{"id":10569,"date":"2003-06-01T15:10:00","date_gmt":"2003-06-01T13:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/unser-adorno\/"},"modified":"2003-06-01T12:00:00","modified_gmt":"2003-06-01T10:00:00","slug":"unser-adorno","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/164-vorgaenge\/publikation\/unser-adorno\/","title":{"rendered":"Unser Adorno"},"content":{"rendered":"<p>Ein Wegweiser durch die Publikationsflut im 100. Geburtsjahr des Philosophen<\/p>\n<p>In: vorg\u00e4nge 164 (Heft 4\/2003), S. 128ff<\/p>\n<p>Nun ist er endg\u00fcltig einer von uns geworden: ein geheiligtes Kulturgut, Dauer-Aspirant je-der Hitparade der hundert ber\u00fchmtesten Deutschen; gleichzeitig entr\u00fcckt, der tagesaktuellen Auseinandersetzung enthoben und in den Erinnerungen der Zeitgenossen seltsam verkl\u00e4rt &#150; so steht es zum hundertsten Geburtstag des Multitalents und &#132;letzten Genies&#148; Theodor W. Adorno. Die Stadt Frankfurt am Main, die noch vor einigen Jahrzehnten den organisatorisch begabteren, philosophisch aber blasseren Max Horkheimer mit der Ehrenb\u00fcrgerw\u00fcrde auszeichnete, in der Annahme, in ihm das Haupt jener Schule zu ehren, die dem Namen Frankfurts international intellektuelle Anerkennung verschaffte, wei\u00df es heute besser und hatte f\u00fcr 2003 das Adorno-Jahr ausgerufen. Begangen wurde es mit einer nicht abrei\u00dfen wollenden F\u00fclle von Konferenzen, Lesungen, Diskussionen, Ausstellungen und Vorf\u00fchrungen. Vergangen waren die Auseinandersetzungen der sechziger Jahre, vergessen die christdemokratischen Invektiven der siebziger. Unser Adorno wurde jetzt historisiert, seltsam fern schienen die Emotionen, welche die Auseinandersetzungen um Werk und Wirkung des Meisters einmal begleiteten, und nur unterschwellig machte sich der Reflex zum Nachtreten noch bemerkbar. Die Domestizierung des einstmals kritischen Impulses erlaubt die Verwaltung des Erbes; allenfalls am Rande wird die Frage abgehandelt, was bleibt. Die Diskussion der Nachwirkung oder Aktualit\u00e4t Adornos, die doch \u00fcberhaupt erst Begr\u00fcndung dessen sein kann, was jenseits blo\u00dfer Historisierung zum Gedenken und Nachdenken gereicht, wird eher am Rande gef\u00fchrt (vgl. Honneth 2003; Fischer\/Ottow 2002).<br \/>Die drei biographischen Versuche von Lorenz J\u00e4ger, Stefan M\u00fcller-Doohm und Detlev Claussen haben &#150; bei aller Unterschiedlichkeit &#150; denn auch eines gemeinsam: sie verlieren kaum ein Wort \u00fcber die Aktualit\u00e4t Adornos und sind eher Elemente einer Historisierung als Befragungen des Bleibenden. Bei M\u00fcller-Doohm und Claussen ist das Bleibende die eigene Biographie; beide haben in jungen Jahren bei Adorno studiert, und die biographischen Ann\u00e4herungen an Adorno sind gleichzeitig autobiographische Aufarbeitungen erlebter Faszination in den sp\u00e4ten sechziger Jahren. F\u00fcr beider intellektuelle Entwicklung mag Adorno wegweisend gewesen sein, und in beiden Werken ist, bei aller Unterschiedlichkeit der Ausrichtung und des Stils, ein wenig von der Pr\u00e4gekraft zu sp\u00fcren, die der Lehrer auf seine Studenten aus\u00fcbte.<br \/>Von dieser Pose des leisen Danks ist J\u00e4ger, der j\u00fcngste der drei Autoren, in keiner Weise eingenommen.<\/p>\n<p>Lorenz J\u00e4ger: Adorno. Eine politische Biographie, Deutsche Verlags-Anstalt: M\u00fcnchen 2003, 319 5., ISBN 3-421-05493-2; 22,90 Euro<\/p>\n<p>Der FAZ-Redakteur J\u00e4ger geht unpr\u00e4tenti\u00f6s an Adorno heran, auch mit dem Mut zur L\u00fccke, die mit dem Verweis auf die &#132;politische Biographie&#148; durchaus Rechtfertigung finden mag. Seiner Darstellung wird man, trotz eines gewissen Respekts vor der Lebensleistung und dem Denken Adornos, eine Vorliebe f\u00fcr das Zitieren pejorativer Bemerkungen Dritter \u00fcber Adorno nicht absprechen k\u00f6nnen, auch nicht einen Hang zu flotter Kritik und schnellem Verdikt, beides eher hemds\u00e4rmelig vorgetragen. Es ist diese Attit\u00fcde, die das Buch f\u00fcr Adorno-Neulinge attraktiv macht, die aber andere Leser genervt auf der Palme wohlfeiler Entr\u00fcstung zur\u00fcckl\u00e4sst (vgl. z.B. Sezgin 2003). Und doch: War man bislang bei der Frage, wo man einen einf\u00fchrenden und verst\u00e4ndlichen \u00dcberblick \u00fcber Leben und Werk Adornos finden k\u00f6nne, angesichts der Qualit\u00e4t der bis dato kursierenden &#132;Einf\u00fchrungen&#148; (Wiggershaus 1987; Scheible 1989; Schweppenh\u00e4user 1996) zu verlegenem Schweigen verurteilt, kann jetzt mit halbwegs gutem Gewissen auf J\u00e4ger verwiesen werden. Seine Respektlosigkeiten und sein unabl\u00e4ssiges Bem\u00fchen, Adorno auf Normalma\u00df zu stutzen, st\u00f6ren zwar ein wenig und man wird den Verdacht nicht los, als handle J\u00e4ger in Notwehr. Auch die Grundthese des Buches, Adorno habe sich zeitlebens mit der Welt und der geistigen Konstellation seines Geburtsjahres auseinandergesetzt, vermag nicht vollends zu \u00fcberzeugen. J\u00e4ger hat als Titelbild jene ber\u00fchmte Photographie verwendet, die Adorno mit dem Selbstausl\u00f6ser vor einem Spiegel sieht. Dem Buch w\u00e4re es gut bekommen, h\u00e4tte der Autor auch einmal &#132;hinter den Spiegel&#148; (Minima Moralia) geschaut.<br \/>Von Unbotm\u00e4\u00dfigkeiten gegen\u00fcber Adorno ist M\u00fcller-Doohms Biografie weit entfernt.<\/p>\n<p>Stefan M\u00fcller-Doohm: Adorno. Eine Biographie, Suhrkamp Verlag: Frankfurt\/M. 2003, 1032 S., ISBN 3-518-58378-6; 29,90 Euro<\/p>\n<p>Uber die abgr\u00fcndigeren Seiten Adornos geht der Autor gn\u00e4dig hinweg, etwa wenn er die in einem Schreiben an Horkheimer 1937 enthal-<br \/>tenen Invektiven gegen Marcuse unerw\u00e4hnt l\u00e4sst, die ein schlechtes Bild auf Adorno eher denn als auf Marcuse werfen. M\u00fcller-Doohms Werk ist gewichtig, umfangreich, es ist eine &#132;offizielle&#148; Adorno-Biographie: faktenreich und meinungsarm (bei J\u00e4ger war es umgekehrt) bietet M\u00fcller-Doohm eine ersch\u00f6pfende Dokumentation von Leben und Werk des Frankfurter Denkers. Es ist linear geschrieben, offizi\u00f6s, zur\u00fcckhaltend; beinahe gravit\u00e4tisch schreitet der Erz\u00e4hlstrom voran, gr\u00fcndlich &#150; allein auf 175 Seiten wird in Endnoten belegt, annotiert, verwiesen &#150;, ausgreifend, quellenges\u00e4ttigt, stetig und zuverl\u00e4ssig: ein monumentales Werk das Ma\u00dfst\u00e4be setzt, an denen die Besch\u00e4ftigung mit Adorno sich wird messen lassen m\u00fcssen.<br \/>Wieder eine andere Perspektive erscheint bei Detlev Claussen.<\/p>\n<p>Detlev Claussen: Theodor W. Adorno. Ein letztes Genie, S. Fischer Verlag: Frankfurt\/M. 2003, 479 S., ISBN 3-10-010813-2; 26,90 Euro<\/p>\n<p>Claussen interessiert nicht das biographische Detail, sondern der Text, den er zum Sprechen bringen will. Er umkreist Adorno, stellt ihn und sein Denken in immer neuen Konstellationen vor; beinahe absichtslos m\u00e4andert seine Darstellung aus, \u00fcberschneidet und wiederholt sich, ein gewaltiger Essay, eine Hommage an das Denken Adornos in der eleganten Demonstration der Schwierigkeit identifizierenden Denkens: eine anregende Lekt\u00fcre f\u00fcr Fortgeschrittene, durchaus auch mit Aspekten, die bei M\u00fcller-Doohm so nicht nachzulesen sind (etwa die gr\u00fcndliche Recherche zum Verh\u00e4ltnis von Adorno zu Fritz Lang).<br \/>So erscheinen die drei Biographien als komplement\u00e4r, Adorno f\u00fcr alle Gelegenheiten, gewisserma\u00dfen. Und sie k\u00f6nnen auch gegen-einander gelesen werden. Warum etwa hat Adorno in der amerikanischen Emigration seinen Vaternamen Wiesengrund abgelegt und wurde zu dem Markenzeichen Theodor W. Adorno? Eine Frage, drei Antworten: J\u00e4ger zitiert den bissigen Soma Morgenstern, der sich ausl\u00e4sst \u00fcber den &#132;r\u00fccksichtslos wuchernden<br \/>Ehrgeiz&#8220; Adornos, der ihn bewogen h\u00e4tte, &#132;dem Namen seines Vaters den guten Wiesengrund abzum\u00e4hen&#148; (S. 61), und l\u00e4sst es dabei bewenden. M\u00fcller-Doohm bringt dagegen den Namenswechsel mit der amerikanischen Einb\u00fcrgerung Adornos in Zusammenhang und stellt sie in den Kontext des amerikanischen Misstrauens gegen das Deutsche im Zweiten Weltkrieg (S. 451), erw\u00e4hnt an anderer Stelle dar\u00fcber hinaus, dass diese Entscheidung auch einen romantisch inspirierten Hintergrund in der Vorliebe Adornos f\u00fcr Adelsfamilien und den von ihm gehegten Verdacht habe, m\u00fctterlicherseits selbst genovesischem Adel zu entstammen (S. 34). Claussen wiederum ist der Namenswechsel neben dem Argument der amerikanischen Frontstellung gegen Deutschland Anlass zur philosophischen Spekulation: ihm wird der Name Adorno zum Signum des Nicht-Identischen, hinter dem sich allerdings die Geschichte einer Individualisierung erahnen lasse (S. 173). \u00c4hnlich bei anderen Ereignissen. Wie erkl\u00e4rt sich zum Beispiel das Verh\u00e4ltnis Adornos zu den Studenten in den unruhigen Jahren der Au\u00dferparlamentarischen Opposition? J\u00e4ger beschw\u00f6rt das Bild das Zauberlehrlings, der die Geister selbst rief, die ihn dann bedr\u00e4ngten (S. 252); M\u00fcller-Doohm spricht von einem &#132;Vatermord mit Galgenfrist&#148; (S. 692ff.), und Claussen interpretiert die &#132;aufgeladenen Beziehungen zwischen Adorno und seinen Studenten&#148; vor dem Hintergrund des Endes eines b\u00fcrgerlichen Subjekts (S. 23). Solcherart k\u00f6nnten die Bei-spiele fortgef\u00fchrt werden, die auf unterschiedliche Erz\u00e4hl- und Reflexionstemperamente, auf differierende Zug\u00e4nge zum Thema deuten.<\/p>\n<p>Eine zweite Gruppe von Neuerscheinungen zielt nicht auf den ganzen Adorno, sondern n\u00e4hert sich Leben und Werk ausschnittsweise, perspektivisch:<\/p>\n<p>Theodor W. Adorno. Kindheit in Amorbach. Bilder und Erinnerungen, hg. v. Reinhard Pabst, Insel Taschenbuch Verlag: Frankfurt\/M.! Leipzig 2003, 227 S., ISBN 3-458-34623-6; 9,50 Euro<\/p>\n<p>Amorbach? Dem kleinen. St\u00e4dtchen im Odenwald hatte Adorno 1966 eine Reihe kleiner autobiographischer Miniaturen gewidmet, die Staunen machten. Zu wenig wusste man bisher um die innige Beziehung, die Adorno mit Amorbach verband, dem Ort, in dem er in seiner Jugend h\u00e4ufig die Ferien verbrachte. Hier f\u00fchlte er sich zu Hause, an mancher Stelle finden sich in seinem Werk Ankl\u00e4nge an hier Erlebtes. All dies wird von Herausgeber Pabst akribisch dokumentiert und mit Bildern versehen. So entsteht eine biographisch-literarische Spurensuche mit erstaunlichen Resultaten, die auch immer wieder zum Schmunzeln anregt.<br \/>Eigentlich aber war Adorno Frankfurter, hatte &#150; wie Ludwig von Friedeburg betont &#150; &#132;zu keiner anderen Stadt in seinem Leben eine so enge Beziehung wie zu Frankfurt&#148; (Sch\u00fctte, S. 186). Hier wuchs er auf, studierte, schrieb seine ersten Kompositionen, seine Dissertation, seine Habilitation; hier lernte er Siegfried Kracauer kennen, der ihm ein Mentor wurde, aber auch Walter Benjamin und Max Horkheimer. Unzweifelhaft hat der Geist der Stadt ihn fr\u00fch gepr\u00e4gt, wie er selbst auch schon in den zwanziger und drei\u00dfiger Jahren durch sei-ne Kompositionen und Musikkritiken eine \u00f6ffentliche Figur im Frankfurter Kulturleben war. Umso mehr gilt dies nat\u00fcrlich f\u00fcr die &#132;zweite Frankfurter Zeit&#148; nach 1949.<\/p>\n<p>Adorno in Frankfurt. Ein Kaleidoskop mit Texten und Bildern, hg. v. Wolfram Sch\u00fctte, Suhrkamp Verlag: Frankfurt\/M. 2003, 423 S., ISBN 3-518-58379-4; 29,90 Euro<\/p>\n<p>Wolfram Sch\u00fctte, vormals Redakteur bei der Frankfurter Rundschau, hat viele Dokumente und Erinnerungsst\u00fccke gesammelt, Reminiszenzen, Substrate von Adornos Wirken in der Presse; aber auch fr\u00fche Musikkritiken, Spie-gelungen Frankfurts in Adornos Werk, Zeitdokumente, polemische Auseinandersetzungen. Schlie\u00dflich hat er auch einen Blick auf die Texte der Neuen Frankfurter Schule (Eckhard Henscheid, Robert Gernhardt, F. W. Bern-stein) geworfen; dies alles mit dem Vorsatz,<br \/>&#132;bei allen lokalen Bez\u00fcglichkeiten, die ins Auge zu fassen waren, die Physiognomie von Adornos eingreifend-kritischem Denken, das noch im Ephemersten sich gleich nahe zu seinen innersten Intentionen befindet, nicht aus dem Auge zu verIieren&#148; (S. 409). Ein Frankfurter Ant\u00e4us war Adorno sicherlich nicht, auch wenn er (was nat\u00fcrlich nur in kleinem Kreis vorgef\u00fchrt wurde) das lokale Idiom perfekt zu beherrschen wusste; aber eine symbiotische Beziehung zwischen Adorno und Frankfurt wird in Sch\u00fcttes Kaleidoskop von Texten und Bildern schon deutlich. Zaghaft hatte schon Claussen gefragt, ob man von Frankfurt als einer &#132;geistigen Lebensform&#148; sprechen k\u00f6nne (Claussen, S. 29); nach der Lekt\u00fcre von Sch\u00fcttes Buch wei\u00df man: man kann.<br \/>Zur geistigen Lebensform Frankfurt geh\u00f6rt auch die von George Steiner einmal als solche apostrophierte &#132;Suhrkamp-Kultur&#148;, zu der Adorno nicht unwesentlich beigetragen hat. Diese beginnt mit einer &#132;produktiven Komplizenschaft&#148; (S. 708) von Adorno und Peter Suhrkamp, die nach Suhrkamps Tod von Siegfried Unseld fortgesetzt wurde. Ausf\u00fchrlich dokumentiert wird diese jetzt in:<\/p>\n<p>&#132;So m\u00fcsste ich ein Engel und kein Autor sein&#148;. Adorno und seine Frankfurter Verleger. Der Briefwechsel mit Peter Suhrkamp und Siegfried Unseld, hg. v. Wolfgang Schopf, Suhrkamp Verlag: Frankfurt\/M. 2003, 767 S., ISBN 3-518-58375-1; 39,90 Euro<\/p>\n<p>Im bei der Lekt\u00fcre entstehenden Bild mischt sich Gesch\u00e4ftliches (Abrechnungen, Honorare) mit Verlegerischem (Publikationspl\u00e4ne, Korrekturen), Pers\u00f6nliches und \u00d6ffentliches, An-fragen an Adornos Expertise finden sich eben-so wie Invektiven Adornos z.B. gegen seinen einstigen Konkurrenten H.H. Stuckenschmidt. Der Ton der Briefe Adornos ist h\u00e4ufig business-like, aber auch herzlich und verbindlich: nichts ist zu sp\u00fcren von der Angestrengtheit des Stils, die zuweilen in seinen akademischen Briefwechseln hervbrtritt. Hier arbeitet jemand an Ruhm und Nachruhm mit zwei kongenialen<br \/>Partnern, hier wird Publikationspolitik gemacht und ein Kapitel der politischen Kulturgeschichte der Bundesrepublik geschrieben. Und hier pr\u00e4sentiert sich ein Adorno, der sehr genau seinen Stellenwert im Verlag, also seinen Marktwert, kennt.<br \/>Ein kleines Schatzk\u00e4stchen f\u00fcr den fortgeschrittenen Adorniten ist die vom Adorno-Archiv besorgte Bildmonographie. Neben vielen unbekannten Fotos enth\u00e4lt der Band eine Reihe von bislang unver\u00f6ffentlichten Texten, Tageb\u00fccher, Aufs\u00e4tze, Briefe von, an und \u00fcber Adorno.<\/p>\n<p>Adorno. Eine Bildmonographie, hg. v. Theodor W. Adorno Archiv, Suhrkamp Verlag: Frankfurt\/M. 2003, 309 S., ISBN 3-518-58382-4; 24,90 Euro<\/p>\n<p>Die Lekt\u00fcre des Bandes ist &#150; anders als bei Sch\u00fctte und Pabst &#150; nicht voraussetzungslos, zeigt Adorno mitunter auch sehr privat; die wenigen &#132;Traumprotokolle&#148; (weitere finden sich bei Sch\u00fctte) lassen sicherlich einen ebenso in-diskreten Blick in das Innenleben Adornos zu, wie die der Dokumentation sexueller Abenteuer gewidmeten Tagebucheintr\u00e4ge. Beinahe staunend berichten die Herausgeber, dass die Aufgabe, ein Leben in (gr\u00f6\u00dftenteils unver\u00f6ffentlichten) Texten und Photographien nachzuzeichnen, nicht schwer fiel: &#132;Ein dem Anschein nach ereignisloses Leben nachstellend, wurden die Herausgeber einer F\u00fclle von Dokumenten gewahr, die allen Reichtum eines abenteuerlichen Lebens in den Schatten stellen k\u00f6nnen.&#148; (S. 299) Unwillk\u00fcrlich fragt man sich, wie viele sonstige Sch\u00e4tze noch im Adorno-Archiv (oder sonst wo) schlummern m\u00f6gen?<br \/>Haben sich die bislang vorgestellten Werke vornehmlich mit dem Leben Adornos und seinen biographischen Ver\u00e4stelungen besch\u00e4ftigt, greift man neugierig zu Roger Behrens&#8216; Adorno-ABC, um Adorno inhaltlich durchbuchstabieren lernen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Roger Behrens: Adorno-ABC, Reclam Verlag: Leipzig 2003, 248 S., ISBN 3-379-20064-6; 11,90 Euro<\/p>\n<p>Ein Buch zum &#132;Hineinlesen und Abschweifen&#148; (S. 17) soll es sein, nicht mit dem Anspruch (und das klugerweise so), das Denken Adornos lexikalisch zu erfassen, sondern als Aufforderung zum Weiterlesen an der Original-quelle. Insofern tut es seinen Dienst, auch wenn es bisweilen ratsam erscheint, Zitate nicht ungepr\u00fcft zu \u00fcbernehmen. An dieser an sich verdienstvollen kleinen Einf\u00fchrung in wesentliche Motive von Adornos Denken ist aber eines betr\u00fcblich: die Neigung von Behrens, immer wie-der die Popkultur unbefragt einflie\u00dfen zu lassen, so dass am Ende die Vermutung steht, des Autors Plattensammlung sei mindestens genauso wichtig wie die Erl\u00e4uterung der Begriffe und Konstellationen. Das Buch wirkt hybrid: seri\u00f6s einerseits dort, wo es um die Sache geht, die Behrens auch kurzweilig zu pr\u00e4sentieren versteht; befremdlich dort, wo entweder Stichworte \u00fcberfl\u00fcssig sind (wie &#132;ICE Theodor W. Adorno&#148;; &#132;Adorno-\u00c4hnlichkeitswettbewerb` ; &#132;TWA-Archiv&#148; etc.) oder nur wegen ungew\u00f6hnlicher Querverbindungen zum Zwecke der Erheiterung aufgenommen worden sind (z.B. &#132;Klopapier&#148;, &#132;Zwutsch&#148;, &#132;M\u00fcckenkuchen&#8220;). Eine klarere Konzeption w\u00e4re dem Buch zugute gekommen.<br \/>Was bleibt also vom Adorno-Jahr? Zu-n\u00e4chst die Erkenntnis, dass das Leben von Adorno gr\u00fcndlich ausgeleuchtet worden ist, und dies aus mehreren Perspektiven. Mehr zu erfahren, d\u00fcrfte die Erkenntnis nur noch bedingt bef\u00f6rdern &#150; schon wird sich dar\u00fcber mokiert, dass sich das Augurium zum Familienalbum m\u00e4\u00dfige (Holbein 2003). Adorno wird gedreht und gewendet, mal erscheint er als der gro\u00dfe Mystiker der Weltliteratur, mal als der &#132;wahre Konservative&#148; (Assheuer 2003). Und in der Tat: hat er nicht selbst in einem Brief an Peter Suhrkamp geschrieben, er habe Freude an der Herstellung &#132;heiliger Texte&#148;? (Schopf, S. 201) Unbarmherzig erscheinen die Verdikte hinsichtlich seiner Aktualit\u00e4t: dass er in der heutigen Philosophie keine Rolle mehr spiele (Bolz 2003), dass Adorno kein Zeitgenosse mehr sei und es eine Befreiung war, sich von<br \/>Adornos Philosophie zu loszul\u00f6sen (Assheuer 2003). Ohne Zweifel: die Generation der direkten Sch\u00fcler Adornos ist in die Jahre gekommen, auch die der Gegner; andere Projekte \u00fcberlagern die Auseinandersetzung mit Adorno. Doch in der Anstrengung, Adorno als erledigt zu erkl\u00e4ren, schwingt auch die Bef\u00fcrchtung mit, er k\u00f6nne es nicht sein. Jedenfalls erscheint J\u00e4gers Behauptung, mit Adornos Tod sei auch &#132;das normative Potential seiner Theorie er-sch\u00f6pft&#148; (S. 291) doch vorschnell. Adorno ist sicherlich heute nicht mehr der &#132;Impulsgeber f\u00fcr die Prozesse \u00f6ffentlicher Meinungsbildung&#148; (M\u00fcller-Doohm, S. 587) der er in den f\u00fcnfziger und sechziger Jahren war. Aber eine erneute Lekt\u00fcre Adornos, jenseits aller vorschnellen Vereinnahmung oder Historisierung, kann produktive Ans\u00e4tze f\u00fcr diejenigen Fragen liefern, die uns augenblicklich besch\u00e4ftigen: Globalisierung, Erosion des Sozialstaats, Verzweckung von sozialen Verh\u00e4ltnissen in der und durch die Kulturindustrie &#150; bis zu Fragen der Bioethik. Vielleicht kann er uns aber auch wieder ins Ged\u00e4chtnis rufen, dass das Materielle, das rein Rationale, nicht alles ist, das es jenseits unseres systematisierenden, rationalistischen Denkens Kategorien der Erfahrung gibt, die erst dem Humanum Substanz und Bedeutung zu geben verm\u00f6gen. Vielleicht kann die Auseinandersetzung mit Adorno aber auch das Bewusstsein wach halten, das aus der schlechten Wirklichkeit eine bessere M\u00f6glichkeit auf-scheint. Insofern bleibt Adorno modern, weil er ein Philosoph der Moderne ist, deren stahl-hartes Geh\u00e4use uns nach wie vor umf\u00e4ngt.<br \/>Die Stadt Frankfurt am Main hat Adorno unmittelbar vor seinem hundertsten Geburtstag ein neues Denkmal gesetzt. Auf dem Adorno-Platz im Westend, nahe der Universit\u00e4t, steht nun ein Glaskubus, darin ein Schreibtisch, ein Stuhl; auf dem Schreibtisch liegt eine Manuskriptseite und ein beschriebenes Notenblatt, daneben eine Ausgabe der Negativen Dialektik, darauf, ein wenig gekippelt, ein tickendes Metronom. Denken und Erfahrung sind unter Glas gesetzt. Um den Kubus herum in Stein gemei\u00dfelte Sentenzen Adornos, die eines signalisieren: das Wort, es ist erstarrt, es lebt nicht mehr. Die einzige Hoffnung bietet der aus technischen Gr\u00fcnden notwendige Schacht, der unter dem Schreibtisch nach au\u00dfen f\u00fchrt. Plastischer und ungewollter konnte weder das Anliegen Adornos noch die Aporie von Technik dargestellt werden. Das Denken ist unter Glas, der Autor durch den Notausgang verschwunden. An der Oberfl\u00e4che ist er unser geworden; doch darunter, vielleicht im Dunkel der Kanalisation, k\u00f6nnte er die Flaschenpost verborgen haben, die noch immer auf ihren Empf\u00e4nger wartet.<\/p>\n<p>Literatur<\/p>\n<p>Assheuer, Thomas 2003: Der wahre Konservative; in: Die Zeit v. 4. September<br \/>Bolz, Norbert 2003: Der Pyrrhus-Sieger; in: Literaturen, Heft 6, S. 34f.<br \/>Fischer, Karsten\/Ottow, Raimund 2002: Das<br \/>&#132;Godesberg&#148; der Kritischen Theorie. Theorie und Politik im Generationenwechsel von Horkheimer\/Adorno zu Habermas; in: Politi-<br \/>sche Vierteljahresschrift, 43. Jg, Heft 3, S. 508-523; Heft 4, S. 653-669<br \/>Holbein, Ulrich 2003: Weltgeist zwischen Kanapee, \u00c4ppelwoi und Eist\u00fcte; in: Frankfurter Rundschau v. 10. September<br \/>Honneth, Axel 2003: Kapriolen der Wirkungsgeschichte. Tendenzen zu einer Reaktualisierung Adornos; in: Forschung Frankfurt, Heft<br \/>3-4, S. 32-36<br \/>Scheible, Hartmut 1989: Theodor W. Adorno,<br \/>Reinbek<br \/>Schweppenh\u00e4user, Gerhard 1996: Theodor W.<br \/>Adorno zur Einf\u00fchrung, Hamburg<br \/>Sezgin, Hilal 2003: Ein Wunderkind wird er-wachsen; in: Frankfurter Rundschau v. 20.<br \/>August<br \/>Wiggershaus, Rolf 1987: Theodor W. Adorno, M\u00fcnchen<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1781],"publikationen":[1081],"class_list":["post-10569","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-matthias-zimmer","publikationen-164-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Unser Adorno - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/164-vorgaenge\/publikation\/unser-adorno\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Unser Adorno - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Ein Wegweiser durch die Publikationsflut im 100. 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