{"id":10756,"date":"2010-05-23T07:00:00","date_gmt":"2010-05-23T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/macht-der-gewohnheit-alltaeglicher-skandal-fixierungsmassnahmen-in-pflegeheimen\/"},"modified":"2021-08-30T15:40:48","modified_gmt":"2021-08-30T13:40:48","slug":"macht-der-gewohnheit-alltaeglicher-skandal-fixierungsmassnahmen-in-pflegeheimen","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2010\/publikation\/macht-der-gewohnheit-alltaeglicher-skandal-fixierungsmassnahmen-in-pflegeheimen\/","title":{"rendered":"Macht der Gewohnheit, allt\u00e4glicher Skandal? &#8211; Fixierungsma\u00dfnahmen in Pflegeheimen"},"content":{"rendered":"<p>Grundrechte-Report 2010, Seite 65<\/p>\n<p>14.11.2008: Ein Amtsrichter wird wegen Rechtsbeugung zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt, weil er ohne pers&ouml;nliche Anh&ouml;rung in 47 F&auml;llen bei alten Menschen im Pflegeheim das Anbringen von Bauchgurten und Bettgittern genehmigt hat. Die pers&ouml;nlichen Anh&ouml;rungen hatte er einfach &bdquo;erfunden&ldquo; und fiktive Anh&ouml;rungsvermerke in der Gerichtsakte niedergelegt. &Uuml;ber das Verhalten dieses Richters herrscht zu Recht gro&szlig;e Emp&ouml;rung. Dass es im beruflichen Alltag eines Betreuungsrichters regelhaft zu Genehmigungen freiheitsentziehender Ma&szlig;nahmen in Heimen kommt, l&ouml;st nicht einmal ansatzweise Verwunderung aus. Dabei ist die Fixierung Bestandteil des Alltags im Pflegeheim. Der Jurist Thomas Klie sch&auml;tzt nach Angaben des &bdquo;Vormundschaftsgerichtstag e.V.&ldquo; die Zahl der t&auml;glichen Fixierungen allein mit Bauchgurt auf 50.000 pro Tag deutschlandweit. Die Zeitschrift <i>Betreuungsrechtliche Praxis<\/i> ermittelte 80.000 gerichtlich genehmigte Fixierungen im Jahre 2007.<\/p>\n<p>Was ist der Skandal hinter dem Skandal? Zum einen das mangelnde Bewusstsein nicht nur in vielen Bereichen der deutschen Justiz, dass es hier um Eingriffe in elementare Freiheitsrechte der Betroffenen geht. Es muss die These formuliert werden, dass vielfach zwar formal die verfahrensm&auml;&szlig;igen Voraussetzungen f&uuml;r die Genehmigung einer unterbringungs&auml;hnlichen Ma&szlig;nahme erf&uuml;llt werden, dass aber die vor Ort t&auml;tigen Richterinnen und Richter &uuml;berfordert sind, die Problematik angemessen einzusch&auml;tzen. Zum anderen, dass es immer noch Defizite in der Pflege gibt, die eine Politik der Vermeidung von Fixierungen vielfach nicht kennt. Hinzu kommt ein Mangel in der Gesetzgebung: Der einschl&auml;gige &sect; 1906 Absatz 4 BGB, der festlegt, dass und unter welchen Voraussetzungen Fixierungsma&szlig;nahmen wie Bettgitter und Bauchgurt durch das Gericht zu genehmigen sind, erfordert als fachlich-inhaltliche Grundlage lediglich ein &auml;rztliches Attest; ein ausf&uuml;hrliches Gutachten ist vor einer Genehmigungsma&szlig;nahme nicht notwendig.<\/p>\n<p>Mit Einf&uuml;hrung des Betreuungsrechts 1992 sollte die Zahl von &bdquo;unterbringungs&auml;hnlichen Ma&szlig;nahmen&ldquo; unter Kontrolle gehalten und reduziert werden. Inwieweit dies gelungen ist, ist unter Experten streitig: Sind gestiegene Fallzahlen ein Hinweis darauf, dass einfach mehr und besser kontrolliert wird; werden die Fixierungen vermehrt angewandt oder gibt es am Ende viel mehr altersverwirrte Menschen in Heimen, in dem Bem&uuml;hen, die eigene Wohnung dem alten Menschen so lange wie m&ouml;glich zu erhalten?<\/p>\n<p>Bereits im Grundrechtereport 2002 ist Tobias Baur der Thematik &bdquo;Menschenunw&uuml;rdige Behandlung in Pflegeheimen&ldquo; nachgegangen. Das Thema ist nach wie vor aktuell. Immerhin sehen Bettgitter inzwischen nicht mehr so h&auml;sslich nach &bdquo;Absperrgittern&ldquo; aus, und es gibt viele Einrichtungen, die &#8211; berechtigterweise &#8211; stolz darauf sind, allenfalls in Ausnahmef&auml;llen Bewohnerinnen und Bewohner mit Bettgittern zu haben. Die Sensibilit&auml;t ist in Einzelbereichen enorm gestiegen, vielfach wird aber die gesetzliche Notwendigkeit, eine unterbringungs&auml;hnliche Ma&szlig;nahme gerichtlich &uuml;berpr&uuml;fen zu lassen, immer noch als l&auml;stig, unverst&auml;ndlich, ja geradezu l&auml;cherlich empfunden.<\/p>\n<p>Richtig ist, dass von alten Menschen im Pflegeheim subjektiv ein Bettgitter meist nicht als Einschr&auml;nkung wahrgenommen wird, mit Gurten im Bett verh&auml;lt es sich deutlich anders. Neben der Negierung von Freiheitsrechten f&uuml;r demente Menschen ist das Problem aber in den Risiken zu sehen, die Fixierungen mit sich bringen: Zum einen k&ouml;nnen Fixierungen, wie Studien im In- und Ausland immer wieder belegen, zu Todesf&auml;llen f&uuml;hren, beispielsweise kann es bei nicht fachgerechtem Anlegen von Gurten zu Strangulation und qualvollem Ersticken kommen. Dar&uuml;ber hinaus k&ouml;nnen soziale und Lebenskompetenzen verloren gehen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"zuwenig-zeit-und-information\">Zuwenig Zeit und Information<\/span><\/h2>\n<p>Was findet der Betreuungsrichter vor, wenn er &uuml;ber die Genehmigung von Bettgittern und Gurten entscheidet?<\/p>\n<p>H&auml;ufig fehlt es an Informationen zur pers&ouml;nlichen Vorgeschichte der Betroffenen, die aber erheblich sein k&ouml;nnen: So soll z.B. eine alte Dame Bettgitter erhalten, weil sie in der Mittagsruhe immer wieder aufsteht, wobei sie st&uuml;rzen k&ouml;nnte. Es stellt sich heraus, dass sie noch nie Mittagsschlaf halten mochte, das Heim will es aber so- f&uuml;r alle Bewohnerinnen und Bewohner. Nur wenige Einrichtungen sind in angemessener Weise in der Lage, biographische Pr&auml;gungen und Vorlieben, die eigentlich keine &bdquo;Besonderheiten&ldquo; darstellen, im Heimalltag zu ber&uuml;cksichtigen. Wer den Ablauf &bdquo;st&ouml;rt&ldquo;, bringt die knappe Zeit f&uuml;r die Pflege durcheinander. Ein individuelles Eingehen auf die Bewohnerinnen und Bewohner ist oft nicht m&ouml;glich oder im Tagesablauf nicht vorgesehen. Das kann im Einzelfall dazu f&uuml;hren, dass recht schnell nach Fixierungsma&szlig;nahmen gerufen wird.<\/p>\n<p>Ein weiteres und h&auml;ufiges Ph&auml;nomen: Medikation wird oft &uuml;ber Jahre weiter verabreicht &#8211; ohne &Uuml;berpr&uuml;fung der Dosierung und fachpsychiatrische Mitbetreuung. Und das, obwohl die Dosis gerade bei alten Menschen stark reguliert werden muss. Kaum jemand fragt dann mehr nach dem Zusammenhang zwischen fortschreitendem Abbau und &Uuml;berdosierung. Die Folge: Bettgitter statt Herunterfahren der Medikation. Fragen nach der Notwendigkeit einer Fixierungsma&szlig;nahme werden h&auml;ufig mit Unverst&auml;ndnis begegnet &bdquo;Wollen Sie, dass der alte Mensch sich verletzt?&ldquo; Schlie&szlig;lich ist das Sicherheitsdenken noch weit verbreitet: Lieber fixiert dahin zu sterben als dem Risiko eines Sturzes ausgesetzt zu sein, ist nicht unbedingt der Wunsch aller Betroffenen, die Verh&auml;ltnisse sind aber leider sehr oft so.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"was-kann-abhilfe-schaffen\">Was kann Abhilfe schaffen?<\/span><\/h2>\n<p>Es gibt bereits Lichtblicke und positive Entwicklungen: Neben gut gef&uuml;hrten Heimen gibt es &ouml;ffentlich gef&ouml;rderte Projekte wie &bdquo;Redufix&ldquo; und &bdquo;Pr&auml;Fix&ldquo;, die auf wissenschaftlicher Grundlage Schulungen f&uuml;r alle anbieten, die mit der Problematik zu tun haben und die einen selbstverst&auml;ndlichen Grundsatz mit Leben f&uuml;llen: Fixierungen d&uuml;rfen nur das allerletzte Mittel sein. Sie bieten Alternativen zu derartigen Ma&szlig;nahmen an (<a href=\"http:\/\/www.redufix.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.redufix.de<\/a>).&nbsp; Ebenso hilfreich ist es, die Rechte der Betroffenen im Betreuungsgerichtsverfahren zu st&auml;rken (&bdquo;Werdenfelser Weg&ldquo;), insbesondere durch kundige und engagierte Verfahrensvertreterinnen und -vertreter. Wichtig w&auml;re insbesondere aber eine Verbesserung der Pflegesituation, die ein menschenw&uuml;rdiges Pflegen und Betreuen alter Menschen erm&ouml;glicht. Dazu geh&ouml;ren eine Verbesserung des Personalschl&uuml;ssels, regelm&auml;&szlig;ige Fortbildung, Qualit&auml;tsmanagement und konsequente Heimaufsicht.&nbsp; Die Erkenntnisse von Projekten wie &bdquo;Redufix&ldquo; und &bdquo;Pr&auml;Fix&ldquo; sind zum unbedingten Standard in der Pflege zu erkl&auml;ren.<\/p>\n<p>Erforderlich w&auml;re weiter eine Verbesserung der Beratung von Angeh&ouml;rigen und gesetzlichen Betreuerinnen und Betreuern. Es muss eine Kultur der Ermutigung zu kritischem Hinterfragen von Fixierungen bestehen. Die Heimaussicht muss in der Lage sein, die Einhaltung gesetzlicher Vorschriften und pflegerischer Standards effektiv zu kontrollieren. Die rechtlichen Voraussetzungen sind zu ver&auml;ndern. Die Pflicht, alternative Methoden der Gefahrenabwehr zu pr&uuml;fen, muss ausdr&uuml;cklich ins Gesetz. Vor jeder gerichtlichen Genehmigung ist ein fachpsychiatrisches Gutachten einzuholen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h2>\n<p>Projektgruppe Redufix: Alternativen zu Fixierungsma&szlig;nahmen oder: Mit Recht fixiert? (Hannover) 2007<\/p>\n<p>Baur, Tobias,&nbsp;Menschenunw&uuml;rdige Behandlung in Pflegeheimen, in:&nbsp;Grundrechtereport 2002 S.71 ff.<\/p>\n<p>Hoffmann, Birgit\/Klie, Thomas, Freiheitsentziehende Ma&szlig;nahmen, Heidelberg 2004<\/p>\n<p>ReduFix &#8211; die Kampagne gegen Fixierung in der Pflege, Mitteilungen des Vereins Vormundschaftsgerichtstag e.V., Mai 2009<\/p>\n<p>Kirsch, Sebastian\/Wassermann, Josef, Eine Initiative zur Reduzierung von Fixierungsma&szlig;nahmen mit verfahrensrechtlichem Ansatz. &#8222;Der Werdenfelser Weg&#8220;, in: <i>Betreuungsrechtliche Praxis <\/i>2009, S.109 ff.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[771,822],"autoren":[1696],"publikationen":[1028],"class_list":["post-10756","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gg-artikel-2","tag-grr-artikel","autoren-ulrich-engelfried","publikationen-1028"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Macht der Gewohnheit, allt\u00e4glicher Skandal? - Fixierungsma\u00dfnahmen in Pflegeheimen - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2010\/publikation\/macht-der-gewohnheit-alltaeglicher-skandal-fixierungsmassnahmen-in-pflegeheimen\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Macht der Gewohnheit, allt\u00e4glicher Skandal? - Fixierungsma\u00dfnahmen in Pflegeheimen - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Grundrechte-Report 2010, Seite 65 14.11.2008: Ein Amtsrichter wird wegen Rechtsbeugung zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt, weil er ohne pers&ouml;nliche Anh&ouml;rung in 47 F&auml;llen bei alten Menschen im Pflegeheim das Anbringen von Bauchgurten und Bettgittern genehmigt hat. 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