{"id":10774,"date":"2008-05-23T06:00:00","date_gmt":"2008-05-23T04:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/wer-sein-privatleben-schuetzen-will-ist-verdaechtig-zum-129a-stgb-verfahren-gegen-andrej-holm-und\/"},"modified":"2021-08-30T15:40:15","modified_gmt":"2021-08-30T13:40:15","slug":"wer-sein-privatleben-schuetzen-will-ist-verdaechtig-zum-129a-stgb-verfahren-gegen-andrej-holm-und","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2008\/publikation\/wer-sein-privatleben-schuetzen-will-ist-verdaechtig-zum-129a-stgb-verfahren-gegen-andrej-holm-und\/","title":{"rendered":"Wer sein Privatleben sch\u00fctzen will, ist verd\u00e4chtig &#8211; Zum \u00a7 129a-StGB-Verfahren gegen Andrej Holm und andere"},"content":{"rendered":"<p>Grundrechte-Report 2008, Seite 42<\/p>\n<p>Das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung umfasst die Befugnis des Einzelnen, selbst zu entscheiden, wann und wem er zu welchem Zweck personenbezogene Daten offenbart. Ausfluss dieses Rechts sind beispielsweise die vielf&auml;ltigen datenschutzrechtlichen Regelungen, die vorschreiben, unter welchen Voraussetzungen personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden k&ouml;nnen. Individueller Datenschutz kann aber auch bedeuten, sich und seine Daten dadurch zu sch&uuml;tzen, dass man vermeidet, &uuml;berhaupt Datenspuren und Informationen zu hinterlassen. In Zeiten von Internet-Diensten, die jederzeit den Standort eines x-beliebigen Mobilfunkger&auml;tes anzeigen k&ouml;nnen, von Hacker-Angriffen auf Computer-Netzwerke, von Firmen, die mit der Weitergabe von Kundendaten Geld verdienen, und den vielf&auml;ltigen Formen des Daten-Phishings sind Daten vermeidende und Daten sch&uuml;tzende Verhaltensweisen dringend notwendig. Viele Menschen nutzen daher Verschl&uuml;sselungssoftware f&uuml;r ihren Email-Verkehr. Der Einsatz von Anonymisierungsdiensten erm&ouml;glicht es dar&uuml;ber hinaus, sich unerkannt durch das Internet zu bewegen. Das Erstellen von Kundenprofilen kann dadurch vermieden werden, dass an der Kasse mit Bargeld statt mit Karte bezahlt wird.<\/p>\n<p>Problematisch wird es hingegen dann, wenn der (unberechtigte) Zugriff auf die pers&ouml;nlichen Daten nicht durch Private, sondern durch staatliche Organisationen erfolgt &#8211; zumal der Staat hierbei vermehrt anlassunabh&auml;ngig vorgeht: Mit der Gesundheitskarte, auf der Daten &uuml;ber die pers&ouml;nliche Krankheitsgeschichte gespeichert werden sollen; mit der Vorratsspeicherung von Telekommunikationsdaten, die es jederzeit erm&ouml;glicht, umfassende Pers&ouml;nlichkeitsprofile &uuml;ber die Betroffenen erstellen zu lassen; oder mit der biometrischen Kennung in Reisep&auml;ssen. Vor diesem Hintergrund scheint es verst&auml;ndlich, wenn Menschen selber dar&uuml;ber bestimmen wollen, ob und wenn ja, wem man wann welche pers&ouml;nlichen Informationen gegen&uuml;ber bekannt gibt.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"datenschutz-wird-zur-konspiration\">Datenschutz wird zur Konspi&shy;ra&shy;tion<\/span><\/h2>\n<p>In den in Berlin gef&uuml;hrten Verfahren gegen Andrej Holm u. a. wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung (&sect; 129a StGB) namens &bdquo;militante gruppe&ldquo; wurde den Beschuldigten der (bewusste oder unbewusste) Schutz ihrer pers&ouml;nlichen Daten zum Verh&auml;ngnis. In den seitens der Bundesanwaltschaft angestrengten Verfahren wurde den Beschuldigten u. a. vorgeworfen, dass sie zu bestimmten Treffen oder Spazierg&auml;ngen ihre Handys nicht mitgenommen h&auml;tten oder, wenn doch, dann nur im ausgeschalteten Zustand. Dies entspr&auml;che, so der Vorwurf, &bdquo;den typischen Gepflogenheiten der linksextremen Szene zum Zwecke der Konspiration&ldquo;. Verd&auml;chtig sei es auch, wenn am Telefon nicht &uuml;ber Politik gesprochen oder eine Verabredung nicht mit Ort und Zeit genau umschrieben werden w&uuml;rde, wenn anonyme Email-Accounts zur Kommunikation eingesetzt werden oder wenn man sporadisch Emails von einem Bekannten mit Links zu Internet-Seiten erh&auml;lt, die sich mit neuen technischen M&ouml;glichkeiten staatlicher &Uuml;berwachung und Verschl&uuml;sselungssoftware befassen.<\/p>\n<p>Diese Argumentation kommt nicht von ungef&auml;hr. Die Betroffenen wurden monate-, zum Teil sogar jahrelang komplett &uuml;berwacht. Die Handys und Festnetzanschl&uuml;sse der Betroffenen wurden abgeh&ouml;rt, der gesamte Email-Verkehr aufgezeichnet, so genannte &bdquo;stille SMS&ldquo; st&uuml;ndlich auf die Handys geschickt haben, um den Standort des Betroffenen feststellen zu k&ouml;nnen und um zu &uuml;berpr&uuml;fen, ob das Handy ausgeschaltet war oder nicht. Ordnerweise wurden Ausk&uuml;nfte von den Kreditinstituten, von der Deutschen Bahn AG und Autovermietern eingeholt. Der Freundeskreis wurde durchleuchtet, die Wohnungseing&auml;nge mit Kameras &uuml;berwacht etc. Gefunden haben Bundesanwaltschaft und Bundskriminalamt nichts, was ihre Vermutungen rechtfertigen w&uuml;rde. Der Schluss, die Verfahren einzustellen und den zugrunde liegenden Irrtum anzuerkennen, war aber ausgeschlossen. Stattdessen wurde das Fehlen von Ermittlungsergebnissen mit dem angeblich hochkonspirativen Verhalten der Beschuldigten begr&uuml;ndet. Ein vom BKA beobachtetes Treffen zweier Beschuldigter erhielt seine Konspirativit&auml;t u. a. dadurch, dass die Observierten sich w&auml;hrend des Treffens &ouml;fter umgeschaut h&auml;tten. Die Reaktion auf eine scheinbar auff&auml;llig durchgef&uuml;hrte Observation wird somit zum Verdachtsmoment.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"mach-dein-handy-nicht-aus\">Mach dein Handy nicht aus<\/span><\/h2>\n<p>Die Betroffenen in so einem Verfahren haben kaum eine Chance, sich verdachtsneutral verhalten zu k&ouml;nnen. Wenn private oder berufliche Kontakte, politisches Engagement und wissenschaftliche Ver&ouml;ffentlichungen ausreichen, um des Terrorismus beschuldigt zu werden, hat man kaum Chance, sich einer solchen Falschbeschuldigung zu entziehen. Neutrale und vollkommen interpretationsoffene Verhaltensweisen dienen nur als Best&auml;tigung des Vorwurfs. Entlastende Schl&uuml;sse werden bewusst nicht gezogen. Will man sich den in politischen Verfahren &uuml;blichen &Uuml;berwachungen und Ausforschungen des pers&ouml;nlichen Lebensbereiches entziehen &#8211; sei es, weil man grunds&auml;tzlich die eigene Privatsph&auml;re als etwas Sch&uuml;tzenswertes ansieht, weil man als b&uuml;rgerrechtlich und politisch interessierter Mensch von der M&ouml;glichkeit wei&szlig;, aus welchen nichtigen Gr&uuml;nden man in das Visier der Staatsschutzbeh&ouml;rden geraten kann oder einfach nur deswegen, weil man die Observationsma&szlig;nahmen bemerkt hat &#8211; macht man sich der Konspiration verd&auml;chtig und &bdquo;erh&auml;rtet&ldquo; somit den eigentlich unbegr&uuml;ndeten Verdacht.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"wer-grundrechte-wahrnimmt-muss-sich-rechtfertigen\">Wer Grundrechte wahrnimmt, muss sich recht&shy;fer&shy;tigen<\/span><\/h2>\n<p>Die Wahrnehmung von Grundrechten &#8211; der Schutz der eigenen Privatsph&auml;re &#8211; ger&auml;t so unter Rechtfertigungsdruck. Nicht der staatlicherseits gef&uuml;hrte &Uuml;berwachungs- und Ermittlungsaufwand bedarf mehr der Begr&uuml;ndung. Vielmehr ger&auml;t der Betroffene f&uuml;r seinen aktiven Grundrechtsschutz unter Erkl&auml;rungszwang. Die Aus&uuml;bung von Grundrechten ist damit nicht mehr voraussetzungslose Selbstverst&auml;ndlichkeit, sondern Anlass f&uuml;r staatliches Misstrauen. Die Funktion der Grundrechte wird damit in ihr Gegenteil verkehrt.<\/p>\n<p>Wohlgemerkt, bei den &bdquo;verd&auml;chtigen&ldquo; Verhaltensweisen handelt es sich nicht um verbotene Handlungen, sondern um ganz legale M&ouml;glichkeiten, sich und seine Daten zu sch&uuml;tzen. Dass der Staat dies in einem anderen Kontext genauso sieht &#8211; und entsprechende Vorkehrungen sogar empfiehlt &#8211; ist eine weitere Absurdit&auml;t in diesen Verfahren. So wurde vom Bundeswirtschaftsministerium die Entwicklung des sehr h&auml;ufig verwendeten Anonymisierungsdienstes An.On. finanziert. Auf seiner Homepage (<a href=\"http:\/\/www.bsi.de\/produkte\/mds\/index.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.bsi.de\/produkte\/mds\/index.htm<\/a>) informiert das Bundesamt f&uuml;r Sicherheit und Informationstechnik &uuml;ber den von ihm in Zusammenarbeit mit Siemens entwickelten Mobilfunkdetektor MDS, mit dessen Hilfe festgestellt werden kann, ob Mobilfunkger&auml;te Signale aussenden oder nicht und damit auch, ob sie beispielsweise als r&auml;umliche &Uuml;berwachungseinrichtungen eingesetzt werden.<\/p>\n<p>Diese M&ouml;glichkeit der Verwendung hatte wohl auch ein Staatsanwalt von der BAW vor Augen, als er in einer Zeugenvernehmung im besagten Verfahren darauf bestand, dass der Zeuge und sein anwaltlicher Beistand ihre Mobilfunkger&auml;te ausschalten. Ob dies seitens der auch anwesenden BKA-Beamten als Indiz daf&uuml;r angesehen wurde, dass im Rahmen der Vernehmung terroristische Straftaten geplant werden sollten, ist nicht &uuml;berliefert (siehe zur Kritik an &sect; 129a StGB auch den Beitrag von Wolfgang Kaleck in diesem Band, S. 170).&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[771,822],"autoren":[181],"publikationen":[1031],"class_list":["post-10774","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gg-artikel-2","tag-grr-artikel","autoren-peer-stolle","publikationen-1031"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Wer sein Privatleben sch\u00fctzen will, ist verd\u00e4chtig - Zum \u00a7 129a-StGB-Verfahren gegen Andrej Holm und andere - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2008\/publikation\/wer-sein-privatleben-schuetzen-will-ist-verdaechtig-zum-129a-stgb-verfahren-gegen-andrej-holm-und\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Wer sein Privatleben sch\u00fctzen will, ist verd\u00e4chtig - Zum \u00a7 129a-StGB-Verfahren gegen Andrej Holm und andere - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Grundrechte-Report 2008, Seite 42 Das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung umfasst die Befugnis des Einzelnen, selbst zu entscheiden, wann und wem er zu welchem Zweck personenbezogene Daten offenbart. 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