{"id":10832,"date":"2008-05-23T01:10:00","date_gmt":"2008-05-22T23:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/in-verruf-geraten\/"},"modified":"2021-08-30T15:40:16","modified_gmt":"2021-08-30T13:40:16","slug":"in-verruf-geraten","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2008\/publikation\/in-verruf-geraten\/","title":{"rendered":"In Verruf geraten"},"content":{"rendered":"<p>Grundrechte-Report 2008, Seite 20<\/p>\n<p>Im November 2007 hat Dick Marty einen Bericht ver&ouml;ffentlicht, der auf die Terrorlisten des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen und der Europ&auml;ischen Union hinweist. Der Bericht listet sorgf&auml;ltig die verschiedenen Beschl&uuml;sse auf, mit denen Einzelne oder Gruppen im Zuge des Kampfes gegen den Terror benannt und damit im wortw&ouml;rtlichen Sinne in Verruf gebracht wurden. Es begann mit Beschl&uuml;ssen des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen nach dem 11. September 2001, als zun&auml;chst die Taliban, dann bald danach Osama bin Laden als Terroristen bezeichnet und sozusagen ge&auml;chtet wurden. Inzwischen wurden die Listen deutlich erweitert.<\/p>\n<p>Dick Marty schildert, was das bedeutet. Die Betroffenen werden nicht verst&auml;ndigt, sondern erfahren davon, wenn sie eine Grenze &uuml;berschreiten oder &uuml;ber ihr Bankkonto verf&uuml;gen wollen. Es gibt keine Anklage, kein rechtliches Geh&ouml;r, keine offizielle Benachrichtigung, keine zeitliche Begrenzung und keine Rechtsmittel gegen diese Ma&szlig;nahme. Zu Recht weist Dick Marty darauf hin, dass damit die grundlegenden Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit und wichtige Menschenrechtskonventionen verletzt sind. Marty ist davon &uuml;berzeugt, dass auch v&ouml;llig Unschuldige betroffen sind, obwohl das ohne f&ouml;rmliche Verfahren kaum bewiesen werden kann. An die Stelle der Unschuldsvermutung tritt eine Schuldvermutung, die sofort einschneidende Konsequenzen hat.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"keine-rechtsmittel-gegen-fehler-und-verleumdung\">Keine Rechts&shy;mittel gegen Fehler und Verleumdung <\/span><\/h2>\n<p>Nat&uuml;rlich sind derartige Beschl&uuml;sse fehleranf&auml;llig. Bei Einzelpersonen sind Verwechslungen m&ouml;glich und falsche Anschuldigungen, gegen die man sich ohne ein geordnetes Verfahren nicht wehren kann. Bei Gruppierungen ist die Bewertung als Freiheitsbewegung oder Terrorgruppe von politischen (Vor-)Urteilen abh&auml;ngig, die alles andere als objektiv und rechtsstaatlich einwandfrei sind. Vor allem aber werden mit den Terrorlisten ohne gerichtliche Verfahren und Widerspruchsm&ouml;glichkeiten alle Prinzipien des Rechtsstaates und des Internationalen Rechts &uuml;ber Bord geworfen. Klagen k&ouml;nnen schon daran scheitern, dass bei in Frage kommenden Gerichten h&ouml;chstens die Staaten zur Klage berechtigt sind, die den Verruf selbst beschlossen haben. Marty beklagt, dass sich keine Staaten gegen dieses Vorgehen gewandt haben. Gegen Terrorlisten der Europ&auml;ischen Union k&ouml;nnen aber auch direkt Betroffene klagen. Allerdings wird diese M&ouml;glichkeit durch die Sperrung ihrer Konten sehr erschwert.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"der-europaeische-gerichtshof-korrigiert-aber-ohne-erfolg\">Der Europ&auml;ische Gerichtshof korrigiert, aber ohne Erfolg <\/span><\/h2>\n<p>Immerhin sind inzwischen einige F&auml;lle vor dem Europ&auml;ischen Gerichtshof in Luxemburg (EuGH) verhandelt worden. Der Gerichtshof hat festgestellt, dass grundlegende rechtsstaatliche Prinzipien, insbesondere der Anspruch auf rechtliches Geh&ouml;r, missachtet wurden. Das hat dazu gef&uuml;hrt, dass einige betroffene Gruppen und Terrorverd&auml;chtige nachtr&auml;glich angeh&ouml;rt wurden. Aber Abhilfe geschaffen wurde nicht. Die Verfemten blieben verfemt, weil die Stellen, die die Listen aufstellen, in dem demokratisch weder legitimierten noch kontrollierten Listungsverfahren bei ihrer Beurteilung blieben. Letzten Endes muss festgestellt werden, wie es Marty tut, dass grundlegende Menschenrechte und demokratische Regeln verletzt werden, dass Terroristen auf diese Weise nicht erfolgreich bek&auml;mpft werden k&ouml;nnen, sondern geradezu einen Sieg davontragen, wenn die Einhaltung von Menschenrechten als Sch&ouml;nwetterrecht erscheint. Wer Rechtsstaat und Menschenrechte verteidigen will, kann das nur, wenn er deren Grundlagen auch selbst achtet.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h2>\n<p>Der Bericht des Europarat-Ermittlers Dick Marty steht in englischer und franz&ouml;sischer Sprache im Internet unter:<br \/><a href=\"http:\/\/assembly.coe.int\/ASP\/APFeaturesManager\/defaultArtSiteView.asp?ID=717\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/assembly.coe.int\/ASP\/APFeaturesManager\/defaultArtSiteView.asp?ID=717<\/a>; dort auch die Angaben &uuml;ber einschl&auml;gige Urteile.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[772,822],"autoren":[1610],"publikationen":[1031],"class_list":["post-10832","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gg-artikel-20","tag-grr-artikel","autoren-ulrich-finckh","publikationen-1031"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>In Verruf geraten - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2008\/publikation\/in-verruf-geraten\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"In Verruf geraten - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Grundrechte-Report 2008, Seite 20 Im November 2007 hat Dick Marty einen Bericht ver&ouml;ffentlicht, der auf die Terrorlisten des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen und der Europ&auml;ischen Union hinweist. 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