{"id":10833,"date":"2008-05-23T01:00:00","date_gmt":"2008-05-22T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/leidvolle-konsequenzen-einer-verfehlten-strafvorschrift-bgh-zieht-anwendung-des-129a-stgb-grenze\/"},"modified":"2021-08-30T15:40:16","modified_gmt":"2021-08-30T13:40:16","slug":"leidvolle-konsequenzen-einer-verfehlten-strafvorschrift-bgh-zieht-anwendung-des-129a-stgb-grenze","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2008\/publikation\/leidvolle-konsequenzen-einer-verfehlten-strafvorschrift-bgh-zieht-anwendung-des-129a-stgb-grenze\/","title":{"rendered":"Leidvolle Konsequenzen einer verfehlten Strafvorschrift &#8211; BGH zieht Anwendung des \u00a7 129a StGB Grenzen"},"content":{"rendered":"<p>Grundrechte-Report 2008, Seite 170<\/p>\n<p>Selten in der fast 30-j&auml;hrigen Geschichte des Tatbestandes der terroristischen Vereinigung, &sect; 129a Strafgesetzbuch (StGB), war eine Haftentscheidung des Ermittlungsrichters beim Bundesgerichtshof so heftig kritisiert worden wie die von Richter Hebenstreit vom 1. August 2007 gegen den Ostberliner Soziologen und politischen Aktivisten Andrej Holm. Holm war nach zehnmonatiger umfassender &Uuml;berwachung in einem seit 2006 von der Bundesanwaltschaft gef&uuml;hrten Verfahren wegen Mitgliedschaft in der nach Auffassung der Bundesanwaltschaft terroristischen Vereinigung &bdquo;militante gruppe&ldquo; inhaftiert worden. Am gleichen Tag waren drei Personen wegen versuchter Brandstiftung an Lastkraftwagen der Bundeswehr in Brandenburg festgenommen worden. Es waren vor allem die mittlerweile oft zitierten Passagen aus dem Haftbefehl, die weit &uuml;ber den Kreis der ge&uuml;bten Kritiker der Terrorismusrechtsprechung hinaus f&uuml;r Aufsehen und Unmut sorgten.<\/p>\n<p>Neben Kontakten zur linken Szene und insbesondere einem Kontakt zu einem der mutma&szlig;lichen Brandstifter von Brandenburg wurden als Indizien gegen Holm vor allem neutrale Charakteristika, wie die Benutzung von Schlagw&ouml;rtern und Phrasen, die auch in Texten der &bdquo;militanten gruppe&ldquo; verwendet wurden, sowie der Zugang zu Bibliotheken und seine intellektuellen Voraussetzungen herangezogen. Intellektuelle wie Richard Sennett und Saskia Sassen kritisierten ebenso wie B&uuml;rgerrechtsorganisationen und die linke Szene den Tatbestand des &sect; 129a StGB: Die Vorschrift sei mit einem rechtstaatlichen Strafrecht unvereinbar und diene vor allem als Ausforschungs- und Ermittlungsparagraph. Die Kritiker stehen in der Tradition einer langj&auml;hrigen rechtspolitischen Debatte: In den 80er Jahren forderten die Gr&uuml;nen die Abschaffung der Norm als Relikt der Ausnahmegesetzgebung gegen die RAF, sp&auml;ter griff DIE LINKE das Thema auf. Die gro&szlig;en Parteien hielten sich bedeckt.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"trotz-aller-kritik-schaerfere-antiterrorgesetze\">Trotz aller Kritik: Sch&auml;rfere Antiter&shy;ror&shy;ge&shy;setze<\/span><\/h2>\n<p>Nach dem 11. September 2001 wurden die Terrorismus-Sondergesetze in Deutschland wie auf der ganzen Welt ausgedehnt. Nie waren die Voraussetzungen so g&uuml;nstig, unter dem Deckmantel der Terrorismusbek&auml;mpfung politisch, ethnisch und anderweitig unliebsame Gruppen zu verfolgen. Folgerichtig wurden im Rahmen der europ&auml;ischen Anti-Terror-Ma&szlig;nahmen die bisher nicht mit einer derartigen Gesetzgebung gesegneten Staaten Europas, wie z. B. Skandinavien, durch den Ratsbeschluss der EU vom 13. Juni 2002 aufgefordert, Anti-Terrorismusgesetze einzuf&uuml;hren bzw. zu versch&auml;rfen. In Umsetzung dieses Rahmenbeschlusses reformierte die rot-gr&uuml;ne Bundesregierung den Tatbestand des &sect; 129a StGB. Immerhin wurde der neue Tatbestand deutlich enger gefasst als bisher. Die stark kritisierte Rechtsprechung zur Werbung f&uuml;r eine terroristische Vereinigung &ndash; dadurch dass man deren angebliche Ziele, in welcher Weise auch immer, propagiert &ndash; verlor damit ihren Boden. Die rot-gr&uuml;nen Rechtspolitiker betonen zudem, dass erstmals eine Legaldefinition f&uuml;r Terrorismus Eingang in die Gesetzgebung gefunden h&auml;tte, und dass insbesondere mit dem objektiven Tatbestandsmerkmal, wonach die unter den Tatbestand des Paragraphen fallenden so genannten Katalog-Taten objektiv dazu geeignet sein m&uuml;ssen, durch die Art ihrer Begehung oder ihrer Aus&uuml;bung einen Staat oder eine internationale Organisation erheblich zu sch&auml;digen, eine wichtige rechtstaatliche Schranke implementiert wurde.<\/p>\n<p>Bis zuletzt hatten allerdings die grunds&auml;tzlichen Kritiker von Terrorismus-Gesetzgebung darauf verwiesen, dass man sich im Rahmen der UN auf keine gemeinsame Definition von Terrorismus einigen konnte .Viele Staaten der S&uuml;dhalbkugel kritisierten, dass die Entscheidung, ob ein Regime oder eine Befreiungsbewegung als terroristisch bezeichnet w&uuml;rden, sich in erster Linie nach den politischen Interessen der m&auml;chtigen Staaten der Erde richte. Dies hinderte die Bundesrepublik nicht, ebenfalls aufgrund europ&auml;ischen Rahmenbestimmungen neben den inl&auml;ndischen auch so genannte ausl&auml;ndische terroristische Vereinigungen mit Hilfe des &sect; 129b StGB zu verfolgen. Diese Vorschrift bringt enorme Probleme mit sich. Deutsche Strafgerichte m&uuml;ssen nun &uuml;ber die V&ouml;lkerrechtswidrigkeit bestimmter Konflikte und &uuml;ber die Legalit&auml;t oder Illegalit&auml;t von Konfliktparteien entscheiden. Dar&uuml;ber hinaus sind fast nur noch Geheimdienste und Milit&auml;rs in der Lage, in den Konfliktgebieten Beweise zu sichern, so dass die Strafverfahren wegen Verfolgung ausl&auml;ndischer terroristischer Vereinigungen in au&szlig;ergew&ouml;hnlichem Ma&szlig;e von der Exekutive und dabei insbesondere von Geheimdiensten und Milit&auml;rs gesteuert zu werden drohen. Dabei finden nicht zuletzt unter Folter bzw. unmenschlicher und grausamer Behandlung gewonnene Erkenntnisse &uuml;ber den internationalen Geheimdienstkreislauf Eingang in solche Verfahren.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"schlappe-fuer-die-strafverfolger\">Schlappe f&uuml;r die Straf&shy;ver&shy;folger<\/span><\/h2>\n<p>Das Verstummen einer lautstarken Kritik hat die Bundesanwaltschaft m&ouml;glicherweise dazu verleitet, das Arsenal der Terrorismusbek&auml;mpfung nicht nur gegen mutma&szlig;liche Islamisten einzusetzen, sondern auch &ndash; in alter Tradition &ndash; zur Aufkl&auml;rung der Brandanschl&auml;ge der &bdquo;militanten gruppe&ldquo;. Dieses Vorgehen bekam den Bundesanw&auml;lten nicht: In Sachen Holm stellte der 3. Strafsenat des Bundesgerichtshofs nach drei Wochen Untersuchungshaft und knapp zweimonatiger Haftverschonung klar, &bdquo;dass sich der Beschuldigte mit gro&szlig;er Wahrscheinlichkeit der ihm angelasteten Tat schuldig gemacht&ldquo; haben m&uuml;sse, &bdquo;blo&szlig;e Vermutungen&ldquo; dagegen nicht gen&uuml;gten. Nach diesem Ma&szlig;stab k&ouml;nne ein dringender Tatverdacht gegen den Beschuldigten Holm nicht bejaht werden. Die bisher aufgedeckten Beweistatsachen w&uuml;rden nicht mehr als einen Anfangsverdacht ergeben. Nach dieser herben Schlappe war man gespannt darauf, wie derselbe Strafsenat mit den Haftbefehlen wegen des Verdachtes der Mitgliedschaft einer terroristischen Vereinigung gegen die mutma&szlig;lichen Brandstifter von Brandenburg entschied. In der Entscheidung vom 28. September 2007 setzte der 3. Strafsenat nicht nur den Haftbefehl gegen die drei Beschuldigten au&szlig;er Vollzug, sondern nahm eine Klarstellung zur Neufassung des &sect; 129a StGB vor.<\/p>\n<p>&bdquo;Die von der Gruppierung begangenen Taten &#8211; auch im Zusammenwirken mit m&ouml;glicherweise geplanten weiteren vergleichbaren Taten (&bdquo;Nadelstichtaktik&ldquo;, &hellip;) &#8211; [konnten] weder durch die Art ihrer Begehung noch durch ihre Auswirkungen die Bundesrepublik Deutschland, die als betroffener Staat hier alleine in Betracht kommt, erheblich sch&auml;digen; der konturenlose und wenig aussagekr&auml;ftige Begriff der erheblichen Sch&auml;digung [bed&uuml;rfe] einer strukturierten, konkretisierten Auslegung durch die Rechtsprechung.&ldquo;<\/p>\n<p>Der BGH stellte klar, dass dem Staat nur dann ein relevanter Schaden drohe, wenn die Straftaten geeignet seien,<\/p>\n<p>&bdquo;die Bev&ouml;lkerung in erheblicher Weise einzusch&uuml;chtern, eine Beh&ouml;rde rechtswidrig mit Gewalt oder durch Drohung mit Gewalt zu n&ouml;tigen oder die politischen, verfassungsrechtlichen, wirtschaftlichen oder sozialen Grundstrukturen des Staates erheblich zu beeintr&auml;chtigen. Verm&ouml;gensnachteile [reichten] dagegen nicht aus.&ldquo;<\/p>\n<p>W&auml;hrend das Verfahren gegen Andrej Holm und andere Beteiligte ohne das Hinzukommen neuer Beweise mutma&szlig;lich von der Bundesanwaltschaft eingestellt werden muss, sehen die drei mutma&szlig;lichen Brandstifter einem Verfahren wegen Brandstiftung und Mitgliedschaft in einer krimineller Vereinigung entgegen. Es h&auml;tte sowohl f&uuml;r die Beteiligten als auch f&uuml;r zuk&uuml;nftige weitere Beschuldigte in Terrorismusverfahren sicherlich schlimmer kommen k&ouml;nnen, wenn der Bundesgerichtshof nicht die beiden zitierten Entscheidungen getroffen h&auml;tte. Der Schaden f&uuml;r die Beteiligten in Form von erlittener Untersuchungshaft und ausufernden Ermittlungsma&szlig;nahmen gegen Beschuldigte und gegen viele Nicht-Betroffene, u. a. auch Presseorgane, ist hingegen kaum wieder gut zu machen. In Ermangelung politischer Erfolgsaussichten f&uuml;r die weitergehende Reformierung oder gar Abschaffung der Terrorismusparagraphen bleibt den Kritikern derzeit vorbehalten, auf die Instrumentalisierung juristischer Instrumente f&uuml;r politische Verfahren (politische Justiz) hinzuweisen und den Schaden f&uuml;r die betroffenen Einzelpersonen, aber auch f&uuml;r die Protestbewegungen, so gering wie m&ouml;glich zu halten.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h2>\n<p>Pressespiegel zum Verfahren gegen Andrej Holm im Internet unter: <a href=\"http:\/\/einstellung.so36.net\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/einstellung.so36.net<\/a><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[772,822],"autoren":[286],"publikationen":[1031],"class_list":["post-10833","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gg-artikel-20","tag-grr-artikel","autoren-wolfgang-kaleck","publikationen-1031"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Leidvolle Konsequenzen einer verfehlten Strafvorschrift - BGH zieht Anwendung des \u00a7 129a StGB Grenzen - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2008\/publikation\/leidvolle-konsequenzen-einer-verfehlten-strafvorschrift-bgh-zieht-anwendung-des-129a-stgb-grenze\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Leidvolle Konsequenzen einer verfehlten Strafvorschrift - BGH zieht Anwendung des \u00a7 129a StGB Grenzen - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Grundrechte-Report 2008, Seite 170 Selten in der fast 30-j&auml;hrigen Geschichte des Tatbestandes der terroristischen Vereinigung, &sect; 129a Strafgesetzbuch (StGB), war eine Haftentscheidung des Ermittlungsrichters beim Bundesgerichtshof so heftig kritisiert worden wie die von Richter Hebenstreit vom 1. 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