{"id":10782,"date":"2007-03-28T22:50:00","date_gmt":"2007-03-28T20:50:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/eigentor-fuer-grundrechte\/"},"modified":"2021-08-30T15:39:56","modified_gmt":"2021-08-30T13:39:56","slug":"eigentor-fuer-grundrechte","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2007\/publikation\/eigentor-fuer-grundrechte\/","title":{"rendered":"Eigentor f\u00fcr Grundrechte"},"content":{"rendered":"<p>Ein R&uuml;ckblick auf die Fu&szlig;ball-WM 2006<\/p>\n<p>Grundrechte-Report 2007, Seiten 39 &#8211; 42<\/p>\n<p>Die Fu&szlig;ball-WM 2006 war kaum vor&uuml;ber, da stand f&uuml;r die Sicherheitspolitiker der gro&szlig;en Parteien fest: Deutschland war nicht nur &raquo;Weltmeister der Herzen&laquo; &#8211; sondern auch in der Gefahrenabwehr. Und in der Tat: Keines der zuvor entworfenen Schreckensszenarien von Hooligan-Attacken bis zu terroristischen Anschl&auml;gen hatte sich realisiert. Ob dies allerdings als Verdienst des &raquo;Nationalen Sicherheitskonzepts&laquo; von Veranstaltern und Beh&ouml;rden gelten kann oder doch eher &#8211; wie nicht nur Kenner der Fanszene im nachhinein analysierten &#8211; im wesentlichen der guten Laune der Fans, den gro&szlig;z&uuml;gigen &raquo;Public Viewing&laquo;-Angeboten f&uuml;r alle, die keine Stadionpl&auml;tze bekamen, sowie der Einbindung von Fanprojekten zu verdanken ist, flankiert von einem noch relativ zur&uuml;ckhaltenden Auftreten des Gro&szlig;aufgebots an Polizisten, kann an dieser Stelle offen bleiben.<\/p>\n<p>Aus b&uuml;rgerrechtlicher Sicht jedenfalls besteht im R&uuml;ckblick auf das Fu&szlig;ball-Gro&szlig;ereignis nicht eben Anlass zum Jubel. Die Weltmeisterschaft wurde f&uuml;r einen der umfangreichsten Eingriffe in Grundrechte durch eine einzelne Veranstaltung instrumentalisiert. Schon Monate vor dem ersten Ansto&szlig; &uuml;berboten Innenpolitiker verschiedener Couleur einander darin, Gro&szlig;schadensereignisse an die Wand zu malen &#8211; soweit ersichtlich im wesentlichen mit dem Ziel, noch mehr, noch sch&auml;rfere &Uuml;berwachungsma&szlig;nahmen zu legitimieren. Allen voran Bundesinnenminister Sch&auml;uble, der nicht m&uuml;de wurde, den Einsatz der Bundeswehr im Inneren zu propagieren.<\/p>\n<p>Die Antwort auf sorgsam gesch&uuml;rte &Auml;ngste sollte das &raquo;Nationale Sicherheitskonzept zur Fu&szlig;ball-WM 2006&laquo; bieten. Ein bunter Strau&szlig; an Ma&szlig;nahmen &#8211; von der Vernetzung der Sicherheitsbeh&ouml;rden &uuml;ber gerichtliche Schnellverfahren bis zu ausgedehnten Aufenthaltsverboten f&uuml;r vermeintlich gewaltgeneigte Schlachtenbummler.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\">Freiheits&shy;be&shy;schr&auml;n&shy;kungen als Gefah&shy;re&shy;n&shy;ab&shy;wehr<\/h2>\n<p>Ein friedlich-feierndes Bild sollte Fu&szlig;balldeutschland auf den Mattscheiben der Welt bieten. So waren die Sicherheitsbeh&ouml;rden schon weit im Vorfeld bem&uuml;ht, jeden, der den sonnigen Eindruck nach ihrer Meinung h&auml;tte tr&uuml;ben k&ouml;nnen, von der Teilnahme an der Veranstaltung auszuschlie&szlig;en. Die zentrale Datei &raquo;Gewaltt&auml;ter Sport&laquo; wuchs schon in den zwei Jahren vor dem Sportfest massiv. Eine vierstellige Zahl neuer Eintr&auml;ge fand nach Sch&auml;tzung der &raquo;Zentralen Informationsstelle Sporteins&auml;tze&laquo; (ZIS) im unmittelbaren Zusammenhang mit der WM ihren Weg in die Datenspeicher. Anders als der Name vermuten l&auml;sst, sind hier nicht nur Personen erfasst, die gravierende K&ouml;rperverletzungs- oder Sachbesch&auml;digungsdelikte begangen haben. F&uuml;r einen Eintrag reicht vielmehr schon die Aufnahme der Personalien in r&auml;umlicher oder zeitlicher N&auml;he zu einem straf- oder gefahrenabwehrrechtlich relevanten Geschehen. So kann ein Fu&szlig;ballfan in der Datei auftauchen, weil er sich in einem Bahnwaggon befand, in dem ein anderer die Notbremse zog. Will derselbe Fan sp&auml;ter zu einem L&auml;nderspiel ins Ausland reisen, kann dies aufgrund des Voreintrags zu einem weiteren Eintrag f&uuml;hren. So entstehen Biographien angeblicher &raquo;Gewaltt&auml;ter&laquo;.<\/p>\n<p>Den so erfassten Personen signalisierten die Ordnungsbeh&ouml;rden bereits im Vorfeld, dass man ein Auge auf sie habe. Allein im Bundesland Nordrhein-Westfalen kam es zu &uuml;ber 3100 sogenannten &raquo;Gef&auml;hrderansprachen&laquo;, f&uuml;r die die Betroffenen zu Hause oder &ouml;ffentlichkeitswirksam an ihren Arbeitspl&auml;tzen aufgesucht wurden. Zudem wurden in NRW 383 Meldeauflagen und 1070 Aufenthaltsverbote ausgesprochen.<\/p>\n<p>Auch w&auml;hrend der WM zeigte die eingesetzte Polizei mit Vorliebe pr&auml;ventive H&auml;rte. W&auml;hrend die bef&uuml;rchteten Auseinandersetzungen rivalisierender Fans fast vollst&auml;ndig ausblieben, kam es am Rande des Turniers zu rund 9000 vor&uuml;bergehenden Festnahmen, &uuml;ber die H&auml;lfte davon auf gefahrenabwehrrechtlicher Grundlage. Die erforderliche gerichtliche &Uuml;berpr&uuml;fung der Notwendigkeit der Ma&szlig;nahme fand in den seltensten F&auml;llen statt (siehe auch die Berichte auf <a href=\"http:\/\/www.grundrechtekomitee.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.grundrechtekomitee.de<\/a>).<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\">Massenhafte Daten&shy;samm&shy;lung<\/h2>\n<p>Zu den Eingriffen in die pers&ouml;nliche Freiheit kamen erhebliche Einschnitte in den Datenschutz. Beispiel Akkreditierung: Knapp eine Viertelmillion Menschen musste vor dem Turnier eine Sicherheits&uuml;berpr&uuml;fung &uuml;ber sich ergehen lassen. Es handelte sich um Journalisten, Gastronomiepersonal, Sicherheitskr&auml;fte, Putzleute und andere Personen, die beruflich in den Stadien zu tun hatten. Auf Grundlage einer online gegen&uuml;ber dem Organisationskomitee (OK) erkl&auml;rten Einwilligung &mdash; f&uuml;r Arbeitnehmer war diese gegen&uuml;ber dem Arbeitgeber zu erkl&auml;ren, der sie dann weiterleitete &mdash; wurden ihre Daten an die L&auml;nderpolizeien, das Bundeskriminalamt (BKA) und die Verfassungsschutzbeh&ouml;rden weitergeleitet. Lagen dort nachteilige Informationen vor, so sollte ein ablehnendes Votum &uuml;ber das BKA an das OK zur&uuml;ckgeleitet werden, das dann die Akkreditierung ohne Angabe von Gr&uuml;nden verweigern sollte.<\/p>\n<p>Schon die zahlenm&auml;&szlig;ige Dimension stellt dieses aufwendige Verfahren in Frage. Bei &auml;hnlichen Verfahren im Rahmen des Confederation Cup 2005 oder der Endrundenauslosung 2005 wurden jeweils nicht mehr als ein bis zwei&nbsp;Prozent der Antragsteller zur&uuml;ckgewiesen. Schwerer wiegen die rechtlichen Bedenken: Es fehlte f&uuml;r die &raquo;Akkreditierung<\/p>\n<p>Beispiel RFID-Tickets: Zahlenm&auml;&szlig;ig noch weit umfangreicher war der Eingriff in die Rechte von 3,2 Millionen Fu&szlig;ballfans, die im Rahmen der Ticketbestellung pers&ouml;nliche Daten preisgeben mussten. Erstmals waren die Eintrittskarten einer solchen Gro&szlig;veranstaltung umfassend mit Computerchips best&uuml;ckt, die bei der Einlasskontrolle ber&uuml;hrungslos ausgelesen werden konnten. Anhand einer im Chip gespeicherten Kennnummer war es m&ouml;glich, online den Abgleich mit pers&ouml;nlichen Daten vorzunehmen, die bei der Bestellung eingegeben werden mussten.<\/p>\n<p>Diese Personalisierung der Tickets sollte nach Angaben der Veranstalter &raquo;gr&ouml;&szlig;tm&ouml;gliche Sicherheit in den Stadien&laquo; gew&auml;hrleisten sowie Schwarzhandel verhindern. Beide Ziele wurden grandios verfehlt: Personenkontrollen beim Stadioneinlass waren von vornherein nicht m&ouml;glich &#8211; damit war der Weg frei, mit einem von Dritten gekauften Ticket Zugang zu erhalten. Obendrein gab der Deutsche Fu&szlig;ball-Bund selbst 300000 nicht personalisierte Tickets aus. Das RFID-Ticketing stellt sich vor diesem Hintergrund als Werbekampagne f&uuml;r einen WM-Sponsor dar, obendrein unter Verletzung des Grundsatzes der Datensparsamkeit. Zumindest theoretisch erm&ouml;glicht die so eingesetzte RFID-Technik zudem die Erstellung l&uuml;ckenloser Bewegungsprofile einzelner Fans.<\/p>\n<p>Angesichts der &ouml;ffentlich zur Schau gestellten Zufriedenheit von Organisatoren und Innenministern ist entgegen aller Kritik zu erwarten, dass die einmal eingef&uuml;hrten Ma&szlig;nahmen auch in Zukunft zur Anwendung kommen werden. Schon haben die Ausrichter der Europameisterschaft 2008 angek&uuml;ndigt, das WM-Sicherheitskonzept &uuml;bernehmen zu wollen. Und Datensch&uuml;tzer warnen bereits davor, die einmal mit dem Hinweis auf die Einzigartigkeit des Sportereignisses eingef&uuml;hrten Datenerfassungen k&ouml;nnten schon bald zum Standardrepertoire bei jeder gr&ouml;&szlig;eren Veranstaltung werden. Die Sp&auml;tfolgen der Fu&szlig;ball-WM f&uuml;r den Schutz b&uuml;rgerlicher Freiheiten vor staatlicher und privater Ausforschung k&ouml;nnten dann verheerend werden.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[771,822],"autoren":[1711],"publikationen":[1032],"class_list":["post-10782","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gg-artikel-2","tag-grr-artikel","autoren-heiko-habbe","publikationen-1032"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.8 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Eigentor f\u00fcr Grundrechte - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2007\/publikation\/eigentor-fuer-grundrechte\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Eigentor f\u00fcr Grundrechte - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Ein R&uuml;ckblick auf die Fu&szlig;ball-WM 2006 Grundrechte-Report 2007, Seiten 39 &#8211; 42 Die Fu&szlig;ball-WM 2006 war kaum vor&uuml;ber, da stand f&uuml;r die Sicherheitspolitiker der gro&szlig;en Parteien fest: Deutschland war nicht nur &raquo;Weltmeister der Herzen&laquo; &#8211; sondern auch in der Gefahrenabwehr. 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