{"id":10798,"date":"2012-05-23T02:00:00","date_gmt":"2012-05-23T00:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/international-agierende-spitzel\/"},"modified":"2021-08-30T15:41:18","modified_gmt":"2021-08-30T13:41:18","slug":"international-agierende-spitzel","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2012\/publikation\/international-agierende-spitzel\/","title":{"rendered":"International agierende Spitzel"},"content":{"rendered":"<p>Grundrechte-Report 2012, Seite 160<\/p>\n<p>Mit der Enttarnung des britischen verdeckten Ermittlers Mark Kennedy (alias Mark Stone) begann im Januar 2011 in Gro&szlig;britannien und Deutschland eine Auseinandersetzung &uuml;ber die zunehmende grenz&uuml;berschreitende Spitzelausleihe. Kennedy beschn&uuml;ffelte seit 2003 linke Bewegungen in Deutschland, Frankreich, Italien, Polen und D&auml;nemark wie auch in den USA. Er arbeitete f&uuml;r eine Abteilung der britischen &bdquo;National Extremism Tactical Coordination Unit&ldquo;, die Ende der 1990er Jahre gegr&uuml;ndet wurde, um anarchistische und globalisierungskritische Gruppen sowie die wachsende Tierrechtsbewegung auszuforschen. Der Spitzel hat erkl&auml;rt, er sei mit einem manipulierten Telefon ausgestattet gewesen, &uuml;ber das seine Vorgesetzten jederzeit seine Position orteten. Wie andere mittlerweile aufgeflogene britische Spitzel bewegte sich Kennedy im antikapitalistischen Dissent!-Spektrum, das seit 2005 gegen Gipfeltreffen von G8 und NATO mobilisiert.<\/p>\n<p>Die Verhandlung gegen Tierrechtsaktivisten in &Ouml;sterreich enth&uuml;llte weitere Details grenz&uuml;berschreitender Spitzelei: Im inzwischen mit Freispr&uuml;chen beendeten Gerichtsverfahren wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung wurde eine verdeckte Ermittlerin vernommen, die an Treffen in Holland und der Schweiz teilgenommen hatte. Sie war ebenfalls mit einem manipulierten Mobiltelefon ausger&uuml;stet, &uuml;ber das ihr stets mitreisender Polizeif&uuml;hrer sogar im Raum gef&uuml;hrte Gespr&auml;che mith&ouml;rte. Zwar wurden die verdeckten Ma&szlig;nahmen zur &bdquo;Gefahrenabwehr&ldquo; angeordnet, die erschn&uuml;ffelten Ergebnisse wurden indes einer eigens f&uuml;r die Ermittlungen eingerichteten Sonderkommission geliefert.<\/p>\n<p>Mit Simon Bromma wurde im Dezember 2010 in Heidelberg auch ein deutscher Polizist mit internationaler verdeckter Verwendung &ouml;ffentlich gemacht (vgl. Martin Heiming, Grundrechte-Report 2011, S. 34 ff.): Der Beamte des Landeskriminalamtes Baden-W&uuml;rttemberg operierte unter anderem in Br&uuml;ssel. Bei seiner nur durch Zufall erfolgten Enttarnung redete sich Bromma heraus, seine Schn&uuml;ffelei h&auml;tte einer &bdquo;Informationssammlung und Gefahrenpr&auml;vention&ldquo; gedient. M&ouml;glich ist, dass Bromma der Br&uuml;sseler Polizei bei einer der gr&ouml;&szlig;ten anlasslosen Massenfestnahmen Belgiens rund um das &bdquo;No Border Camp&ldquo; im September 2010 behilflich war. Damit h&auml;tte das baden-w&uuml;rttembergische Innenministerium direkt geholfen, in Belgien das Recht auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit einzuschr&auml;nken.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"deutsche-behoerden-sind-tonangebend\">Deutsche Beh&ouml;rden sind tonangebend<\/span><\/h2>\n<p>In Deutschland findet die Verwendung ausl&auml;ndischer Spitzel gr&ouml;&szlig;tenteils in Verantwortung der Bundesl&auml;nder statt. Das deutsche Bundeskriminalamt (BKA) &uuml;bernimmt eine Scharnierfunktion und bahnt Eins&auml;tze &uuml;ber seine internationalen Kontakte an. Inzwischen wurde bekannt, dass allein f&uuml;r den G8-Gipfel in Heiligendamm rund ein Dutzend ausl&auml;ndische Spitzel vermittelt wurden, darunter verdeckte Polizisten ebenso wie private Informanten. BKA-Pr&auml;sident J&ouml;rg Ziercke informierte, dass auch deutsche Polizeispitzel l&auml;ngst international bei Gipfelprotesten eingesetzt sind: Zum G8-Gipfel 2005 wurden demnach f&uuml;nf nach Gro&szlig;britannien entsandt. Derlei Austausch sei laut Ziercke &uuml;blich und f&auml;nde auch bei &bdquo;Hooligans, im Umfeld von Weltmeisterschaften oder bei anderen gro&szlig;en Sportereignissen&ldquo; Anwendung.<\/p>\n<p>Das deutsche Innenministerium brachte unter deutscher EU-Pr&auml;sidentschaft 2007 eine Entschlie&szlig;ung des Rates auf den Weg, um &bdquo;rechtliche und tats&auml;chliche Probleme&ldquo; des internationalen Spitzeltauschs beiseite zu schaffen. Keine Regierung darf ihre Polizeikr&auml;fte ohne vorherige Erlaubnis auf fremdem Hoheitsgebiet t&auml;tig werden lassen. Eins&auml;tze m&uuml;ssen angemeldet und genehmigt werden, bilaterale Vertr&auml;ge legen n&auml;here Bestimmungen fest und treffen Vereinbarungen etwa zur Dauer oder Berichtspflicht.<\/p>\n<p>Offiziell gibt es keine internationale Institution, die f&uuml;r die grenz&uuml;berschreitende Synchronisierung der Spitzeldienste zust&auml;ndig w&auml;re. Hinter den Kulissen existiert indes seit 2001 eine &bdquo;European Cooperation Group on Undercover Activities&ldquo; (ECG). Mitglieder sind fast alle EU-Staaten, hinzu kommen Albanien, Kroatien, Mazedonien, Norwegen, Russland, Schweiz, Serbien, T&uuml;rkei und die Ukraine. Auch die EU-Polizeiagentur Europol nimmt teil. Laut Bundesregierung steht angeblich keine &bdquo;Koordinierung oder Verabredung grenz&uuml;berschreitender Eins&auml;tze&ldquo; auf der Agenda der ECG. Das klingt verharmlosend, zumal es aus Berlin ebenso hei&szlig;t, dass die &bdquo;Er&ouml;rterung der internationalen Zusammenarbeit&ldquo; anhand von &bdquo;Fallbeispielen&ldquo; vorgenommen w&uuml;rde. Die innerhalb der Arbeitsgruppe entstehenden Kontakte d&uuml;rften zudem f&uuml;r die jeweilige bi- oder multilaterale Verabredung zuk&uuml;nftiger Eins&auml;tze grundlegend sein. Derart nebul&ouml;s vorangetriebene Spitzeleins&auml;tze sind f&uuml;r Parlamentarier nicht kontrollierbar, f&uuml;r eine demokratische &Ouml;ffentlichkeit ohnehin nicht.<\/p>\n<p>Ziercke hatte sich zur Kontrolle der deutsch-britischen Spitzelausleihe im Innenausschuss des Bundestages in nicht-&ouml;ffentlicher Sitzung zudem in bislang nicht aufgekl&auml;rte Widerspr&uuml;che verstrickt. Zuvor galt, dass der Polizist Mark Kennedy im Land Berlin nicht aktiv gewesen sei und von dort &bdquo;nicht berichtet&ldquo; habe. Obwohl Kennedy in der britischen Zeitung &bdquo;Daily Mail&ldquo; erkl&auml;rt, aus Berlin sogar Beweismittel nach Gro&szlig;britannien geschafft zu haben, will der BKA-Pr&auml;sident lediglich eine Anwesenheit zur &bdquo;Legendenst&uuml;tzung&ldquo; erkennen. Die Rolle spielte er mit Hingabe: Als &bdquo;Mark Stone&ldquo; wurde er beim Berliner Landeskriminalamt aktenkundig wegen des Anz&uuml;ndens eines M&uuml;llcontainers im Rahmen einer linksradikalen Demonstration Ende 2007. Hierf&uuml;r wurde er verhaftet. Ein eingeleitetes Ermittlungsverfahren wurde sp&auml;ter eingestellt. Kennedy hat sich selbst gegen&uuml;ber der Staatsanwaltschaft nicht zu erkennen gegeben und im gesamten Verfahren seine falschen Papiere benutzt. Inzwischen wurde bekannt, dass die britische Polizei hierzu eine entsprechende Dienstanweisung erlassen hatte. Ein verdeckt operierender Polizist hatte in Gro&szlig;britannien unter seinem falschen Namen sogar folgsam unter Eid ausgesagt.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"spitzeleinsaetze-entziehen-sich-strafverfolgung-und-justiz\">Spitze&shy;le&shy;in&shy;s&auml;tze entziehen sich Straf&shy;ver&shy;fol&shy;gung und Justiz<\/span><\/h2>\n<p>Die straf- und zivilrechtlichen Verst&ouml;&szlig;e von Mark Kennedy werden auch zuk&uuml;nftig nicht geahndet. Die Bundesregierung meint, das eingestellte Ermittlungsverfahren gegen &bdquo;Mark Stone&ldquo; w&uuml;rde als Strafverfolgung ausreichen &#8211; obwohl der Staatsanwalt nicht ber&uuml;cksichtigen konnte, dass es sich in Wirklichkeit um einen Polizisten gehandelt hatte.<\/p>\n<p>Aktivisten m&uuml;ssen jedenfalls hohe H&uuml;rden &uuml;berwinden, um die Verletzung ihrer Grundrechte zu verfolgen. Ihr Auskunftsrecht ist nicht grenz&uuml;berschreitend geregelt, obschon die Betroffenen der grenz&uuml;berschreitenden Spitzelei hieran berechtigtes Interesse haben: Die britischen Polizisten sind sexuelle Beziehungen eingegangen, haben Wohnungen betreten und &#8211; jedenfalls in Gro&szlig;britannien &#8211; die anwaltliche Verteidigungsstrategie von Aktivisten ausgeforscht.<\/p>\n<p>Die international agierenden Spitzel werden als heimliche Waffe gegen die europaweite Vernetzung antikapitalistischer Gruppen in Stellung gebracht. Die Eins&auml;tze sollen die erstarkenden internationalen Vernetzungen antikapitalistischer Zusammenh&auml;nge aufsp&uuml;ren. Hierf&uuml;r wird tief in die Privatsph&auml;re der Ausgeforschten eingedrungen. Weil f&uuml;r derartige Eingriffe zur Gefahrenabwehr schwerlich richterliche Beschl&uuml;sse besorgt werden k&ouml;nnen, konstruieren die Beh&ouml;rden gern Ermittlungsverfahren wegen &bdquo;Verschw&ouml;rung&ldquo; oder &bdquo;krimineller Vereinigung&ldquo;. Damit soll auf EU-Ebene (und mit der T&uuml;rkei und Russland sogar dar&uuml;ber hinaus) jener Mechanismus etabliert werden, wie er auch f&uuml;r die bilaterale deutsch-britische Spitzelausleihe grundlegend war: Mit selbst fabrizierten dubiosen &bdquo;Risikoanalysen&ldquo; wird eine Bedrohung inszeniert, zu deren konspirativen Handhabung sich die Beh&ouml;rden bereits entsprechende grenz&uuml;berschreitende Werkzeuge geschaffen haben. Auf der Strecke bleiben Verh&auml;ltnism&auml;&szlig;igkeit und &ouml;ffentliche Kontrolle.<\/p>\n<p>Doch es gibt Gegenwehr im Spitzel- und &Uuml;berwachungsdickicht: Unter dem Titel &bdquo;Ma&szlig;nahmen gegen Observation&ldquo; ist eine beeindruckende Brosch&uuml;re im Internet erschienen, die Handreichungen zum Erkennen und Vermeiden von Spitzelei und &Uuml;berwachung liefert (<a href=\"http:\/\/media.de.indymedia.org\/media\/2011\/06\/310342.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/media.de.indymedia.org\/media\/2011\/06\/\/310342.pdf<\/a>).<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h2>\n<p>Monroy, Matthias, Using false documents against &ldquo;Euro-anarchists&rdquo;: the exchange of Anglo-German undercover police highlights controversial police operations, <a href=\"http:\/\/www.statewatch.org\/analyses\/no-146-undercover-exchange-protests.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.statewatch.org\/analyses\/no-146-undercover-exchange-protests.pdf<\/a><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[772,822],"autoren":[1497],"publikationen":[1026],"class_list":["post-10798","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gg-artikel-20","tag-grr-artikel","autoren-matthias-monroy","publikationen-1026"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>International agierende Spitzel - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2012\/publikation\/international-agierende-spitzel\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"International agierende Spitzel - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Grundrechte-Report 2012, Seite 160 Mit der Enttarnung des britischen verdeckten Ermittlers Mark Kennedy (alias Mark Stone) begann im Januar 2011 in Gro&szlig;britannien und Deutschland eine Auseinandersetzung &uuml;ber die zunehmende grenz&uuml;berschreitende Spitzelausleihe. 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