{"id":10780,"date":"2008-05-23T05:00:00","date_gmt":"2008-05-23T03:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/artikel-fehlt\/"},"modified":"2021-08-30T15:40:15","modified_gmt":"2021-08-30T13:40:15","slug":"artikel-fehlt","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2008\/publikation\/artikel-fehlt\/","title":{"rendered":"Feuertod im Polizeigewahrsam"},"content":{"rendered":"<p>Grundrechte-Report 2008, Seite 67<\/p>\n<p>Zwei Polizeibeamte m&uuml;ssen sich f&uuml;r den Tod des Asylbewerbers Oury Jalloh vor dem Landgericht Dessau verantworten<\/p>\n<p>Vor dem Landgericht Dessau findet seit M&auml;rz 2007 ein Strafverfahren gegen zwei Polizeibeamte statt, die mutma&szlig;lich f&uuml;r den qualvollen Tod des Asylbewerbers Oury Jalloh verantwortlich sind. Anfang 2005 hatten Dessauer Polizisten den B&uuml;rgerkriegsfl&uuml;chtling aus Sierra Leone aufgegriffen, weil er Reinigungskr&auml;fte auf der Stra&szlig;e bel&auml;stigt haben soll. Jalloh war betrunken und wurde in Gewahrsam genommen. Die Polizisten fesselten ihn an H&auml;nden und F&uuml;&szlig;en, weil er angeblich Widerstand leistete, fixierten ihn auf einer Matratze in der Arrestzelle Nr. 5 und lie&szlig;en ihn stundenlang allein zur&uuml;ck &#8211; unterbrochen nur durch gelegentliche Kontrollg&auml;nge. Dieser &raquo; Verhinderungsgewahrsam&laquo; sollte seiner &raquo;Eigensicherung&laquo; dienen. Am 7. Januar 2005 verbrannte er in der rundherum gekachelten Sicherheitszelle bei lebendigem Leib. Todesursache: Hitzeschock.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"verschlepptes-verfahren-und-draengende-fragen\">Verschlepptes Verfahren und dr&auml;ngende Fragen<\/span><\/h2>\n<p>Die Aufkl&auml;rung dieses tragischen Todesfalles wurde mehr als zwei Jahre lang verschleppt. Die Staatsanwaltschaft hatte sich fr&uuml;hzeitig auf die Hypothese einer r&auml;tselhaften Selbstanz&uuml;ndung festgelegt: Das Opfer habe die schwer entflammbare Matratze, trotz vorheriger Durchsuchung und Fesselung, selbst angez&uuml;ndet &#8211; mit einem Feuerzeug, das nach dem Brand erst bei einer zweiten Zellendurchsuchung gefunden worden sein soll. Erst auf Veranlassung von Freunden des Verbrannten konnte eine zweite Obduktion durchgef&uuml;hrt werden, die einen Nasenbeinbruch und eine Mittelohrverletzung zu Tage brachte, Verletzungen, die Jalloh vor seinem Feuertod erlitten haben musste.<\/p>\n<p>Das Landgericht hat im Verlaufe des Prozesses dr&auml;ngende Fragen zu kl&auml;ren: Ist Oury Jalloh vor seinem Tod misshandelt worden? Darf ein Betrunkener mit fast drei Promille in einer Zelle an allen Gliedma&szlig;en fixiert werden, ohne dass er st&auml;ndig beaufsichtigt wird? Wie gelangte ein Feuerzeug, trotz intensiver Durchsuchung, in die Zelle und warum wurde es so sp&auml;t gefunden? Wie kann ein stark alkoholisierter, an H&auml;nden und F&uuml;&szlig;en fixierter Mensch ein Feuerzeug aus der Hosentasche fingern und eine feuerfeste Matratze anz&uuml;nden? Weshalb hat einer der Angeklagten nicht rechtzeitig auf den Brandmelder reagiert? War es Selbstt&ouml;tung, die durch rechtzeitiges Reagieren h&auml;tte verhindert werden k&ouml;nnen, war es unterlassene Hilfeleistung, fahrl&auml;ssige T&ouml;tung oder gar Mord aus rassistischer Motivation, wie manche mutma&szlig;en und worauf gewisse Umst&auml;nde hindeuten k&ouml;nnten?<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"widersprueche-und-erinnerungsluecken\">Wider&shy;spr&uuml;che und Erinne&shy;rungs&shy;l&uuml;&shy;cken<\/span><\/h2>\n<p>Einem der angeklagten Polizisten wirft die Staatsanwaltschaft fahrl&auml;ssige T&ouml;tung durch Unterlassen vor: Bei der Durchsuchung von Oury Jalloh habe er ein Feuerzeug &uuml;bersehen, mit dem dieser sp&auml;ter das Feuer gelegt haben soll. Dem Hauptangeklagten Andreas S. wirft die Staatsanwaltschaft K&ouml;rperverletzung mit Todesfolge vor, ebenfalls durch Unterlassen: Er habe die Gegensprechanlage wegen der starken Ger&auml;usche aus der Gewahrsamszelle leise gestellt, den Brandalarm zweimal weggedr&uuml;ckt und erst auf Dr&auml;ngen einer Kollegin die Zelle aufgesucht. Diese Hauptbelastungszeugin hat vor Gericht ihre belastende Aussage relativiert &#8211; sie stand enorm unter Druck, nachdem sie gegen ihren Willen versetzt worden war und dies als Bestrafung empfand. Inzwischen hat ein Kollege des Haupt-angeklagten bekundet, dieser habe ihm gegen&uuml;ber zugegeben, zu sp&auml;t reagiert zu haben.<\/p>\n<p>Den Prozess durchziehen eklatante Widerspr&uuml;che und auff&auml;llige Erinnerungsl&uuml;cken der auftretenden Polizeizeugen. Es stellte sich heraus, dass w&auml;hrend des laufenden Prozesses im Polizeirevier ein omin&ouml;ses Zeugeninformationstreffen stattgefunden hat, in dem es um Verhaltensregeln und Falschaussagen einzelner Polizeizeugen ging. Die Anw&auml;lte der Nebenklage, die Mutter, Vater und Bruder des Opfers vertreten, sprechen vom Versuch einer &raquo;massiven Manipulation&laquo;, und der Vor-sitzende Richter Manfred Steinhoff st&ouml;hnt: &raquo;Dieses Verfahren strotzt nur so vor Schlamperei und Vers&auml;umnissen&laquo;.<\/p>\n<p>Am zehnten Prozesstag, es ist der 24. Mai 2007, platzt dem Vorsitzenden dann der Kragen. Zumindest einer der Polizeizeugen m&uuml;sse bewusst falsch ausgesagt haben, um den Hauptangeklagten Andreas S. zu sch&uuml;tzen, &raquo;Nennen Sie uns den, der hier die Unwahrheit sagt&laquo;, verlangt er vorn Angeklagten. &raquo;Sie sind Beamter des Landes Sachsen-Anhalt und wir leben in keiner Bananenrepublikk&laquo;, poltert der Richter. &raquo;Ich werde den Prozess in Grund und Boden verhandeln, ich werde notfalls jeden Zeugen zehnmal vorladen. Irgendwann f&auml;llt jemand um.&laquo;<\/p>\n<p>Die richterliche Standpauke zeigte Wirkung. Die erneute Vernehmung des Polizeibeamten Gerhardt M. drehte sich um die letzte Phase der Trag&ouml;die. Aufhorchen lie&szlig; seine erstmals gemachte Aussage, dass er nach &Ouml;ffnen der Gewahrsamst&uuml;r durch den Angeklagten &#8211; trotz des schwarzen Qualms &#8211; zwei Schritte in die Zelle gemacht und Jallohs festgeschnallten K&ouml;rper gesehen habe. Er habe versucht, die Matratze zu l&ouml;schen, was ihm aber nicht gelungen sei. &raquo;Das einzige, was geholfen h&auml;tte, w&auml;re gewesen, ihn sofort loszumachen.&laquo; Jalloh h&auml;tte von seinen Hand- und Fu&szlig;fesseln befreit werden m&uuml;ssen, aber er habe keine Schl&uuml;ssel gehabt. Die hatte der Hauptangeklagte, der stets bestritten hatte, dass es m&ouml;glich gewesen sei, die Zelle zu betreten, da es zu stark gequalmt habe.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"organisierte-verantwortungslosigkeit\">Organi&shy;sierte Verant&shy;wor&shy;tungs&shy;lo&shy;sig&shy;keit<\/span><\/h2>\n<p>Die Aussagen der Polizeizeugen erlauben einen erschreckenden Einblick in die Organisation, das Verhalten und die Mentalit&auml;t im Dessauer Polizeirevier: Hier lernt man eine Sicherheitsbeh&ouml;rde kennen, in der &raquo;Sicherheit&laquo; offenbar &uuml;ber Menschenw&uuml;rde und B&uuml;rgerrecht gestellt wird. Man k&ouml;nnte auch von organisierter Verantwortungslosigkeit sprechen. Da wird ein hoch alkoholisierter Migrant angeblich nur zur ldentit&auml;tsfeststellung f&uuml;r gewahrsamstauglich erkl&auml;rt, an allen vier Gliedma&szlig;en &uuml;ber Stunden fixiert und angeblich zur eigenen Sicherheit nahezu bewegungsunf&auml;hig gemacht; da werden trotz gesteigerter Garantenpflicht gegen&uuml;ber dem Fixierten Kontrollg&auml;nge h&ouml;chst nachl&auml;ssig absolviert und beunruhigende Auff&auml;lligkeiten ignoriert, da gibt es kaum Schulungen der Polizei, geschweige denn ausreichende Brandschutzma&szlig;nahmen.<\/p>\n<p>Am Ende geriet die angebliche Eigensicherung zur ausweglosen Todesfalle und der Sicherheitsgewahrsam zu einer Todeszelle. Erst nach diesem Vorfall ist die Gewahrsamsordnung ge&auml;ndert worden: Heute w&auml;re Oury Jalloh in seinem alkoholisierten Zustand nicht mehr in Gewahrsam genommen, sondern in ein Krankenhaus gebracht und dort medizinisch betreut worden.<\/p>\n<p>Bereits zu Beginn des Prozesses konnten die Anw&auml;lte der Nebenklage einen wichtigen Erfolg verbuchen: Nun wird auch jener Todesfall in dem Verfahren verhandelt, der sich schon 2002 in derselben Zelle des Polizeireviers ereignet hatte. Damals starb ein 36-j&auml;hriger Obdachloser im Gewahrsam, in dem er 15 Stunden verbringen musste, davon mehrere unkontrolliert. Als verantwortlich gilt einer der jetzt angeklagten Polizeibeamten und der Arzt, der auch die &raquo;Gewahrsamstauglichkeit&laquo; von Oury Jalloh feststellte. Zwar wurde das Ermittlungsverfahren damals eingestellt, aber die Frage nach einer Pflichtwidrigkeit des Angeklagten in jenem Fall, die disziplinarrechtlich noch nicht entschieden ist, wird auch in diesem Verfahren von gro&szlig;er Bedeutung sein. Es dr&auml;ngen sich jedenfalls erstaunliche Parallelen auf.<\/p>\n<p>Der Prozess, der mit gro&szlig;em Aufwand gef&uuml;hrt wird, hat auch deshalb besondere Bedeutung, weil es immer wieder vorkommt, dass Angeh&ouml;rige sozialer Randgruppen, darunter Obdachlose, Drogenabh&auml;ngige und Fl&uuml;chtlinge in Polizeigewahrsam schwer verletzt werden oder gar ums Leben kommen; h&auml;ufig bleiben solche F&auml;lle unaufgekl&auml;rt und unges&uuml;hnt. Nach einer Studie der Universit&auml;t Halle starben zwischen 1993 und 2003 bundesweit 128 Menschen im Polizeigewahrsam; dabei h&auml;tte jeder zweite Tod verhindert werden k&ouml;nnen.<\/p>\n<p>Der Prozess l&auml;uft seit Ende M&auml;rz 2007 &#8211; ein Ende des Verfahrens ist bei Redaktionsschluss noch nicht in Sicht.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h2>\n<p>Heide\/Henn\/Hanke\/Kleiber\/Stiller, Erste Ergebnisse der Studie zu Todesf&auml;llen im Polizeigewahrsam in Deutschland 1993-2003, in: Rechtsmedizin, Berlin, Bd. 15\/2005<\/p>\n<p>Wendel, Smoking gun missing, in: analyse &amp; kritik (ak 522) v. 16.11.2007, S. 3<\/p>\n<p>Prozessberichte unter: <a href=\"http:\/\/www.prozessouryjalloh.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.prozessouryjalloh.de<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.rolfgoessner.de\/ProzessbeobZusstellg.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.rolfgoessner.de\/ProzessbeobZusstellg.htm<\/a><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[771,822],"autoren":[171],"publikationen":[1031],"class_list":["post-10780","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gg-artikel-2","tag-grr-artikel","autoren-rolf-goessner","publikationen-1031"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Feuertod im Polizeigewahrsam - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2008\/publikation\/artikel-fehlt\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Feuertod im Polizeigewahrsam - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Grundrechte-Report 2008, Seite 67 Zwei Polizeibeamte m&uuml;ssen sich f&uuml;r den Tod des Asylbewerbers Oury Jalloh vor dem Landgericht Dessau verantworten Vor dem Landgericht Dessau findet seit M&auml;rz 2007 ein Strafverfahren gegen zwei Polizeibeamte statt, die mutma&szlig;lich f&uuml;r den qualvollen Tod des Asylbewerbers Oury Jalloh verantwortlich sind. 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