{"id":10808,"date":"2011-05-23T02:00:00","date_gmt":"2011-05-23T00:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/sicherungen-durchgebrannt-sicherungsverwahrungspolitik-ignoriert-menschenrechte\/"},"modified":"2021-08-30T15:41:07","modified_gmt":"2021-08-30T13:41:07","slug":"sicherungen-durchgebrannt-sicherungsverwahrungspolitik-ignoriert-menschenrechte","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2011\/publikation\/sicherungen-durchgebrannt-sicherungsverwahrungspolitik-ignoriert-menschenrechte\/","title":{"rendered":"Sicherungen durchgebrannt &#8211; Sicherungsverwahrungspolitik ignoriert Menschenrechte"},"content":{"rendered":"<p>Grundrechte-Report 2011, Seiten 163 &#8211; 168<\/p>\n<p>Die Sicherungsverwahrung ist zu einem Dauerbrenner im Grundrechte-Report geworden (vgl. GRR 1999, S. 181, GRR 2002, S. 189, GRR 2007, S. 69 ff., GRR 2008, S. 153 ff., GRR 2009, S. 228 ff.). Die Anl&auml;sse f&uuml;r eine erneute Befassung stellen das Zur&uuml;ckliegende jedoch in den Schatten: in puncto Verwahrung und Menschenrechte sind in Deutschland die Sicherungen durchgebrannt. Dabei hat die aktuelle Debatte &uuml;ber die &raquo;Neuordnung&laquo; des Straf-Rechts der sichernden Verwahrung zwei Wurzeln: Einerseits der schwarz-gelbe Koalitionsvertrag von 2009, in dem vereinbart wurde, das normative Chaos, das mit zahlreichen Gesetzes&auml;nderungen der letzten Jahre angerichtet worden war, zu ordnen; andererseits ein Grundsatzurteil des Europ&auml;ischen Gerichtshofs f&uuml;r Menschenrechte (EGMR) vom 17. Dezember 2009 (Az. 19359\/04 &#8211; rechtskr&auml;ftig seit dem 10. Mai 2010), mit dem klargestellt wurde, dass die Sicherungsverwahrung in Deutschland rechtlich und faktisch als Strafe zu werten sei, weshalb sie nicht nachtr&auml;glich verh&auml;ngt oder verl&auml;ngert werden d&uuml;rfe. Im Umgang mit den Betroffenen und in der geplanten Ausgestaltung der &rsaquo;neuen&lsaquo; Sicherungsverwahrung bleibt die Bundesrepublik aber auf Distanz zu den Menschenrechten.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"staatliche-freiheitsberaubung-wird-fortgesetzt\">Staatliche Freiheits&shy;be&shy;rau&shy;bung wird fortgesetzt<\/span><\/h2>\n<p>Deutschland wurde vom EGMR u. a. wegen eines Versto&szlig;es gegen das R&uuml;ckwirkungsverbot (Artikel 7 EMRK) verurteilt. In der Folge dieser Entscheidung h&auml;tten nicht nur der Beschwerdef&uuml;hrer, sondern auch rund 120 vergleichbar Betroffene aus der menschenrechtswidrig verl&auml;ngerten Sicherungsverwahrung entlassen werden m&uuml;ssen &#8211; dies ist von der Exekutive und von vielen bisher damit befassten Gerichten bis hinauf zum Bundesverfassungsgericht (BVerfG) und zum Bundesgerichtshof (BGH) verhindert worden: Der Anfangsverdacht von<br \/>Freiheitsberaubung dr&auml;ngt sich auf! Die derzeitigen Gesetzgebungsaktivit&auml;ten (Koalitionsentwurf vom 26. Oktober 2010, BT-Drs. 17\/3403) zielen demgem&auml;&szlig; nicht nur darauf ab, das Sicherungsverwahrungs-Recht neu zu ordnen und davon gleichzeitig so viel zu &rsaquo;retten&lsaquo;, wie es die EMRK in der verbindlichen Auslegung durch den EGMR vermeintlich gerade noch zul&auml;sst, sondern auch darauf, jene Freiheitsberaubungen nachtr&auml;glich zu legalisieren.<\/p>\n<p>Nachdem die Sicherungsverwahrungs-Anordnungen und<br \/>-Vollstreckungen bis in die 1980er Jahre hinein best&auml;ndig r&uuml;ckl&auml;ufig waren und allgemein angenommen wurde, die Sicherungsverwahrung<br \/>w&uuml;rde sich wohl irgendwann &rsaquo;von alleine&lsaquo; abschaffen, befanden sich im Jahre 1995 &rsaquo;nur&lsaquo; noch 179 Menschen in den Sicherungsverwahrungs-Abteilungen der Gef&auml;ngnisse. Ende der 1990er Jahre setzte jedoch eine Renaissance der Sicherungsverwahrung ein, was die Zahl der Sicherungsverwahrten auf inzwischen deutlich mehr als 500 anwachsen<br \/>lie&szlig;. Der Trend einer kriminalpopulistischen Sicherheitspolitik, die den Namen Kriminalpolitik kaum mehr verdient, h&auml;lt mit den aktuellen parlamentarischen Aktivit&auml;ten ungebrochen an. Was jetzt als &rsaquo;Reform&lsaquo; daherkommt mit dem behaupteten Ziel, die Sicherungsverwahrung auf &raquo;schwerste F&auml;lle&laquo; zu beschr&auml;nken (BT-Drs. 17\/3403 S. 22), und vorgibt, die n&ouml;tigen Konsequenzen aus dem EGMR-Urteil zu ziehen, wird sich unter dem Strich als abermalige Ausweitung und Versch&auml;rfung des Sicherungsverwahrungs-Instrumentariums auf Kosten der Menschenrechte erweisen.<\/p>\n<ul>\n<li>Die prim&auml;re Sicherungsverwahrung sollte zwar auf die &raquo;schwersten&laquo; F&auml;lle beschr&auml;nkt werden, dem Gesetzentwurf zufolge w&auml;re es aber auch weiterhin so gewesen, dass gewaltlose Eigentums- und Verm&ouml;gensdelikte eine Sicherungsverwahrung h&auml;tten begr&uuml;nden k&ouml;nnen, wenn im Wiederholungsfall &raquo;schwerer wirtschaftlicher Schaden angerichtet&laquo; w&uuml;rde; dies wurde immerhin nach massiven Protesten im Rechtsausschuss zur&uuml;ckgenommen (das letzte Wort des Bundesrates stand allerdings bei Redaktionsschluss noch aus).<\/li>\n<li>Die vorbehaltene Sicherungsverwahrung soll erheblich ausgeweitet werden f&uuml;r F&auml;lle, in denen zwar &raquo;nicht mit hinreichender Sicherheit feststellbar, aber wahrscheinlich&laquo; ist, dass eine Sicherungsverwahrung angeordnet werden k&ouml;nnte &#8211; die Anordnung ergeht am Ende des Strafvollzugs in Anbetracht<br \/>der &raquo;Entwicklung&laquo; des Gefangenen bis zu diesem Zeitpunkt, als habe er es selbst in der Hand, jene Wahrscheinlichkeit zu untergraben.<\/li>\n<li>Die nachtr&auml;gliche Sicherungsverwahrung soll abgeschafft<br \/>werden, aber einerseits nur f&uuml;r neue F&auml;lle (Straftatbegehung<br \/>nach Inkrafttreten) und andererseits nicht f&uuml;r die Fallgruppe derer, deren oft schon langj&auml;hrige Unterbringung in der forensischen Psychiatrie abgebrochen wurde unter Hinweis darauf, sie seien gar nicht (mehr) psychisch krank, aber trotzdem gef&auml;hrlich &hellip; wof&uuml;r sie nachtr&auml;glich mit unbefristeter<br \/>Freiheitsentziehung im Justizvollzug bestraft werden.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Dass alle vorgesehenen &Auml;nderungen EMRK-konform sind, wird von zahlreichen Fachleuten bestritten (exemplarisch Scharmer 2010). Die Resistenz von Parlament und Politik gegen&uuml;ber der EMRK und die Renitenz gegen&uuml;ber dem EGMR haben besorgniserregende Formen angenommen. Sicherheitspolitische &raquo;Hangt&auml;ter&laquo; (s. u.) weichen im Zweifel vom Pfad der Europ&auml;ischen Menschenrechte ab und w&auml;hlen nationale Sonderwege: Deutsches Sicherheitsrecht vs. Europ&auml;ische Rechtssicherheit.<br \/><b><\/b><\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"renitenz-deutscher-sicherheitspolitik\">Renitenz deutscher Sicher&shy;heits&shy;po&shy;litik<\/span><\/h2>\n<p>Am 9. November 2010, publiziert am Tage nach einer Experten-Anh&ouml;rung vor dem Bundestags-Rechtsausschuss, hat sich der 5. Senat des BGH aufgrund einer sogenannte Divergenzvorlage f&uuml;r die Rechtsmeinung der Oberlandesgerichte Celle, Koblenz und Stuttgart und gegen die des EGMR entschieden: Die menschenrechtswidrige Freiheitsentziehung darf fortgesetzt werden, denn &#8211; so hie&szlig; es in einer Pressemitteilung des BGH &#8211; &raquo;wenn der gegenteilige Wille des Gesetzgebers &hellip; unmissverst&auml;ndlich zum Ausdruck kommt, endet nach der Rechtsprechung des BVerfG die Zul&auml;ssigkeit konventionskonformer<br \/>Auslegung&laquo;.<\/p>\n<p>Die Bundesregierung hatte dem Europarat bis Mitte November 2010 Bericht zu erstatten, wie die oben genannte Entscheidung des EGMR umgesetzt worden ist&nbsp;&#8211; der Bericht wird entweder unaufrichtig oder peinlich. Der Europarat sollte sich mit derlei Renitenz in der Mitte Europas nicht abfinden, oder er macht sich unglaubw&uuml;rdig beim Anprangern anderweitiger Menschenrechtsverletzungen.<\/p>\n<p>Die prinzipiellen rechtsstaatlichen und kriminalpolitischen Probleme mit der Sicherungsverwahrung sind alt: Die Unterbringung beruht auf der &#8211; zumeist kriminalpsychiatrischen &#8211; Prognose, der Verurteilte werde, weil er ein sogenannter Hangt&auml;ter sei, schwere Straftaten erneut begehen. Die Bev&ouml;lkerung vor schweren R&uuml;ckfalltaten sch&uuml;tzen zu wollen, ist mit Sicherheit ein hehres Ziel &#8211; der Preis, den die von der Sicherungsverwahrung Betroffenen daf&uuml;r zahlen m&uuml;ssen, ist aber mit eben solcher Sicherheit zu hoch. Dass es in Einzelf&auml;llen R&uuml;ckfalltaten<br \/>geben wird, gilt kriminalstatistisch als ausgemacht &#8211; wer sie wann begehen wird, ist jedoch seri&ouml;s nicht vorhersehbar. In die Sicherungsverwahrung ger&auml;t vielmehr, wer einer Personengruppe mit bestimmten, kriminalstatistisch als ung&uuml;nstig bewerteten Merkmalen zugerechnet wird, wobei immer h&auml;ufiger auch wieder ganz unverbl&uuml;mt von &raquo;Psychopathen&laquo; gesprochen wird, die unheilvolle Geschichte der psycho-biologischen und charakter-pathologischen Kategorisierung vom &rsaquo;Verbrechermenschen&lsaquo; mehr oder weniger bewusst ausblendend. Dass die Gef&auml;hrlichkeit dieser Menschen notorisch &uuml;bersch&auml;tzt wird, wurde gerade in letzter Zeit mehrfach eindrucksvoll kriminologisch belegt, wird aber realpolitisch ebenso notorisch ignoriert.<\/p>\n<p>Neu ist das geplante sogenannte Therapieunterbringungsgesetz (ThUG): In der Form eines verfassungsrechtlich bedenklichen<br \/>Ausnahmegesetzes sollen diejenigen, die schon mehr als zehn Jahre in Sicherungsverwahrung sind und eigentlich l&auml;ngst h&auml;tten entlassen werden m&uuml;ssen, einer sogenannten Therapieunterbringung zugef&uuml;hrt werden, wenn sie &raquo;psychisch gest&ouml;rt&laquo; sind, gemeint sind sogenannte dissoziale Pers&ouml;nlichkeiten. Das soll der Unterbringung von &raquo;Geisteskranken&laquo; gem&auml;&szlig; Artikel 5 Absatz 1 lit. e EMRK entsprechen und deshalb konventionskonform sein &#8211; welch dreister Etikettenschwindel. Etikettenschwindel und gesetzliches Unrecht zudem!<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h2>\n<p>Alex, Michael, Nachtr&auml;gliche Sicherungsverwahrung &#8211; ein rechtsstaatliches und kriminalpolitisches Debakel, Holzkirchen 2010<\/p>\n<p>Poll&auml;hne, Helmut, Europ&auml;ische Rechtssicherheit gegen Deutsches<br \/>Sicherheitsrecht? in: Kritische Justiz 2010, S. 255 ff.<\/p>\n<p>Scharmer, Sebastian, Gemeinsame Stellungnahme der Strafverteidigervereinigungen und des RAV zur Neuordnung des Rechts<br \/>der Sicherungsverwahrung (&hellip;), Berlin 2010, dokumentiert unter:<br \/><a href=\"http:\/\/www.rav.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.rav.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[772,822],"autoren":[1757],"publikationen":[1027],"class_list":["post-10808","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gg-artikel-20","tag-grr-artikel","autoren-helmut-pollaehne","publikationen-1027"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Sicherungen durchgebrannt - Sicherungsverwahrungspolitik ignoriert Menschenrechte - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2011\/publikation\/sicherungen-durchgebrannt-sicherungsverwahrungspolitik-ignoriert-menschenrechte\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Sicherungen durchgebrannt - Sicherungsverwahrungspolitik ignoriert Menschenrechte - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Grundrechte-Report 2011, Seiten 163 &#8211; 168 Die Sicherungsverwahrung ist zu einem Dauerbrenner im Grundrechte-Report geworden (vgl. 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