{"id":10573,"date":"2014-09-19T23:30:00","date_gmt":"2014-09-19T21:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/die-gerichte-stellt-die-neue-rechtslage-vor-erhebliche-probleme-sebastian-scharmer-zur-realitaet-d\/"},"modified":"2021-08-30T15:41:47","modified_gmt":"2021-08-30T13:41:47","slug":"die-gerichte-stellt-die-neue-rechtslage-vor-erhebliche-probleme-sebastian-scharmer-zur-realitaet-d","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/205\/publikation\/die-gerichte-stellt-die-neue-rechtslage-vor-erhebliche-probleme-sebastian-scharmer-zur-realitaet-d\/","title":{"rendered":"&#8222;Die Gerichte stellt die neue Rechtslage vor erhebliche Probleme&#8220;. Sebastian Scharmer zur Realit\u00e4t der SV-Reform in Rechtsprechung und Vollzugspraxis"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg&auml;nge Nr. 205 (Heft 1\/2014), S. 29-32<\/p>\n<p><i>SEBASTIAN&nbsp;SCHARMER <\/i><\/p>\n<p><i>Jahrgang 1977, ist sei 2006 in Berlin als Rechtsanwalt t&auml;tig. Er hat sich u.a. auf die Bereiche Straf-, Strafvollstreckungs- und Strafvollzugsrecht spezialisiert und vertritt seit Jahren zahlreiche Insassen der Sicherungsverwahrung. Sebastian Scharmer hat mit seinen Mandaten wesentlich dazu beigetragen, dass das deutsche System der (nachtr&auml;glichen) Sicherungsverwahrung vom Europ&auml;ischen Gerichtshof f&uuml;r Menschenrechte f&uuml;r menschenrechtswidrig befunden wurde.<\/i><\/p>\n<p><i>Im Interview spricht er &uuml;ber den Minimalismus von Gesetzgeber und Exekutive bei der Erf&uuml;llung der h&ouml;chstrichterlichen Vorgaben zur Gestaltung der Sicherungsverwahrung, und &uuml;ber die mangelnde Courage der deutschen Gerichte, endlich einmal Konsequenzen aus der mangelhaften Umsetzung der SV-Reformen zu ziehen.<\/i><\/p>\n<p><i>Wie bewerten Sie die Entscheidungen des Europ&auml;ischen Gerichtshofes f&uuml;r Menschenrechte (EGMR) zum deutschen System der Sicherungsverwahrung aus heutiger Sicht? Haben sich die damit verbundenen Hoffnungen auf eine Besserung der Situation der SVler erf&uuml;llt?<\/i><\/p>\n<p>Leider nur zum Teil. Der EGMR hatte damals im Kern bem&auml;ngelt, dass die nachtr&auml;gliche Anordnung oder Verl&auml;ngerung der Sicherungsverwahrung gegen Artikel&nbsp;5 Absatz&nbsp;1 und gegen Artikel&nbsp;7 Absatz&nbsp;1 der Europ&auml;ischen Menschenrechtskonvention (EMRK) verst&ouml;&szlig;t, weil sie sich zum einen f&uuml;r die Betroffenen nicht anders darstellt, als die Verl&auml;ngerung ihrer Strafe und zudem nicht r&uuml;ckwirkend angeordnet werden darf. Der Gerichtshof hat sich insbesondere mit dem Bericht des CPT [1] auseinandergesetzt, der die Situation von Sicherungsverwahrten in der JVA Berlin-Tegel untersuchte. Daraus folgte national letztlich die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom 4.&nbsp;Mai 2011, mit der alle damaligen Regelungen zur Sicherungsverwahrung aufgehoben, der Gesetzgeber zur Neuregelung und die Exekutive zur faktischen Neuausgestaltung binnen zwei Jahren aufgefordert wurden. Statt nun die Chance zu nutzen, grunds&auml;tzlich &uuml;ber Sinn und Unsinn von pr&auml;ventivem Freiheitsentzug auf mehr als unsicherer prognostischer Basis zu diskutieren, &uuml;ber eine Abschaffung oder zumindest grunds&auml;tzliche Reform der Sicherungsverwahrung nachzudenken, verfolgten wesentliche Teile der Politik und der Verwaltung schlicht das Ziel, so wenig wie m&ouml;glich zu &auml;ndern, um am Ende m&ouml;glichst viele Sicherungsverwahrte nicht entlassen zu m&uuml;ssen. Geradeso sollten die Vorgaben aus Stra&szlig;burg und Karlsruhe noch eingehalten werden &#8211; und keinen Millimeter mehr.<\/p>\n<p>Noch nicht einmal das ist gelungen. Durch den massiven gesetzlichen Ausbau der vorbehaltenen Sicherungsverwahrung wird potentiell die Zahl der Betroffenen eher steigen, als sinken. Selbst die nachtr&auml;gliche Sicherungsverwahrung ist letztlich zumindest f&uuml;r &#8222;Altf&auml;lle&#8220; nicht abgeschafft worden. Noch heute erlaubt &sect;&nbsp;66 StGB bei Verst&ouml;&szlig;en gegen das Bet&auml;ubungsmittelgesetz oder Raubtaten ohne Gewalteinwirkung die Anordnung von Sicherungsverwahrung.<\/p>\n<p>Praktisch sa&szlig;en am 1. Juni 2013 meine Mandanten in der JVA Tegel immer noch im selben Haftraum, auf derselben Station und unter den nahezu gleichen Bedingungen, wie sie zuvor der EGMR in seiner Entscheidung aus 2009 dargestellt und kritisiert hatte. F&uuml;r den Neubau, der nach den Vorgaben aus Karlsruhe am 1. Juni 2013 h&auml;tte bezogen werden m&uuml;ssen, war gerade erst im Dezember zuvor der Grundstein gelegt worden &#8211; da waren bereits eineinhalb Jahre der zweij&auml;hrigen Frist bereits abgelaufen. Dann kam &#8222;&uuml;berraschend&#8220; ein &#8222;harter Winter&#8220; in Berlin, so dass sich der Bau weiter verz&ouml;gerte. Heute &#8211; im September 2014 &#8211; ist &#8222;geplant&#8220;, dass im n&auml;chsten Monat die ersten Sicherungsverwahren einziehen. Nicht anders sieht es mit dem Angebot spezifischer Therapieangebote oder gar der Gew&auml;hrung von ausreichenden Lockerungen aus. Dagegen blieben alle Rechtsmittel &#8211; bis zum Bundesverfassungsgericht &#8211; ohne Erfolg. Kein Gericht wollte die Konsequenz der Feststellung, dass die Vorgaben zur Reform tats&auml;chlich nicht umgesetzt worden waren, tragen &#8211; das w&auml;re n&auml;mlich die sofortige Entlassung vermeintlich gef&auml;hrlicher Menschen gewesen.<\/p>\n<p><i>Hat sich die deutsche Rechtsprechung den europ&auml;ischen Vorgaben angepasst, oder wo sehen Sie gegebenenfalls weiteren Nachbesserungsbedarf?<\/i><\/p>\n<p>Die Gerichte stellt die neue Rechtslage vor erhebliche Probleme. Aktuell l&auml;uft langsam die erste Welle der Monitoringverfahren nach &sect;&nbsp;119a Strafvollzugsgesetz an. Danach sollen die Strafvollstreckungskammern alle zwei Jahre &uuml;berpr&uuml;fen, ob eine ausreichende Behandlung im Vollzug zur Vermeidung der Vollstreckung der Sicherungsverwahrung angeboten wird. Erstmals sind die Gerichte also von Gesetzes wegen dazu aufgefordert, kritisch die Vollzugssituation von Inhaftierten zu beleuchten und nicht &#8211; wie zuvor oft praktisch gehandhabt &#8211; schlicht die Angaben von Vollzugsanstalten als wahr zu unterstellen. Das ist f&uuml;r viele Richterinnen und Richter ein echter &#8211; und seit langem notwendiger &#8211; Paradigmenwechsel. Dabei gibt es durchaus auch gute Ans&auml;tze, allerdings f&uuml;r derart aufwendige Verfahren zu wenig Personal und letztlich auch zu wenig Erfahrung und Fortbildung. Wollen sich Gerichte sachverst&auml;ndigen Rat holen, ist es aufgrund der Masse der Verfahren schwierig, Gutachter zu finden und noch schwieriger, solche zu beauftragen, die gen&uuml;gend Wissen, Erfahrung und vor allem n&ouml;tige Distanz zur Institution des Vollzugs aufweisen. Notwendige Konsequenz kann allein die &Auml;nderung der Gesetzesgrundlagen sein. Eine Abschaffung der SV &#8211; oder zumindest eine Eingrenzung auf schwerste Anlasstaten &#8211; w&uuml;rde Mittel freisetzen, die im Strafvollzug f&uuml;r Behandlungsangebote f&uuml;r alle Gefangenen dringend ben&ouml;tigt werden. Eine bessere Resozialisierung aller Gefangenen ist meiner Meinung wesentlich effektiver geeignet, um R&uuml;ckfallgefahren insgesamt zu senken, als das pr&auml;ventive Wegsperren einer nach mehr als unsicheren Prognosekriterien ausgesuchten kleinen Gruppe.<\/p>\n<p><i>Entspricht die gesetzliche Reform der Sicherungsverwahrung in Deutschland den Vorgaben des Europ&auml;ischen Gerichtshofs f&uuml;r Menschenrechte? Wo sehen Sie gegebenenfalls Nachbesserungsbedarf?<\/i><\/p>\n<p>Aus meiner Sicht ist die Sicherungsverwahrung abzuschaffen. Dann g&auml;be es auch nichts nachzubessern. Wenn man aber die Linie einer mit Konventionsrecht kompatiblen Sicherungsverwahrung verfolgen will, g&auml;be es beim aktuellen Stand immer noch gesetzlichen Handlungsbedarf. Beispielsweise geh&ouml;ren zumindest die nachtr&auml;gliche Sicherungsverwahrung und alle sp&auml;ter im Rahmen von Etikettenschwindel umgetauften Ma&szlig;nahmen, wie etwa das Therapieunterbringungsgesetz, aufgehoben. Die vorbehaltene Sicherungsverwahrung d&uuml;rfte ebenfalls nur schwer mit den Vorgaben aus Stra&szlig;burg vereinbar sein, denn der Vorbehalt im Urteil stellt letztlich nichts anderes dar als einen T&uuml;r&ouml;ffner, um dann doch neue Tatsachen aus der Vollzugszeit zur Anordnung der Sicherungsverwahrung heranzuziehen. Dann w&auml;re die Sicherungsverwahrung wiederum nicht aufgrund der Anlasstat im urspr&uuml;nglichen Urteil und der daraus vermeintlich resultierenden Gef&auml;hrlichkeit angeordnet, sondern faktisch nachtr&auml;glich. Daneben fehlen in den zahlreichen neuen L&auml;ndergesetzen zum Vollzug der Sicherungsverwahrung Regelungen, die den notwendigen Abstand zum Strafvollzug konsequent ausgestalten w&uuml;rden. Sicherungsverwahrte sind praktisch weit davon entfernt hinter Mauern so zu leben, wie es eine Angleichung an die Lebensverh&auml;ltnisse in Freiheit erlauben w&uuml;rde.<\/p>\n<p><i>Die zahlreichen Gerichtsentscheidungen zur Sicherungsverwahrung haben die &ouml;ffentliche Aufmerksamkeit f&uuml;r das Thema gesteigert. Hat sich aus Ihrer Sicht die Wahrnehmung von Sicherungsverwahrten in der Bundesrepublik in den letzten Jahren ge&auml;ndert und wenn ja, wie?<\/i><\/p>\n<p>W&auml;hrend die Fach&ouml;ffentlichkeit &#8211; auch &uuml;ber einen interessierten Kreis von Vollzugskritikern hinaus &#8211; das Thema inzwischen differenzierter diskutiert, ist die Wahrnehmung in der breiten &Ouml;ffentlichkeit und in den Medien nach wie vor von populistischen Scheinrealit&auml;ten gepr&auml;gt. Es herrscht die Vorstellung, Sicherungsverwahrte w&auml;ren allesamt unverbesserliche &#8222;Kindersch&auml;nder und M&ouml;rder&#8220;, die f&uuml;r immer weggesperrt werden m&uuml;ssten. Selbst Minimalstandards bei der Unterbringung werden als &#8222;Hotelvollzug&#8220; diffamiert; die Entscheidungen aus Stra&szlig;burg und Karlsruhe als notwendiges &Uuml;bel angesehen. Deswegen ist meines Erachtens &uuml;ber die Fach&ouml;ffentlichkeit hinaus Aufkl&auml;rungsarbeit wichtig. Nur so kann auch die &ouml;ffentliche Diskussion zu einer notwendigen weiteren Gesetzesreform beitragen.<\/p>\n<p><i>Herzlichen Dank f&uuml;r das Gespr&auml;ch!<\/i><\/p>\n<p>[1] CPT &#8211; Europ&auml;isches Komitee zur Verh&uuml;tung von Folter und unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe. Die Staatenberichte des CPT zu Deutschland sind abrufbar unter <a href=\"http:\/\/www.cpt.coe.int\/en\/states\/deu.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.cpt.coe.int\/en\/states\/deu.htm<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[139],"publikationen":[1083],"class_list":["post-10573","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-sven-lueders","publikationen-1083"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>&quot;Die Gerichte stellt die neue Rechtslage vor erhebliche Probleme&quot;. 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