{"id":10730,"date":"2012-05-23T08:30:00","date_gmt":"2012-05-23T06:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/gesundheit-als-industrieprodukt-zur-einfuehrung-der-elektronischen-gesundheitskarte\/"},"modified":"2021-08-24T21:55:22","modified_gmt":"2021-08-24T19:55:22","slug":"gesundheit-als-industrieprodukt-zur-einfuehrung-der-elektronischen-gesundheitskarte","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2012\/publikation\/gesundheit-als-industrieprodukt-zur-einfuehrung-der-elektronischen-gesundheitskarte\/","title":{"rendered":"Gesundheit als Industrieprodukt? &#8211; Zur Einf\u00fchrung der elektronischen Gesundheitskarte"},"content":{"rendered":"<p>Grundrechte-Report 2012, Seite 44<\/p>\n<p>Seit 1. Oktober 2011 werden die ersten elektronischen Gesundheitskarten (eGK) ausgegeben, die nun ein Foto enthalten. Kritik und Protest hatte die Entwicklung der eGK begleitet, die bereits zum 1. Januar 2006 hatte eingef\u00fchrt werden sollen. Die \u00c4rztetage haben sich vier Mal in Folge gegen die Einf\u00fchrung der eGK ausgesprochen. Technische Probleme haben aber in erster Linie die Einf\u00fchrung verz\u00f6gert. Die Karte, die nun ausgegeben wird, leistet zun\u00e4chst dasselbe wie die bisherige Krankenversicherungskarte. Allerdings kostet diese Karte das Sechsfache, denn die Karte enth\u00e4lt einen Mikroprozessorchip, der die zuk\u00fcnftigen Anwendungen technisch erm\u00f6glichen wird und den Zugang zur Telematikinfrastruktur schafft. Die neuen &#8222;F\u00e4higkeiten&#8220; werden sukzessive ausgebaut werden &#8211; irgendwann werden dann die Gesundheitsdaten der Patienten auf zentralen Servern gespeichert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Den technischen Problemen in der Praxis stehen immer neue Ideen gegen\u00fcber, wof\u00fcr die Karte au\u00dferdem genutzt werden k\u00f6nnte. Neben Notfalldaten, die immer ausgedehnter interpretiert werden, k\u00f6nnten auch die Bereitschaft zur Organspende und die Patientenverf\u00fcgung mithilfe des Ausweises gespeichert werden. Auch eine Bezahlfunktion k\u00f6nnte die Karte erhalten. Schon lange ist die Rede von (kommerziellen) &#8222;Mehrwertdiensten&#8220;, die erm\u00f6glicht werden und das Interesse der Industrie wecken sollen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"umbau-des-gesundheitssystems\">Umbau des Gesund&shy;heits&shy;sys&shy;tems<\/span><\/h2>\n<p>Mit der &#8222;kleinen schlauen Karte&#8220; soll letztlich das Gesundheitssystem insgesamt umgestaltet werden. \u00d6konomische Interessen werden dominierend, das Arzt-Patienten-Verh\u00e4ltnis wird zunehmend davon bestimmt sein. \u00c4rzte und Patienten sollen kontrollierbar werden, vorgegebene Normierungen sollen die Behandlung bestimmen. Der einzelne Patient wird mit seinen individuellen Problemen nicht mehr im Zentrum der Behandlungsentscheidungen stehen k\u00f6nnen, \u00f6konomisches Kalk\u00fcl wird eine immer gr\u00f6\u00dfere Rolle spielen. Da das Vertrauensverh\u00e4ltnis zum Arzt, das Grundlage jedes Heilungsprozesses ist, angetastet wird, ist nicht nur die Verletzung des Grundrechts auf informationelle Selbstbestimmung zu bef\u00fcrchten, sondern auch die des Rechts auf k\u00f6rperliche Unversehrtheit. Angesichts von Datenlecks, rechtswidrigen Datensammlungen, gehackten Zug\u00e4ngen zu &#8222;sicheren&#8220; Datenbanken m\u00fcssen Zweifel an der technischen Sicherung von Gesundheitsdaten bestehen. Im Herbst 2011 wurde bekannt, dass die psychiatrischen Befunde und Gutachten, die von der Rendsburger Firma Rebus GmbH verwaltet werden, lange Zeit \u00f6ffentlich einsehbar waren. Die Firma sagt: &#8222;Wir haben keine Erkl\u00e4rung, wie das passieren konnte. Wir haben alles getan, diese vertraulichen Daten zu sichern.&#8220;<\/p>\n<p>Die Autonomie der Versicherten, wie auch die Vertrauensbeziehung zwischen \u00c4rzten und Patienten sind gef\u00e4hrdet. Die S\u00fcddeutsche Zeitung brachte es im Kommentar zur Einf\u00fchrung der eGK auf den plausiblen Nenner: &#8222;Die Heilkunde wird nach und nach den Fertigungsprozessen der Industrie angepasst.&#8220; Es wird so getan, als sei Gesundheit durch den technologisch- b\u00fcrokratischen Austausch von Daten und die industrielle Datenverarbeitung herstellbar, als bed\u00fcrfe sie nicht l\u00e4nger der Kommunikation zwischen Arzt und Patient.<\/p>\n<p>Schon im Grundrechte-Report 2007 berichtete Julia K\u00fchn kritisch \u00fcber die Einf\u00fchrung der eGK. In sieben Testregionen sollten in einer ersten Stufe Feldtests mit ca. 10.000, daran anschlie\u00dfend Tests mit ca. 100.000 Versicherten stattfinden. Inzwischen haben die 10.000er Tests gezeigt, dass der Einsatz der Karte vor allem Probleme mit sich bringt. Patientenannahme, Erstellung von Notfalldatendateien und \u00dcbermittlung von Rezeptdaten kosteten vor allem viel Zeit oder funktionierten gar nicht; Patienten und \u00c4rzte verga\u00dfen ihre PIN-Nummern oder gaben falsche ein; Karten wurden deshalb gesperrt. Schnell kam der Vorschlag, die Arztpraxen k\u00f6nnten die PIN-Nummern &#8211; die ja der Sicherheit, Kontrolle und &#8222;Autonomie&#8220; der Patienten dienen sollen\u00a0&#8211; der Patienten verwalten. Ungekl\u00e4rt blieb, wer die PIN-Nummern der \u00c4rzte verwalten k\u00f6nnte. Die schlechten Ergebnisse f\u00fchrten zu der Entscheidung, die vorgeschriebenen 100.000er Tests auszusetzen und stattdessen die Karten einzuf\u00fchren.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"heimliche-gesetzesaenderungen\">&bdquo;Heimliche&ldquo; Geset&shy;zes&shy;&auml;n&shy;de&shy;rungen<\/span><\/h2>\n<p>Angesichts der vielen Probleme erh\u00f6hte die Bundesregierung den Druck auf die Krankenkassen, die Karte einzuf\u00fchren. Die Privaten Krankenkassen hatten sich l\u00e4ngst aus dem Projekt verabschiedet. In kurzer Abfolge wurden in den Jahren 2010 und 2011 gesetzliche \u00c4nderungen eingef\u00fchrt:<\/p>\n<ul>\n<li>Im Juni 2010 erg\u00e4nzte der Bundestag w\u00e4hrend der abschlie\u00dfenden Lesung des &#8222;Gesetzes zur \u00c4nderung krankenversicherungsrechtlicher und anderer Vorschriften&#8220; die Pflichtfunktionen der eGK um das &#8222;Versichertenstammdatenmanagement&#8220;. Die \u00c4rzte sollen bei jedem ersten Besuch eines Patienten im Quartal online die auf der eGK gespeicherten Stammdaten mit der Krankenkasse abgleichen. Dies verlagert eine weitere Verwaltungsarbeit zu den Arztpraxen. Verr\u00e4terisch ist insbesondere, dass den \u00c4rzten die Ausstattung hierf\u00fcr nur erstattet werden soll, wenn zugleich das Praxisverwaltungssystem mit den Behandlungsdokumentationen ge\u00f6ffnet wird. Damit wird deren Speicherung auf zentralen Servern vorbereitet. Am 5. Dezember 2011 hat die gematik, die Gesellschaft f\u00fcr Telematikanwendungen der eGK,\u00a0 beschlossen, diese Anwendung wie auch die qualifizierte elektronische Signatur im Jahr 2012 einzuf\u00fchren.<\/li>\n<li>Im November 2010 f\u00fchrte der Bundestag im Rahmen des &#8222;GKV-Finanzierungsgesetzes&#8220; die Regelung ein, dass im Jahr 2012 jeder Krankenkasse, die bis Ende 2011 nicht mindestens 10 Prozent ihrer Versicherten mit der eGK ausgestattet hat, das Budget f\u00fcr Verwaltungsausgaben gegen\u00fcber dem von 2011 um 2 Prozent gek\u00fcrzt wird. Wiederum wurde die \u00c4nderung per \u00c4nderungsantrag zur abschlie\u00dfenden Lesung und ohne Diskussion eingef\u00fchrt. Der Druck auf die Krankenkassen f\u00fchrt indirekt zu einem entsprechenden Druck auf \u00c4rzte und Patienten.<\/li>\n<li>Im Januar 2011 wurde die Testverordnung ge\u00e4ndert. Von pr\u00e4zise definierten Teststufen ist jetzt nicht mehr die Rede, insbesondere nicht mehr von den bislang noch gar nicht gelaufenen &#8222;100.000er&#8220;-Tests. Es wird nur noch verlangt, dass die Anwendungen in realen &#8222;Versorgungsumgebungen (Feldtests)&#8220; erprobt werden sollen.<\/li>\n<li>Am 1. Dezember 2011 entschied der Deutsche Bundestag \u00fcber das GKV-Versorgungsstrukturgesetz, bei dem es eigentlich um \u00e4rztliche Honorare und Bedarfsplanung geht. Wiederum wurde nachtr\u00e4glich ein \u00c4nderungsantrag eingef\u00fcgt, der klammheimlich wiederum den Druck zur Einf\u00fchrung der eGK erh\u00f6ht: &#8222;Bei Krankenkassen, die bis zum 31. Dezember 2012 nicht an mindestens 70 Prozent ihrer Versicherten elektronische Gesundheitskarten nach \u00a7 291a Sozialgesetzbuch V (SGB V) ausgegeben haben, d\u00fcrfen sich die Verwaltungsausgaben im Jahr 2013 gegen\u00fcber dem Jahr 2012 nicht erh\u00f6hen.&#8220; (Drucksache 17\/8005)<\/li>\n<\/ul>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"datenschutz-per-freiwilligkeit\">Datenschutz per Freiwil&shy;lig&shy;keit?<\/span><\/h2>\n<p>Immer wieder wird behauptet, die informationelle Selbstbestimmung der Versicherten l\u00e4ge darin begr\u00fcndet, dass sie v\u00f6llig freiwillig \u00fcber die Datenspeicherung entscheiden k\u00f6nnten. Sie entscheiden, was der Arzt speichert und wem dies zug\u00e4nglich gemacht wird. Diese Argumentation \u00fcbersieht v\u00f6llig die Lage von Patienten und die Kommunikationssituation im Arzt-Patienten-Verh\u00e4ltnis. Ein Kranker hat andere Probleme, als sich dar\u00fcber Gedanken zu machen, welche Daten wo gespeichert werden und welche R\u00fcckschl\u00fcsse sie zulassen. Er ist vor allem auf ein Vertrauensverh\u00e4ltnis zu seinem Arzt angewiesen. In der Regel wird er der Empfehlung seines Arztes folgen. Der Arzt aber kann sich nicht auch noch die Zeit nehmen, Fragen des Datenschutzes mit seinem Patienten lange zu er\u00f6rtern und wird bei mehrmaligen Ver\u00e4nderungen der Entscheidung eher genervt sein m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Die gesamte teure Infrastruktur wird sich ohnehin nur auszahlen, wenn alle bei der Speicherung von Gesundheitsdaten mitmachen. Anreize werden geschaffen werden. Notfalls wird man die Versichertenrechte beschneiden.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h2>\n<p>Steven, Elke u.a.: Digitalisierte Patienten &#8211; verkaufte Krankheiten, hrsg. vom Komitee f\u00fcr Grundrechte und Demokratie, K\u00f6ln 2011<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[771,822],"autoren":[1683],"publikationen":[1026],"class_list":["post-10730","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gg-artikel-2","tag-grr-artikel","autoren-elke-steven","publikationen-1026"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Gesundheit als Industrieprodukt? - Zur Einf\u00fchrung der elektronischen Gesundheitskarte - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2012\/publikation\/gesundheit-als-industrieprodukt-zur-einfuehrung-der-elektronischen-gesundheitskarte\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Gesundheit als Industrieprodukt? - Zur Einf\u00fchrung der elektronischen Gesundheitskarte - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Grundrechte-Report 2012, Seite 44 Seit 1. 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