{"id":10804,"date":"2011-05-23T02:40:00","date_gmt":"2011-05-23T00:40:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/jetzt-reicht-es-selbst-dem-bgh-jahrelange-ueberwachung-der-militanten-gruppe-war-rechtswidrig\/"},"modified":"2021-08-30T15:41:07","modified_gmt":"2021-08-30T13:41:07","slug":"jetzt-reicht-es-selbst-dem-bgh-jahrelange-ueberwachung-der-militanten-gruppe-war-rechtswidrig","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2011\/publikation\/jetzt-reicht-es-selbst-dem-bgh-jahrelange-ueberwachung-der-militanten-gruppe-war-rechtswidrig\/","title":{"rendered":"Jetzt reicht es selbst dem BGH &#8211; Jahrelange \u00dcberwachung der \u00bbmilitanten gruppe\u00ab war rechtswidrig"},"content":{"rendered":"<p>Grundrechte-Report 2011, Seiten 146 &#8211; 149<\/p>\n<p>Durch gezielte Indiskretion erhielt der <i>Focus<\/i> im Jahr 2003 Informationen &uuml;ber ein &raquo;brisantes&laquo; Ermittlungsverfahren. Es galt der &raquo;militanten gruppe&laquo;, die sich seit Mitte 2001 zu etwa 27 Anschl&auml;gen vor allem im Berliner Raum bekannt und im Sommer 2009 ihre Aufl&ouml;sung erkl&auml;rt hat. Erstmals in Erscheinung trat die sich als sozialrevolution&auml;r und antiimperialistisch verstehende Gruppe durch die Verschickung von drei gleichlautenden Schreiben an den Regierungsbeauftragten f&uuml;r die Entsch&auml;digung der Zwangsarbeiter und zwei Repr&auml;sentanten der &raquo;Stiftungsinitiative der Deutschen Wirtschaft&laquo;. Den Schreiben lagen jeweils scharfe Kleinkaliberpatronen bei.<\/p>\n<p>Unter der &Uuml;berschrift &raquo;Familienfoto mit Kanzler&laquo; ver&ouml;ffentlichte der <i>Focus<\/i> im November 2003 eine Geschichte seines Autors Josef Hufelschulte, der f&uuml;r seine intimen Kontakte zu den Staatsschutzbeh&ouml;rden bekannt ist. Handfestes hatte der Journalist nicht zu bieten: Nach &raquo;zuverl&auml;ssigen Focus-Informationen&laquo; habe das Bundeskriminalamt (BKA) vier Berliner im Alter zwischen &raquo;30 und 49 Jahren&laquo; identifiziert, &raquo;die zum konspirativen Kern der &rsaquo;Militanten Gruppe&lsaquo; geh&ouml;ren sollen&laquo;. Die Betroffenen erfuhren erst aus der Presse, dass gegen sie wegen &raquo;Bildung einer terroristischen Vereinigung&laquo; nach &sect; 129a Strafgesetzbuch ermittelt wurde. Ansonsten passierte nichts. Weder erfolgte eine Festnahme, noch kam es zu einer&nbsp;Hausdurchsuchung. Die Wohnr&auml;ume von drei Betroffenen werden<br \/>erst 2007&nbsp;&#8211; vier Jahre sp&auml;ter&nbsp;&#8211; im Rahmen der spektakul&auml;ren Razzia im Vorfeld des G8-Gipfels in Heiligendamm durchsucht. Ein Jahr zuvor hatte der Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof (BGH) letztmalig die Telekommunikations&uuml;berwachung der Betroffenen angeordnet. Rechtswidrig &#8211; wie der BGH am 11. M&auml;rz 2010 entschied (Az. StB 16\/09).<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"terroristenverfahren-auf-geheiss-des-verfassungsschutzes\">&raquo;Terro&shy;ris&shy;ten&shy;ver&shy;fahren&laquo; auf Gehei&szlig; des Verfas&shy;sungs&shy;schutzes<\/span><\/h2>\n<p>&raquo;Die angeordneten und durchgef&uuml;hrten verdeckten Ermittlungsma&szlig;nahmen waren bereits deshalb rechtswidrig, weil zum jeweiligen Zeitpunkt ihrer Anordnung und Durchf&uuml;hrung ein ausreichender Tatverdacht &hellip; nicht bestand.&laquo; Mit dieser schallenden Ohrfeige setzte der BGH das endg&uuml;ltige Schlusszeichen hinter die jahrelangen Ermittlungen gegen drei Berliner Mitglieder der bundesweiten Initiative Libertad!, die sich f&uuml;r die Freiheit politischer Gefangener weltweit einsetzt. Die Entscheidung des BGH betraf 27 Beschl&uuml;sse des Ermittlungsrichters am BGH zur Telekommunikations&uuml;berwachung, acht Beschl&uuml;sse zur Observation nebst Video&uuml;berwachung sowie drei Verf&uuml;gungen des Generalbundesanwalts in dieser Sache. Nach sieben Jahren, im September 2008, wurde das Verfahren eingestellt, weil die jahrelangen, umfangreichen Ermittlungen keine belastbaren Hinweise erbracht h&auml;tten, dass die Betroffenen an Straftaten beteiligt gewesen seien. Solange galten die drei Berliner Aktivisten auf Gehei&szlig; des Verfassungsschutzes dem BKA als Gr&uuml;nder der &raquo;militanten gruppe&laquo; &#8211; obwohl es immer wieder selbst Zweifel an diesen Vorw&uuml;rfen hegte.<\/p>\n<p>Ein Blick zur&uuml;ck auf die Ermittlungen gegen die &raquo;militante gruppe&laquo; offenbart eine enge Kooperation zwischen BKA und Bundesamt f&uuml;r Verfassungsschutz (BfV). Nur einen Monat nachdem die &raquo;militante gruppe&laquo; im Juni 2001 erstmals in Erscheinung getreten war, erkl&auml;rte das BfV der Bundesanwaltschaft, ihr seien die Mitglieder der Gruppe bekannt. Bei den Gr&uuml;ndern der Gruppe handele es sich, so der Verfassungsschutz, um drei Mitglieder der Initiative Libertad! Das BfV<br \/>forderte die Bundesanwaltschaft auf, gegen die drei zu ermitteln. Das BKA ermittelte: Die Wohnungen und Arbeitsstellen der Beschuldigten wurden Tag und Nacht gefilmt, Telefone abgeh&ouml;rt, Autos verwanzt und mit Peilsendern versehen. Alle Banktransaktionen wurden kontrolliert. Die drei Personen wurden auf Schritt und Tritt von Zivilpolizisten verfolgt. Das BfV f&uuml;hrte einen Teil der technischen &Uuml;berwachung durch und stellte einzelne Ergebnisse, etwa die Auswertungen von &Uuml;berwachungskameras, dem BKA in &raquo;Amtshilfe&laquo; zur Verf&uuml;gung. Im Zuge der Ermittlungen gerieten zudem ein Freund und der Sohn eines Betroffenen ins Visier des BKA. Gegen sie wurden 2003 getrennte Verfahren eingeleitet.<br \/><b><\/b><\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"deutliche-richterworte\">Deutliche Richter&shy;worte<\/span><\/h2>\n<p>In seinem Beschluss vom M&auml;rz ging der BGH mit BKA und BfV hart ins Gericht: Auch &raquo;bei Ber&uuml;cksichtigung des den anordnenden Stellen zustehenden Beurteilungsspielraums&laquo; h&auml;tten die &Uuml;berwachungsma&szlig;nahmen &raquo;nicht gestattet werden d&uuml;rfen&laquo;. Trotz &raquo;operativer Ma&szlig;nahmen&laquo; gegen die Libertad!-Mitglieder, die sp&auml;testens ab 1998 erfolgt seien, habe der Verfassungsschutz nichts geliefert, &raquo;was wesentlich &uuml;ber allgemeine Erkenntnisse &uuml;ber deren politische Orientierung hinausgeht&laquo;. &raquo;Konkrete Anhaltspunkte&laquo; f&uuml;r seine &raquo;Erkenntnisse&laquo;, die drei seien Mitglieder der &raquo;militanten gruppe&laquo;, habe er nicht vorlegen k&ouml;nnen, ebenso wenig plausible Erkl&auml;rungen f&uuml;r diese Einsch&auml;tzung.<\/p>\n<p>In Richtung BKA hie&szlig; es, es deute viel darauf hin, &raquo;dass Grund f&uuml;r die strafrechtliche Verfolgung &hellip; nicht die Verdichtung eines &hellip; bestehenden Verdachts gewesen sein k&ouml;nnte, konkrete Straftaten begangen zu haben, sondern die Annahme von Polizei- und\/oder Verfassungsschutzbeh&ouml;rden, die Gefahrenlage habe sich erh&ouml;ht&laquo;. Dabei sei, schrieb der BGH dem BKA ins Stammbuch, &raquo;die pr&auml;ventive Gefahrenabwehr&laquo; nicht seine Aufgabe und d&uuml;rfe schon gar nicht durch Ermittlungen auf Grundlage der Strafprozessordnung durchgef&uuml;hrt werden. &Uuml;bel stie&szlig; dem BGH zudem auf, dass das BKA entlastende<br \/>Ermittlungsergebnisse und widersprechende Gutachten dem zust&auml;ndigen Ermittlungsrichter vorenthielt. Die Ermittlungen h&auml;tten &raquo;sogar&nbsp;&#8211; auch nach Auffassung des Bundeskriminalamts und des Generalbundesanwalts &#8211; &raquo;entlastende Umst&auml;nde zutage gef&ouml;rdert, nach denen eine Beteiligung der Betroffenen an Anschl&auml;gen der &raquo;militanten gruppe&laquo; ausgeschlossen werden musste. Seiner &raquo;Funktion als Kontrollorgan der Ermittlungsbeh&ouml;rden&laquo; k&ouml;nne der Ermittlungsrichter am BGH aber nur nachkommen, wenn er darauf vertrauen k&ouml;nne, &raquo;dass die Beweislage, soweit sie f&uuml;r die Entscheidung relevant ist, &hellip; ohne erhebliche L&uuml;cken dargetan ist&laquo;.<\/p>\n<p>&raquo;Vage Anhaltspunkte und blo&szlig;e Vermutungen&laquo; waren laut BGH die Grundlage der jahrelangen Ermittlungen gegen die Betroffenen. Sieben Jahre lie&szlig; sich die Bundesanwaltschaft Zeit, bis sie die Ermittlungen einstellte. Obwohl es nie einen ausreichenden Tatverdacht gab. Sieben Jahre, in denen die Telefone der Verd&auml;chtigten &uuml;berwacht, ihre E-Mails mitgelesen, ihr Umfeld ausgeforscht und sie selbst observiert wurden.<\/p>\n<p>Funktioniert also die rechtsstaatliche Kontrolle der Ermittlungsbeh&ouml;rden? In diesem Fall erfolgte die h&ouml;chstrichterliche<br \/>&raquo;Abmahnung&laquo; jedenfalls reichlich sp&auml;t. &Uuml;ber Jahre hinweg mussten die Betroffenen schwerwiegende Grundrechtsverletzungen hinnehmen. Der Fall zeigt zudem wieder einmal deutlich, dass der Richtervorbehalt als Korrektiv gegen&uuml;ber Polizei und Staatsanwaltschaften bei Grundrechtseingriffen nicht funktioniert.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h2>\n<p>Beschluss des 3. Senats des Bundesgerichtshofs vom 10. 3. 2010 (Az. StB 16\/09), abrufbar unter: <a href=\"http:\/\/www.bundesgerichtshof.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.bundesgerichtshof.de<\/a> (Entscheidungen)<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[772,822],"autoren":[1807],"publikationen":[1027],"class_list":["post-10804","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gg-artikel-20","tag-grr-artikel","autoren-martin-beck","publikationen-1027"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.7 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Jetzt reicht es selbst dem BGH - Jahrelange \u00dcberwachung der \u00bbmilitanten gruppe\u00ab war rechtswidrig - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2011\/publikation\/jetzt-reicht-es-selbst-dem-bgh-jahrelange-ueberwachung-der-militanten-gruppe-war-rechtswidrig\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Jetzt reicht es selbst dem BGH - Jahrelange \u00dcberwachung der \u00bbmilitanten gruppe\u00ab war rechtswidrig - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Grundrechte-Report 2011, Seiten 146 &#8211; 149 Durch gezielte Indiskretion erhielt der Focus im Jahr 2003 Informationen &uuml;ber ein &raquo;brisantes&laquo; Ermittlungsverfahren. 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