus diesem naturwissenschaftlich-technischen Zusammenhang einl\u00e4sst, der wird sehr schnell erfahren, wie die m\u00e4chtigsten Wirtschaftsinteressen sich am Ende durchsetzen, wenn er keinen Begriff von einer Gesellschaft hat, wie sie sein soll und aus ihren eigenen Potentialen entwickelt werden kann. Gerade die j\u00fcngsten Ethikdiskurse \u00fcber die Stammzellenforschung zeigen, wie ohnm\u00e4chtig und orientierungslos die Menschen sind, wenn sie mit der Bedeutung von Wirtschaftsstandorten und Forschungskonkurrenzen konfrontiert werden.<\/p>\n<p>Die kulturelle Erosionskrise, in der wir leben, erh\u00f6ht das Gewicht der Deutungswissenschaften erheblich. Man m\u00fcsste sehr viel mehr Geld in die Erweiterung all jener Bereiche stecken, die es mit politischer Bildung, mit Aufkl\u00e4rung \u00fcber Krisensituationen und den kulturellen Rang bestimmter Wissensformen zu tun haben. Das Gegenteil ist aber der Fall. Der betriebswirtschaftliche Imperialismus erfasst die Gesamtgesellschaft, und was dabei unter Rationalisierung verstanden wird, ist in der Regel auf Ausgrenzung, auf das \u00dcberfl\u00fcssigmachen lebendiger Arbeitskraft gerichtet. So entsteht eine Art kollektiver Bewusstlosigkeit im Umgang mit den Krisenherden dieser Welt. Was hat sich in den letzten anderthalb Jahrzehnten nicht alles ver\u00e4ndert? Ganze Imperien sind zusammengebrochen, die dualistische Aufteilung der Welt, in der wir uns gebildet haben, ist zerbrochen, die entwickelten Gesellschaftsordnungen haben es mit dem chronischen Problem wachsender Massenarbeitslosigkeit zu tun, im gleichen Zeitraum ist die kulturelle Dimension der Krisendeutungen und der Krisenbew\u00e4ltigung geschrumpft. In Gesellschaftsordnungen mit \u00fcberquellendem Reichtum, dessen Verteilung zu einem zentralen Problem geworden ist, besch\u00e4ftigt man sich Tag und Nacht mit betriebswirtschaftlichen Kalkulationen, so als w\u00fcrden wir immer noch in einer Mangel\u00f6konomie leben. Das erzeugt eine Art von Irrationalismus in dieser Gesellschaft, die g\u00fcnstigen N\u00e4hrboden f\u00fcr politisch Rechtsradikale und diffuse Gewaltformenschafft.<\/p>\n<p>So viele Ver\u00e4nderungen und Umbr\u00fcche hat es in Friedenszeiten in den Zentren der entwickelten Welt noch nie gegeben, es sind immer Nachkriegsereignisse gewesen, Kriegsfolgen, die das gesellschaftliche Gef\u00fcge zerr\u00fctteten. Ist das heute ins Bewusstsein der Menschen eingedrungen? Ist das verarbeitet? Ist in Bildungsprozesse aufgenommen, was mit Identit\u00e4tsbedrohungen und Entwurzelungen der Menschen passiert ist? Der Bedarf an Deutungen in dieser gebrochenen Situation, die Emile Durkheim treffend als moralisches Vakuum bezeichnet hat, ist so gro\u00df, dass es in der Tat ein kultureller Skandal ist, in welcher Weise nur noch nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten der Umsetzbarkeit des Wissens gefragt wird. Wenn jetzt auch noch die Universit\u00e4ten und Schulen zu Unternehmen umfunktioniert werden, die es nicht mehr mit Lernenden und Sichbildenden zu tun haben, sondern mit Kunden, die man bedient, denen man etwas verkauft, dann ist in unserem Kulturverst\u00e4ndnis etwas in Unordnung geraten. Denn selbst die \u00d6konomen, auf die sich der Neoliberalismus heute r\u00fcckbezieht, auf die invisible hand von Adam Smith und die Theorie der Komparativen Kosten von Ricardo, hatten das Marktgeschehen und die \u00f6konomische Rationalit\u00e4t in selbstverst\u00e4ndliche Traditionsbest\u00e4nde und ethische Normen eingebunden. Adam Smith hatte schlie\u00dflich einen Lehrstuhl f\u00fcr Moralphilosophie und seine fr\u00fche Schrift Moral Sentiments ist jedem Neoliberalen noch heute zur Lekt\u00fcre empfohlen.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re jetzt ein Leichtes, in der Er\u00f6rterung der Krisenherde unserer Gesellschaft fortzufahren. Ich will mich in meinem letzten Teil jedoch darauf beschr\u00e4nken, \u00dcberlegungen zur emanzipatorischen Gesellschaftspolitik anzustellen. Wenn heute so ein gro\u00dfes Gewicht auf die Markt-Nachfrage gelegt wird, um einem Produkt Bedeutung beizumessen oder F\u00f6rderung zu beanspruchen, was ist heute dann die Nachfrage nach Gemeinwesen? Und wo findet man eine Nachfrage nach existentiellen Deutungen meiner eigenen Situation in dieser Gesellschaft? Wenn beides nicht einfach \u00fcber den Markt vermittelt werden kann, darf man dann diese Nachfrageposten als irrelevant f\u00fcr unser gesellschaftliches Zusammenleben betrachten, oder gibt es Institutionen und Personen, die aufgrund ihrer Selbstdefinition solche Nachfragen formulieren m\u00fcssten?<\/p>\n<h5><span id=\"iv\">IV.<\/span><\/h5>\n<p>Ich kann mir vorstellen, dass gewerkschaftliches Handeln k\u00fcnftig viel st\u00e4rker als bisher Verantwortung f\u00fcr Angebote \u00fcbernehmen muss, die auf das Gemeinwesen und den solidarischen Zusammenhalt der Gesellschaft gerichtet sind. Denn in Zeiten der Individualisierungssch\u00fcbe und einer Tendenz, die immer st\u00e4rker darauf hinweist, dass der allseitig verf\u00fcgbare, in st\u00e4ndiger Abrufbereitschaft stehende und flexible Mensch das Bild von der m\u00fcndigen Pers\u00f6nlichkeit ersetzt, entstehen wachsende Leerstellen im Hinblick auf die gesellschaftlichen Bed\u00fcrfnisse der Menschen, die unter bestehenden Bedingungen nicht mehr erf\u00fcllt werden. Das betrifft auch die demoktratische Partizipationsbereitschaft der Menschen, die schrumpft; es hat deshalb eine existentielle Bedeutung f\u00fcr unser demokratisches Gemeinwesen, dass es Instanzen und Organisationen in dieser Gesellschaft gibt, die diese unbefriedigten Bed\u00fcrfnisse des Menschen als eines gesellschaftlichen Lebewesens erf\u00fcllt. Diese nicht erf\u00fcllten Bed\u00fcrfnisse betreffen nicht nur die \u00c4ngste um einen Arbeitsplatz oder die soziale Sicherung. Sie sind viel breiter zu fassen, als Interessen der sozialen Anerkennung, der W\u00fcrde, des Gef\u00fchls, in einer Gesellschaft ausgleichender Gerechtigkeit zu leben. In der medialen Wirklichkeit ist von der Thematisierung solcher Fragestellungen wenig zu sp\u00fcren; es scheint sich gegenw\u00e4rtig ein kollektives Unbewusstes in unserer Gesellschaft festzusetzen, das die Menschen in den Alltagspragmatismus einbindet und mit Zirkusvorstellungen beruhigt. \u00d6ffentlichkeit ist zu einem Zerstreuungsmedium geworden, mit Big Brother, aber auch mit besinnungslosen Talk-Runden, in denen selbst dann auf Entpolitisierung, Zerstreuung und Neutralisierung gesetzt wird, wenn es sich um explizit politische Gespr\u00e4che handelt. Was diese Medien\u00f6ffentlichkeit heute anbietet, erinnert mich stark an das Klima der Endphase des R\u00f6mischen Imperiums, als der Circus Maximus in dem Ma\u00dfe zum Zentrum des politisch-gesellschaftlichen Lebens wurde, wie der R\u00f6mische Senat als Medium der beratschlagenden Rede an Bedeutung verlor.<\/p>\n<p>Gewerkschaften als Vertreter einer Organisationsmacht, die durch Eigeninteresse an die Entfaltung der Emanzipationsbed\u00fcrfnisse der Menschen ankn\u00fcpfen muss, k\u00f6nnen nicht darauf verzichten, die Erweiterung der Krisenfelder in unserer Gesellschaft zur Kenntnis zu nehmen und L\u00f6sungen vorzuschlagen. Es geht eben nicht nur um eine Krise der Arbeits- und Erwerbsgesellschaft, und es ist nicht die Arbeitslosigkeit das einzige Problem, das zu l\u00f6sen w\u00e4re. Gerade in Zeiten, in denen die betriebsf\u00f6rmigen Produktionsst\u00e4tten schrumpfen, muss gewerkschaftliches Handeln sich auch auf jene Bereiche beziehen, die au\u00dferhalb der Erwerbst\u00e4tigkeit liegen; in der Erziehung, in der kulturellen T\u00e4tigkeit, in der politischen Bildung, in den Medien. Ich will damit nicht einem gewerkschaftlichen Absolutheitsanspruch oder gar totalit\u00e4ren Anma\u00dfungen das Wort reden. Aber nehmen wir z.B. die Verschiebung der Lern- und Erziehungsorte: Die fragmentierten Familien sind nicht mehr imstande, Grundausstattungen zu vermitteln. Wo lernen Kinder heute die Tugend der Verl\u00e4sslichkeit, des Kompromisses, des Teilens, wenn sie in fragmentierten Familien aufwachsen und eher das Zuteilen von getrennt lebenden Eltern erfahren als die Notwendigkeit, am Ende von Rangeleien mit Geschwistern Kompromisse zu schlie\u00dfen. Wenn die Herstellung solcher Tugenden nicht mehr gesichert in der Familie geschieht, dann \u00fcbernehmen die Schulen eine Zusatzfunktion, weil ohne solche Eigenschaften und F\u00e4higkeiten die Gewaltpotentiale in der Gesellschaft wachsen. Es geh\u00f6rt zu den authentischen Aufgaben der Gewerkschaften, den ganzen Menschen im Blick zu behalten und nicht auf eine Interessenebene zu reduzieren, welche nur die materiellen Lebensbedingungen enth\u00e4lt. Demokratie ist die einzige politisch organisierte Lebensform, die gelernt werden muss; sie stellt sich nicht von alleine her, schon gar nicht unter Bedingungen eines sozialdarwinistisch freigegebenen und hochrangig festgelegten \u00dcberlebenskampfes der Menschen. Robert Musil hat in einer sehr sch\u00f6nen kleinen Schrift mit dem Titel Der deutsche Mensch als Symptom einmal davon gesprochen, dass der Kapitalismus so lebensf\u00e4hig sei, weil er \u00e4 la baisse spekuliere, also mit den niedrigsten Eigenschaften der Menschen, die die zuverl\u00e4ssigsten sind. Ein Programm der Humanisierung der Lebensverh\u00e4ltnisse ist der radikale Gegenpol dazu. Diesen Gegenpol aber mit einer Theorie zu besetzen, die als Folie f\u00fcr eingreifende und ver\u00e4ndernde Praxis betrachtet werden kann, bedarf heute der Umwegproduktion; wir haben sie nicht mehr im direkten Zugriff, und auch die schlichte R\u00fcckkehr zu Marx&#8217;schen Erkl\u00e4rungsmustern reicht nicht aus. Denn wir haben es mit einer kulturellen Erosionskrise zu tun, in der, wie Emile Durkheim das bezeichnet hat, alte Werte und Normen nicht mehr unbesehen gelten und neue noch nicht da sind, aber intensiv gesucht werden. Auf diesen gesellschaftlichen Feldern intensiver Suchbewegung m\u00fcssen wir praktische Antworten finden, die insbesondere f\u00fcr die j\u00fcngere Generation lebenswichtig sind. Hierbei verbinden sich dann Theorie und Praxis sehr eng; ich denke daz.B. an die Balance zwischen N\u00e4he und Distanz, an die Schaffung &#132;lebbarer Einheiten&#148;. Das klingt sehr geheimnisvoll, bezeichnet aber sehr einfache Erfahrungstatbest\u00e4nde. Viele der politischen Organisationsgebilde erscheinen den Menschen heute viel zu entfernt, als dass sie sich mit ihnen konkret verkn\u00fcpfen k\u00f6nnten; andere dagegen sind zu nahe, haben den Status von Kleingruppen oder Zweierbeziehungen. Politische Urteilskraft und Willensbildungen, die dem Gemeinwesen zugute kommen, spielen sich aber in dieser ausgewogenen Dialektik von N\u00e4he und Distanz ab. Es bedarf einer ausreichenden Distanz zu den Individualproblemen, um sich im gesellschaftlichen Kontext bewegen zu k\u00f6nnen, aber es sind auch identifikationsf\u00e4hige N\u00e4hebeziehungen notwendig, welche die Bindungsbed\u00fcrfnisse befriedigen. Ich behaupte, diese Balance zwischen N\u00e4he und Distanz ist heute gest\u00f6rt. Die gewerkschaftlichen Gro\u00dforganisationen ebenso wie die Parteien sind dabei, gerade diese Zwischeneinheiten als zu kostspielig wegzurationalisieren. Dadurch wird ihnen allerdings der lebendige Boden eines solidarischen Loyalit\u00e4tszuwachses entzogen. Ich kann mich nicht mit der New Yorker B\u00f6rse, mit Aktienkursen oder mit dem, was in Gewerkschaftsvorst\u00e4nden und in der Regierung passiert, so identifizieren, dass ich das als meine Angelegenheit betrachte, wenn ich nicht auf einer bestimmten Ebene an diesen Entscheidungen konkret beteiligt bin. Die Orientierungsbed\u00fcrfnisse vieler Menschen richten sich aber auf die Schaffung dieser lebbaren Einheiten, in denen noch mein eigener freier Wille sp\u00fcrbar ist, und die etwas von meiner Eigent\u00e4tigkeit widerspiegeln.<\/p>\n<p>Was ich unter Kritischer Theorie verstehe, das hat immer diese Doppelfunktion: Auf der einen Seite zu begreifen, was sich in den gesellschaftlichen Krisenzusammenh\u00e4ngen abspielt, worin die einzelnen Krisenfelder bestehen, gleichzeitig aber das begreifbar zu machen, was \u00fcber das Gegebene hinausreicht, was auf ein Neues und Besseres hinwill. Der innere Wahrheitsgehalt der Theorie wird dabei nicht beschnitten, sondern erst dadurch konstituiert, dass die konkrete Verneinung eines bestehenden schlechten Zustandes den Blick f\u00fcr die besseren M\u00f6glichkeiten \u00f6ffnet. Das ist in meiner Sicht der Dinge &#132;konkrete Utopie&#148;.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich geht es nicht darum, ausschlie\u00dflich gewerkschaftliche Handlungsfelder zu benennen. Es gibt keine Universalverantwortung der Gewerkschaften f\u00fcr die \u00dcberwindung der gesellschaftlichen Misere. Aber es ist schon die Frage, was z.B. in den Gesundheitsbereichen, in Krankenh\u00e4usern, also in den wachsenden institutionellen Gebilden gemacht werden kann, in denen sich ein wilder Kampf h\u00f6chst partikularer Interessen abspielt. Ich habe feststellen k\u00f6nnen, dass insbesondere in den vergangenen zehn Jahren die Zahl der Einladungen zugenommen hat, vor \u00c4rzten, Psychiatern, also in vielfachen Heilberufen T\u00e4tigen, zu reden. Die Organisatoren solcher Kongresse wissen aber, dass ich kein Medizinsoziologe bin und auch sonst aus ihrem speziellen Bereich nur geringes Wissen habe. Sie wissen im Allgemeinen auch, dass ich mich der Frankfurter Schule zugeh\u00f6rig f\u00fchle, meine intellektuelle Ausbildung dort erhalten habe. Aber sie wollen auch gar nichts spezifisch Medizinisches wissen, sondern der Orientierungsbedarf geht darauf hin, gesellschaftliche Problemlagen zu deuten und ihnen vielleicht zu verdeutlichen, dass individuelle Therapie, gleich ob sie sich auf den K\u00f6rper oder die Seele bezieht, nicht alles heilen und bew\u00e4ltigen kann, was eine krank machende Gesellschaft, die Alltagsirrationalit\u00e4ten bewirken.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr ist es allerdings notwendig, einen Schritt weit aus der Selbstbezogenheit der Wahrheitslegitimationen der Kritischen Theorie herauszutreten. Es sind Vereinfachungen und \u00dcbersetzungen erforderlich. In einer hoch spezialisierten Wissenschaftsgesellschaft wie der unsrigen bekommt eine solche \u00dcbersetzungst\u00e4tigkeit immer gr\u00f6\u00dfere Bedeutung. Ernst Bloch hat einmal gefragt, wer eigentlich auf den absurden Gedanken gekommen sei, dass sich die Wahrheit immer von selbst durchsetze. Unwahrheiten, L\u00fcge und Betrug setzen sich wohl von alleine durch, aber nicht zusammenh\u00e4ngende Deutungen der Welt, die auf Befreiung der Menschen von selbstverschuldeter Unm\u00fcndigkeit abzielen.<\/p>\n<p>Ich will dieses Problem der Beziehung zwischen Theorie und politischem Handeln in wenigen S\u00e4tzen zum Schluss in einer anderen Dimension noch einmal ansprechen. Es gibt Anfang der 1960er Jahre eine ber\u00fchmte \u00f6ffentliche Debatte zwischen Edward Teller und Linus Pauling \u00fcber den radioaktiven fall-out. Diese Debatte hat f\u00fcr mich paradigmatische Bedeutung. Teller, einer der Erfinder der Wasserstoffbombe, behauptete, die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse w\u00fcrden immer komplexer, so dass am Ende nur noch ganz wenige deren Struktur und deren gesellschaftliche Wirkungen beurteilen k\u00f6nnten. Hinter diesem Argument haben sich in der Auseinandersetzungen \u00fcber die Atomkraftwerke immer wieder die am Bestehenden orientierten Wissenschaftler und Politiker gesch\u00fctzt. Pauling dagegen sagt, gerade weil die Naturwissenschaften in unserer Welt diese ungeheure Bedeutung f\u00fcr den Lebenszusammenhang der Menschen an-genommen haben, muss es m\u00f6glich sein, die Wirkungen naturwissenschaftlicher Forschung auf politische Alternativen zu bringen, die den Menschen eine Entscheidung erm\u00f6glichen, welchen der Wege sie beschreiten wollen. Niklas Luhmann hat das als das Verfahren der Komplexreduktion beschrieben; sehr treffend. Wir leben heute unter Verh\u00e4ltnissen von \u00d6ffentlichkeit, in der solche Komplexreduktionen fortlaufend not-wendig sind, um aus dem l\u00e4hmenden Zustand der Best\u00e4tigung der gegebenen Herrschaftsverh\u00e4ltnisse herauszukommen.<\/p>\n<p>Hierbei entsteht ein lebendiger Austausch von Allgemeinem und Besonderem, vom Besonderen ausgehend wird das Allgemeine mit R\u00fcckbindungsm\u00f6glichkeiten zum Lebenszusammenhang der Menschen ausgestattet. In meinen Er\u00f6rterungen geht es um die gewiss konfliktreichen Beziehungen zwischen empirisch ges\u00e4ttigter Theorie, wie sie in der Frankfurter Schule ausgebildet wurde, und den Perspektiven emanzipatorischer Gesellschaftspraxis. Ich habe mich auf Stichworte beschr\u00e4nken m\u00fcssen, m\u00f6chte aber an diesem Platz nicht vers\u00e4umen, bestimmte aus der Kritischen Theorie mitentwickelte Ideen in Erinnerung zu rufen, die vergessen, verdr\u00e4ngt, manchmal auch verdreht worden sind, die ich aber f\u00fcr aktueller denn je halte. Ich meine die Entwicklung einer betriebsnahen Bildungsarbeit, die in den 1960er und Anfang der 1970er Jahre mit der ldee des exemplarischen Lernens verkn\u00fcpft war. Es war aber keine blo\u00df theoretische Konzeption der Arbeiterbildung, sondern unsere Vorstellung war ja, in den einzelnen Betrieben R;Irinngsohleute in den Stand zu setzen, Lernprozesse weiterzutragen, d.h. diegesellschaftskritischen Ideen in den Betrieben zu verankern. Ich bin sicher, dass die gewerkschaftliche Gegenmacht in den Betrieben nur gefestigt werden kann, wenn diese Konzeptionen, die im Bloch&#8217;schen Sinne ja unabgegolten sind, wieder verlebendigt werden.<\/p>\n<p>Damit komme ich zu meinem letzten Punkt. Die Verbindung von betrieblichen und au\u00dferbetrieblichen Handlungsfeldern ist in meiner Sicht f\u00fcr die Zukunftsf\u00e4higkeit der Gewerkschaften lebenswichtig. Wenn immer mehr mit immer weniger Anwendung lebendiger Arbeitskraft produziert wird, also eine Umverteilung der gesellschaftlich not-wendigen Arbeit stattfinden muss, dann werden jene Bereiche anwachsen, in denen die Gemeinwesenarbeit erforderlich ist, die nicht \u00fcberwiegend der normalen Warenproduktion dient, sondern der Bearbeitung der im Zuge des Fortschritts ausgegrenzten und brachliegenden Problembereiche menschlichen Zusammenlebens. Es ist also eine vertikale und eine horizontale Erweiterung der gewerkschaftlichen Handlungsfelder notwendig. Das politische Mandat betrifft die Pflege des Gemeinwesens und den Zusammenhalt des Ganzen; das kulturelle Mandat betrifft den Zusammenhang der au\u00dferbetrieblichen Existenzweise der Menschen, die immer st\u00e4rker einer sekund\u00e4ren Ausbeutung ausgesetzt ist, wenn sich ihrer keine kollektive Interessenvertretung annimmt. Gerade in einer Zeit, in der die Schutzvorrichtungen sozialstaatlicher Systeme zerbrechen, haben Gewerkschaften den Auftrag, im Interesse der Sicherung von verbesserten Bedingungen f\u00fcr ein Leben in W\u00fcrde zu sorgen und die sozialen Bed\u00fcrfnisse der Menschen ernst zu nehmen.<\/p>\n<p>In dem Beziehungsgeflecht zwischen Kritischer Theorie und emanzipatorischer Gesellschaftspraxis geht es also um die Erweiterung auf beiden Seiten. Eine Gesellschaftstheorie, die sich an der Frankfurter Schule orientiert, muss den Weg in die Gesellschaft wagen, um der erlahmten politischen Bildung wieder neue Impulse zu geben. Auf der anderen Seite k\u00f6nnen Gewerkschaften nicht mehr alleine den engen Horizont von Arbeitsplatzinteressen als einzig vertretbaren Handlungsraum behandeln, sondern werden, um ihrer eigenen Lebensf\u00e4higkeit willen, ein gesamtgesellschaftliches Mandat st\u00e4rker als bisher wahrnehmen m\u00fcssen.<\/p>\n<p><b>*<\/b> \u00dcberarbeitete Fassung eines Beitrages aus dem Band Kritische Theorie im gesellschaftlichen Strukurwandel, hg. von J. Beerhorst, A. Demirovic und M. Guggemos, Frankfurt\/Main 2004.<\/p>\n<p>[1] Ich m\u00f6chte in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam machen, dass ich diese Frage der Realit\u00e4tsdefinitionen in meinem Buch Arbeit und menschliche W\u00fcrde, G\u00f6ttingen 2001, ausgiebig diskutiert habe.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1780],"publikationen":[1430],"class_list":["post-10564","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-oskar-negt","publikationen-171-172"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Kritische Gesellschaftstheorie, Gewerkschaften und emanzipatorische Praxis - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/171-172\/publikation\/kritische-gesellschaftstheorie-gewerkschaften-und-emanzipatorische-praxis\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Kritische Gesellschaftstheorie, Gewerkschaften und emanzipatorische Praxis - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Eine Suche nach alten und neuen Ber\u00fchrungspunkten* aus: Vorg\u00e4nge Nr. 171\/172 (Heft 3-4\/2005), S. 103-15 I. 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