{"id":10760,"date":"2009-05-23T07:30:00","date_gmt":"2009-05-23T05:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/grenzenloser-datenverkehr-in-der-eu\/"},"modified":"2021-08-30T15:40:34","modified_gmt":"2021-08-30T13:40:34","slug":"grenzenloser-datenverkehr-in-der-eu","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2009\/publikation\/grenzenloser-datenverkehr-in-der-eu\/","title":{"rendered":"Grenzenloser Datenverkehr in der EU"},"content":{"rendered":"<p>Grundrechte-Report 2009, Seite 44<\/p>\n<p>Die Entwicklung der letzten zehn Jahren zeigen, dass der Datenaustausch innerhalb der Europ&auml;ischen Union vor keinen staatlichen Grenzen mehr halt macht. Mit dem stetigen Ausbau europ&auml;ischer Gro&szlig;datenbanken durch die europ&auml;ischen Regierungen und Sicherheitsbeh&ouml;rden wird der Schutz der Privatsph&auml;re von 490 Millionen Europ&auml;ern immer mehr zur Disposition gestellt. Die j&uuml;ngsten Beschl&uuml;sse auf EU-Ebene zum Ausbau des Schengener Informationssystem (SIS II) und dem neuen Visa-Informationssystems (VIS) schaffen Speicherkapazit&auml;ten f&uuml;r 100 bzw. 70 Millionen Eintr&auml;ge pers&ouml;nlicher Daten.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"zusammenarbeit-bei-schengen-visa-und-asyl\">Zusam&shy;me&shy;n&shy;a&shy;r&shy;beit bei Schengen, Visa und Asyl<\/span><\/h2>\n<p>Die erste Generation des Schengener Informationssystems (SIS) soll seit M&auml;rz 1995 den Wegfall der Grenzkontrollen kompensieren, indem es bei Polizeikontrollen auch abseits der Grenzen erlaubt, online zu &uuml;berpr&uuml;fen, ob eine Person das Recht zur Einreise besitzt oder polizeilich gesucht wird. In das SIS werden bis heute zu 90% der insgesamt 22 Millionen personenbezogenen Eintr&auml;ge insbesondere Personen aufgenommen, denen die Einreise in die aus 13 EU-Mitgliedern sowie Island und Norwegen bestehenden Schengenstaaten verwehrt werden soll. Des Weiteren finden sich dort auch polizeiliche Fahndungsdaten. Die Einf&uuml;hrung des SIS II erm&ouml;glicht k&uuml;nftig nicht nur die Erfassung gr&ouml;&szlig;erer Datenmengen, sondern auch die Ausweitung des personenbezogenen Datensatzes um biometrische Merkmale, also digital gespeicherte Gesichtsz&uuml;ge und Fingerabdr&uuml;cke.<\/p>\n<p>Die hinter dem SIS stehende Absicht, ausgew&auml;hlten Personen die Einreise nach Europa verweigern zu k&ouml;nnen, verfolgt auch das Visa-Informationssystem (VIS). Wenn das VIS im Jahr 2009 ans Netz geht, wird es nicht nur Grenzbeh&ouml;rden bei der Abwicklung und &Uuml;berpr&uuml;fung von Einreiseberechtigungen helfen, sondern auch weiteren, von den EU-Mitgliedstaaten noch nicht benannten Stellen, Datenzugriff gew&auml;hren. Bei der Antragstellung werden bis zu f&uuml;nf Jahre lang alle antragsrelevanten Daten gespeichert, inklusive der biometrischen Erfassung von Gesichtsz&uuml;gen und Fingerabdr&uuml;cken des Betroffenen sowie Angaben zu Personen, die ihn eingeladen haben oder f&uuml;r seine Aufenthaltskosten b&uuml;rgen. Nach der urspr&uuml;nglichen Beschlussvorlage soll das VIS auf diese Weise zur Bek&auml;mpfung von Gefahren f&uuml;r die innere Sicherheit beitragen. Offene Worte, die klarstellen, dass visumpflichtige Ausl&auml;nder in den europ&auml;ischen Innenministerien mittlerweile als potenzielle Bedrohung wahrgenommen werden.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"eurodac\">Eurodac<\/span><\/h2>\n<p>Zur Umsetzung der Dublin II-Verordnung, welche bestimmt, dass f&uuml;r einen Asylantrag eines Fl&uuml;chtlings immer nur ein Staat zust&auml;ndig ist, wurde 2003 die Eurodac-Datenbank mit pers&ouml;nlichen Angaben und biometrischen Merkmalen von Asylantragstellern eingef&uuml;hrt. Schon in den Jahren 2003 bis 2005 hat das System die Datens&auml;tze von 657.753 Antragstellern verarbeitet. Auch Informationen &uuml;ber Immigranten, die w&auml;hrend eines illegalen Aufenthalts bzw. Grenz&uuml;bertritts in einen Mitgliedstaat aufgegriffen wurden, werden mit Eintr&auml;gen in Eurodac abgeglichen und gespeichert (2003 bis 2005: 48.657 Datens&auml;tze). In den 27 EU-Staaten sowie Island, Norwegen und der Schweiz haben zwar bisher ausschlie&szlig;lich Asylbeh&ouml;rden Zugriff auf die Daten. Zudem wird Eurodac vom Europ&auml;ischen Datenschutzbeauftragten beaufsichtigt. Sorgen um den Datenschutz sind dennoch angebracht, weil die EU-Kommission und die deutsche Ratspr&auml;sidentschaft 2007 Reformen anstie&szlig;en, um Ermittlungsbeh&ouml;rden zur Strafverfolgung k&uuml;nftig den Zugriff auf Eurodac zu erm&ouml;glichen. Womit sich wieder einmal erweist, dass sich Datenansammlungen faktisch nicht an einen Zweck binden lassen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"europol\">Europol<\/span><\/h2>\n<p>Zugriff auf SIS II, VIS und voraussichtlich Eurodac wird es k&uuml;nftig nicht nur f&uuml;r nationale Sicherheitsorgane geben, sondern auch f&uuml;r die Europ&auml;ische Polizeibeh&ouml;rde (Europol). Europol ist beauftragt, durch das Sammeln, den Austausch und die Analyse von Informationen zur Pr&auml;vention und Aufkl&auml;rung von Straftaten mit grenz&uuml;berschreitendem Bezug beizutragen. Die Europol-Dateien betreffen nicht nur Tatverd&auml;chtige. Gespeichert werden auch Daten von Zeugen, Opfern und anderen Personen, die im Zusammenhang mit polizeilichen Ermittlungen stehen. Der Europol-Jahresbericht 2007 zeugte zuletzt von reger Kommunikation: 260.000 Mitteilungen sendeten nationale Polizeibeh&ouml;rden an Europol, darunter 7.618 neu aufgenommene F&auml;lle mit insgesamt &uuml;ber 60.000 Einzelinformationen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"neue-dimensionen\">Neue Dimensionen<\/span><\/h2>\n<p>Europaweiter Datentransfer muss aber nicht &uuml;ber zentrale Instanzen funktionieren. Vielmehr droht durch den von der EU-Kommission vorgeschlagenen Rahmenbeschluss zum sogenannten Verf&uuml;gbarkeitsgrundsatz eine neue Dimension des europ&auml;ischen Datenaustauschs. Gegenstand dieser neuen Konzeption ist die Zug&auml;nglichkeit von Informationen, d. h. die Strafverfolgungsbeh&ouml;rden in einem Mitgliedstaat, die &uuml;ber diese Informationen verf&uuml;gen, machen diese den zust&auml;ndigen Beh&ouml;rden in einem anderen Mitgliedstaat zur Verh&uuml;tung, Aufdeckung und Untersuchung von Straftaten zug&auml;nglich.<br \/>Die von der EU- Kommission vorgelegten Pl&auml;ne zum Verf&uuml;gbarkeitsgrundsatz sehen sogar eine Angleichung der Speichertechnik und den automatischen Zugriff nationaler Beh&ouml;rden auf Datens&auml;tze in anderen Mitgliedstaaten vor. Bisher scheiterte der Vorsto&szlig; in solche eine neue Dimension der Verf&uuml;gbarkeit allerdings an der Angst der Mitgliedstaaten vor einem h&ouml;heren Datenschutzniveau: Der 2005 zwischen Deutschland und sechs weiteren EU-Staaten geschlossene Pr&uuml;mer Vertrag ist mit weniger technischem Aufwand und auch mit einem geringerem Datenschutzniveau verbunden. Seine Datenschutzanforderungen berufen sich auf eine mehr als 25 Jahre alte Datenschutzkonvention des Europarats. Mit dem Konzept der Verf&uuml;gbarkeit k&ouml;nnten die Mitgliedstaaten nicht mehr umhin, ein anspruchsvolleres Datenschutzniveau f&uuml;r ihre nationalen Sicherheitsbeh&ouml;rden zu vereinbaren. Dazu wird es bis auf Weiteres wohl kaum kommen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"informationelle-selbstbestimmung\">Infor&shy;ma&shy;ti&shy;o&shy;nelle Selbst&shy;be&shy;stim&shy;mung?<\/span><\/h2>\n<p>Pl&auml;ne f&uuml;r eine neue Datenschutzregelung, die den Informationsaustausch f&uuml;r Polizei und Justiz in der EU bestimmt, werden seit Jahren blockiert. Ebenso die Forderungen nach besseren Kontrollen. Auch die EU-Grundrechte-Charta, die ein Grundrecht auf den Schutz pers&ouml;nlicher Daten beinhaltet, besitzt noch keine Verbindlichkeit. Dabei stellt das deutsche Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung klare Anforderungen an Beh&ouml;rden, die personenbezogenen Daten erfassen oder verarbeiten. Doch wie sollen etwa die Datensparsamkeit, die Zweckbindung erhobener Daten, die Information Betroffener und der Rechtsschutz verwirklicht werden, wenn bei Ansammlung und Austausch von Daten eine un&uuml;berschaubare F&uuml;lle von Beh&ouml;rden mitwirkt?<\/p>\n<p>Aus der Sicht der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger ist die &Uuml;bermittlung personenbezogener Daten ins Ausland nur bei einem Datenschutzniveau, das dem deutschen Grundrecht vergleichbar ist, ertr&auml;glich. Angesichts der Entwicklung scheinbar unz&auml;hmbarer Datenansammlungen erscheint jede &Uuml;bermittlung personenbezogener Daten an oder &uuml;ber die EU als eine weitere Erosion des Rechts auf informationelle Selbstbestimmung.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h2>\n<p>Geyer, Florian, Taking Stock. Databases and Systems of Information Exchange in the Area of Freedom, Security and Justice. Forschungsprojekt &ldquo;Challenge Liberty and Security&rdquo;. Mai 2008. <a href=\"http:\/\/www.libertysecurity.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.libertysecurity.org<\/a><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[771,822],"autoren":[169],"publikationen":[1029],"class_list":["post-10760","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gg-artikel-2","tag-grr-artikel","autoren-bjoern-schreinermacher","publikationen-1029"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Grenzenloser Datenverkehr in der EU - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2009\/publikation\/grenzenloser-datenverkehr-in-der-eu\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Grenzenloser Datenverkehr in der EU - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Grundrechte-Report 2009, Seite 44 Die Entwicklung der letzten zehn Jahren zeigen, dass der Datenaustausch innerhalb der Europ&auml;ischen Union vor keinen staatlichen Grenzen mehr halt macht. 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