{"id":10576,"date":"2004-09-20T14:30:00","date_gmt":"2004-09-20T12:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/in-der-geschichte-ist-nichts-fuer-immer\/"},"modified":"2004-09-20T12:00:00","modified_gmt":"2004-09-20T10:00:00","slug":"in-der-geschichte-ist-nichts-fuer-immer","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/167-vorgaenge\/publikation\/in-der-geschichte-ist-nichts-fuer-immer\/","title":{"rendered":"&#8222;In der Geschichte ist nichts f\u00fcr immer&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Herbert Marcuses Verh\u00e4ltnis zu den 68ern in einer vorz\u00fcglichen Edition.<\/p>\n<p>In: vorg\u00e4nge Nr. 167 (Heft 3\/2004 ), S. 117-118<\/p>\n<p><i>Als einflussreichster philosophischer Mentor der 68er-Bewegung gilt Herbert Marcuse. Er lieferte die Stichworte der Bewegung: &#132;repressive Gesellschaft&#148;, &#132;repressive Toleranz&#148; oder den &#132;eindimensionalen Menschen&#148;. Dem 1898 geborenen Philosophen war, darauf hat Axel Honneth j\u00fcngst erneut hingewiesen, im Gegensatz etwa zu Adorno ein Hang zur politischen Tat eigen (Honneth 2003: 497). Umso verdienstvoller ist es, dass im kleinen Verlag zuKlampen die Texte Marcuses zu politischen Ereignissen der 1960er und 1970er Jahre, speziell zur Studentenbewegung, als vierter Band seiner Nachgelassenen Schriften erscheint:<\/i><\/p>\n<p>Herbert Marcuse: Nachgelassene Schriften Band 4: Die Studentenbewegung und ihre Folgen, hg, von Peter-Erwin Jansen, eingel. von Wolfgang Kraushaar, aus dem Amerikanischen von Thomas Laugstien, zuKlampen: Springe 2004, 253 S., ISBN 3-924245-86-X; 24,- Euro<\/p>\n<p>Einige der Vortr\u00e4ge, Reden, Interviews und Briefe aus den Jahren 1961 bis zu Marcuses Tod 1979 liest man zum ersten Mal auf deutsch; jeweils kurz eingef\u00fchrt durch den Herausgeber, was den jeweiligen politischen Kontext verdeutlicht.<\/p>\n<p>Die tour d&#8217;horizon durch Marcuses politisches Denken beginnt, nach einem klugen<\/p>\n<p>Vorwort des Herausgebers Jansen und Kraushaars instruktiver Einleitung, mit Statements zu Kuba und zur Kuba-Krise 1961. Marcuse gestand Fidel Castro zu, in einer \u00dcbergangs-zeit w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkriegs die B\u00fcrger-rechte einschr\u00e4nken zu k\u00f6nnen &#151;auch wenn er klarstellte, dass eine solche Einschr\u00e4nkung sich generell nicht rechtfertigen l\u00e4sst. In einem sp\u00e4teren Text aus dem Jahr 1969 war es f\u00fcr Marcuse noch nicht entschieden, wohin Kuba sich bewegt. Sozialismus war Marcuses Fixpunkt; ob dieser jedoch in Kuba aufgebaut werde, blieb offen. &#132;Vielleicht&#148; lautete seine Diagnose, ebenso wie im Falle Chinas. Ein Grundzug aller Interventionen Marcuses wird bereits in diesem Kontext sichtbar: die alles \u00fcberw\u00f6lbende Kritik an der Politik der USA und am als &#132;aggressiv&#148; interpretierten Kapitalismus. So habe die USA Kuba selbstverschuldet in die Arme der Sowjetunion getrieben. Am Beispiel des amerikanischen Krieges in Indochina erneuerte Marcuse seine Kritik. In Vietnam k\u00e4mpfe der Sozialismus, so der Philosoph, der die undifferenzierte Kommunismuskritik wiederum der Kritik unterzieht. Es g\u00e4be viele Formen des Kommunismus, so sein oft geh\u00f6rtes Argument; diese m\u00fcssten &#132;mit dem Ziel einer freien Gesellschaft nicht allesamt unvereinbar sein&#148;. Mit allerlei Theorien versuchte er, der &#132;inneren Logik der amerikanischen Politik in Vietnam&#148; auf die Spur zu kommen: Seiner Triebtheorie mischte er die Theorie vom Monopolkapitalismus bei, wodurch der Systemgegensatz Sozialismus\/Kapitalismus deutlich werden sollte. Die Politik der Sowjetunion sei defensiv ausgerichtet. Selbst eine Volte hin zur Technikkritik fehlt an dieser Stelle nicht: Die Aggressivit\u00e4t des Kapitalismus k\u00e4me im &#132;technischen Repressionsapparat&#148; zum Ausdruck, Keimzelle f\u00fcr einen &#132;nicht-terroristischen Totalitarismus&#148; der \u00f6konomisch-technischen Gleichschaltung.<\/p>\n<p>Zu plausibleren Einsichten gelangte Marcuse angesichts des israelisch-pal\u00e4stinensischen Konflikts in den 1970er Jahren. Er pl\u00e4dierte f\u00fcr ein Existenzrecht Israels, wobei er einem j\u00fcdischen Auserw\u00e4hltheitsglauben scharf entgegen trat und diesen rassistisch nannte. Seine Sicht auf den Streit um Jerusalem ist hochaktuell und mutet geradezu vision\u00e4r an; in diesem Konflikt sah Marcuse eines der gr\u00f6\u00dften Hindernisse f\u00fcr einen Ausgleichsprozess mit den Pal\u00e4stinensern. F\u00fcr Marcuse war das, was den Pal\u00e4stinensern bei der Gr\u00fcndung des Staates Israel widerfuhr, &#132;Unrecht&#148;.<\/p>\n<p>Zwei politischen Aktivisten jener Jahre widmete er ausf\u00fchrlichere Einlassungen: Angela Davis und Rudi Dutschke. Vorbehaltlos stellte sich Marcuse hinter Davis, der bekannten schwarzen B\u00fcrgerrechtlerin und Aktivistin der amerikanischen Studentenbewegung: Sie sei das &#132;ideale Opfer&#148;, &#132;schwarz, politisch aktiv, Kommunistin, hochintelligent&#148; und s\u00e4he gut aus &#8211; und w\u00e4re damit f\u00fcr das &#132;System&#148; nicht zu &#132;tolerieren&#148;. Nach dem Freispruch von Angela Davis, die der Beihilfe an einer Gefangenenbefreiung dreier Mitglieder der Black Panther 1972 angeklagt war, kam es zu Verwicklungen: Sie unternahm eine Dankesreise zu den sie unterst\u00fctzenden Regierungen Osteuropas. Tschechische Dissidenten wandten sich scharf gegen Davis&#8216; freundliche Haltung gegen\u00fcber den \u00f6stlichen Diktaturen und baten Marcuse um Unterst\u00fctzung. Marcuses offener Brief an Davis fiel dem Autor schwer. Er diskutierte hier das zentrale Dilemma der westlichen Linken: die \u00f6ffentliche Distanzierung vom Stalinismus bei gleichzeitiger innenpolitischer Stellung gegen den Antikommunismus im eigenen Land. Marcuse l\u00f6ste dieses Problem, wie Wolfgang Kraushaar \u00fcberzeugend nachweist, durch eine klare Frontstellung gegen Nationalsozialismus\/Faschismus und Stalinismus.<\/p>\n<p>Den gr\u00f6\u00dften Raum in diesem Band nehmen Marcuses Stellungnahmen zu 1968 sowie sein Briefwechsel mit Dutschke ein. Marcuses Schriften blieben von Paradoxien durchzogen: Auf der einen Seite wollte er den &#132;Totalitarismus&#148; des wohlfahrtsstaatlich organisierten Kapitalismus entlarven, auf der anderen Seite vertrat er eine trieb theoretisch begr\u00fcndete Hoffnung auf Emanzipation. Insbesondere in der 68er-Bewegung sah er diese am Werk. Er ging so weit, sich in einem Brief an Dutschke mit dessen in rebus politicis zu identifizieren &#8211; f\u00fcr Adorno unvorstellbar. Allerdings \u00e4u\u00dferte er sich sp\u00e4ter kritisch zu den allerorten entstehenden K-Gruppen, in denen er Wiederg\u00e4nger &#132;bolschewistischer Kaderparteien&#148; ausmachte. Positiv bewertete Marcuse dagegen Frauengruppen und Kinderladenbewegung: Getreu seiner Randgruppentheorie erhoffte er sich von hier &#8211; und nicht von der klassischen Arbeiterbewegung &#8211; Emanzipation und eine Umw\u00e4lzung der Verh\u00e4ltnisse.<\/p>\n<p>Die einstigen Tr\u00e4ume blieben weitgehend unerf\u00fcllt. Einige der damaligen Rebellen gelangten an die Macht. Und um Marcuse wurde es still. Ein Klassiker der politischen Philosophie des 20. Jahrhunderts? Wie auch immer man das sehen mag: Seine Hinterlassenschaft, vorz\u00fcglich ediert, kann man nunmehr in Ruhe besichtigen.<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<p>Honneth, Axel 2003: Herbert Marcuse und die Frankfurter Schule; in: Leviathan, 31. Jg., Heft 4, S. 496-504<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1783],"publikationen":[1086],"class_list":["post-10576","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-sigrid-gaisreiter","publikationen-167-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>&quot;In der Geschichte ist nichts f\u00fcr immer&quot; - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/167-vorgaenge\/publikation\/in-der-geschichte-ist-nichts-fuer-immer\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"&quot;In der Geschichte ist nichts f\u00fcr immer&quot; - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Herbert Marcuses Verh\u00e4ltnis zu den 68ern in einer vorz\u00fcglichen Edition. 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