{"id":10757,"date":"2010-05-23T06:50:00","date_gmt":"2010-05-23T04:50:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/gefaehrliche-polizeiwaffe-staehlerner-teleskopschlagstock-mit-durchschlagender-wirkung\/"},"modified":"2021-08-30T15:40:48","modified_gmt":"2021-08-30T13:40:48","slug":"gefaehrliche-polizeiwaffe-staehlerner-teleskopschlagstock-mit-durchschlagender-wirkung","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2010\/publikation\/gefaehrliche-polizeiwaffe-staehlerner-teleskopschlagstock-mit-durchschlagender-wirkung\/","title":{"rendered":"Gef\u00e4hrliche Polizeiwaffe &#8211; St\u00e4hlerner Teleskopschlagstock mit durchschlagender Wirkung"},"content":{"rendered":"<p>Grundrechte-Report 2010, Seite 69<\/p>\n<p>Die Bundespolizei, der Zoll sowie vier Bundesl&auml;nder haben jeweils landesweit eine neue und &bdquo;moderne&ldquo; Polizeischlagwaffe f&uuml;r den t&auml;glichen Dienst und f&uuml;r Demonstrationseins&auml;tze eingef&uuml;hrt: das SPD-regierte Rheinland-Pfalz (2006), das rot-gr&uuml;ne Bremen (ab 2008), das schwarz-gr&uuml;ne Hamburg (ab 2009) und das schwarzgelb regierte Baden-W&uuml;rttemberg (ab 2009). Weitere Bundesl&auml;nder sollen folgen.<\/p>\n<p>Es handelt sich dabei um einen Teleskopschlagstock aus Stahl mit der amtlichen Bezeichnung EKA f&uuml;r &bdquo;Einsatzschlagstock &#8211; kurz&nbsp;&#8211; ausziehbar&ldquo;. Er ist im Ruhezustand etwa 20 Zentimeter kurz und kann bequem, auch verdeckt, in einem Holster am G&uuml;rtel getragen werden. Im Einsatzfall kann ihn der Anwender unbemerkt ausziehen oder aber durch eine Schlagbewegung aus dem Handgelenk blitzartig und fast ger&auml;uschlos auf etwa 50 Zentimeter ausfahren. Kosten: ab 120 Euro pro St&uuml;ck.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"gebrauchsanleitung-dokumentiert-gefaehrlichkeit\">Gebrauchs&shy;an&shy;lei&shy;tung dokumen&shy;tiert Gef&auml;hr&shy;lich&shy;keit<\/span><\/h2>\n<p>Der gute alte, aber sperrige &bdquo;Gummikn&uuml;ppel&ldquo; hat offenbar ausgedient und ist reif f&uuml;rs Polizeimuseum. Viele Polizisten bezeichnen ihn als unhandlich und h&auml;ufig wirkungslos, wenn es darum geht, einen St&ouml;rer angriffsunf&auml;hig zu machen. Nicht selten trafen die Schl&auml;ge auf Gelenke, Wirbel, Nieren oder auch K&ouml;pfe von Delinquenten und Demonstranten, was mitunter zu starken Verletzungen f&uuml;hrte.<\/p>\n<p>Der neue Teleskopschlagstock d&uuml;rfte tats&auml;chlich nicht nur handlicher sein, sondern auch weit effektiver &#8211; aber h&ouml;chst wahrscheinlich auch gef&auml;hrlicher, denn er ist weder nachgiebig wie Hartgummi noch hat er eine Sollbruchstelle wie Holzkn&uuml;ppel. Er ist aus &bdquo;Verg&uuml;tungsstahl hoher Festigkeit&ldquo; (Werbung: &bdquo;hohe Belastbarkeit&ldquo;) und hat ein Gewicht von &uuml;ber einem halben Kilogramm &#8211; eine Kombination, die zu schweren, ja lebensgef&auml;hrlichen Verletzungen f&uuml;hren kann. Damit lasse sich m&uuml;helos eine Kokosnuss zertr&uuml;mmern, schreibt die <i>Deutsche Polizei<\/i> (2\/07, S. 25), das Fachblatt der Gewerkschaft der Polizei, beeindruckt &#8211; also auch ein menschlicher Sch&auml;del.<\/p>\n<p>Mit dem neuen Stahlkn&uuml;ppel soll die L&uuml;cke zwischen Reizgas\/Pfefferspray und Schusswaffe geschlossen und der Mehrzweckeinsatzstock (MES) erg&auml;nzt werden. In einigen L&auml;ndern verf&uuml;gen geschlossenen Einheiten wie Mobile Einsatzkommandos oder Beweissicherungs- und Festnahmeeinheiten der Bereitschaftspolizei bereits &uuml;ber den asiatischen Kampfstock &bdquo;Tonfa&ldquo; &#8211; in Fachkreisen auch &bdquo;Knochenbrecher&ldquo; genannt; sein Einsatz hat bereits zu schweren Verletzungen gef&uuml;hrt. Au&szlig;erdem verwenden Spezialeinsatzkommandos in mehreren Bundesl&auml;ndern eine andere angeblich nichtt&ouml;dliche Waffe: den &bdquo;Taser&ldquo;, eine Spezialpistole, die Metalldr&auml;hte mit Elektroden und Widerhaken verschie&szlig;t und damit der getroffenen Person schmerzhafte und gef&auml;hrliche Elektroschocks mit bis zu 50.000 Volt verpasst, um sie au&szlig;er Gefecht zu setzen. Wegen der immensen Gesundheitsrisiken und zahlreicher Todesf&auml;lle in anderen Staaten warnt Amnesty International vor dieser Waffe und fordert, deren Gebrauch auszusetzen.<\/p>\n<p>F&uuml;r den t&auml;glichen Polizeieinsatz wird nun der EKA-Teleskopstock eingef&uuml;hrt &#8211; steigende Jugendkriminalit&auml;t und zunehmende Gewaltbereitschaft gegen&uuml;ber Polizisten, so die Polizeif&uuml;hrungen, machten dies notwendig. Dabei wirke der EKA am G&uuml;rtel keinesfalls aggressiv, erzeuge aber im Moment des schnellen Ausfahrens durch einfachen Handgelenksschwung eine &bdquo;beeindruckende und damit abschreckende Wirkung&ldquo;, schw&auml;rmt die <i>Deutsche Polizei<\/i> (2\/2007, S. 25).<\/p>\n<p>Diese Waffe sei weit wirkungsvoller als der alte Gummikn&uuml;ppel &#8211; schon ein Schlag auf den Oberarm mache den Angreifer angriffs- und kampfunf&auml;hig, so dass man nicht mehrmals nachschlagen m&uuml;sse. Knochen- und Gelenkbr&uuml;che sind dabei nicht auszuschlie&szlig;en. Schl&auml;ge und St&ouml;&szlig;e gegen Angreifer sollten zwar vorzugsweise &#8211; so hei&szlig;t es in einer &bdquo;Gebrauchsanweisung&ldquo; eines Herstellers (Bonowi) &#8211; gegen die gro&szlig;en Muskelgruppen gef&uuml;hrt werden. Schl&auml;ge in Richtung Kopf seien nur in Notwehrsituationen zul&auml;ssig, auf das Lymph- und Nervengeflecht d&uuml;rfe mit dem Stock nur geschlagen, nie gestochen werden, das Schlagen und Stechen auf Kopf, Wirbel und Genitalien sei zu unterlassen. Dagegen seien freiliegende Knochen und Gelenke bei einem bewaffneten Gegen&uuml;ber zul&auml;ssige Ziele und die Oberfl&auml;chenmuskulatur am gesamten K&ouml;rper eine zu bevorzugende Angriffsfl&auml;che. Trotz dieser Vorgaben erfordere der EKA nach Angaben des Herstellers &bdquo;kein oder nur sehr geringes Training&ldquo;. Er sei &bdquo;sofort und ohne Vorkenntnisse einsetzbar.&ldquo; Da bleibt nur zu hoffen, dass sich die Polizisten wenigstens in Grundz&uuml;gen mit der menschlichen Anatomie auskennen &#8211; und sich auch im &bdquo;Eifer des Gefechts&ldquo; nicht vertun.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"einfuehrung-ohne-unabhaengige-folgenabschaetzung\">Einf&uuml;hrung ohne unabh&auml;ngige Folge&shy;n&shy;ab&shy;sch&auml;t&shy;zung<\/span><\/h2>\n<p>Seit 2009 wird die Bremer Polizei f&uuml;r den Streifen- und Zivilen Einsatzdienst mit dem EKA ausger&uuml;stet. So beschloss es die Mehrheit der Innendeputation &#8211; bei nur einer Gegenstimme von der Linksfraktion. Diese Entscheidung ist hochproblematisch, weil sie ohne ausreichende Informationsgrundlage erfolgte: Die Verletzungsrisiken im Vergleich zu herk&ouml;mmlichen Schlagst&ouml;cken sind bis heute nicht wirklich erforscht &#8211; weder die Gefahr von Knochenbr&uuml;chen, Schulter-Kopf-, Gelenks- und R&uuml;ckgrat-Verletzungen noch die Gefahr t&ouml;dlicher Folgen. Kein unabh&auml;ngiger Sachverst&auml;ndiger ist zuvor &uuml;ber Beschaffenheit, Handhabung und Wirkungen des EKA geh&ouml;rt worden &#8211; trotz des Antrags eines Deputierten.<\/p>\n<p>Der sechsmonatige Probelauf, an dem 93 Polizeibeamte beteiligt waren, erbrachte nach nur sechs Vorf&auml;llen kaum praktische Erkenntnisse &#8211; nur dass allein das Ziehen der Stahlkn&uuml;ppel auf potentielle St&ouml;rer abschreckend wirke. Die Beurteilung des EKA und des Probelaufs erfolgte allein aus Sicht der Hersteller, Anwender und ihrer Dienstherren. F&uuml;rsorgepflicht, effektive Eigensicherung, Praktikabilit&auml;t und hohe Akzeptanz bei der Polizei sind die Stichworte, mit denen diese Nachr&uuml;stung im Wesentlichen begr&uuml;ndet wird.<\/p>\n<p>Doch im regul&auml;ren Polizeialltag kann sich die Gef&auml;hrlichkeit des EKA f&uuml;r Betroffene rasch erweisen, was auch die amtliche Handlungsanleitung der Bremer Polizei belegt (S. 4): &bdquo;Zur Vermeidung gef&auml;hrlicher K&ouml;rperverletzungen&ldquo; d&uuml;rften Schl&auml;ge gegen Personen nicht &bdquo;oberhalb der Schultern&ldquo; und damit insbesondere nicht gegen den Kopf erfolgen. Doch wie rasch ist eine solche &bdquo;zwingende Handlungseinschr&auml;nkung&ldquo; im Alltag vergessen &#8211; zumal in un&uuml;bersichtlichen Lagen wie etwa bei Demo-Eins&auml;tzen. Allein die bundesweiten Erfahrungen mit dem alten Gummikn&uuml;ppel lassen B&ouml;ses ahnen.<\/p>\n<p>Die Bremer Polizisten werden f&uuml;nf Stunden lang rechtlich und praktisch eingewiesen und an der Waffe ausgebildet. Dabei soll in erster Linie das &bdquo;Vertrauen&ldquo; der Beamten &bdquo;in die Effektivit&auml;t und Sicherheit des Einsatzmittels&ldquo; gest&auml;rkt werden. Das Training soll verhindern, dass der polizeiliche Hieb &bdquo;im Handgelenk der Schlaghand&ldquo; schmerzt und gleichzeitig garantieren, dass sich dennoch &bdquo;die gew&uuml;nschte Wirkung beim Gegen&uuml;ber entfaltet&ldquo; (alle Zitate aus: Handlungsanleitung der Bremer Schutzpolizei, S. 4).<\/p>\n<p>Bei dieser eher einseitigen Unterweisung ger&auml;t leicht aus dem Blick, dass es sich letztlich um eine gef&auml;hrliche Schlagwaffe mit neuer Qualit&auml;t f&uuml;r den Polizeialltag handelt, die beim Einsatz gegen Personen zu schweren und schwersten Verletzungen f&uuml;hren kann. Sie widerspricht deshalb gerade f&uuml;r den Einsatz im Polizeialltag und bei <br \/>Demonstrationen dem Grundsatz der Verh&auml;ltnism&auml;&szlig;igkeit.<br \/>Konsequenterweise m&uuml;sste sie deshalb dort, wo sie bereits eingef&uuml;hrt <br \/>wurde, schnellstens wieder ausgemustert werden und f&uuml;r andere <br \/>Bundesl&auml;nder schlichtweg tabu sein.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h2>\n<p>Bonowi, EKA &#8211; Einsatzstock kurz-ausziehbar, Multiplikatoren-Einweisung, Mainz 2005 (<a href=\"http:\/\/www.bonowi.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.bonowi.de<\/a>)<\/p>\n<p>Oehling, EKA &#8211; neuer Einsatzstock bei der Polizei, in: Deutsche Polizei 2\/2007, S. 25<\/p>\n<p>Polizei Bremen\/Direktion Schutzpolizei, Handlungsanleitung f&uuml;r den Probelauf des Einsatzstocks &#8211; kurz, ausziehbar (EKA), Bremen 2007\/2008<\/p>\n<p>Technische Richtlinie: Einsatzst&ouml;cke, kurz und lang, Polizeitechnisches Institut der Polizei-F&uuml;hrungsakademie, M&uuml;nster 2006<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[771,822],"autoren":[171],"publikationen":[1028],"class_list":["post-10757","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gg-artikel-2","tag-grr-artikel","autoren-rolf-goessner","publikationen-1028"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Gef\u00e4hrliche Polizeiwaffe - St\u00e4hlerner Teleskopschlagstock mit durchschlagender Wirkung - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2010\/publikation\/gefaehrliche-polizeiwaffe-staehlerner-teleskopschlagstock-mit-durchschlagender-wirkung\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Gef\u00e4hrliche Polizeiwaffe - St\u00e4hlerner Teleskopschlagstock mit durchschlagender Wirkung - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Grundrechte-Report 2010, Seite 69 Die Bundespolizei, der Zoll sowie vier Bundesl&auml;nder haben jeweils landesweit eine neue und &bdquo;moderne&ldquo; Polizeischlagwaffe f&uuml;r den t&auml;glichen Dienst und f&uuml;r Demonstrationseins&auml;tze eingef&uuml;hrt: das SPD-regierte Rheinland-Pfalz (2006), das rot-gr&uuml;ne Bremen (ab 2008), das schwarz-gr&uuml;ne Hamburg (ab 2009) und das schwarzgelb regierte Baden-W&uuml;rttemberg (ab 2009). 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