{"id":10801,"date":"2012-05-23T01:15:00","date_gmt":"2012-05-22T23:15:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/raeume-der-beliebigkeit-hamburgs-polizei-macht-die-stadt-gefaehrlich\/"},"modified":"2021-08-30T15:41:18","modified_gmt":"2021-08-30T13:41:18","slug":"raeume-der-beliebigkeit-hamburgs-polizei-macht-die-stadt-gefaehrlich","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2012\/publikation\/raeume-der-beliebigkeit-hamburgs-polizei-macht-die-stadt-gefaehrlich\/","title":{"rendered":"R\u00e4ume der Beliebigkeit &#8211; Hamburgs Polizei macht die Stadt gef\u00e4hrlich"},"content":{"rendered":"<p>Grundrechte-Report 2012, Seite 172<\/p>\n<p>&bdquo;Das Schanzenviertel, Hamburgs angesagtes Szeneviertel, verspr&uuml;ht mit vielen kleinen Boutiquen, Restaurants, Caf&eacute;s und einer Partymeile einen ganz eigenen Charme&#8220; &#8211; so bewirbt die Stadt Hamburg ihren &bdquo;alternativen&#8220; Stadtteil. Am Vorabend des 1. Mai 2011 wollte die Anwohnerin Claudia P. (Name ge&auml;ndert) eines dieser Restaurants besuchen und machte sich mit einigen Freundinnen gegen 23 Uhr auf den Weg in Richtung Schanzenbahnhof.<\/p>\n<p>Wenige Stunden zuvor hatten in der Stadt mehrere Tausend Menschen f&uuml;r den Erhalt des seit 20 Jahren besetzten Kulturzentrums &bdquo;Rote Flora&#8220; und gegen den von &ouml;konomischen Interessen bestimmten Umbau der Stadtstruktur demonstriert. Claudia P. durfte in dieser Nacht erfahren, wie auch die Polizei an der Umgestaltung der Hamburger Stadtstruktur mitwirkt. Im Anschluss an diese Demonstration und in Erwartung der viel beschworenen Mai-Krawalle hatte die Polizei ein gro&szlig;z&uuml;gig bemessenes Areal, das au&szlig;er dem Schanzenviertel auch den gr&ouml;&szlig;ten Teil von St. Pauli-Nord sowie Bereiche von Altona-Altstadt umfasste, zum &bdquo;Gefahrengebiet&#8220; erkl&auml;rt.<\/p>\n<p>Die Rechtsgrundlage f&uuml;r die Schaffung solcher &bdquo;Gefahrengebiete&ldquo; findet sich seit 2005 einigerma&szlig;en versteckt im Hamburgischen Datenverarbeitungsgesetz der Polizei. Hiernach kann die Polizei Gebiete definieren, in denen sie verdachtsunabh&auml;ngig Personen kurzfristig anhalten, befragen, ihre Identit&auml;t feststellen und mitgef&uuml;hrte Sachen in Augenschein nehmen kann. Das tat die Hamburger Polizei denn auch flei&szlig;ig, und tats&auml;chlich verspr&uuml;hte das Schanzenviertel an diesem Abend &bdquo;einen ganz eigenen Charme&rdquo;: Das Viertel war von Beamt\/innen umringt und von Kontrollposten durchzogen. Nach Medienangaben waren diesem Wochenende nicht weniger als 2.500 Beamte und Beamtinnen im Einsatz und mehr als 1.200 Personen wurden kontrolliert. So war das normalerweise pulsierende Schanzenviertel an diesem Abend ein seltsam leergefegter Raum polizeilichen Ausnahmezustands.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\">Gefah&shy;ren&shy;ge&shy;biete statt Gefah&shy;ren&shy;mo&shy;mente<\/h2>\n<p>Auch Claudia P. musste auf ihrem kurzen Weg zum Restaurant eine Polizeikette passieren, doch zu ihrer &Uuml;berraschung wurde sie nicht durchgelassen. Sie musste sich ausweisen und ihr Rucksack wurde durchsucht. Ein Beamter erkl&auml;rte ihr, dass gegen sie ein Aufenthaltsverbot f&uuml;r das &#8222;Gefahrengebiet Schanze&#8220; verh&auml;ngt werde. Auch der Hinweis darauf, dass sie im &#8222;Gefahrengebiet Schanze&#8220; wohne und daher den&nbsp; Aufenthalt in diesem Gebiet nur schwerlich vermeiden k&ouml;nne, brachte keinen Erfolg; dies sei &bdquo;wohl bekannt&#8220;, erwiderte der Beamte, &bdquo;aber egal&#8220;. Sie habe auf dem schnellsten Weg nach Hause zu gehen und d&uuml;rfe die Wohnung bis f&uuml;nf Uhr morgens nicht mehr verlassen. Statt gem&uuml;tlich im Restaurant zu sitzen, war Claudia P. damit auf einmal ohne erkennbaren Grund einer stundenlangen Ausgangssperre, einem faktischen Hausarrest unterworfen.<\/p>\n<p>Doch damit nicht genug, denn diese Ma&szlig;nahme gen&uuml;gte der Hamburger Polizei offenbar noch nicht. Ein anderer Beamter verk&uuml;ndete, Claudia P. werde zwecks praktischer Durchsetzung des Aufenthaltsverbots in Gewahrsam genommen. Und so fand sie sich bald in der Zelle einer Polizeiwache eingesperrt, bis morgens um drei Uhr. Eine mehrst&uuml;ndige Freiheitsentziehung, f&uuml;r die keinerlei erkennbare Gefahrenmomente zur Begr&uuml;ndung angegeben wurden.<\/p>\n<p>Tats&auml;chlich war die polizeiliche Willk&uuml;r im Schanzenviertel an diesem Abend eine plastische Demonstration, weswegen das Bundesverfassungsgericht unerm&uuml;dlich darauf hinweist, dass belastende Ma&szlig;nahmen hinreichend gesetzlich bestimmt sein m&uuml;ssen. Laut Gesetz muss den Menschen die Rechtslage erkennbar sein, damit sie ihr Verhalten daran ausrichten und sich auf m&ouml;gliche Ma&szlig;nahmen einstellen k&ouml;nnen. Das Hamburger Gesetz &uuml;ber die Datenverarbeitung der Polizei nennt als Voraussetzung f&uuml;r die Schaffung der Gefahrengebiete und die damit verbundenen Ma&szlig;nahmen schlicht &bdquo;konkrete Lageerkenntnisse&ldquo; der Polizei. Alles N&auml;here wird der Polizei &uuml;berlassen, so dass sie &uuml;ber eine sehr weite und vage Erm&auml;chtigung verf&uuml;gt, die es ihr erm&ouml;glicht, nach Belieben gegen unliebsame Personengruppen vorzugehen. Die Menschen in den &bdquo;Gefahrengebieten&ldquo; haben keine M&ouml;glichkeit, diesen Ma&szlig;nahmen zu entgehen: Die Polizei braucht weder einen konkreten Anfangsverdacht noch eine konkrete Gefahr. Es reicht, dass Menschen nur nach Hause oder in ihrem Viertel spazieren gehen m&ouml;chten. Letztlich k&ouml;nnte im Gesetz der Begriff &bdquo;Lageerkenntnisse&ldquo; auch durch die Worte &bdquo;wie es der Polizei gerade gef&auml;llt&ldquo; ersetzt werden. In der konkreten Situation w&auml;re dies kein Unterschied. Wieder einmal wurden der Exekutive neue Mittel an die Hand gegeben, die der Willk&uuml;r T&uuml;r und Tor &ouml;ffnen &#8211; so sie nicht sogar darauf angelegt sind, ein Ermessen einzur&auml;umen, dass in dieser Weite exekutiver Willk&uuml;r mindestens gef&auml;hrlich nahe kommt.<br \/>Claudia P.&rsquo;s Anwalt Carsten Gericke h&auml;lt die Vorschriften des Hamburger Gesetzes &uuml;ber die Datenverarbeitung der Polizei auch unter anderen Aspekten f&uuml;r verfassungswidrig. Weil durch die wahllosen Personenkontrollen gespeichert werden kann, an welchem Ort sich eine kontrollierte Person mit welcher anderen Person aufgehalten habe, greife das Gesetz in das informationelle Selbstbestimmungsrecht ein. Und die Durchsuchung mitgef&uuml;hrter Sachen sei als &bdquo;Eindringen in die private Sph&auml;re eines Betroffenen im Weg des zweckgerichteten Ausforschens&#8220; zu werten, so Anwalt Gericke.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\">No-go-areas<\/h2>\n<p>Seit 2005 wurden in Hamburg ungef&auml;hr 40 Gefahrengebiete kurzfristig und teils auch l&auml;ngerfristig eingerichtet (eine hervorragende kommentierte &Uuml;bersicht findet sich unter <a href=\"http:\/\/www.grundrechte-kampagne.de\/map\/node\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.grundrechte-kampagne.de\/map\/node<\/a>). Einige Gebiete werden zu bestimmten Anl&auml;ssen nur f&uuml;r kurze Zeit als &ldquo;gef&auml;hrlich&rdquo; deklariert, andere f&uuml;r mehrere Jahre, und in ihrer Ausdehnung variieren die Gefahrengebiete von einer einzelnen U-Bahn-Station bis hin zu ganzen Stadtvierteln. So gilt beispielsweise das bahnhofsnahe Viertel St. Georg seit 1995 als Gefahrengebiet, so dass die Polizei hier leichter gegen Prostitution und die Drogenszene vorgehen kann. Allein in St. Georg wurden von Mitte 2005 bis M&auml;rz 2009 nicht weniger als 22.412 Personen angehalten, es wurden 29.840 Identit&auml;tsfeststellungen durchgef&uuml;hrt, 38.587 Platzverweise erteilt sowie gegen nicht weniger als 53.181 Personen Aufenthaltsverbote ausgesprochen.<\/p>\n<p>Angesichts dieser imposanten Zahlen wird oft vorgebracht, die Polizei unterstelle in Gefahrengebieten alle Anwesenden einem Generalverdacht. Das ist so nicht richtig, denn tats&auml;chlich sind in den verschiedenen Gefahrengebieten meist bestimmte Personengruppen im Fokus. Nach Angaben des Senats richten sich die Ma&szlig;nahmen gegen verschiedenste polizeilich definierte Gruppen, wie beispielsweise Drogenabh&auml;ngige und &ndash;dealer\/innen, &bdquo;Linksalternative&ldquo;, alkoholisierte Jugendliche, Fu&szlig;ballfans oder im Fall von St. Georg Prostituierte. Eine dort lebende Frau wird also, wenn sie sich bedeckt kleidet, weniger kontrolliert werden, aber in &bdquo;Gefahrengebieten&ldquo; zur Bek&auml;mpfung des Drogenhandels kann f&uuml;r dunkelh&auml;utige Menschen jeder Weg zum Spie&szlig;rutenlauf werden, denn erfahrungsgem&auml;&szlig; wird Drogenkriminalit&auml;t in Hamburg Menschen mit dunkler Hautfarbe zugeschrieben. Die Einrichtung solcher &bdquo;Gefahrengebiete&ldquo; hat so zur Folge, dass Kontrollen in diesen Gebieten zu allt&auml;glichen diskriminierenden Erfahrungen werden k&ouml;nnen. No-go-areas der neuen Art.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[772,822],"autoren":[1694],"publikationen":[1026],"class_list":["post-10801","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gg-artikel-20","tag-grr-artikel","autoren-moritz-assall","publikationen-1026"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>R\u00e4ume der Beliebigkeit - Hamburgs Polizei macht die Stadt gef\u00e4hrlich - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2012\/publikation\/raeume-der-beliebigkeit-hamburgs-polizei-macht-die-stadt-gefaehrlich\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"R\u00e4ume der Beliebigkeit - Hamburgs Polizei macht die Stadt gef\u00e4hrlich - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Grundrechte-Report 2012, Seite 172 &bdquo;Das Schanzenviertel, Hamburgs angesagtes Szeneviertel, verspr&uuml;ht mit vielen kleinen Boutiquen, Restaurants, Caf&eacute;s und einer Partymeile einen ganz eigenen Charme&#8220; &#8211; so bewirbt die Stadt Hamburg ihren &bdquo;alternativen&#8220; Stadtteil. 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